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| Erntedank: Mk 8,1-9 18. So. n. T.: Dtn 30,11-14 |
Jes 5, 1-7 | Phil 4, 6-9 | Mt 21, 33-44 |
Vorbemerkung
Kürbisse, Äpfel, Kartoffeln, Trauben, Brot. Zu Erntedank liegt die Fülle vor unseren Augen. Wir schauen auf das, was gewachsen ist, und sagen: Danke. Aber wem gehören eigentlich die Früchte?
Diese Frage begleitet die biblischen Texte dieses Sonntags. Denn immer wieder geht es um Früchte: um einen Weinberg, der keine guten Früchte trägt; um Brot, das gebrochen und verteilt wird; um Menschen, die die Früchte eines Weinbergs für sich behalten wollen. Erntedank erzählt von Fülle – aber eben auch davon, was mit dieser Fülle geschieht.
Erntefeste sind älter als das christliche Erntedankfest und finden sich in unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Auch die biblische Tradition kennt Feste, die eng mit Aussaat und Ernte verbunden sind. Die Tora verbindet den Dank mit sozialer Verantwortung. So gehören Ernten und Teilen zusammen. Die Frucht ist Gabe – aber sie wird zur Aufgabe.
Eine Perspektive aus den Anden kann diese Frage noch einmal anders eröffnen. Dort feiern einige indigene Gemeinschaften im August die Pachamama. Pachamama lässt sich nicht einfach mit „Mutter Erde“ übersetzen. Gemeint ist eine umfassendere Beziehung von Erde, Raum, Zeit, Menschen und allem Lebendigen. Dabei werden der Erde Speisen und Getränke zurückgegeben. Menschen danken für das Empfangene, indem sie etwas zurückgeben.
Erntedank: (An)Bauen – gerecht richten – Zuversicht säen
Jesaja 5,1–7: Welche Früchte wachsen?
Das Weinberglied in Jesaja 5 beginnt beinahe zärtlich. Einer hat einen Weinberg. Er macht alles für ihn: Er gräbt den Boden um, entfernt die Steine, pflanzt edle Reben, baut einen Wachturm und gräbt eine Kelter. Alles ist vorbereitet. Dann wartet er auf die Früchte. Doch es wachsen nur schlechte Trauben. Das Bild kippt. Der Weinberg steht für Israel und Juda. Gott hat Recht erwartet – und findet Rechtsbruch. Er hat Gerechtigkeit erwartet – und hört den Schrei der Entrechteten.
Das hebräische mischpat, Recht, bekommt damit einen Platz mitten im Weinberg. Die Qualität der Ernte bemisst sich nicht allein daran, wie voll die Körbe sind. Entscheidend ist auch, unter welchen Verhältnissen diese Früchte gewachsen sind.
Anfang August 2026 warnte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, dass die Auswirkungen von El Niño auf die Ernten zusätzlich Millionen Menschen in Ernährungsunsicherheit bringen könnten – allein in Lateinamerika und der Karibik wurde von mehr als 16 Millionen zusätzlich Betroffenen gesprochen.
Wenn wir also vor einem reich geschmückten Erntedankaltar stehen, existiert gleichzeitig eine andere Wirklichkeit: Felder, auf denen zu wenig wächst. Menschen, die ihre Ernte verlieren. Familien, für die eine Dürre bedeutet, dass die eigene Lebensgrundlage verschwindet. Landwirtschaft, die Menschen ernähren kann und gleichzeitig Böden, Wasser und Klima belastet. So stellt Jesaja eine unbequeme Frage an unsere Früchte auf dem Altar: Welche Geschichten stecken hinter ihnen? Kann eine Frucht gut sein, wenn ihr Anbau Anderen Lebensmöglichkeiten raubt? Kann eine Wirtschaft erfolgreich heißen, wenn ihre Gewinne hier und ihre Schäden anderswo anfallen?
Gott erwartet Früchte. Aber offenbar nicht irgendwelche. Gott erwartet mischpat.
Deuteronomium 30,11–14: Es ist nicht fern
Gerade angesichts der multiplen Krisen kann der Eindruck entstehen, alles sei zu groß: Weltwirtschaft, Agrarpolitik, internationale Klimaverhandlungen, globale Lieferketten. Wo soll ich anfangen? Laut Deuteronomium ist das Gebot, das Gott mir heute gebietet, mir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres. „Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Das Wort ist nahe bei dir. Das Gute ist nicht irgendwo unerreichbar weit weg. Es beginnt dort, wo Menschen hören, sprechen und handeln. Das Wort ist nahe.
Das bedeutet nicht, die Verantwortung für globale Krisen auf einzelne Konsument*innen abzuschieben. Klimagerechtigkeit braucht politische und wirtschaftliche Veränderungen. Aber auch diese Veränderungen beginnen nicht im luftleeren Raum. Menschen benennen Unrecht, organisieren sich, verändern Regeln, schließen sich zusammen. Wir müssen nicht auf die perfekte Lösung warten, bevor wir anfangen können. Wir können heute etwas zurechtrücken – weil das Wort in unserem Mund und in unseren Händen liegt: dass wir es tun.
Markus 8,1–9: Umverteilung in drei Schritten – danken, brechen, verteilen
Bei Markus sind viele Menschen da und wenig zu essen. Jesus sieht die Menschen und sagt: „Mich jammert das Volk.“ In anderen Übersetzungen heißt es: „Ich habe großes Mitleid mit den Menschen.“ Er fragt die Jünger*innen, was es gibt, nimmt die sieben Brote, dankt, bricht sie und gibt sie ihnen zum Verteilen. Die Menschen werden gesehen – in ihren Bedürfnissen und ihren Gaben wahrgenommen. Mitleid stellt sich ein. Und dann beginnt eine Bewegung: Danken. Brechen. Verteilen.
