22.11.2026 – Letzter Sonntag im Kirchenjahr / Christkönigssonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Letzter Sonntag: Offb 21, 1-7
Totensonntag: 1 Kor 15,35-38.42-44a
Ez 34, 11-12.15-17 1 Kor 15, 20-26.28 Mt 25, 31-46

Anmerkung: In beiden Konfessionen wird am letzten Sonntag im Kirchenjahr, bzw. Christkönigssonntag aus dem 1. Korinther 15 gelesen – allerdings unterschiedliche Verse. Die Autorin betrachtet nachfolgend beide Perikopen.

1. Korinther 15,35-44*

Den letzten Sonntag im Kirchenjahr als Tag zu nehmen, um dezidiert nachhaltig politisch zu predigen, verbietet sich. Menschen kommen mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer. Wer will da etwas über politische Ereignisse hören?

Dabei stirbt jeder Mensch in einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Viele Bedingungen sind nicht gut. So wird in Trauergesprächen immer wieder Wut laut, zum Beispiel Wut über unser Gesundheitssystem: Da braucht der Krankenwagen viel zu lange vom entfernten Krankenhaus über die Landstraßen – wenn es schneller gegangen wäre, hätte der Vater vielleicht eine Chance gehabt.

Wie viel Wut ist angesichts der Klimafragen zu hören. Das Robert-Koch-Institut geht von 11.900 Hitzetoten in 2026  aus. (Quelle: Robert Koch-Institut: Zahl der Hitzetoten höher als angenommen | tagesschau.de, abgerufen, 25.08.2026). Dieser Sommer war so heiß – viele konnten sich nicht genug schützen. Sie wurde nicht genug geschützt – jetzt wird eine Kerze für sie angezündet.

Die Wut, manchmal auch Resignation, ist verständlich – aber hat sie Platz in einer Predigt am Ewigkeitssonntag?

Der Predigttext beschäftigt sich nicht mit der Wut oder mit der Frage nach dem Leben vor dem Tod. Er stellt die Frage nach der Leben nach dem Tod. „Wie werden denn die Toten auferweckt? In was für einem Leib werden sie wiederkommen?“

Dahinter steckt die eine seelsorgliche Frage: Wird es eine Verbindung geben zwischen den Lebenden und den Toten? Gibt es eine Beziehung, die bleibt?

Paulus buchstabiert seinen Glauben an die Auferstehung Stück für Stück, nutzt Vergleiche, Bilder. Glaube ohne die Auferstehung Jesu und ohne die leibliche Auferstehung von Menschen ist für ihn nicht vorstellbar. Und zugleich ist dieser Körper anders. Paulus spricht von einem geistlichen Leib, ohne genauer auszuführen, wie er sich diesen vorstellt. Aber es bleibt eine Verbindung.

Einen wunderschönen Gedanken finde ich das Bild: „Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft.“ Es lohnt sich dies länger zu bedenken. Die Schwachheit und Ohnmacht hier, wird verwandelt werden. Das was hier niederdrückt und nicht gelingt, wird auferstehen in Kraft. Wenn wir durch Christus schon jetzt Anteil haben an dieser Kraft des Auferstandenen, dann werden wir auch hier genug Kraft für Veränderungen haben, die nötig sind, damit die Elenden getröstet sind.

So wird aus diesem Teil des Briefs an die Gemeinde in Korinth ein Hoffnungstext für Menschen, die mit Wut und Ohnmacht am Grab gestanden haben.

(Zur Auswahl der Beispiele: Sie betreffen direkt die Ziele 3, 11 und 13 der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDG))

1. Korinther 15,20-28

In diesem Abschnitt wird die Machtfrage gestellt: Wer unterwirft wen? Wer ist stärker? Paulus argumentiert. Zentral ist für ihn: Christus ist stärker als der Tod. „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.“

Der Tod, der einen Menschen getroffen hat, der zu mir gehört, der Tod als Macht, die Leben zerstören will – er ist entmachtet.

Hier lässt sich gedanklich spielen: Was, wenn der Tod entmachtet wird, hier in dieser Welt. Was geschieht, wenn ich daran glaube?

Wenn ich Nachrichten höre, dann höre ich viele Schreckensnachrichten: Tote in der Ukraine – und kein Ende des Krieges ist in Sicht, Angriffe in der Straße von Hormus – und kein Ende in Sicht. Leid und dramatisch gestiegene Säuglingssterblichkeit in Kuba – und keiner weiß, wie lange es noch so weiter geht. Womöglich Schäden im Zuge des Wetterphänomens El Nino im November (während ich dies schreibe, bereiten sich manche Länder darauf vor) – und wenige, die willens und in der Lage sind, den CO2-Ausstoß drastisch zu verringern. Die Liste ließe sich fortsetzen. Oft klingt es nach Untergang. Die Situation ist ausweglos. Wir sind dem Tod ausgeliefert. Diese Überzeugung macht sich breit.

