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| 1 Mose 18,1-2.9-15 | 2 Sam 7, 1-5.8b-12.14a.16 | Röm 16, 25-27 | Lk 1, 26-38 |
Sara lacht hinter der Tür, und Gott hört genau hin. Eine Meditation über das erste Lachen der Bibel, über Resilienz und Geschlechtergerechtigkeit (UN Sustainable Development Goals - SDG 5) – und über das Geräusch sich öffnender Türen.
Das erste Lachen der Bibel - 1 Mose 18
Es beginnt mit Gastfreundschaft in der Mittagshitze: Drei Männer stehen plötzlich da, wie aus heiterem Himmel, und Abraham läuft, eilt, lässt kneten und braten, als hinge alles davon ab. Vielleicht hängt auch alles davon ab. Denn wer Fremde bewirtet, bewirtet manchmal mehr, als er ahnt – und bekommt mehr zu hören, als auf der Speisekarte stand. Aber diese Verse sind ausgespart, damit anderes in den Fokus rücken kann:
Was folgt, ist das erste Lachen der Bibel (Vgl. dazu Meir Shalev „Aller Anfang“, Zürich 2010, S.295 ff. und S.123ff.). Genauer: das zweite von zweien, die zusammengehören und durch dieselbe Ankündigung Gottes ausgelöst werden. Denn Abraham hat schon ein Kapitel zuvor gelacht (Gen 17,17–18), mit dem Gesicht am Boden- er hat sich geradezu weggeworfen vor Lachen. Und Sara lacht nun in sich hinein, hinter der Tür des Zeltes. Ein altes Ehepaar – die Erzählung ist da von entwaffnender Deutlichkeit – „nicht mehr ging nach der Frauen Weise" und „auch mein Herr ist alt“ -lacht über eine Verheißung, die schlicht nicht in ihr Leben passt. Meir Shalev hat dieses Lachen einen „aus der Not geborenen Humor" genannt. Es ist jenes Lachen, das sich einstellt, wenn zwei Wirklichkeiten kollidieren: die eigene, längst abgeschlossene – und eine andere, die sich davon erkennbar nicht beeindrucken lässt. Das Lachen ist das Geräusch, das entsteht, wenn Gott eine Tür öffnet. Gott schreibt dieses Lachen sogar in die Geburtsurkunde: Das Kind soll „Jizchak“ heißen (Gen 17,19). Die Verheißung trägt das Lachen im Namen. Man könnte sagen: Gott nimmt den Witz persönlich – im besten Sinne.
Hinter der und durch die Tür: Sara
Die Erzählung vermerkt Saras Position ausdrücklich: hinter der Tür des Zeltes. Näher an der Schwelle kann man nicht wohnen. Sie ist drinnen und doch ganz Ohr, verborgen und doch bereit. Wer sich hinter eine Tür stellt, rechnet damit, dass sie aufgehen könnte. Sara steht zwar hinter der Tür, aber nicht außerhalb von Gottes Aufmerksamkeit.
Und dann diese Frage, mitten im Männergespräch: „Wo ist Sara, deine Frau?" (V. 9). Gemessen an den Gepflogenheiten der Zeit ist das eine kleine Sensation. Die Verheißung wird nicht über Sara hinweg verhandelt; Gott fragt nach ihr, registriert ihr Lachen, zitiert ihre Rede, spricht sie schließlich an. Die Szene bewegt Sara vom Rand ins Zentrum – ohne die patriarchale Rahmung zu verschweigen, in der sie spielt. Die Genesis hat überhaupt ein auffälliges Interesse an den Erzmüttern, ihren Gefährdungen, Entscheidungen, Einflussnahmen; für eine Literatur aus patriarchalem Kontext ist das bemerkenswert viel Aufmerksamkeit für die Frauen hinter den Türen.
Schließlich tritt Sara heraus. ist stark genug, hervorzutreten, öffentlich zu reden. Sie hat den Mut, sich der Zukunft zu öffnen, sie geht den Schritt, hat Teilhabe am Dialog mit Gott, spricht mit ihm, vertritt sich selbst. Sie redet – und leugnet: „Ich habe nicht gelacht." Es ist ihr zu öffentlich, zu groß, zu beschämend. Denn worüber sie gelacht hat, ist intim, ist ja nichts Geringeres als ihr eigener Körper, ihre Sexualität, ihr Altern, ihre Lust („Soll ich noch Liebeslust pflegen?") – und der alte Mann dazu. Dass eine Frau ihr leibliches Empfinden selbst zur Sprache bringt, selbstbestimmt und nicht durch den männlichen Blick gefiltert: Dafür fehlen ihr die Worte. Sie fehlen bis heute vielerorts – bis hinein in eine Medizin, die den männlichen Körper als Normalfall vermisst und den weiblichen als Abweichung. Gottes Gegenrede ist darum die eigentliche Pointe: „Doch, du hast gelacht." Das braucht nicht als Überführung gelesen werden. Es beinhaltet vielmehr Zuwendung und Eröffnung. Gott besteht auf ihrem Lachen. Er lässt es ihr nicht nehmen – nicht einmal von ihr selbst.
Lachen als Resilienz
Dahinter steht reales Leid, das die Erzählung nicht wegwitzelt: das gesellschaftliche Stigma der kinderlosen Frau. Von unfruchtbaren Männern weiß die Bibel zwar (Dtn 7,14) – aber sie erzählt von keinem. Erzählt wird von Sara, Rahel, Hanna, Elisabeth: Ihre Leiderfahrung ist wesentlich die der gesellschaftlichen Ausgrenzung, der Reduktion der Frau auf Ehe und Mutterschaft.
