| ev. Predigttext | kath. 1. Lesung | kath. 2. Lesung | kath. Evangelium |
| Jes 60,1-6 | Jes 60,1-6 | Eph 3, 2-3a.5-6 | Mt 2, 1-12 |
Dem Licht folgen ...
... – das ist meine Sehnsucht. Jetzt zu Beginn des neuen Jahres und als gesamte Lebensausrichtung. Dem Licht zu folgen, - das braucht Aufmerksamkeit, Mut und konkrete Schritte. Licht ist Orientierung. Licht – als etwas, das mir aufgeht – ist ein Kompass, der zeigt, wohin die Reise geht. Licht geht über mir auf, ist weiter und größer und rufend.
Die Sterndeuter aus dem Osten, wo das Licht aufgeht, folgen dem Stern, den sie haben aufgehen sehen. Sie deuten die Sternkonstellation, die auf einen neugeborenen König hinweist. Sie hätten trotz dieser Erkenntnis sitzen bleiben können, denn es war nicht der König ihres Landes. Sie hätten Diener entsenden können, die ihre Gaben als Zeichen der Wertschätzung übermitteln könnten. Doch sie nehmen die beschwerliche und gefährdende Reise auf sich und ziehen selbst los. Was einem zutiefst aufgeht, kann man nicht delegieren.
Gestirne orientieren. Der Stand der Sonne weist Tag und Jahr, der Mond zählt die Monate. Sternzeichen und Sternbilder werden bis heute befragt. Dem Glauben sind Horoskope fremd, aber die Aufmerksamkeit für Konstellationen zu eigen. Die Sterne lassen uns staunen. Der Psalmist bekennt, dass Gott vertraut ist mit dem Sternenmeer: „Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen“ (Ps. 147,4). Eine Unermesslichkeit. Auch Abraham sieht in die Sterne, die man nicht zählen kann. Eine so große Nachkommenschaft ist Sara und ihm verheißen. Wir alle werden uns erinnern können an den Blick in den Sternenhimmel an klaren Nächten. Ein Hinweis auf Geborgenheit und darauf, dass doch etwas Größeres über allem steht.
In der Stadt sieht man die Sterne weniger gut. Auch den Sterndeutern geht der Stern in der Stadt verloren. Verschleierte Herrscherinteressen wollen ihre Reise manipulieren. Die Theologen des Establishments bleiben trotz besseren Wissens zuhause sitzen. Ihr Weltbild hat die Klarheit des Sternenglanzes verloren. Sie kreisen um sich und scheinbare Sicherheit.
Doch in Wirklichkeit kreist alles um diesen neugeborenen König und Erlöser. Durch ihn und auf ihn hin ist alles geschaffen. Völker machen sich auf und erweisen ihm die Ehre. Er ist Alpha und Omega, Anfang und Vollendung. Auf ihn strebt der Kosmos zu. Diese Konstellation orientiert.
Wie können wir dem Licht folgen? Nicht immer müssen das die großen Bewegungen sein. Mich hat sehr der Bericht eines Mannes bewegt, der mehrere Monate den Jakobsweg gepilgert ist. „Es ist nichts Großes passiert“ sagte er „nur ein wenig hat sich verändert“. Dann aber hat er bemerkt, dass nur ein paar Grad Veränderung in der Richtung letztendlich an einen ganz anderen Ort führen, als wenn man dem Kompass ohne jede Abweichung gefolgt wäre. Nicht die großen Vorsätze, sondern die kleinen Abweichungen in Richtung des Lichts verändern uns und unsere Umgebung.
Jemand anderes erzählte mir einmal von einer Aufgabe, sich mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen und diese in Segmenten auf Papier zu bringen. Dieser Mensch hat sich aufgrund dieser persönlichen Auseinandersetzung daraufhin beruflich verändert. Liebe und Gerechtigkeit wurden ihm zu Sternen, die ihm eine andere Richtung gewiesen haben.
Wer dem Licht folgt, bleibt pilgernd unterwegs in Gemeinschaft mit dem ganzen Kosmos, gerufen und gefährdet.
Die Weihnachtszeit erneuert die Hoffnung, dass Gott in der Schöpfung gegenwärtig ist und durch orientiert: in der Schwachheit der Träume und dem Leuchten der Sterne. Die Hoffnung ruft uns, dieser Erde und uns selbst nicht auszuweichen. Dunkelheit und Tod löschen sie nicht aus. Sie hilft solidarisch zu sein. Als die Sterndeuter auf dem Weg nach Betlehem den scheinbar verlorenen Stern wieder sehen, werden sie von großer Freude erfüllt. Diese große Freude ist der Vorausblick auf die Osterfreude in der Begegnung mit dem Auferstandenen. Er ist der wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht.
Sr. Anne Kurz, Bistum Hildesheim