Predigt über Mt 13,1-23 in Verbindung mit Römer 8,18-23 (Predigtreihe „Hoffnung“)
St. Johannes Tübingen, 12. Juli 2026, Dr. Maria Müller-Lindenlauf
Die Autorin ist Professorin für Agrarökologie an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) und aktiv in der evangelischen Jakobusgemeinde Tübingen.
Liebe Schwestern und Brüder,
haben Sie schon einmal Tomaten im Blumentopf gesät? Oder Blumen im Gartenbeet? Dann kennen Sie das: Man gießt, man wartet – und irgendwann fragt man sich: Kommt da überhaupt noch etwas?
Ich bin Agrarwissenschaftlerin. Und ich möchte Sie heute mitnehmen zu dem Ort, an dem sich für mich die Frage nach Hoffnung stellt. Von dort aus möchte ich mit Ihnen auf die biblischen Texte hören.
In meinem Fach ist Säen ein wichtiges Thema. Beim Säen braucht man immer Hoffnung, weil wir mit lebendiger Natur arbeiten, die uns ein Gegenüber bleibt, das wir nie ganz unter Kontrolle haben. Nur: Wir Profis in der Agrarwirtschaft versuchen den Bedarf an Hoffnung gering zu halten. Eine erfolgreiche Landwirtin oder ein erfolgreicher Landwirt sät nicht so wie der Sämann im Gleichnis, das wir eben gehört haben; sondern bereitet den Boden vor, stellt die Technik präzise ein, vertreibt die Vögel, bekämpft die Unkräuter. Wir haben einen hohen Anspruch an Kontrolle. Und wir sind ziemlich erfolgreich damit geworden.
Allerdings erreichen wir unsere hohen Erträge oft ohne Rücksicht auf Verluste, z.B. an biologischer Vielfalt. 100.000de Arten sind durch uns Menschen vom Aussterben bedroht, und die heutige Landwirtschaft ist einer der wesentlichen Gründe dafür, auch hier bei uns.
„Unsertwegen können Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen“, so drückte es Papst Franziskus in der Enzyklika „Laudato si'“ aus. (LS 33)
Und es kommt ein weiteres Problem dazu: der menschengemachten Klimawandel. Sicher erinnern Sie sich an die Hitzewelle Ende Juni und die Meldungen über die Folgen. Die Wissenschaft ist sich einig: Das ist erst der Anfang. Je später Wirtschaft und Gesellschaften Klimaneutralität erreichen, desto gewaltiger werden die Schäden, und desto schwieriger wird auch der Ackerbau, in manchen Regionen wird Ackerbau praktisch unmöglich. Eine so schnelle und starke Veränderung der globalen Umweltbedingungen gab es noch nie seit Menschen Ackerbau betreiben. Weltweit leiden vor allem diejenigen, die ohnehin schon arm sind, und die jungen Menschen, die lange mit den Folgen leben müssen. Es leiden also vor allem genau die, die am wenigsten zum Problem beigetragen haben. Und auch Tiere und Pflanzen leiden und können sich so schnell kaum anpassen.
Für mein Fach kann ich sagen: Eine klimaneutrale Landwirtschaft, die die Welt ernährt, wäre technisch möglich. Und auch für den Artenschutz wäre sehr viel mehr möglich. Aber es gelingt bisher nicht, das in größerem Umfang umzusetzen.
Es ist zum Seufzen. Zum Schreien.
Das ist die Position, von der aus ich in die Welt schaue und mich frage: Was kann da Hoffnung geben?
Ich möchte dazu drei Fragen mit Ihnen teilen und Ansätze von Antworten.
Die erste Frage ist: Hoffnung – FÜR WEN eigentlich?
In der Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer haben wir eben gehört: „Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Töchter und Söhne Gottes.“
Für mich ist das heute eine sehr wichtige Perspektive:
Die Hoffnung des Evangeliums gilt nicht nur der jenseitigen Seelenrettung für Gläubige.
Sie gilt nicht mal nur den Menschen.
Nein: Die GANZE Schöpfung soll erlöst, befreit, verherrlicht werden.
Die Erde und was darauf lebt ist nicht nur eine Bühne für unser persönliches Drama oder eine Ansammlung von Ressourcen, die wir ausbeuten können, sondern ist selbst in Beziehung zu Gott und zur Herrlichkeit bestimmt.
Die zweite Frage ist: WORAUF hofft die Schöpfung?
Dazu haben wir in der Lesung gehört: „Die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne und Töchter Gottes.“ Das finde ich interessant. Paulus malt ein erstaunliches Bild.
Die Schöpfung stellt sich quasi auf die Zehenspitzen, und reckt sich der Zukunft entgegen. Die Wälder. Die Meere. Die Tiere. Sie warten darauf, dass Menschen endlich so leben, wie Gott sie gedacht hat.
Der anglikanische Theologe N.T. Wright schrieb in seinem Buch „Von Hoffnung überrascht“ dazu: „Die Zwischenstufe zwischen der Auferstehung Jesu und der Erneuerung der ganzen Welt ist die Erneuerung der Menschen – von dir und mir!“ („Surprised by hope”, 2008, S. 249; eigene Übersetzung)
Vielleicht war noch nie so deutlich wie in der heutigen Zeit, dass wir Menschen für Heil und Unheil der Schöpfung eine wichtige Rolle spielen: In einer Zeit, in der Menschen die Macht erlangt haben, die globalen Lebensgrundlagen zu verändern, ja sogar zu zerstören.
Nichts scheint unsere Welt dringender zu brauchen als dass wir Menschen uns neu unseren Mitgeschöpfen zuwenden, wie es uns Jesus Christus, der Sohn Gottes, vorgelebt hat:
Nährend statt ausbeutend.
