01.01.2027 – Neujahrstag / Hochfest der Gottesmutter Maria

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Phil 4,10-13(14-20) Num 6, 22-27 Gal 4, 4-7 Lk 2, 16-21

Über jedem neuen Tag steht schon Gottes Name

  1. Neujahr: Zwischen leeren Blättern und Gottes Zusage

Der Jahresbeginn ist ein besonderer Moment. 365 Tage liegen vor uns wie ein Buch mit vielen leeren Seiten. Manches ist längst eingetragen: Geburtstage, Urlaube, wiederkehrende Termine. Vieles aber bleibt offen – welche Menschen, Entscheidungen, gesellschaftlichen Entwicklungen uns begegnen werden, entzieht sich unserer Verfügung. Der 1. Januar führt an eine Grunderfahrung heran: Wir können planen, aber Zukunft nicht besitzen. Am Jahresbeginn stellt sich darum nicht nur die Frage, was wir erreichen wollen, sondern woraus wir leben, wenn unsere Möglichkeiten begrenzt sind.

Der Neujahrstag ist kirchlich mehr als ein profaner Jahreswechsel. Liturgisch gehört er weiterhin in die Weihnachtszeit. In der alten Kirche wurde der achte Tag nach Weihnachten als Tag der Beschneidung und Namengebung Jesu gefeiert. Der Name Jesu steht damit am Beginn des Jahres: „Gott rettet.“ Nicht der Mensch muss die Zukunft aus eigener Kraft sichern – Gott hat sich bereits auf den Weg zu seiner Welt gemacht. Das ist die Voraussetzung aller christlichen Hoffnung.

Auch die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen formulieren eine große Hoffnung: eine Welt, in der Armut überwunden, Bildung ermöglicht, Ungleichheit verringert, Frieden gestärkt und die natürlichen Lebensgrundlagen bewahrt werden. Sie beschreiben eine notwendige gemeinsame Aufgabe der Menschheit. Gleichzeitig zeigen sie, wie begrenzt menschliche Möglichkeiten sind. Trotz politischer Programme, wissenschaftlicher Erkenntnisse und vieler engagierter Menschen bleiben die großen Herausforderungen bestehen.

Andachtsreihe zu den Nachhaltigkeitszielen der UN (Oikos)

Evangelischer Predigttext und katholische Lesereihe unterscheiden sich, lassen sich aber gut kombinieren: Alle vier Texte beginnen nicht mit einer Forderung an den Menschen, sondern mit Gottes Handeln am Menschen.

  1. Philipper 4,10–13(14–20): Gemeinschaft des Gebens und Empfangens

Paulus dankt der Gemeinde in Philippi für eine finanzielle Unterstützung – eine Spendenquittung als Neujahrstext? Gerade darin liegt die Stärke: Der Alltag gehört zum Glauben. Aus dem Gefängnis schreibt Paulus ohne Verzweiflung: „Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie es mir auch geht“ (Phil 4,11) – kein Plädoyer für Armut, sondern eine innere Freiheit: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“ (Phil 4,13).

Die Gabe der Philipper ist für Paulus „Frucht“ ihres Glaubens, nicht Pflicht. Hier liegt eine unforcierte Verbindung zu SDG 10 (weniger Ungleichheiten) und SDG 12 (nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen): Nachhaltigkeit als Gemeinschaft statt Konkurrenz, Genügsamkeit statt grenzenlosem Habenwollen. Entscheidend bleibt die Reihenfolge – die Gemeinde gibt nicht, um Anerkennung zu bekommen, sondern weil sie diese bereits erfahren hat.

Predigtimpuls: Nicht moralisieren („gebt mehr“), sondern fragen: Woher nehmen wir die Freiheit, nicht alles selbst absichern zu müssen – und wie wird daraus Teilen?

  1. Numeri 6,22–27: Der Segen eröffnet den Horizont des Schalom

Woher kommt die Freiheit, die Paulus beschreibt? Der Aaronitische Segen antwortet: Nicht der Mensch spricht sich selbst Mut zu, nicht Israel entwirft eine Zukunftsstrategie. Gott gibt Mose den Auftrag, Aaron und seine Nachkommen sollen das Volk segnen. Der Segen ist Gottes Initiative. Der Mensch geht nicht namenlos und schutzlos in die Zukunft. Gottes Name wird auf ihn gelegt: „Sie sollen meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne“ (Num 6,27). Gerade am Jahresanfang bekommt dieser Satz eine besondere Bedeutung. Bevor Menschen ihre Kalender füllen, bevor sie Ziele formulieren und Entscheidungen treffen, steht bereits eine Zusage Gottes über ihrem Leben.

