24.05.2026 – Pfingstsonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Apg 2,1-21 Vorabend: Gen 11, 1-9
od. Ex 19, 3-8a.16-20b
od. Ez 37, 1-14
od. Joel 3, 1-5
Tag: Apg 2, 1-11
(Vorab.:) Röm 8, 22-27
(T.:) Röm 8, 8-17 oder
1 Kor 12, 3b-7.12-13
(V.:) Joh 7, 37-39
(T.:) Joh 20, 19-23 od.
Joh 14, 15-16.23b-26

An Pfingsten geht es um den Geist. Kann „Geist“ nachhaltig sein, oder ist bei diesem Thema alles nur „Schall und Rauch“? Wenn man die Texte der evangelischen Perikopen- und der römisch-katholischen 1. Leseordnung überfliegt, überkommt einem auf jeden Fall das unbestimmte Gefühl, dass es sich hierbei nicht gerade um biblische Texte mit geringem CO2-Fußabdruck handelt – offenes Feuer, Rauch und Gase, die frei entweichen, allerorten! Nachhaltigkeit sieht anders aus – oder versteckt sie sich irgendwo in diesen Versen?

Spaß beiseite und um es vorwegzunehmen: Pfingsten ist wohl das Fest der christlichen Nachhaltigkeit schlechthin! Denn was damals im Tempel von Jerusalem geschah hatte den Sinn und das Ziel, den jungen und noch nicht entwickelten Glauben einer überschaubaren und abgegrenzten lokalen Gruppe zu entgrenzen, kommunizier- und verbreitbar und damit entwicklungs- und zukunftsfähig zu machen – was ja auch gelang. Die Überzeugungen und Erlebnisse einer kleinen Schar in einer eng umfassten Region sollten zugänglich, verständlich und mitteilbar gemacht werden für Menschen und Gruppen aller Nationen und Religionen in der damaligen römisch-antiken Welt – und damit ein festes, nachhaltiges Fundament für die Herausforderungen der Zukunft erhalten.

Interessant ist dabei, dass Mittel und Wege gewählt wurden, die wir auch heute noch anwenden, wenn wir Konzepte und gute Ideen zukunftsfähig und beständig entwickeln wollen. Bei der Nachhaltigkeit von Pfingsten geht es also weniger um Ökologie oder Klimaschutz – der hohe „CO2-Fußabdruck“ der Texte sei entschuldigt – sondern um die nachhaltige Gestaltung von Ideen, Überzeugungen und Strukturen, die möglichst die Stürme der Zukunft überstehen sollten, um dann ihre positiven Auswirkungen für Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn zu entfalten.

Schauen wir auf diese speziellen Aspekte in den einzelnen Texten:

Apg 2,1-21

Die Erzählung des Pfingstwunders erinnert an das Europaparlament: 24 Amtssprachen, in die während der Sitzungen simultan übersetzt wird. Ein immenser Aufwand, der aber zurecht betrieben wird, um alle gleichberechtigt wahrzunehmen und zu beteiligen. Nur so werden Konflikte eingedämmt und eine möglichst breite Zustimmung und Akzeptanz der Entscheidungen gewährleistet – eine multilaterale Wertegemeinschaft, die bereits bei der Verständigung und beim Austausch beginnt und die Verschiedenartigkeit der Beteiligten ernst nimmt.

Die polemische Anspielung auf den „süßen Wein“ erinnert daran, dass es bei dem, was die Jünger weitergaben, nicht nur um faktische, nüchterne Tatsachen ging, sondern um Glaubenserzählungen, die emotional eingefärbt Visionäres für die Zukunft schilderten und entwickelten – heute spricht man gerne von „Narrativen“, die es aber braucht, um Menschen nicht nur rational, sondern ganzheitlich zu überzeugen und zu begeistern – was wiederrum Pfingsten entspricht.

Zum Schriftbeweis aus Joel 3 siehe unten.

Gen 11,1-9

Auch hier geht es wieder um das zentrale Element der Sprache. Aber anders als in Apg 2 erzählt Gen 11 nicht von der heilsamen Überwindung der unverständlichen Vielsprachigkeit, sondern von der Entstehung dieser Entfremdung. Dieser Text ist geradezu die Urlegende der menschlichen Hybris mit all ihrer negativen Begleiterscheinungen wie des ungezügelten Wachstumsgedankens, der keinerlei Rücksicht nimmt auf Erhalt, Wertschätzung und Begrenztheit der natürlichen Ressourcen und ihrem Eigenwert. Die Urgeschichte gipfelt in der Verblendung der turmbauenden Menschen: „Wir wollen uns einen Namen machen!“ (vgl. V. 4). Daneben wird nichts anderes wahrgenommen und wertgeschätzt. Diese Menschen meinem, gemeinsam an ihrem Ruhm zu arbeiten, bewirken aber eigentlich ihren Untergang. Auf diese grausige Geschichte ist Pfingsten die Antwort.