Heilend statt zerstörend.
Nicht in Eigennutzen-Maximierung gefangen.
Aber: Ist das nicht eine zum Scheitern verurteilte Hoffnung, angesichts von so viel menschlichem Versagen?
Und damit komme ich zu meiner dritten Frage:
WER hofft eigentlich noch?
Zu dieser Frage habe ich vom Tübinger Theologen Jürgen Moltmann – der lange ein Glied meiner Gemeinde, der Jakobusgemeinde war – folgende Sätze gelesen:
„Gott hofft auf das Gelingen seiner riskanten Geschöpfe. Er hofft darauf, dass wir die Gottesebenbildlichkeit, die in uns angelegt ist, verwirklichen werden.“ („Ich habe keinen Gott im Himmel.“ Interview in der Zeitschrift Chrismon)
Ich finde das eine spannende Umkehr der Perspektive. GOTT selbst hofft.
Eltern kennen vielleicht etwas davon. Ein Kind macht seine ersten Schritte. Es kann hinfallen. Es wird hinfallen. Trotzdem hoffen die Eltern. Denn sie trauen dem Kind etwas zu. Vielleicht ist Gottes Hoffnung auf uns ähnlich – nur unendlich größer.
Wenn Gott auf das Gelingen der Menschen hofft, dann lohnt sich doch eigentlich jeder Schritt in Richtung Frieden, Gerechtigkeit und Integrität der Schöpfung.
Nicht zuerst, weil er Erfolg verspricht.
Sondern weil wir in solchem Handeln Gott begegnen.
Weil sich darin Gottes Hoffnung schon ein kleines bisschen erfüllt.
Ich finde das eine hilfreiche Perspektive, weil sie meines Erachtens vor zwei Problemen bewahrt, die ich beim Thema Hoffnung sehe:
Zum einen sehe ich auch eine Hoffnung, die passiv macht. Das ist die Hoffnung, dass irgendwer es schon richten wird – vielleicht der technische Fortschritt, vielleicht Gott – und man selbst also gar nicht gefragt ist. Solche Hoffnung verändert menschliches Verhalten nicht, und trägt damit auch nicht wirklich zur Lösung der Probleme bei.
Und zum anderen kann Hoffnung auch ganz schnell in Verzweiflung kippen. Ich erlebe das derzeit bei vielen Menschen, die sich engagieren, und kenne das auch von mir selbst: Wenn man merkt, dass der Widerstand stärker wird und viele nicht mitmachen, dann sinkt die Hoffnung auf Erfolg. Und Engagement erscheint dann schnell sinnlos.
Kennen Sie das auch? Wo fragen Sie sich vielleicht: Lohnt sich mein Einsatz überhaupt noch? Vielleicht gar nicht beim Natur- und Klimaschutz. Vielleicht beim Einsatz in ihrem Beruf. Vielleicht in einem sozialen Engagement. Vielleicht bei Streit in der Familie oder im Freundeskreis.
Ich denke, der Gedanke, dass Gott hofft, kann dann helfen. Denn wenn wir etwas nicht nur wegen der Aussicht auf Erfolg tun, sondern aus Liebe und als Antwort auf Gottes Liebe - dann bleibt es sinnvoll, selbst dann, wenn andere nicht mitmachen und das Ziel des Engagements erst einmal nicht erreicht werden sollte.
Und damit will ich zum Abschluss noch mal auf das Evangelium vom Sämann blicken. Ich finde es bemerkenswert, dass der Sämann nicht so sät, wie wir es in der Agrarwirtschaft unseren Studierenden beibringen: Nämlich möglichst alle Risiken ausschaltend. Gott sät hier anders. Gott sät im Übermaß, fragt nicht nach den Kosten, nimmt Scheitern in Kauf. So wie ein Verliebter, der keinen Aufwand scheut. Jesus hatte es auch nicht in der Hand, dass seine Rede vom Reich Gottes überall auf fruchtbaren Boden fiel – selbst Jesus nicht! Er säte trotzdem. Er erfuhr bekanntlich massiven Widerstand. Er starb am Kreuz. ABER: heute sind wir hier und feiern seine Auferstehung.
Ich bin mit Moltmann überzeugt: Gott gibt nicht auf. Nichts, nie, niemanden. Die GANZE Schöpfung ist zur Herrlichkeit bestimmt – und mit ihr Sie und ich. Aber Gott verwirklicht diese Herrlichkeit nicht an uns vorbei. Sondern in uns und mit uns.
Und wenn wir uns gelähmt und überfordert fühlen angesichts der Weltlage? Was können wir dann konkret tun?
Hoffnung wächst selten allein.
Deshalb: Gemeinschaft suchen. Denn allein sind wir schnell überfordert.
Im Glauben können wir dazu legen: Gott immer wieder neu auf dem Acker unserer Seelen säen lassen, indem wir die Begegnung mit Jesus Christus suchen: In der Bibel, im Gebet, im Gottesdienst. Damit sein Geist uns stärkt und inspiriert – und wir dort, wo es möglich ist, den nächsten Schritt wagen.
Bei Christians4Future-Tübingen wollen wir z.B. eine solche Gemeinschaft sein, die beides verbindet: Aus den Quellen unseres Glaubens zu schöpfen und auch gemeinsam aktiv werden. Vielleicht wäre das auch etwas für manche von Ihnen.
Vielleicht denken wir oft: Wir sehnen uns nach Gott.
Aber was, wenn die größere Wahrheit ist:
Gott sehnt sich nach uns.
Gott hofft auf uns.
Gott gibt uns nicht auf.
Wir werden ersehnt.
AMEN