Das Schlusswort des Segens, Schalom, meint in der gängigen Übersetzung „Frieden“ aber mehr als Abwesenheit von Krieg: umfassendes Heilsein – Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit, gelingende Gemeinschaft. Am 1. Januar liegt hier eine zweite Spur: Katholisch ist der Tag zugleich Weltfriedenstag – ein direkter, naheliegender Anknüpfungspunkt zu SDG 16 (Frieden, Gerechtigkeit, starke Institutionen), der den Bibeltext gar nicht erst biegen muss. Gleichzeitig liegt hier eine wichtige theologische Unterscheidung: Die SDGs beschreiben, wofür Menschen Verantwortung tragen. Der Segen erinnert daran, worauf Menschen vertrauen dürfen. Beides gehört zusammen. Der Segen entbindet nicht von Verantwortung. Im Gegenteil: Wer gesegnet ist, kann selbst zum Segen werden. Nachhaltigkeit braucht mehr als Wissen und Programme. Sie braucht Menschen, die aus einer Hoffnung leben, die größer ist als die eigenen Möglichkeiten. Der Segen Gottes macht Menschen nicht passiv. Er sendet sie.

Exkurs: Der Schauspieler Leonard Nimoy wurde bekannt durch seine Rolle als Mr. Spock aus dem Star Trek Universum des Raumschiff Enterprise. Als Außerirdischer vom Planeten Vulkan prägte er Jahrzehnte die Science-Fiction Welt. Berühmt ist vor allem der vulkanische Gruß mit den abgespreizten Fingern, den es auch als Emoji gibt 🖖. Der Gruß wird oft mit den Worten „Live long and prosper“ – „Langes Leben und Wohlstand“ oder in manchen Synchronisationen auch „Langes Leben und Frieden“ begleitet. Leonard Nimoy war Jude. Die Handhaltung hat er in der Synagoge kennengelernt. Die Rabbiner begleiteten so den Aaronitischen Segen. Der erste Buchstabe des Wortes Schalom ist ein „Schin“ (ש) und sieht im Hebräischen etwa so aus wie die Handhaltung. Leonard Nimoy sagte einmal, als er die Herkunft des „Vulkaniergrußes“ erklärte: „Die meisten Leute wissen nicht, dass sie sich damit gegenseitig segnen. Es ist einfach großartig.“

Predigtimpuls: Segen wird weitergereicht, nicht privat konsumiert (Nimoy-Motiv: die Handgeste als Übung). Wem lege ich in diesem Jahr Gottes Namen auf?

  1. Galater 4,4–7: Aus Knechten werden Kinder

Die zweite kath. Lesung aus dem Galaterbrief führt diese Bewegung weiter und gibt ihr eine christologische Mitte. Gerade dieser erste „weihnachtliche“ Text – zeitlich vor den Evangelien formuliert – rückt die Perikope in den kirchenjahreszeitlichen Zusammenhang: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ (Gal 4,4) – der 1. Januar ist innerhalb des Weihnachtsfestkreises und steht im Licht dessen, dass Gott selbst in diese Welt gekommen ist. Das Ziel: „damit wir die Kindschaft empfingen“ (Gal 4,5). Aus Sklaven werden Kinder, aus Menschen ohne eigenen Anspruch Erben – eine grundlegende Veränderung der Existenz, nicht bloß ein Statusgewinn.

Eine Gefahr moderner Nachhaltigkeitsdebatten: Menschen definieren sich nur über Verantwortung, bis die Größe der Aufgaben lähmt. Wer täglich vor Augen hat, was alles nicht gelingt, kann irgendwann die Hoffnung verlieren. Paulus setzt einen anderen Anfang: Der Mensch handelt nicht, um Würde zu erwerben, sondern weil sie ihm geschenkt ist. Niemand ist bloß Mittel zum Zweck, niemand überflüssig, niemand darf zurückgelassen werden. Und: Erben leben von Empfangenem und stehen in einer Geschichte, die vor ihnen begann und nach ihnen weitergeht – eine Brücke zur Verantwortung für kommende Generationen.

Predigtimpuls: Nicht: Wir müssen uns Würde verdienen. Sondern: Aus geschenkter Würde heraus wird Handeln überhaupt erst frei.

