17.01.2027 – 2. Sonntag nach Epiphanias / 2. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 2,1-11 1 Sam 3, 3b-10.19 1 Kor 6, 13c-15a.17-20 Joh 1, 35-42

Joh 2,1-11

Die Verwandlung von Wasser in Wein in Joh 2,1-11 hat drei Aspekte, die uns im Kontext der Nachhaltigkeits-Dimension interessieren können:

  1. Das theologische „Mehr“: Überfluss statt Konsum

Die sechs riesigen Wasserkrüge fassen insgesamt rund 600 bis 700 Liter. Jesus verwandelt nicht einfach das Nötigste, sondern schenkt Wein im extremen Überfluss. In der modernen Nachhaltigkeit steht Überfluss oft für Ressourcenverschwendung. Der Text fokussiert jedoch auf eine theologische Fülle – es geht um Gottes bedingungslose Gnade, nicht um materiellen Konsum. Das Wunder symbolisiert, dass Gottes Schöpfung und Liebe im Überfluss vorhanden sind, und bietet damit ein Gegenbild zur ewigen materiellen Mehrung.

  1. Die Symbole: Reinigung und Erneuerung

Das Wasser in den Krügen war für rituelle Reinigungen nach jüdischer Sitte bestimmt. Jesus bricht mit dieser Tradition, indem er das profane Wasser zum Feststoff des Lebens macht. Wasser als Lebenselixier und Reinigungsmittel steht symbolisch für die Bewahrung der natürlichen Grundlagen. Die Umwandlung zeigt, dass die Welt (das Wasser) nicht abgeschafft, sondern durch Christus erneuert und veredelt wird. Das entspricht dem nachhaltigen Gedanken der Transformation: Bestehende Strukturen und Ressourcen nicht zu verbrauchen oder zu zerstören, sondern ökologisch und sozial heilsam „umzuwandeln“.

  1. Soziale Dimension: Die Krise der Gemeinschaft abwenden

Der Weinmangel auf der Hochzeit war eine gesellschaftliche Blamage für das Brautpaar. Jesus rettet das Fest vor dem Scheitern. Ein zentrales Element der Nachhaltigkeit ist soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaftssinn. Jesus löst keine künstlich geschaffene Konsumkrise, sondern bewahrt die menschliche Freude und den sozialen Zusammenhalt. Der Fokus liegt darauf, die Würde der Feiernden zu schützen und ein solidarisches Miteinander zu ermöglichen. Hier kann auch gut die Erfahrung von Mangel und Überfluss und die damit verbundene Ungerechtigkeit in unseren Lebenswirklichkeiten hingewiesen werden.

Zum dritten Punkt kann auch die befreiungstheologische Deutung von Joh 2,1-11 hinzugezogen werden:  Die Hochzeit zu Kana stellt die soziale und materielle Realität der Menschen in den Mittelpunkt. Im Fokus steht ein Gott, der sich gegen Mangel, Scham und soziale Ausgrenzung stellt und stattdessen das „gute Leben“ (Buen Vivir) für alle bringt. Die zentralen Aspekte sind die Aufhebung des Mangels als Akt der Befreiung sowie das Fest als Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Interessant ist auch, dass Maria als Akteurin des Wandels auftritt: Sie bemerkt den Mangel und stößt das Handeln Jesu an. Sie schaut nicht weg, benennt das Problem und fordert Veränderung ein. Ihre Anweisung an die Diener („Was er euch sagt, das tut“), ist ein Aufruf zum konkreten Handeln für Gerechtigkeit.

1 Sam 3, 3b-10.19

Die Erzählung in 1 Sam 3, 3b-10.19 handelt von der Berufung des jungen Samuel, der im Tempel von Schilo die Stimme Gottes vernimmt. Erst durch die Anleitung des Priesters Eli lernt er, diese göttliche Ansprache zu verstehen. Nachhaltigkeit wird hier in einem spirituellen Sinn greifbar: als die dauerhafte Bewahrung, Weitergabe und das stetige Wahrnehmen des göttlichen Wortes.