Ex 19,3-8a.16-20b

Der Bundesschluss am Sinai: Es ist der Bund Gottes mit seinem Volk für die Zukunft, erwachsen aus den lebendigen Erfahrungen u.a. der Unfreiheit in der Vergangenheit. Gott verpflichtet das Volk auf seine Gebote, die ein gerechtes, freiheitliches, friedliches und gedeihliches Zusammenleben aller ermöglichen sollen – sowohl der Menschen untereinander, über die Grenzen des eigenen Volkes hinaus, als auch mit allen Mitgeschöpfen der Schöpfung Gottes. Dahinter steht Gottes Erklärung: „Die ganze Erde ist mein“ (V. 5).

Ez 37,1-14

Eine Prophetenvision, die von der lebensschaffenden Kraft Gottes erzählt. Gott kann Abgestorbenes und Verdorrtes wieder zum Leben erwecken und es mit der nötigen Kraft ausstatten. Gottes Kraft macht lebendig. Wobei für diese Kraft hier das hebr. Wort Ru’ach steht, in der Lutherübersetzung 2017 mit „Odem“ wiedergegeben. Ru’ach, an anderen Stellen als „Wind“ oder „Geist Gottes“ übersetzt, wird bei Ez 37 zur schöpferischen Kraft Gottes, die in der Lage ist, dem Menschen ganzheitlich, auch körperlich wieder neue Lebendigkeit einzuhauchen, die ihn am Leben erhält.[1]

Joel 3,1-5

Ein eschatologischer Text mit apokalyptischen Anteilen: Am „Tag des Herrn“, also in der Endzeit, ereignen sich apokalyptische Zeichen, die stark an die Umweltkatastrophen unserer Tage erinnern. Gott gießt auf allen seinen Geist aus, was bei ihnen zu Visionen und Weissagungen führt. Interessant dabei, dass besonders die Prophezeiungen der Jungen betont werden, von denen das aufgrund ihrer geringeren Lebenserfahrung ansonsten nicht erwartet wird – Assoziation unserer Tage: Fridays for future! Ebenso aktuellen Bezug hat die abschließende Feststellung, dass die Rettung von Zion ausgehen wird. Für die endzeitlichen Texte des AT mit ihrer Zionstheologie nichts Überraschendes, enthält diese Aussage vor dem Hintergrund der aktuellen Vorkommnisse und Entwicklungen im Nahen Osten doch eine gewissen Brisanz, die gedeutet werden muss.

 

Zusammenfassend ist zu sagen: Es geht bei allen Texten um die Zukunft, die aus den jeweiligen Zeitumständen heraus geprägt wird und sich entwickelt. Diese Zukunftsprophezeiungen stehen also nicht isoliert, sondern fußen auf dem, was vorher war und somit Konsequenzen entfaltet. Dabei begegnen wir bei dieser Textauswahl dem weiten Horizont der gesamten biblischen Heilsgeschichte: Legendenhafte Urgeschichte – Auszug aus Ägypten und Gottesbegegnung am Sinai – Prophetie in Israel vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte – Gründung des Christentums – Apokalyptik – Eschatologie/Endzeit (die hier fehlenden Zeiträume und Aspekte wie der Wirksamkeit Jesu und Paulus finden sich in der weiteren Textauswahl). Gott spricht selbst und handelt, immer wieder auch durch sichtbare Zeichenhandlungen. Allen erzählten Handlungen und spür- und sichtbare Veränderungen ist zu eigen, dass sie nicht nur das Bewusstsein und die Überzeugungen der Hörenden und Zeuginnen und Zeugen beeinflussen, sondern ebenso konkrete und materielle Auswirkungen auf ihr Leben haben, die aber genau dieses Leben und sein Erhalt stärken und ermöglichen sollen. Pfingsten als das christliche Fest der Nachhaltigkeit: Aus der Kraft des Geistes wachsen nicht nur Glaube und Hoffnung, sondern auch Gemeinschaft und neue, beständige Lebensmöglichkeiten.

[1] Vgl. Ernst Jenni, Claus Westermann (Hg.): Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament (THAT), Band 2; Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, ²2004; Sp. 726–753, insbes. 736f.

