| ev. Predigttext | kath. 1. Lesung | kath. 2. Lesung | kath. Evangelium |
| Jer 29,1.4-7(8-9)10-14 | Ex 22, 20-26 | 1 Thess 1, 5c-10 | Mt 22, 34-40 |
Gedanken des Friedens
Während ich diese Zeilen schreibe, wird in der Ukraine seit vier Jahren Krieg geführt und der Iran-Krieg befindet sich in der vierten Woche, beides ohne ein Anzeichen von einem Waffenstillstand. Von Frieden ganz zu schweigen. Da springt mir die Formulierung „Gedanken des Friedens“ im Predigttext des evangelischen Predigttextes direkt ins Auge. Ohnehin ist die evangelische Auswahl der Texte und Lieder für diesen Sonntag sehr konzentriert auf das Thema Frieden und auf das Gebot der Nächstenliebe, das die Feinde miteinschließt. Einen ähnlichen Akzent legen auch der alttestamentliche Text und das Evangelium des katholischen Lesejahres. Allein die Epistel (1 Thess 1,5c-10) fällt aus dem skizzierten Themenbereich aus und lässt sich nur indirekt über das Evangelium mit hineinnehmen.
Jer 29,1.4-7(8-9)10-14: „Suchet den Frieden der Stadt“
Der Friede, von dem Jeremia spricht, ist mehr als ein Schweigen der Waffen, mehr als ein mit Zähneknirschen vereinbarter Vertrag. Frieden im biblischen Sinne, Schalom, meint ein umfassendes Wohl, das Würde, Fairness und Sicherheit miteinschließen. Von solchem Schalom ist im Predigttext zweifach die Rede. Er ist zum einen Inhalt und Ziel der Gedanken Gottes: Gott möchte umfassenden Frieden! Er ist aber auch das, was der Bemühung der Angesprochenen zugrunde liegen soll. Was oft als „Suchet der Stadt Bestes“ übersetzt wird, bedeutet wörtlich: „Suchet den Schalom, den Frieden der Stadt!“
Dies ist umso bedeutsamer, weil hier nicht die Situation der Kriegsprävention angesprochen wird, sondern Menschen adressiert werden, die zu den Verlierer*innen des vorangegangenen Krieges gehören. Verschleppt nach Babylon sollen sie, so der Wunsch Gottes und ausgesprochen durch den Propheten Jeremia, nicht nach Rache suchen, keine Aversionen kultivieren, sondern sich um das Wohl der Feinde sorgen. Diese Anweisung liegt ganz auf der Linie des Wochenspruches aus Röm 12,21: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Guten.“
Nicht das Böse, der Hass, die Gewalt können aus Feind*innen Freund*innen machen, sondern nur die gegenseitige Bemühung um das umfassende Wohl aller Beteiligten. Carl Friedrich von Weizsäcker hat diesen Sachverhalt mit deutlicher Klarheit so ausgedrückt: „Intelligente Feindesliebe geht davon aus, dass der Friede nur mit dem Gegner erhalten werden kann.“ Nachhaltiger Friede ist nur möglich, wenn alle Konfliktparteien um Ausgleich, nicht um Konfrontation oder Macht bemüht sind.
Die nach Babylon Verbannten werden aufgerufen, ein neues Leben im Exil aufzubauen und sich dort einzurichten. Dazu gehören Hausbau, Landwirtschaft und Heirat. Die Anweisung zur Heirat ist endogam zu verstehen, Ehepartner*innen sollen aus dem eigenen Volk ausgewählt werden. Es geht dabei darum, sich als Volk zu vermehren. Dies erscheint in unserer Zeit zunächst anachronistisch: Wäre es nicht für die Nachhaltigkeit des Friedens besser, wenn die vormaligen Gegner*innen über ethnische Grenzen hinweg heiraten? Positiv betrachtet wird hier aber der Wunsch nach eigener Tradition und nach eigener Identität deutlich. Die Vermischung von Bevölkerungsgruppen war historisch oft als Mittel des Brechens von Identität verknüpft. Zumindest darf das Aufgeben der eigenen Identität nicht verlangt werden, wenn es um einen nachhaltigen Frieden gehen soll.