  1. Der Ruf und das Nicht-Verstehen: Samuel ist im Heiligtum in Schilo, nahe der Bundeslade. Er hält den göttlichen Anruf zunächst für die menschliche Stimme Elis. Dies verdeutlicht, dass die Wahrnehmung Gottes Einübung und Begleitung
  2. Die Rolle des Mentors: Eli erkennt schließlich, dass Gott den Jungen ruft. Er fungiert als geistlicher Begleiter, der Samuel den Weg weist, selbst aufmerksam zu werden.
  3. Das Wort zur Erde fallen lassen (V. 19): „Samuel wuchs heran, und der Herr war mit ihm und ließ keines von allen seinen Worten zur Erde fallen.“ Im Hebräischen steht hier das Verb nāphal. Es meint das Verlieren, Verkommen oder Ungültig werden von Worten. Gott sorgt dafür, dass die prophetischen Worte Samuels nachhaltig sind, Bestand haben und wirksam werden.

Im biblischen Kontext geht es nicht um ökologische Nachhaltigkeit, sondern um die Nachhaltigkeit des Glaubens und der Institutionen.

  1. Generationenübergreifende Weitergabe: Der alternde Eli, der am Ende seiner Kräfte ist, übergibt die Verantwortung an die nächste Generation. Nachhaltigkeit bedeutet hier, dass die Alten den Jungen Räume öffnen, in denen diese eigene Erfahrungen mit dem Transzendenten machen können.
  2. Beständigkeit des göttlichen Wortes: Das Wort Gottes wird als eine dauerhafte Ressource dargestellt, die nicht verbraucht wird oder verfällt. Es „fällt nicht zur Erde“, sondern entfaltet eine langfristige Wirkung.
  3. Lebenslanges Lernen: Samuel „wächst heran“ und Gott ist mit ihm. Nachhaltige Entwicklung bezieht sich hier auf die innere Reifung der Person, die durch das Hören auf Gottes Wort befähigt wird, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.

1 Kor 6, 13c-15a.17-20

1. Exegetische Kernpunkte

  • Der Leib ist für den Herrn (V. 13): Paulus widerspricht der antiken stoischen bzw. epikureischen Haltung, dass der Körper nur eine vergängliche Hülle ohne moralische Bedeutung sei. Er beton, dass der menschliche Körper kein beliebiges Instrument für flüchtige Begierden ist. Stattdessen ist er heilig und untrennbar mit Jesus Christus verbunden, da Gott ihn auferwecken wird.
  • Der Tempel des Heiligen Geistes (V. 19): Der Mensch ist nicht Eigentümer seines Lebens (und damit auch nicht der Schöpfung). Der Heilige Geist wohnt im Menschen als Wohnstätte Gottes. Daraus erwächst eine hohe Verantwortung (V. 20).

2. Die Brücke zur Nachhaltigkeit

Das Konzept der Nachhaltigkeit lässt sich aus dieser Perikope anhand dreier theologischer Dimensionen ableiten:

Körperliche Nachhaltigkeit (Gesundheit & Achtsamkeit)

Die Konsumgesellschaft verleitet oft zur Ausbeutung der eigenen Ressourcen. Wer den eigenen Leib als „Tempel des Heiligen Geistes“ (V. 19) anerkennt, muss Raubbau an der eigenen Gesundheit (durch permanente Überlastung, ungesunden Konsum oder Selbstentfremdung) kritisch hinterfragen. Nachhaltigkeit beginnt im Umgang mit sich selbst als erste Schöpfungsgabe. Wie gehe ich gut mit meinem Körper um? Wie mit der körperlichen Unversehrtheit meiner Mitmenschen, auch derjenigen, die unter Ausbeutung leiden?

Ökologische Nachhaltigkeit (Schöpfungsverantwortung)

Wenn der Leib eng mit der Welt verknüpft ist und von Gott bewohnt wird, schließt dies den Boden, die Natur und die Ressourcen ein, die unseren Leib ernähren und stützen. Der theologische Imperativ lautet: Weil unser Körper unauflöslich mit Gott verbunden ist, gebührt auch dem materiellen, physischen Leben (inklusive der natürlichen Lebensgrundlagen) Respekt und Bewahrung.