  1. Lukas 2,16–21: Gottes Rettung beginnt am Rand

Das kath. Evangelium aus Lukas 2 erzählt schließlich, wie diese theologische Wahrheit sichtbar wird. Die ersten Zeugen der Geburt Jesu sind Hirten. Das ist kein nebensächliches Detail. Lukas setzt damit ein Zeichen. Die Botschaft von Gottes Heil erreicht zuerst Menschen, die gesellschaftlich wenig Ansehen genießen. Nicht der Palast des Herodes, nicht die religiösen Zentren Jerusalems, sondern ein Feld vor Bethlehem wird Ort der Offenbarung. Darin liegt eine Verbindung zum Leitgedanken der Agenda 2030, leave no one behind: Die SDGs formulieren ein politisches und gesellschaftliches Prinzip, Lukas erzählt eine theologische Wirklichkeit. Gott sieht zuerst die, die andere leicht übersehen. Die Hirten bleiben nicht am Rand stehen. Sie hören, sehen, gehen und erzählen weiter und werden von Empfangenden zu Handelnden.

Acht Tage später erhält das Kind nach jüdischer Tradition seinen Namen: Jesus = „Gott rettet“. Dieser Name setzt einen entscheidenden Schwerpunkt für den Jahresbeginn. Er erinnert daran, dass christliche Hoffnung nicht aus der Vorstellung lebt, Menschen könnten aus eigener Kraft eine perfekte Welt erschaffen. Die Welt braucht menschliches Engagement. Aber sie hängt nicht allein daran. Gott selbst handelt. Gerade deshalb können Menschen handeln, ohne sich selbst zu überfordern.

Predigtimpuls: Wer sind die „Hirten“ heute – die zuerst hören und weitergeben sollen, statt zuletzt gefragt zu werden?

  1. Nachhaltigkeit als Frucht der Gnade

Die vier Texte erzählen trotz unterschiedlicher Herkunft eine gemeinsame Bewegung: Beschenkte Menschen werden zu gebenden Menschen. Gesegnete Menschen werden zu segnenden Menschen. Gerettete Menschen werden zu Menschen, die Hoffnung weitertragen. Darin liegt der Beitrag der Texte zum Thema Nachhaltigkeit, die häufig als Frage menschlicher Verantwortung verstanden wird. Das ist notwendig und richtig. Menschen müssen Entscheidungen treffen, Lebensweisen verändern und politische Rahmenbedingungen gestalten. Aber die die biblischen Texte erinnern daran, dass Verantwortung eine Quelle braucht. Ohne Hoffnung wird Verantwortung zur Überforderung, ohne Gnade Engagement zur Selbstrechtfertigung, ohne Vertrauen wird Zukunftsarbeit von Angst bestimmt. Die christliche Perspektive lautet nicht „Wir müssen die Welt retten“, sondern: Gott hat seine Welt nicht aufgegeben – darum dürfen wir für sie eintreten. Das ist keine Vertröstung. Im Gegenteil. Gerade weil die Welt Gottes Welt ist, kann sie uns nicht gleichgültig sein.

Wie kann Leben in Würde für alle möglich werden, Ungleichheit überwunden, Frieden gestärkt, die Erde als Lebensraum bewahrt werden? Die Texte geben darauf keine politischen Einzelantworten, sondern etwas Grundlegenderes: eine Haltung des Vertrauens, der Dankbarkeit, der Verantwortung.

  1. Das Bild der 365 leeren Blätter

Für die Predigt bietet sich das Bild der 365 leeren Blätter an. Viele möchten die leeren Seiten möglichst schnell füllen. Vorsätze werden gefasst, Pläne gemacht. Auch die Nachhaltigkeitsziele sind solche Zukunftsbilder: weniger Armut, mehr Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Schutz der Schöpfung. Doch die biblischen Texte setzen einen anderen Anfang: Bevor der erste Eintrag gemacht wird, steht bereits etwas über jedem Blatt – Gottes Name. Der Segen aus Numeri erinnert daran, die Kindschaft aus dem Galaterbrief erklärt ihn, die Geburt Jesu in Lukas macht ihn sichtbar, der Philipperbrief zeigt, wie Menschen daraus leben. Das neue Jahr beginnt nicht mit der Angst, ob wir genug schaffen werden. Es beginnt mit der Zusage: Gott ist da.

Stephan Zeipelt, Dortmund