27.09.2026 – 17. Sonntag nach Trinitatis / 26. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 15,21-28 Ez 18, 25-28 Phil 2, 1-11 Mt 21, 28-32

Matthäus 15, 21–28 – Die kanaanäische Frau: Glaube, der Grenzen sprengt

Es ist eine der unbequemeren Jesusgeschichten. Nicht wegen der Frau, die sich da aufdrängt – ihre Beharrlichkeit ist beeindruckend –, sondern wegen Jesus selbst. Der Sohn Gottes, der sonst Kranke heilt und Kinder segnet, bleibt abweisend, fast hart. „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Das klingt nicht nach grenzenloser Barmherzigkeit. Es klingt nach einem inneren Auftrag, der keine Ausnahmen kennt.

Doch da ist diese Frau, die nicht locker lässt. Und Jesus lässt sich tatsächlich verwandeln. Von der Bittstellerin zur Partnerin im Gespräch. Von der Verweigerung zum Lob: „Dein Glaube ist groß!“ Wer heute predigt, sollte sich nicht mit der happy end-tauglichen Wunderheilung begnügen, sondern der Zumutung dieses Textes nachspüren. Die Frau drängt sich nicht nur in das Heilsgeschehen Israels hinein – sie verändert Jesus. Oder besser: Sie bringt etwas in ihm zur Geltung, was offenbar schon angelegt war, aber einen Anstoß brauchte.

In der Schöpfungszeit und der Friedensdekade klingt hier eine ökologische und ethische Botschaft mit: Glaube, der den Anderen nicht ausschließt, sondern ihn als Gegenüber ernst nimmt, ist ein widerständiger Glaube. Die kanaanäische Frau steht für alle, die vom „Haus Israel“ – den Etablierten, den Inhabern der Deutungshoheit – ausgeschlossen werden. Für die, denen die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, wenn sie ihren Platz in der Gemeinschaft einfordern. Sie steht auch für die Stimme der Erde, die anklagt, dass sie vergessen wird in den Plänen menschlicher Selbstoptimierung. Ihr Glaube ist unbequem – weil er nicht aufhört, zu stören.

Diese Frau hätte jeden Grund gehabt, zu verstummen. Doch sie bleibt laut – und wird erhört. Vielleicht ist nachhaltiger Glaube genau das: Ein Glaube, der nicht aus Resignation schweigt, sondern durch Beharrlichkeit Wirklichkeit verändert – auch da, wo selbst Gott sich scheinbar schon entschieden hat.

Ezechiel 18, 25–28 – Von der Umkehr und der Zumutung der Verantwortung

"Der Weg des Herrn ist nicht recht" – so klagen die Leute. Dabei zeigt Ezechiel in aller Klarheit, dass der Mensch nicht Gefangener seiner Vergangenheit sein muss. Wer umkehrt, darf leben. Das klingt zunächst tröstlich, geradezu befreiend: Man ist nicht auf ewig an das eigene Scheitern gefesselt. Doch bei näherer Betrachtung ist dieser Text alles andere als bequem.

Denn er nimmt die Menschen in die Pflicht. Er erlaubt keine Ausreden. Keine Flucht in kollektive Schuld, keine Erbsünde, keine Entlastung durch schlechte Vorbilder. Du bist verantwortlich. Für dein Tun. Für dein Lassen. Für das, was du versäumst und für das, was du vermeidest. Das ist in Zeiten kollektiver Klimakatastrophe ein unerhörter Gedanke.

Ezechiels Ruf zur Umkehr ist keine Vertröstung auf eine bessere Welt nach dem Tod, sondern eine harte Anfrage an die Gegenwart. Nachhaltigkeit beginnt nicht erst mit neuen Technologien, sondern mit dem Eingeständnis, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Der Prophet ruft nicht zur Selbstoptimierung auf, sondern zur Reue. Und Reue ist mehr als ein schlechtes Gewissen – sie ist der Anfang eines neuen Weges.

In der Friedensdekade gewinnt dieser Text noch eine zweite Schärfe. Er widerspricht dem fatalistischen Glauben, dass Gewalt in der Natur des Menschen liegt, dass Kriege eben zur Weltgeschichte gehören. Nein, sagt Ezechiel, das ist eine Ausrede. Der Mensch ist frei. Und diese Freiheit bedeutet Verantwortung. Wer das Unrecht erkennt und sich abkehrt, kann leben – aber die Umkehr bleibt Zumutung. Niemand nimmt sie einem ab.

