03.01.2027 – 2. Sonntag nach dem Christfest

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 2,41-52 Sir 24, 1-2.8-12 (1-4.12-16) Eph 1, 3-6.15-18 Joh 1, 1-18 oder
Joh 1, 1-5.9-14

Lk 2, 41-52

Die Geschichte des zwölfjährigen Jesus stellt uns die Familie Jesu als fromm und tief in der jüdischen Tradition verwurzelt vor. Zum jährlichen Paschafest nach Jerusalem ging man damals nicht als einzelne Familie. Man reiste in größeren Pilgergruppen und so ist leicht zu erklären, warum das Verschwinden Jesu den Eltern zunächst gar nicht auffällt. Lukas geht es hier aber vor allem darum, Jesus als ein Kind vorzustellen, das sich seiner besonderen (messianischen) Bedeutung schon bewusst ist und sich dennoch seinen Eltern, die das noch nicht verstehen können, gehorsam unterordnet. Der eigentliche Platz Jesu, so legt es Lukas hier nahe, ist nämlich unter den religiösen Lehrern Israels im Jerusalemer Tempel.

Versteht man Nachhaltigkeit als etwas, das weit über einen begrenzten Zeithorizont hinausreicht, dann erzählt die Geschichte etwas von der Nachhaltigkeit göttlichen Heilshandelns. Die Geburt des Jesuskindes wird ja als Erfüllung alter Weissagungen gedeutet. Das würde bedeuten: Gott hatte von Anfang an einen Plan mit seiner Schöpfung (vgl. auch Joh 1,1-18) und in diesem Kind kulminiert gewissermaßen sein schon seit Ewigkeit bestehender Heilswille. So gesehen ist es Gottes ureigenes Interesse, dass sein Heil für die Welt und die Menschen durch alle Zeiten wirkt, und zwar nachhaltig. Das Selbstverständnis des jungen Jesus, der um diese, seine Rolle zu wissen scheint, fügt sich da nahtlos ein.

Interessant wäre es sicher, das Erstaunen der Eltern Jesu (siehe V. 50) in einer Predigt besonders in den Blick zu nehmen. Vielleicht lässt sich Heilsgeschichte ja immer nur aus der Rückschau verstehen und nicht, wenn sie sich ereignet. Das geht auch den Eltern Jesu so, die wohl erst nach dem Tod ihres Sohnes verstehen. Dabei glauben wir, dass Gott zu jeder Zeit heilvoll in dieser Welt wirkt! Was also macht es so schwer, in den aktuellen Zeitläuften Gottes Heilsplan zu entdecken? Einen Plan, den Gott nachhaltig verfolgt seit Anbeginn der Zeit.

Sir 24, 1-2.8-12

Eigenlob stinkt, so mag man bei diesem Abschnitt aus Sir 24 denken. Tatsächlich ist es ungewöhnlich, wenn die Weisheit hier nicht, wie in anderen Texten, gepriesen wird, sondern sich stattdessen selbst lobt. Vorgestellt wird sie wie ein von Gott geschaffenes, unvergängliches Wesen, überall in der Welt zugegen. Schon hier läge ein Ansatz, über die Nachhaltigkeit göttlicher Präsenz und göttlichen Handelns in der Welt nachzudenken. Gott will den Kontakt, will den Austausch mit den Menschen. Darum schickt er seine Weisheit in die Welt. Zu denken ist sie vielleicht als eine Art Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Als eine Weise, wie Gott mit den Menschen in Kontakt tritt. Dass der Verfasser den (endgültigen) Sitz dieser Weisheit im Volk Israel verortet, hier konkret in Jerusalem, hebt dieses deutlich aus allen anderen Völkern hervor. Gott hat es auserwählt von Anfang an und ihm vor allen anderen seine Weisheit geschenkt.

An dieser Aussage etwa ließe sich ansetzen. Warum nicht mit einem (christlichen) Plädoyer gegen den zunehmenden Judenhass und jede Form von subtilem Antisemitismus? Man mag die gegenwärtige Politik des Staates Israel zu Recht kritisieren. Dass aber Juden und Jüdinnen als Nachfahren des Volkes Israel das von Gott geliebte und auserwählte Volk sind, ist nie aufgekündigt oder zurückgenommen worden. Es gilt, bis heute. Ob sich daraus eine besondere Verantwortung für das heutige Volk Israel ergibt und wie sie aussehen könnte, sollte allerdings nicht von Christ/innen diskutiert werden. Klar ist nur: Wen Gott liebt, den liebt er ewig - und nachhaltig. Oder wie der Jude Jesus es einmal sagt: Das Heil kommt von den Juden. (Joh 4,22)

Eph 1, 3-6.15-18

Geradezu erhaben und feierlich klingt, was Paulus den Christen in Ephesus zu sagen hat. Nicht ganz zu Unrecht, wenn man bedenkt, was er ihnen da mitteilt. Dass sie als Christgläubige „im Voraus“ von Gott als seine Söhne und Töchter erwählt seien, und zwar schon „vor der Grundlegung der Welt“.

Wie auch bei Sir wird hier eine umfassende, man könnte sagen eine nachhaltige Kontinuität des göttlichen Heilswillens geschildert, die über diese Erdenzeit hinausgeht. Gottes liebende Zuwendung ist weder eine göttliche Augenblicksentscheidung noch Ergebnis eines Wettbewerbs, bei dem man sich Gottes Liebe quasi verdienen muss. Wo Gott sich Menschen zuwendet, da geschieht das von Anfang an. Seine Zuwendung ist da, bevor der Mensch das Licht der Welt erblickt. Für Christinnen und Christen führt der Weg zu Gott über Jesus Christus. Wer an Christus glaubt, war demnach längst von Gott erwählt, so legt es der Text nahe. Der Glaube also ein einziges Geschenk!

Gott denkt nachhaltig, weil seine liebevolle Zuwendung schon immer gilt, über alle Räume, Zeiten und Generationen hinweg. Dass das Heil für Christen untrennbar mit der Person Jesu verbunden ist, sollte freilich nicht so gedeutet werden, als ob Gottes Zuwendung exklusiv den Christen gälte. In einer Predigt ließe sich zudem fragen, was es bedeuten kann, in solcher Weise von Gott erwählt zu sein. Und auch, ob darin nicht geradezu ein Auftrag liegen müsste, besonders achtsam und nachhaltig mit all dem umzugehen, was Gott uns zur Seite gestellt hat: Seine Schöpfung und die Mitgeschöpfe.

Joh 1, 1-18

Wenn man unter „Nachhaltigkeit“ versteht, so zu handeln, dass auch für alle nachfolgenden Generationen ein gutes Leben möglich ist, dann setzt das Umsicht und eine weise, vorausschauende Planung voraus. Oft erkennen wir ja erst im Nachhinein, ob unsere Vorfahren tatsächlich nachhaltig gelebt und gewirtschaftet haben.

Auch Gottes Handeln an uns Menschen lässt sich zumeist erst im Nachhinein deuten. Und ja, es erweist sich als nachhaltig. Die Betrachtung des Joh über sein ewiges Wort, das in Jesus erfahr- und greifbare Wirklichkeit geworden ist, schaut zurück. Von Ostern her, von den Begegnungen mit dem Auferstandenen, dem Entstehen der ersten Gemeinden. Sie kommt meditierend zu dem Schluss, dass Gottes Plan schon vor der Schöpfung bestanden haben muss. Kurz: Gott wollte alles so. Er wollte diese Schöpfung. Er wollte diese Welt. Er wollte uns Menschen. Und er wollte uns ganz nah sein, indem er in einem Menschen in diese Welt gekommen ist. Wenn das keine nachhaltige Planung ist!

Die Verantwortung für diese Welt allerdings, die sahen schon die Dichter der Schöpfungserzählung ganz klar beim Menschen, dem die Schöpfung von Gott anvertraut worden ist. Betrachtet man im sogenannten Prolog zum Joh meditierend, wie nachhaltig Gott sein Werk angelegt hat – beinhaltet das nicht geradezu die Verpflichtung, dieses grandiose Schöpfungswerk zu pflegen und zu bewahren? Dieser Gedanke etwa ließe sich in einer Predigt durchbuchstabieren und entfalten.

Martin Wolf, Speyer