Ex 22, 20-26: „Du sollst nicht bedrängen!“
Mit der Androhung von harschen Sanktionen ermahnt der Exodustext, die Schwachen in der Gesellschaft nicht auszunutzen und nicht zu diskriminieren. Beispielhaft sind Fremde, Witwen, Waisen und Arme erwähnt. Geht es im evangelischen Predigttext um den nachhaltigen Frieden nach einem Krieg, so ist Ex 22 als präventive Maßnahme zur Verhinderung von sozialem Unfrieden zu verstehen. Äußerer Friede und innerer Friede sind die beiden Seiten ein und derselben Münze. Existenz in der Fremde, Tod der Angehörigen und überhaupt soziale Benachteiligung sind Lebenssituationen, die jede und jeden treffen können. Daher ist umfassender Rechtsschutz für Betroffene eine Bedingung der Möglichkeit von sozialem Frieden, der nachhaltig sein soll. Es muss nicht extra betont werden: In Deutschland klaffen die sozialen Extreme immer weiter auseinander, obgleich es weltweit natürlich noch krassere Formen von sozialer Ungerechtigkeit gibt. Den sozial Schwachen zu achten, lässt sich auf dem Hintergrund biblischer Überlieferung als eine Konkretion des Gebotes der Nächstenliebe verstehen. Nächstenliebe ist dabei mehr als nur caritative Tätigkeit, sie ist ein Beitrag zum sozialen Frieden.
Mt 22,34-40: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“
Jesus beantwortet die Frage nach dem höchsten Gebot mit dem Doppelgebot der Liebe: Die Liebe Gottes „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ wird dem Gebot der Nächstenliebe gleichgestellt. Der nachhaltige Frieden in der Gesellschaft (horizontale Dimension) wird damit dem Frieden zwischen Mensch und Gott (vertikale Dimension) zugeordnet. Das zitierte Sch’ma Israel („Höre, Israel) aus Dtn 6,5 beginnt mit dem Aufruf zum Hören und mit der Erinnerung daran, dass es nur einen Gott gibt. Der Schöpfer der Welt ist nicht der Gott einzelner Interessen, kein Gott der Gutsituierten oder einer Elite, sondern aller Menschen. Er ist in höchstem Maße unparteiisch. Ihn zu lieben, impliziert daher, göttliche Zugewandtheit und Unparteilichkeit in das menschliche Miteinander zu transferieren. Die wahre Gottesliebe zeigt sich so in der konkreten Nächstenliebe.
1 Thess 1,5c-10: „… zu Gott bekehrt von den Abgöttern“
Die Textstelle lässt sich nicht direkt den Themen von Frieden und Nächstenliebe zuordnen. In der Linie des oben Gesagten ist jedoch der Hinweis auf die Bekehrung von den Abgöttern zum einen Gott (V 9)bedeutsam. Die heidnische Götterwelt war in vielen Bereichen eine Welt der konkurrierenden Interessen. Der eine Gott war für eine bestimmte Zielgruppe zuständig, die andere Göttin für eine andere Zielgruppe. Der menschliche Kampf um Macht und Einfluss war daher zugleich abgebildet als ein Machtkampf der Götter. Die Abkehr von der heidnischen Götterwelt zum einen Gott, dem Gott Israels, der zugleich Schöpfer der ganzen Menschheit war, zog die Orientierung am umfassenden und nachhaltigen Wohl, dem Schalom, aller Menschen und den Einsatz für sozialen Frieden nach sich. Aus heutiger Perspektive betrachtet ist hier wie auch bei den zuvor genannten Textstellen die ökologische Dimension miteinzubinden. Frieden zwischen Völkern und gesellschaftlicher Frieden sind nachhaltig nur vorstellbar unter Einbeziehung eines Friedens mit der Natur.
Ralf Lange-Sonntag, Bielefeld