Philipper 2, 1–11 – Der Abstieg Gottes und die Ethik der Entleerung

Es ist der große Hymnus der frühen Kirche, den Paulus hier aufgreift: Christus, der sich entäußert, sich erniedrigt, gehorsam bis zum Tod. In Zeiten der Selbstvermarktung und narzisstischen Selbstdarstellung wirkt dieser Text wie ein Gegenbild. Nicht Exzellenz, sondern Erniedrigung. Nicht Selbstbehauptung, sondern Hingabe. Nicht Aufstieg, sondern Abstieg.

Dieser Text ist eine Ohrfeige für den kirchlichen Machtinstinkt ebenso wie für die wirtschaftliche Leistungsideologie. Nachhaltigkeit beginnt nicht erst bei innovativen technischen Lösungen, sondern bei einem veränderten Menschenbild. Wer nur sich selbst sucht, wird weder dem Nächsten noch der Welt gerecht werden, sondern höchstens selbstgerecht enden.

In der ökologischen Debatte wird oft darüber gesprochen, wie viel Verzicht den Menschen zuzumuten ist. Der Christus-Hymnus fragt anders: Wäre es nicht geradezu Ausdruck unserer Gottesebenbildlichkeit, freiwillig kürzer zu treten? Verzicht nicht als Verlust, sondern als Nachfolge. Christus hat sich entäußert – nicht, weil er schwach war, sondern weil er stark genug war, es zu tun.

In der Friedenszeit ist dieser Text ein Gegengift zu jeder Ideologie der Stärke. Es gibt keinen Frieden ohne Selbstzurücknahme. Kein Miteinander ohne Demut. Kein Heil ohne Verzicht. Keine Konfliktlösung ohne Kompromiss. Wenn Gott selbst nicht „an seiner Gottheit festhält“, dann ist es die bleibende Frage an uns, woran wir eigentlich so krampfhaft festhalten – und wen oder was wir dabei übersehen oder überfahren.

Matthäus 21, 28–32 – Lippenbekenntnis oder gelebte Gerechtigkeit

Zwei Söhne. Einer sagt Ja und tut nichts. Der andere sagt Nein, geht aber dann doch. Wer von beiden hat den Willen des Vaters erfüllt? Jesus spart sich die Moralpredigt – er stellt nur die Frage. Und überlässt es seinen Zuhörern, sich selbst zu erkennen.

Es ist ein Text, der die Alltagsheuchelei trifft. Die Sonntagsfrömmigkeit, die nicht bis Montagmorgen reicht. "You kneel on sunday, but steal on monday." Das Engagement, das in Projektanträgen glänzt, aber vor der eigenen Haustür verstummt. Der Sohn, der mit seinem Ja sympathisch wirkt, ist am Ende der, der nichts tut. Der andere, der zunächst abwehrt, kommt ins Handeln.

Nachhaltigkeit lebt nicht vom großen Versprechen, sondern vom kleinen Schritt. Nicht vom Appell, sondern vom Handeln. Es geht nicht darum, ob wir die richtigen Worte finden, sondern ob wir uns bewegen lassen. Zwischen frommer Rhetorik und gelebter Verantwortung klafft auch heute oft eine gefährliche Lücke.

Jesus sagt es denen, die sich für die Richtigen halten – und stellt sie bloß: Zöllner und Huren gehen vor euch ins Reich Gottes. Es ist eine radikale Umkehrung moralischer Bewertung, ja es stellt unsere moralischen Bewertungsmaßstäbe gänzlich in Frage. Einsicht zu heucheln aber in der Praxis untätig zu bleiben kommt bei Gott offenbar schlechter an, als sich ihm zu widersetzen, letztlich aber das Richtige zu tun. Ist der "gute Christ", der fleißig seinen Gottesdienst besucht, fromm daher redet aber dem Mitmenschen nicht die Butter auf dem Brot gönnt am Ende mehr auf dem Holzweg als der bekennende Atheist, der aus rein humanistischen Überlegungen sozial handelt und nachhaltig wirtschaftet? Oder, um am Fundament protestantischer Gewissheit zu rütteln: Ist eine Rechtfertigung nur aus Glauben vielleicht falsch verstandene Selbsttäuschung, wenn sie zur Ausrede wird, um das eigene Handeln gar nicht mehr kritisch zu hinterfragen oder gegen jede Kritik zu immunisieren"

Dirk Reschke, Ev. Kirche der Pfalz