Für mich sind die Worte des Paulus ein Text gegen diese Ohnmacht: Wir sind dem Tod nicht ausgeliefert. Er ist entmachtet. Christus hat ihn besiegt. Was geschieht, wenn ich daran glaube?

Dann hat die Ausweglosigkeit nicht das letzte Wort. Dann höre ich auf, an einen Untergang zu glauben. Mein Eindruck ist, dass wir dies in diesen Zeiten verstärkt brauchen, denn Untergangsszenarien werden von verschiedenen Seiten an die Wand gemalt. So nutzen zum Beispiel rechte Christen und Christinnen in den USA apokalyptische Bilder (sieh hierzu: https://www.ndr.de/kultur/buch/mit-gott-gegen-die-demokratie-die-gefahren-des-christlichen-nationalismus,henze-104.html, abgerufen am 10.09.2026) . Auch radikale linke Bewegungen greifen immer wieder auf apokalyptische Vorstellungen zurück – besonders dort, wo politische oder ökologische Krisen als drohender Zusammenbruch der bisherigen Welt beschrieben werden. Dieser Text setzt dagegen: Der Tod ist entmachtet. Er hat nicht die Kraft zum Untergang.

Eine Anmerkung zum Schluss: Während ich dies schreibe, habe ich Worte von Fulbert Steffensky im Ohr. Predigend sprechen wir von Dingen, die viel größer sind, als das wir sie verantworten könnten. Wir stellen uns hin und sagen: Christus ist stärker als der Tod. Er hat ihn besiegt. Wie können wir davon sprechen, ohne dass diese Worte hohl klingen, reine Behauptungen. Trotzdem sollen wir genau über diese Worte predigen, so predigen, dass sie Menschen im Gottesdienst trösten, den Blick weiten und ihnen im Leben weiterhelfen – und womöglich auch uns selbst.

Matthäus: 25,31–46

Was für ein fundamentaler Text: das Gleichnis vom Gericht des Menschensohns. Die Erzählung von den Werken der Barmherzigkeit. Was für eine Kraft in ihm steckt. Immer wieder ist es Menschen zum Wegweiser geworden zu dem, was im Leben zählt.

Ich mache ein Gedankenexperiment: Wie lesen diese Worte ganz unterschiedliche Personen? Das könnte uns helfen, diese Worte tiefer zu verstehen. Hier eine Auswahl von Personen für das Gedankenexperiment:

Aus den USA ist eine Frau zu Besuch. Sie gehört zu einer konservativen Kirche. Alle hier zählen sich zur MAGA-Bewegung (Make America Great Again). Täglich liest sie in der Bibel, betet sie. Sie dankt Gott, dass sie Amerikanerin ist. Jeden Sonntag geht sie in die Kirche. Am letzten hat sie diese Worte aus Mt 25 vor allen vorgelesen. Sie ist sich sicher, dass sie auf der rechten Seite steht.

Für meine Nachbarin waren diese Worte wichtig für ihren eigenen inneren Kompass. Wenn sie in der U-Bahn ein Mann um Geld bittet, gibt sie ihm, wenn eine Frau in der Fußgängerzone auf dem Boden sitzt und bettelt, holt sie eine Münze heraus. Manchmal fragt sie sich, ob das wirklich hilft, aber dann denke sie an die Worte aus Mt 25 und kann nicht anders.

Mein Kollege arbeitet mit Geflüchteten. Für ihn und seine Arbeit ist dieser Text ein festes Fundament. Christlichen Glauben ohne Solidarität mit Fremden kann er sich nicht vorstellen. Wie oft erlebt er es, dass Menschen fremd sind, nicht willkommen geheißen werden, keinen Platz bekommen. Er kennt viele Geschichten zu dem Satz „Ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen“.

Wie liest ihn jemand, der vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen ist, als Flüchtling. Er hat er beides erlebt: aufgenommen und nicht aufgenommen zu sein.

Für die Predigt können weitere, andere Personen hinzukommen, je nach Ort.

Ich stelle mir einen Tisch vor, an dem sie alle sitzen und diesen Text diskutieren. Durch einen Zufall (oder Fügung) sind es alles Menschen, denen ihr christlicher Glaube wichtig ist. Es wird ein langer Abend. Es wird gestritten (und von diesem Streit kann die Predigt erzählen). Und es gilt: Der Geist Gottes ist mitten unter denen, die an dem Tisch sitzen und am Ende einander besser verstehen.

Und der Geist Gottes ist mitten unter denen, die an diesem Tisch sitzen – auch mitten im Streit. Wie dies endet, entscheidet der Prediger / die Predigerin. Bei mir wird es sicher versöhnlich sein: Dass sie einander besser verstehen und erkennen, jeder von uns ist nach Gottes Ebenbild geschaffen.

Barbara Neubert, Berlin