Peter Schock, Evangelische Landeskirche in Baden


Teil II: Röm 8,22-27 – Die Welt braucht einen neuen Geist

„Auch die Schöpfung wird frei werden von der Vergänglichkeit“, schreibt Paulus an die Römer. Bis dahin aber seufzt die Schöpfung und wartet auf die Freiheit Gottes.

Das Bild der ächzenden und seufzenden Schöpfung ist schon in den vorangehenden Versen sehr prominent und stark. Die im Eingangsvers des Textes aufgenommenen Bilder können in der Predigt dargestellt und aktuell beschrieben werden. Beispiele maßloser profit- oder auch armutsgetriebener Umweltzerstörung kommen schnell in den Sinn.

Vor allem die immer weiter gehende Abholzung der Wälder im globalen Süden ist angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung eine fatale Entwicklung. Hier wird nicht nur der Lebensraum für Pflanzen und Tiere, sondern auch in einem weiten Maß lokaler menschlicher Lebensraum zerstört, um ihn wirtschaftlich nutzbar und ausbeutbar zu machen. Unter den Folgen leiden über die Klimaentwicklung mit einiger Verzögerung auch die Menschen im Norden.

Dazu kommt der seufzende Mensch, der sich im Blick auf die Welt, auf die Zerstörungen, das Versagen und die Unzulänglichkeiten, mit den Herausforderungen der Zeit umzugehen, nach einem neuen Aufbruch sehnt.

Wer ändert die Verhältnisse? Wie können wir als Gesellschaft der Zerstörung ein Ende setzen und aus der Sehnsucht und dem Seufzen zur Hoffnung gelangen?

Im Blick auf die Zerstörungen und auf die Beeinträchtigung alles Lebens auf der Erde durch die grassierende Ausbeutung der Schöpfung und die Herabwürdigung der Menschen lässt sich eine große Schwachheit des Menschen erkennen. Der Mensch ist nicht in der Lage, für eine nachhaltig intakte Welt zu sorgen.

Dabei ist es gerade nötig, diese Schwäche zu überwinden und von Gott die Stärke zu erbitten, mit neuen Ideen und großer Klarheit, für das Leben einzustehen. Es braucht Mut, die Prioritätensetzungen von wirtschaftlichem Erfolg (resp. Kapitalinteressen) über globale Gerechtigkeit und Entwicklung und über den Schutz jedes einzelnen von Gott geschenkten und geliebten Lebens neu auszutarieren.

Die Welt braucht einen neuen Geist, der die Augen für die Vernichtung von Leben und gemeinsamer Zukunft öffnet und das Denken neu für die Veränderung der Verhältnisse aufschließt. Wenn wir nicht mehr seufzen, sondern kräftig und geeint sind, lässt sich die Welt in einen besseren und lebenswerteren Ort verändern.

Röm 8,8-17 – Gottes Geist verändert die Welt

Paulus schreibt den Römern über die Freiheit Gottes und über den Aufbruch aus der Knechtschaft heraus in ein neues Leben. Der Geist verändert die Welt. Das Leben aus dem Geist und das Leben im Bewusstsein des Geistes ermöglicht eine Neugestaltung der Welt. Die Herrlichkeit Gottes soll auch in unserer Zeit heute schon deutlich werden, sichtbar, erfahrbar und vor allem zukunftsträchtig.

Wer über die Freiheit nachdenkt, kann über Herrschaft nicht schweigen. In diesem Zusammenhang ist das von Paulus gewählte Stichwort Knechtschaft so wichtig, das ein unfreies, beherrschtes und vorgegebenes Leben kennzeichnet. Früher wurde es klarer als Sklaverei gekennzeichnet.

Auch heute noch leben viele Menschen in Knechtschaft. Diese Knechtschaft geschieht oftmals abseits der öffentlichen Wahrnehmung. Sie ist vor allem dort festzustellen, wo Menschen abhängig sind von dem Willen anderer oder wo sie gezwungen sind, sich in Verhältnisse der Abhängigkeit, der Ausbeutung und der Unfreiheit hineinzubegeben, weil sie an Leib und Seele bedroht werden oder weil sie auf andere Art und Weise ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können.

Das geschieht in der Verletzung von Menschenrechten weltweit. Ein Blick auf die Minen zur Gewinnung von kostbarem Edelmetall macht das deutlich. Das geschieht auch mitten in Westeuropa, wenn wir in Schlachthöfe der Fleischindustrie oder auf den Umgang mit Saisonarbeitern in verschiedenen Wirtschaftszweigen schauen. Hierzu sind umfassende Erfahrungen und Erkenntnisse belegt. Menschen aus den ärmeren Ländern dieser Erde retten, schaffen und sichern den billigen Wohlstand in den reichen Ländern. Dazu sei beispielsweise auf den Bericht der Hans-Böckler-Stiftung unter https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-bittere-fruechte-34670.htm verwiesen.

