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| 4 Mose 6,22-27 | Ex 34, 4b.5.-6.8-9 | 2 Kor 13, 11-13 | Joh 3, 16-18 |
Gnade und Halsstarrigkeit
Ex 34,4b.5–6.8–9 im Horizont von 2 Kor 13,11–13 und Joh 3,16–18
Vorspann / Predigteinstieg / der Fundort
Man könnte sich zwei Menschen in einer späteren Zeit vorstellen: Mara und Jorin gehen über eine alte Deponie und ziehen ein leichtes Scangerät über den Boden, das verborgene Metalle, Materialschichten und eingelagerte Strukturen sichtbar macht. Was einst als Müll galt, erscheint nun als Lager wertvoller Rohstoffe – und als Archiv einer Kultur, die vieles wusste und dennoch weitermachte. Exodus 34 liest eine solche Lage nicht primär als Mangel an Information, sondern als Halsstarrigkeit. Zugleich beginnt der Text nicht mit dem Versagen des Menschen, sondern mit Gottes Gnade und Treue. Für Mara und Jorin ist dieser Ort doppelt lesbar: als Rohstofflager und als Geschichtsraum. In dem, was eine Kultur wegwirft, wird sichtbar, wie sie gelebt hat, woran sie hing und welche Kosten sie unsichtbar machte.
Homiletisch ist dieses narrative Bild nicht bloss Illustration. Es verschiebt die Wahrnehmung. Im Sinne von Martin Nicols homiletischen „Moves and Structures“ sehen die Hörenden den „Müll“ nicht mehr nur als Rest, sondern als sedimentierte Lebensform. Kulturwissenschaftlich zugespitzt: Deponien sind Archive der Externalisierung. Gesellschaften lagern in ihnen nicht nur Dinge aus, sondern auch Verantwortung, Schuld und Nachgeschichte.
Wissen und Weitermachen
Jorin: „Dass sie zugleich wussten, was sie taten. Nicht in jedem Detail. Aber genug.“
Mara: „Ja. Sie wussten genug. Vielleicht nie alles. Aber genug, um nicht unschuldig zu sein.“
Jorin: „Und trotzdem haben sie weitergemacht.“ Mara: „Natürlich.“ Jorin: „Warum?“ Mara: „Weil Wissen nie automatisch in Umkehr übergeht.“
Der Text beginnt nach dem Bruch
Exodus 34 setzt nicht am Anfang ein, sondern nach dem Scheitern. Mose hieb zwei neue steinerne Tafeln aus. Die Szene steht also bereits im Zeichen einer zweiten Setzung. Sie ist nicht ursprünglich, sondern reparativ. Genau darin liegt ihre homiletische Kraft: Der Text spricht nicht aus einer heilen Situation, sondern aus einer beschädigten Lage, in der dennoch ein Neuanfang möglich wird.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge. Zuerst wird Gottes Name ausgerufen: „barmherzig und gnädig und geduldig und von grosser Gnade und Treue“. Erst danach folgt die Diagnose des Volkes als „halsstarrig“. Diese Abfolge ist zentral. Die Schuld des Menschen wird nicht verschwiegen, aber sie ist nicht das Erste. Das Erste ist Gottes Weise, gegenwärtig zu sein.
„Halsstarrig“ – eine unangenehme Präzision
Der Ausdruck „halsstarrig“ sollte nicht vorschnell abgefedert werden. Er meint mehr als Irrtum oder Überforderung. Das Wort bezeichnet eine verfestigte Haltung: Man weiss genug, aber man bleibt dabei; man erkennt Probleme, aber verwaltet die Einsicht so, dass sie folgenlos bleibt.
Gerade darin liegt die erstaunliche Aktualität des Textes. Viele ökologische und soziale Krisen lassen sich nicht plausibel als reine Wissensprobleme beschreiben. Informationen, Warnungen und Analysen sind vorhanden. Trotzdem bleiben Routinen stabil. Ex 34 nennt diese Lage nicht Unwissen, sondern Verstockung. Für eine narrative Predigt ist das der entscheidende Umschlagpunkt: Aus dem Zukunftsbild einer Deponie wird eine Gegenwartsdiagnose.
Nachhaltigkeit als Krise der Lebensform
Nachhaltigkeit meint hier nicht nur Umweltschutz im engeren Sinn. Im kirchlichen Horizont geht es um ein Leben, das Frieden fördert, Gerechtigkeit ernst nimmt und die Schöpfung nicht verbraucht, als gäbe es kein Morgen. Die Schöpfung ist nicht auf menschliche Selbstüberschätzung angewiesen; verletzlich ist die Lebenswelt, die wir mit anderen Geschöpfen teilen. Die tiefere Krise liegt in Lebensformen, die Zerstörung normalisieren und ihre Kosten räumlich, sozial und zeitlich auslagern. Wegwerfen ist dann nicht bloss ein materieller Vorgang, sondern ein kulturelles Verfahren der Unsichtbarmachung: Belastungen verschwinden aus dem Blick derer, die von ihnen profitieren, und werden andern Orten, späteren Zeiten und oft auch anderen Gesellschaften aufgebürdet.
