30.08.2026 – 13. Sonntag nach Trinitatis / 22. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Apg 6,1-7 Jer 20, 7-9 Röm 12, 1-2 Mt 16, 21-27

Zum 30. August 2026: In Sachsen-Anhalt ist es der Sonntag vor der Wahl, die vielen große Sorgen bereitet. / Kirchen und Kulturschaffende treffen sich in Dessau und feiern ein Fest der Hoffnung und zeigen, was möglich ist. Was für ein Zeichen der Zukunftshoffung!

Apg 6,1-7

Wenn über Entwicklungspolitik debattiert wird, höre ich oft ein Argument: “Wir können uns Entwicklungshilfe nicht leisten, wir haben selber nicht genug Geld für Straßenbau, Krankenhäuser und Schulen. Hilfe muss man sich auch leisten können.” Manche argumentieren dagegen mit dem Hinweis, dass es Witwen in Ägypten noch viel schlechter geht und der Hunger im bürgerkriegszerstörten Sudan eine humanitäre Katastrophe ist. Flugs wird Leid gegen Leid ausgespielt. Beide Seiten verhärten. Solange wir von Entwicklungshilfe sprechen, gibt es eine Seite, die Geld gibt und eine Seite, die von diesen Almosen abhängig ist. Das hilft nicht weiter.

Die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (bzw. Sustainable Development Goals: 17 SDGs der Agenda 2030 https://unric.org/de/17ziele/ oder https://17ziele.de/) durchbrechen diese Logik: Jedes Land muss sich weiter entwickeln, damit alle Menschen in jedem Land der Erde zukünftig gut leben können. Und zwar nicht nur in einem Bereich, sondern in vielen Bereichen, die zusammen gehören. Nicht nur SDG 1 – “Keine Armut” und SDG 2 “Kein Hunger” sind zu erreichen, sondern 17 Ziele, die sehr unterschiedlich sind, sich in der konkreten Maßnahme sogar widersprechen können und abgewogen werden müssen. Das Recht auf eine gute Bildung (SDG 4) ist dabei ein wichtiges Ziel.

Griechische und hebräische Witwen sollen satt werden, weder die einen noch die anderen hungrig bleiben. Mit diesem Konflikt beginnt die Geschichte des heutigen Predigttextes aus der Apostelgeschicjte.

In dem Predigttext wird ein zweiter Konflikt sichtbar. Wir brauchen Zeit, damit alle in Gerechtigkeit satt werden, und wir brauchen Zeit für das Wort Gottes. Zugespitzt wäre dann die Frage: Was ist wichtiger – Zeit für Diakonie oder Zeit für Verkündigung und Lehre (V.2)? Die Geschichte zeigt: Beides soll nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern beides tut not. Als Kirche ringen wir immer wieder darum.

Ein Beispiel dazu: In Kuba habe ich in diesem Jahr erlebt, wie wichtig beides zusammen ist: Es braucht das Brot, den gemeinsamen Mittagstisch, denn der Hunger ist in Kuba zurück. Die Lebensmittelkarte wird abgeschafft. Die Rente reicht nicht zum Überleben. Ohne den Mittagstisch in den Gemeinden würden viele in den Gemeinde und in der Nachbarschaft schlichtweg hungern. Es braucht aber ebenso die Seelsorge und das Gebet, um an der aktuellen Situation, die ausweglos erscheint, nicht irre zu werden.

In der Apostelgeschichte braucht es Anhänger Jesus für das Wort und für die Taten. Beides macht die Gemeinde aus.

Ein Problem dieses Textes aus der Apostelgeschichte ist, dass die Witwen selber nicht zu Wort kommen, weder die griechischen noch die hebräischen. Wie dachten sie darüber? Welche Ideen zur Lösung hatten sie? Für eine nachhaltige gute Lösung sollten sie unbedingt gehört werden. Eine spannende Spur für die Predigt: Einem Gespräch zu lauschen, der Witwen untereinander oder der Witwen mit einem der sieben Männer, die später gewählt wurden. Wie viel Energie Witwen haben können, hat Jesus selbst erzählt (Lk 18,1-5). Diese Energie könnte man für das Gespräch fruchtbar machen.

Jer 20, 7-9

Ich habe auch keine Lust mehr über Klimawandel zu reden, über die Auswirkungen, die es auf die Menschen in Länder hat, die sich weniger schützen können. 2026 wird vermutlich wieder ein heißester Sommer seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Und wie viel verändert es am Verhalten? Welche Maßnahmen werden ergriffen?

Derweil ist die Waldbrandgefahr in Brandenburg weiterhin sehr hoch – oft dort, wo früher Truppenübungsplätze waren, wo alte Muntion im Boden liegt und Löscharbeiten dadurch erheblich schwieriger und gefährlich sind. Es macht keinen Spaß, sich hinzustellen und zu warnen. “2 Grad” ist vielleicht nicht die klügste Zusammenfassung gewesen, um vor den Folgen des Klimawandels zu warnen. Aber jetzt zu sagen: “Hättet ihr früher reagiert, wäre es jetzt nicht so schlimm”, das hilft niemandem weiter.

Wie oft sind die Warner vor dem Klimawandel verspottet worden, weil anderes dringender war?

Ob man Umweltschützer einfach so mit Jeremia und seinen Worten aus dem 20. Kapitel gleich setzen kann? Ganz sicher nicht. Dass er sich ähnlich gefühlt hat, ist sehr gut möglich: Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, Gewalt und Unterdrückung! muss ich rufen. (Jer 20,7f.).

Wer vor den Folgen des Klimawandels gewarnt hat, wer angemahnt hat, dass wir Menschen in Deutschland unser Verhalten ändern müssen, der kann diese Worte des Jeremia womöglich gut nachempfinden. Wie leicht kann das zu Verbitterung, Resignation oder Zynismus führen, je nach Charakter und Umständen. Den Worten des Jeremias entnehme ich Erschöpfung, eine große Erschöpfung und den Wunsch aufzugeben, weil die eigene Kraft nicht reicht. Aber hier endet die Geschichte nicht. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk geht weiter. Daher möchte ich einen Vers von Jeremia daneben stellen. Neun Kapitel später – wie eine Antwort auf den Hilfeschrei Jeremias – ist zu lesen:

Denn ich, ich kenne die Gedanken, die ich für euch denke – Spruch des Herrn - , Gedanken des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. (Jer 29,11)

Wo wir nicht weiterwissen, weiß Gott weiter. Das kann helfen gegen Verbitterung, Resignation oder Zynismus. Dann finden sich neue Ideen und Wege. Vielleicht müssen wir andere Strategien entwickeln, neue Allianzen schmieden.

Brandenburg ist derzeit nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein das drittstärkste Windenergieland. Andere Bundesländer werden andere Stärken haben, die zeigen, was sich alles bewegen und ändern lässt. Und dann können wir über Klimawandel so reden, dass es andere Lust macht, auch die Schöpfung zu bewahren. Nachdem Gott die Klage, die Erschöpfung und allen Frust gehört hat, entsteht Neues.

Welchen Schwerpunkt die Predigt hat, hängt mit der Situation der Gemeinde und der Predigenden zusammen.

Barbara Neubert, Berlin