Menschen knechten unter der Vorgabe der Profitsteigerung und der Befriedigung von kurzfristigen Kapitalinteressen aber nicht nur andere Menschen. Menschen knechten auch die Natur, Tiere, Pflanzen und Böden. Lebensräume werden eingeengt oder zerstört. Tiere und Pflanzen ausgerottet, Böden ausgelaugt oder vergiftet. Die Kreatur Gottes wird nicht mehr als kostbares einzigartiges Gut wahrgenommen, sondern allein als Mittel und Zweck der Produktion.

Wer herrscht über das Leben? Wer bestimmt über das Leben? Wer beherrscht mich? Was leitet mein Handeln und Denken?

Paulus schreibt: Der Geist soll es sein. Nur er schafft die Freiheit des Lebens. Der Geist bringt dabei nicht nur die ethischen Grundsätze mit sich, sondern schafft auch Kreativität und Phantasie zum Umgang mit den Herausforderungen des Lebens und der Wirtschaftsgestaltung. Dazu ist es aber nötig, bereit zu sein, eingefahrene Wege zu verlassen, die Prioritäten des Handelns an der Schöpfung Gottes auszurichten und nicht nur alle Menschen, sondern darüber hinaus auch alle andere lebende und leblose Kreatur als durch den Willen Gottes erschaffene zu erkennen und auch so zu behandeln.

Unter dem Geist Gottes geschieht das Leben im Einklang mit dem Schöpfungswillen.

1 Kor 12,3b-7.12-13 – Nur gemeinsam sind wir stark, aber der Herr ist Christus

Paulus war zeit seines Lebens am Aufbau eines nachhaltigen Gemeindelebens interessiert. Er hat es als seine drängendste Aufgabe verstanden. Dazu hat er sich mit all seiner Macht gegen Störfaktoren gestemmt und zugleich auf die Schätze der schon existierenden Gemeinschaften geschaut.

Er hat gesehen, dass Menschen nicht alles können und vermögen. Er hat zugleich gesehen, dass Menschen sich gegenseitig unterstützen und stärken können. Er hat letztlich gesehen, dass Menschen nur gemeinsam in der Lage sind, an einem guten und von Gott aufgebauten und gehaltenen Leben weiter zu wirken und mit ihm zu arbeiten.

Erlöstes und somit gutes, gerechtes und lebenswertes Leben schon in dieser Welt gibt es nur im Zusammenwirken und im Blick auf das Leben aller. Dabei sieht Paulus im Horizont der nach und nach einsetzenden Wirklichkeit der Parusieverzögerung eine besondere Notwendigkeit: Es braucht eine langfristige Perspektive nachhaltigen Lebens in dieser Welt, ohne dabei den Blick, die Erwartung und die Hoffnung auf die Wiederkehr Christi zu verlieren. Dafür sorgt der Geist Gottes innerhalb der vielfältigen menschlichen Gemeinschaft. So sind dieser Blick und diese Erwartung der Antrieb auch heutiger Überlegungen zur Nachhaltigkeit.

Wirtschaften, Arbeiten, Leben sollen auf dieser Grundlage zum Nutzen aller geschehen und nicht nur den Interessen einzelner einflussreicher oder vermögender Menschen dienen. Nachhaltiges Leben erschließt sich und wird stark in dem freien, kreativen und lebensdienlichen Zusammenwirken der verschiedenen Menschen. Jede und jeder bringt mit, was an Fähigkeit, Arbeitskraft, Kapital, Kommunikationstalent, Wissen und Erkenntnis vorhanden ist. Keine der Fähigkeiten und Möglichkeiten steht dabei über der anderen oder begründet gar ein Herrschaftsverhältnis. Ganz im Gegenteil: Herrschaft ist ausgelagert. Der Herr ist Christus.

Dadurch entsteht unter den Menschen eine Augenhöhe, die einer Ausbeutung und autoritären Verhältnissen jeglicher Art entgegensteht. Dies gilt von den kleinen kommunalen Bezügen bis hin zu den globalen Verhältnissen. Dieses Bild ist Aufgabe und Verpflichtung wie auch Hoffnungs- und Sehnsuchtsort. So lässt sich daraus der Auftrag ableiten, für eine nachhaltige und umfassende Veränderung demokratischer Prozesse zu sorgen, die für ein Höchstmaß an Beteiligung einsteht und damit zu einer resilienten praktischen Verfassung einer demokratischen Welt sorgt. Das geht nicht ohne gewachsene Herrschaftsstrukturen abzuschaffen oder zumindest zu nivellieren.