Jesus dankt für das, was vorhanden ist. Aber beim Dank bleibt es nicht. Das Brot geht durch Hände. Es wird gebrochen. Es wird weitergegeben. Erst dadurch können alle essen. Dankbarkeit hält die Früchte nicht fest. Dankbarkeit setzt sie in Bewegung. Das gegenseitige Sehen und das Mitleid sind die Auslöser dieser Bewegung. Und am Ende heißt es: „Sie aßen und wurden satt.“ Nicht einige. Nicht diejenigen, die zuerst zugreifen konnten. Sie – alle – wurden satt.
Unsere Welt leidet nicht nur unter einem Mangel an Früchten. Sie leidet auch darunter, wie Früchte, Land, Wasser, Energie, Geld und Lebenschancen verteilt sind. So gelesen bekommt das Wort Umverteilung einen sehr konkreten Klang. Es geht um Brot, das von einer Hand in die nächste wandert. Auch unsere Erntedankaltäre könnten deshalb eine Bewegung sichtbar machen: Die Früchte kommen aus der Erde. Sie werden empfangen. Wir danken. Und dann? Danken – brechen – verteilen.
Matthäus 21,33–44: Wem gehören die Früchte?
Auch im Gleichnis von den bösen Weingärtnern steht ein Weinberg im Mittelpunkt. Der Besitzer verpachtet ihn. Die Erwartung, dass die Früchte zu ihrer Zeit reifen, verweist auf natürliche Rhythmen und Nachhaltigkeit – ein Gegenpol zu rücksichtsloser Ressourcennutzung. Die Tragödie liegt in der Verweigerung der Früchte. Als die Zeit der Früchte kommt, schickt der Besitzer seine Knechte, um seinen Anteil zu holen. Doch die Pächter schlagen und töten die Gesandten. Schließlich töten sie auch seinen Sohn.
Die Pächter behandeln die Früchte so, als gehörten sie allein ihnen. Das Problem ist nicht, dass der Weinberg keine Früchte trägt. Das Problem ist der Zugriff auf sie – dass einige die Früchte festhalten wollen und können, während andere leer ausgehen.
Damit berührt der Text eine zentrale Frage von (Klima-)Gerechtigkeit: Wer verfügt über Land, Wasser, Rohstoffe und Nahrung? Wer entscheidet über ihre Nutzung? Wer erhält die Gewinne – und wer trägt die ökologischen und sozialen Folgen? Aus einer dekolonialen Perspektive kommt noch eine weitere Frage hinzu: Wer durfte und darf Land überhaupt als Besitz betrachten? Die Vorstellung, Erde könne vermessen, eingezäunt, ausgebeutet und verkauft werden, ist keineswegs selbstverständlich. Indigene Vorstellungen von Territorium erinnern daran, dass Land auch Beziehung bedeutet: zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen, Wasser, Vorfahren und kommenden Generationen.
Wir sind nicht die Besitzer*innen der Früchte. Wir empfangen sie. Und wer empfängt, kann danken. Wer dankt, kann teilen. Dann gehören die Früchte nicht nur auf unsere Altäre. Sie gehören auf unsere Tische – und zwar auf alle. Erntedank wäre dann nicht nur das Fest des Empfangens, sondern auch das Fest des Loslassens.
Diese Ermutigung Jesu, diese neue Perspektive, könnte der Stein sein, den die Bauleute verworfen haben – der Eckstein.
Philipper 4,6–9: Zuversicht säen
„Sorgt euch um nichts“, schreibt Paulus. Ein schwieriger Satz in einer Zeit, in der es viele Gründe gibt, sich Sorgen zu machen. Wie lässt sich von Zuversicht sprechen, ohne die Realität schönzureden? Paulus verbindet die Bitte mit Danksagung. Dann fordert er dazu auf, den Blick auszurichten: auf das Wahre, das Gerechte, das Liebenswerte, auf das, was Anerkennung verdient.
Vielleicht hilft hier ein Bild aus einer Geschichte der Zapatistas aus dem Süden Mexikos: „Das Volk des Mais schaut, wenn es diese Welt und deren Schmerzen betrachtet, auch auf die Welt, die aufgebaut werden muss. Es hat dabei drei Blickrichtungen: eine für das Vergangene, eine für das Jetzt und eine für das, was kommt. So weiß es, dass es einen Schatz sät: den Blick.“
Den Blick säen. Nicht wegsehen, sondern auf einen Acker schauen und bereits die Möglichkeit sehen, was dort wachsen könnte. Es geht um Zuversicht als Blickrichtung – nicht weil das Schlechte nicht existiert, sondern weil wir ihm nicht die Macht überlassen wollen zu bestimmen, was überhaupt noch vorstellbar ist: eine Landwirtschaft, von der Menschen leben können, ohne ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören; eine Welt, in der Nahrung nicht danach verteilt wird, wer am meisten bezahlen kann; eine Kirche, die Klimagerechtigkeit nicht nur fordert, sondern selbst einübt.
Wenn wir sagen, wir müssten uns nicht sorgen, heißt das auch: Eine andere Welt ist möglich. So wird Erntedank ein ziemlich widerständiges Fest.
Ailed E. Villalba Aquino, Dortmund