Soziale Nachhaltigkeit (Würde & Konsumethik)

Paulus argumentiert, dass der Körper kein beliebiges Mittel zur Triebabfuhr ist (V. 13c). Auf das Wirtschafts- und Konsumverhalten übertragen bedeutet das: Andere Menschen und Lebewesen dürfen nicht als bloße Ressourcen, Mittel zum Zweck oder Konsumgüter degradiert werden. Nachhaltiges Handeln fordert eine Wirtschaft, die die Würde der „Glieder Christi“ achtet und ausbeuterische Strukturen überwindet.

Joh 1, 35-42

Die drei Worte „Was sucht ihr?“’  sind überhaupt die ersten Worte, die Jesus selbst im Johannesevangelium an die Menschen richtet. Was sucht ihr? – das werden wir also als allererstes von Jesus gefragt!

„Kommt und seht!“ (v. 38-39): Jesus antwortet auf die rabbi-Suche („Wo wohnst du?“) nicht mit abstrakten Dogmen, sondern mit einer Erfahrungseinladung. Die Begegnung und Jüngerschaft im Johannesevangelium beginnt mit dem persönlichen Erleben und dem Bleiben bei Jesus. Der Text dreht sich um die menschliche Kommunikation, das Sehen und Gesehen-Werden, Hören und Sprechen. Es gibt Bewegung, Besuch und Austausch – die Grundlagen von Nachfolge, die nie statisch sein kann.

„Du bist Simon, des Johannes Sohn, Du heißt jetzt Kephas…“
Simon bekommt einen neuen Namen. Wir kennen diesen Vorgang bei den ersten Christen, sie bekamen zu ihrem ersten bürgerlichen Namen noch einen Taufnamen dazu. Sie machen das, um ihre wahre Identität und Bestimmung im Leben öffentlich deutlich zu machen und damit ihr Bekenntnis zu Christus zu betonen. Wir kennen diese Tradition auch bei Päpsten, bei Künstlerinnen und bei Revolutionären und auch in unserer eigenen Geschichte spielen Spitz- und Kosenamen eine Rolle. In unserer Geschichte wird aus Simon der Kephas bzw. der Petrus, wie dieser Name lateinisch heißt, und Fels bedeutet.

Nachhaltigkeitsbezug

  • Vom flüchtigen Impuls zur Dauer (»Bleiben«): Die Jünger fragen: „Rabbi, wo wohnst du?“ und Jesus antwortet: „Kommt und seht!“. Der griechische Urtext verwendet für „bleiben“ das Wort ménein, was tiefe innere Beständigkeit und Dauerhaftigkeit bedeutet. Der flüchtige Kontakt wird zu einer nachhaltigen Lebensgemeinschaft.
  • Persönliche Erfahrung statt bloßem Hören: Die Jünger hören zuerst nur vom Täufer, dass Jesus das „Lamm Gottes“ ist. Erst durch das gemeinsame Verweilen wird dieser Glaube für sie selbst zur handfesten Realität. Nachhaltiger Glaube braucht immer eigenes Erleben.
  • Die Multiplikator-Funktion (»Kettenreaktion«): Andreas erfährt die Tiefe der Begegnung und behält sie nicht für sich, sondern sucht sofort seinen Bruder Simon. Er teilt die Erfahrung und bindet andere ein. Das zeigt: Nachhaltigkeit im Glauben gelingt, wenn Ressourcen (in diesem Fall Glaubenserkenntnis und Zuwendung) weitergegeben und multipliziert werden. Der Aufruf „Bildet Banden“ kommt einem hier in den Sinn: Komplexen Herausforderungen wie Klimawandel oder Ressourcenknappheit begegnen starke Netzwerke besser als Einzelkämpfer.
  • Wandel und Identität (»Petrus«): Jesus verleiht Simon einen neuen Namen: Kephas (der Fels). Das drückt eine nachhaltige Transformation aus. Die Begegnung mit Jesus verändert nicht nur den Status quo, sondern gibt dem Leben ein stabiles, tragfähiges Fundament. Interessant hier besonders die Tatsache, dass Petrus uns im Laufe des Evangeliums auch mit ganz anderen Konnotationen begegnen wird, spielt er doch in der Passionsgeschichte eine eher unrühmliche Rolle und erscheint uns als gebrochener Fels in seinem Scheitern, sichtbar zu Jesus zu stehen.

Dr. E. Baillie, Bistum Mainz