Gerade hier hilft der Zukunftsblick: Die Deponie erscheint als Lesefläche einer Epoche. Was wir entsorgen, verschwindet nicht einfach, sondern bleibt als Spur dessen, was wir wichtig fanden und wessen Preis andere getragen haben. Nachhaltigkeit betrifft deshalb nicht nur Ressourcen, sondern Wahrnehmung, Gewohnheit, Begehren und Rechtfertigung. Der Text in Ex 34 legt eine Struktur frei, die sich auch heute wiedererkennen lässt: Nicht fehlendes Wissen ist das Grundproblem, sondern die kulturell eingeübte Fähigkeit, gegen besseres Wissen weiterzuleben.
Gnade ohne Entlastungsroutine
An dieser Stelle droht die übliche Missdeutung: Gnade als fromme Entlastung. Genau das tut der Text aber nicht. Die Härte der Diagnose bleibt stehen. „Halsstarrig“ ist kein mildes Wort. Und doch bittet Mose: „so gehe der Herr in unserer Mitte“. Nicht nach der erfolgreichen Sanierung. Nicht nach dem moralischen Beweis. In unserer Mitte.
Darin liegt die eigentliche Zumutung des Textes. Gottes Gnade macht die Schuld nicht kleiner; sie macht sie überhaupt erst sagbar, ohne dass alles in Zynismus oder Selbstgerechtigkeit kippt. Auch das kleine Wort „uns“ ist dabei entscheidend: „vergib uns unsere Missetat und Sünde“. Mose spricht nicht über die anderen. Er spricht aus der Verstrickung heraus.
Jorin: „Man könnte das auch anders lesen. Als religiöse Technik der Entlastung. Erst Gnade, dann lässt sich Schuld besser aushalten.“
Mara: „Ja. Man könnte es so lesen. Vieles spricht dafür. Religion hat oft genau so funktioniert.“
Jorin: „Und du?“
Mara: „Ich bin nicht sicher, ob das hier Entlastung ist.“
Jorin: „Warum nicht?“
Mara: „Weil der Text die Schuld nicht abschwächt. Er macht sie gerade nicht kleiner. Kein Irrtum. Keine Überforderung. Keine Ausrede. Halsstarrigkeit. Und dennoch wird der Bund erneuert – auf Zukunft hin.“
Homiletische Öffnung
Martin Nicols homiletische Einsicht ist hier hilfreich: Predigt gewinnt, wenn sie nicht bloss erklärt, sondern Hörende in eine Folge von Wahrnehmungsbewegungen hineinzieht. Genau das könnte ein narrativer Ansatz leisten. Ein erster Blick zeigt den Fundort. Ein zweiter liest den biblischen Text als Szene nach dem Bruch. Ein dritter benennt die unangenehme Präzision des Wortes „halsstarrig“. Ein vierter öffnet den Nachhaltigkeitsbezug. Ein fünfter hält die Gnade fest, ohne sie zur Ausrede werden zu lassen.
So sollte die Predigt nicht beruhigen. Sie hätte den Text dort ernst zu nehmen, wo er unerquicklich wird: nicht Unwissen, sondern Halsstarrigkeit. Ex 34 widerspricht damit der bequemen Annahme, wir hätten vor allem ein Defizit an Information. Oft scheitern Menschen gerade daran, dass sie ihre Einsicht verwalten, bis sie folgenlos bleibt. Vielleicht ist das die Form der Halsstarrigkeit heute: dass wir den Schaden kennen, ihn benennen können und doch an den Routinen festhalten, die ihn hervorbringen. Gerade deshalb ist die Bitte des Mose so radikal: nicht erst nach der Besserung, nicht nach der Sanierung, sondern jetzt — „so gehe der Herr in unserer Mitte“. Gelöst ist damit nichts. Aber die Ausreden wären verbraucht. In dieser Klarheit kann der Bund neu gefasst werden.
Nachhaltigkeit ist dabei mehr als ein ökologisches Spezialthema. Im kirchlichen Zusammenhang berührt sie die Frage, wie ein Leben aussehen kann, das Frieden sucht, Gerechtigkeit nicht auslagert und die Schöpfung nicht nur nutzt, sondern bewahrt. Ex 34 legt dafür eine unbequeme Voraussetzung frei: Es fehlt oft nicht an Einsicht, sondern an Umkehrbereitschaft. Gerade deshalb ist der Blick auf die weiteren Texte dieses Sonntags aufschlussreich. Wenn 2 Kor 13 zu Einmütigkeit und Frieden ruft und dies sogar in einer leibhaftigen Geste der Verbundenheit verdichtet, während Joh 3 Gottes rettende Zuwendung zur Welt bezeugt, dann wird der Horizont weiter: Nachhaltigkeit meint nicht bloß ein besseres Ressourcenmanagement, sondern eine Lebensform, die vom Frieden, von gemeinsamer Verantwortung und von Gottes rettender Zuwendung zur Welt geprägt ist.
Dr. Gernot Meier, Kath. Akademie Baden