Nicht zufällig schließt an 1 Kor 12 das Hohelied der Liebe (1 Kor 13) an, das mit Glaube, Hoffnung und Liebe die drei Eigenschaften des Geistes versammelt und den Menschen auf die Liebe zu Gott und damit auf die Liebe zum Leben der ganzen Schöpfung ausrichtet.

Joh 20,19-23 – Friede sei mit euch!

Jesus Christus tritt unvermittelt unter die Jünger und spricht sie an. Er sieht ihre Furcht vor der Zukunft. Er sieht Bedrohung und Sorge. Er sieht unter den Jüngern den Verlust von Orientierung und Klarheit des Lebens. Mit seiner Anwesenheit öffnet der Auferstandene den Jüngern eine neue Welt. „Friede sei mit euch!“ Mit dieser Öffnung zur Welt entsteht eine neue Aufgabe, die unter dem Stichwort umfassender, nachhaltiger Frieden für die ganze Schöpfung gut zu beschreiben ist.

Nachhaltiger Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Das sind große Worte. Zugleich sind sie Ziel eines jeden menschlichen Lebens seit dem Anbeginn der Zeit. „Friede sei mit euch!“, ist eine mögliche Übersetzung des Lebensatems Gottes bei der Erschaffung des Menschen (1 Mose 2,7 / Gen 2,7).

Als Nachkommen der Jünger Jesu im Glauben, im Vertrauen und im Auftrag sind auch wir Empfängerinnen und Empfänger der Friedensbotschaft und der Friedenszusage des auferstandenen Christus. So sind wir auch gesandt in diese Welt, um uns genau dafür stark zu machen. Wir tun das an den jeweiligen Stellen, in denen wir uns selbst im Leben wiederfinden und aus der Kraft der Begleitung Gottes heraus.

Das bedeutet aber auch, Fragen zu stellen:

  • Welchen Frieden wollen wir für diese Welt und was macht ihn dauerhaft?
  • Wo fließen derzeit unsere volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ressourcen hin?
  • Wer profitiert langfristig von den gegenwärtigen Verhältnissen?
  • Wer wird unter den herrschenden Bedingungen benachteiligt?
  • Was bedeutet nachhaltiger Frieden?

Wer dabei den Frieden, seine Möglichkeit und seine Hinderungsgründe, nur unter pragmatischen Gesichtspunkten der Aktualität betrachtet, bleibt im Haus der Furcht und der Sorge sitzen.

Wichtig ist dagegen gerade aus der Einsicht des Glaubens und der Nachfolge Jesu heraus das Festhalten an der Verheißung des Friedensreiches Gottes und der Aufbruch in eine neue Welt schon jetzt. Wer nicht mehr vom Frieden träumt, sondern ihn unter den Anforderungen der Gegenwart als unerreichbar begräbt, wird keine Idee von einem nachhaltigen Frieden entwickeln können, weil die Gedanken gefangen bleiben.

Dabei bleibt entscheidend, den Frieden nicht nur in den Gedanken zu haben und von ihm zu reden, sondern auch im Kleinen schon zu tun und umzusetzen. Das gilt für jegliche zwischenmenschliche Beziehung. Das gilt für die Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen und -bedingungen. Das gilt für das Miteinander von Staaten und Gesellschaften.

Dabei sind verschiedene Einsichten hilfreich: So ist Rüstung nicht nur friedenspolitisch, sondern auch wirtschaftlich nicht nachhaltig. Wer einen Euro in Rüstung investiert, erwirtschaftet 50 Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung. Wer denselben Wert in Bildung und Infrastruktur investiert, erhält bis zu drei Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung.

Krieg tötet nicht nur Menschen und verletzt an Leib und Seele, sondern er ist auch ein enormer Umweltzerstörer und CO2 Emittent. Der Krieg trägt damit über das Kriegsgebiet hinaus zur weiteren Zerstörung lokaler und globaler Lebensgrundlagen bei. Das sind nicht nur Nebenaspekte.

Nachhaltigkeit ist nur in einer im weitesten Sinne umfassend friedlichen Welt zu erreichen, die Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit in ihrem Friedenshandeln umsetzt, gewährleistet und dauerhaft bewahrt.

„Friede sei mit euch!“

Maximilian Heßlein, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA) der Evang. Landeskirche in Baden