In dieser Lage ist Saras Lachen mehr als eine Regung des Zwerchfells. Versteht man Resilienz nicht als Härte oder Zähne-zusammenbeißen, sondern als Fähigkeit, eine Diskrepanz auszuhalten, ohne an ihr zu zerbrechen, dann ist dieses Lachen Resilienz in Reinform: Es löst die Spannung nicht auf – Sara verliert ja nicht auf der Stelle ihre Zweifel –, aber es macht sie bewohnbar für die Hoffnung und erweckt etwas die Zukunft Nährendes in ihr. Im Lachen kann die Unmöglichkeit ausgesprochen werden, ohne dass die Szene kollabiert, weder in Verzweiflung noch in erzwungene Frömmigkeit. Gerade darin ist dieses Lachen Ausdruck einer Transzendenzerfahrung.. Und Gott? Er ahndet das Lachen nicht als Vergehen, sondern nimmt es zum Anlass für den Satz, um den sich alles dreht: „Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?" (V. 14). Der Zweifel wird nicht bestraft, sondern zum Resonanzraum der Verheißung. Das Lachen ist hier das Geräusch der Tür, die Gott öffnet, damit Menschen hindurch gehen. Genau das ist Advent: sich der Zukunft öffnen, als von Gott geliebter und gesehener Mensch den Verheißungen entgegengehen, die unsere Vorstellungen sprengen und uns eben darum ein Lachen entlocken. Der Wochenspruch (Phil 4,4f.) gibt die Tonart vor: Vorfreude.
Ein Schatten gehört dazu, um der Wahrhaftigkeit willen: Auf das erste Lachen der Bibel folgt bald ihr erstes Weinen: das von Hagar, die ihr Kind verdursten sieht (Gen 21,14–16). Ausgerechnet die Lachenden und Beschenkten konnten ihr Glück nicht teilen; wie entlarvend für einen Blick auf globale Gerechtigkeit. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist unbequem und darum predigenswert: Wo macht Segen hart gegen andere? Vielleicht ist die Bibel deshalb sonst zögerlich mit dem Lachen; von Jesus wird jedenfalls nie erwähnt, dass er lachte. Ein mitgehender, solidarischer Gott ist eben keiner, der unberührt von menschlichem Leiderfahrung oder gar über diese lacht. Wunderschön dazu aus einem Gedicht von Zdeněk Svoboda: „Nie soll er gelacht haben / Ich weiß nicht / Vielleicht / Aber im Flußbett seines Lebens / wo das Leid dahinströmte / blitzte dennoch wie Gold / Freude Freude Freude“ (in: „Tau und Regen zu sein. Anthologie tschechischer Auroren, Ev. Verlagsanstalt Berlin 1976, S.99).
Die Seitentexte: dieselbe Tür, andere Klinken
Samuel 7 erzählt die Umkehrung der Baupläne: David will Gott ein Zedernhaus errichten, Gott zieht das Zelt vor. Repräsentanz, Palast und verfestigter Macht setzt Gott sein Mitgehen und seine Gegenwart entgegen. Der Gott, der bei Mamre am Zelteingang sitzt, wohnt grundsätzlich lieber auf Wanderschaft; noch die letzte Vision der Bibel beschreibt seine Gegenwart als „Hütte Gottes bei den Menschen" (Offb 21,3). Und Advent heißt: Dieser Gott baut kein Haus, er wird Mensch – einer, der von sich sagen wird, dass die Füchse Gruben haben, der Menschensohn aber keinen Ort für sein Haupt.
Lukas 1,26–38: Maria lacht nicht. Sie fragt – nüchtern, klug, mit demselben Realismus wie Sara („Wie soll das zugehen?") – und hört dieselbe Antwort: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Wenig später, gestärkt in der Gemeinschaft mit Elisabeth (noch so eine, die spät zum Lachen kam), wird sie singen: das Magnificat, diesen unbändigen Protestsong von der Umkehrung der Verhältnisse. Was bei Sara als Lachen aus der Tür tritt, tritt bei Maria als Lied auf die Straße.
Römer 16,25–27 schließlich fasst das Ganze doxologisch: das lange verschwiegene Geheimnis, nun offenbart. Man darf ergänzen: Dieses Geheimnis hat in Mamre schon einmal gelacht.
Nachhaltigkeitsbezüge
Der Text führt mitten in SDG 5 (Geschlechtergleichheit): Gottes Frage „Wo ist Sara?" macht die Unsichtbare sichtbar und gibt ihr Anteil am Dialog – ein biblischer Impuls für Teilhabe, Repräsentanz und Selbstvertretung von Frauen, bis hin zu sehr konkreten Gegenwartsfragen wie der geschlechtergerechten Medizin und der Selbstverständlichkeit, mit der weibliche Körpererfahrung öffentlich zur Sprache kommen darf. Die Hagar-Passage öffnet den Blick auf SDG 10 (weniger Ungleichheiten): Verheißung, die zur Härte gegen Dritte wird, verfehlt sich selbst. Und quer zu allem liegt eine Ressource, die in keiner SDG-Tabelle steht und doch alle trägt: Resilienz als Fähigkeit, zwischen Zusage und Wirklichkeit nicht zu zerbrechen – sondern zu lachen, die Tür zu öffnen und der Zukunft Gottes entgegenzugehen.
Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg