| ev. Predigttext | kath. 1. Lesung | kath. 2. Lesung | kath. Evangelium |
| 1 Petr 2,21b-25 | Apg 2, 14.22-33 | 1 Petr 1, 17-21 | Lk 24, 13-35 od. Joh 21, 1-14 |
Die Sonntage der Osterzeit entfalten die Bedeutung der Präsenz des Auferstandenen für das Leben und Handeln der christlichen Gemeinden damals und heute. Auferstanden sind mit der Person auch vor allem seine Themen, Inhalte und sein gesamtes Projekt (seine Vorstellung vom „Reich Gottes“), das bestätigt wurde. Die „Sache Jesu“ geht weiter: im Glauben und Wirken der Gemeinden. Im Geschehen von Kreuz und Auferstehung erweist sich die christliche Theologie dabei in einem grundlegenden Sinne als „Krisenbewältigungstheologie“ bzw. „Transformationstheologie“ [Wagner/Vouga, 99]: Die Energie, die die Gegner Jesu aufbrachten, um ihn mit seinem Anliegen aus der Welt zu schaffen, verwandelt sich zu einer Energie, die andere Menschen aus einem erneuerten Geist heraus „auferstehen“ (d.h. konkret: aufstehen) lässt. Das Kreuz als Todeszeichen wird so zu einem Leben spendenden „Kraft-Paket“, das die nachfolgenden Christenmenschen zu „geistlichen Energiegenossenschaften“ [Müller-Fahrenholz, 327] zusammenschließt und gemeinsam in der Welt tätig werden lässt. Der 3. Sonntag der Osterzeit („Miserikordias Domini“ in der evangelischen Tradition) meditiert dabei Christus als unsichtbaren, aber höchst wirksamen „guten Hirten“ für die Nachfolgegruppen.
1 Petrus 2,21b-25 / 1,17-21: „Wiedergeborene“ als Träger gelebter Hoffnung
Die Sklavenparänese (2,18-25) kann als „Mitte und Herzstück“ des 1. Petrusbriefes angesehen werden [Steetskamp, 59], da er insgesamt aus der Perspektive (juden- und heidenchristlicher) „Haus-Sklaven“ abgefasst worden ist. In totalitärer Weise gefangen im römischen Herrschaftssystem, ohne eigene Rechte, Familie und Zukunft, erleben die Sklavinnen und Sklaven hier eine vollkommene Umwandlung ihrer Existenz und Identität. Sie erkennen sich wieder im Sklaventod Jesu „am Holz“ – und begreifen seine Intention: Er lebte die „Gerechtigkeit Gottes“ (2,24), die die Menschen zu Gott und zu einem (völker- und klassenübergreifenden) „Menschsein in Gerechtigkeit und Respekt“ führen will (Kapitel 3-4). Sein Leiden war kein passives Erleiden, sondern eine höchst aktive und zielgerichtete Handlungsform: ein „Tun des Guten/Gut-Handeln“ (1,15.17; 2,12; 3,1.16 u.ö. – eine Hauptvokabel des Textes, die im NT nur hier erscheint), dem allein die Fähigkeit zukommt, die Gerechtigkeit Gottes in der Welt zu bezeugen und mit zu verwirklichen (besonders ausgeführt in 3,8-17). „Sünde“ meint im 1. Petrus die „Verfehlung“, das Böse (durch ein Zurückdrohen und Schmähen: 2,23) nachgeahmt und damit aus der Gottesbeziehung herausgefallen zu sein.
Das „Gelitten für euch“ (2,21) erhält hier eine doppelte Bedeutung. Es meint zum Einen „Euch zum Trost“: Die Sklaven fühlen sich wahr- und angenommen in ihrem Leid, woraus eine Vertrauensbeziehung entsteht (vgl. 1,8); und zum Anderen „Euch zum Vorbild“: Christus hat hier etwas getan, was die Christinnen und Christen genauso tun können und tun sollen [Wagner/Vouga, 95]. Mittels dieser „Vorbildchristologie“ (in dieser Form einmalig im NT) wird Christus sehr konkret zu dem „Hirten“ (2,25), an dem sich die Gläubigen orientieren können: Nachfolge wird ermöglicht, indem er die „Fußstapfen“ gesetzt hat, die nun betreten werden können und sollen. So erfahren die Angesprochenen „Heilung“ (2,24) durch eine neue Identität und eine damit verbundene Beauftragung: Als „Wiedergeborene zu einer lebendigen Hoffnung“ (1,3) (d.h. zu einer neuen Lebensausrichtung) werden aus den „gefangenen Sklaven“ nun „innerlich befreite Diener Gottes“ (2,16) in der Welt.
Mit Motiven der Exodustradition („Umgürtet eure Lenden“, 1,13) wird nun der „Auszug“ aus dem herrschenden römischen Kaiserkult beschrieben (1,18: Abkehr von dem „nichtigen Wandel nach der Väter Weise“ aus öffentlichen Kaiserhuldigungen und Volksbelustigungen, die hier mit den „Begierden“ in 1,14 gemeint sind) – und dann als erneuter, bewusster „Einzug“ in die problembeladene und oftmals gewalttätige Alltagsgegenwart weitergeführt. „Wie neugeborene Kinder“ (2,2) und als „königliche Priesterschaft“ und „Volk Gottes“ (2,9) sollen die Gläubigen jetzt durch einen „gottgemäßen, ehrlichen, respektvollen und gewaltfreien Lebenswandel“ Gottes „Licht und Gerechtigkeit“ bezeugen und andere Menschen dafür gewinnen. Die oftmals missverstandene Rede von der „Unterordnung“ (2,13.18; 3,1) meint in diesem Zusammenhang das bewusste Hineingehen in die vorherrschenden Strukturen mit dem Ziel der Weltveränderung nach dem Vorbild Christi. Den umfassenden, positiven Rahmen für diesen Veränderungsprozess bietet schließlich das (starke) Bild von der Welt als „Haus Gottes“, an dem alle Gläubigen durch ihre Nachfolge als „lebendige Steine“ mit bauen (2,5) und an dessen „göttlicher Haushalterschaft“ (Ökonomie) (4,10) alle mitwirken. So werden aus den zuvor verzweifelten und ohnmächtigen Sklavinnen und Sklaven jetzt mit Hoffnung erfüllte und selbsttätig handelnde Menschen Gottes [zur Zusammenfassung der Aspekte des 1. Petrus insgesamt: vgl. Röhr, 169-182]
Mögliche Übertragungen auf Heute:
- Sklavendienst und Menschenwürde: Noch heute gibt es weltweit Millionen Menschen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen mit ihrer Arbeitskraft ausgebeutet werden und in völliger Abhängigkeit leben. Vieler der Produkte, die wir konsumieren, stammen aus Sklavenarbeit. Doch auch wir sind in diesem weltweiten Wirtschaftssystem mitgefangen, nur eben in wesentlich besser gestellter Weise, und „huldigen“ dem System aus hohem Konsum, billigen Preisen, immer neuer Technik und noch mehr Bequemlichkeit – mit allen seinen negativen Folgen. Auch hier stellt sich die Frage nach der Menschenwürde, nur auf uns bezogen: Wollen wir das mit uns machen lassen und all das unterstützen? Die Erkenntnis eines allgemein gültigen und verbindenden „Menschseins vor Gott“ (heute: einer „universellen Menschenwürde“) als Grundlage für Frieden und Gerechtigkeit ist das große (geheime) Thema des 1. Petrus (benannt als „unvergängliches Erbe im Himmel“, 1,4) – und gilt bis heute (freilich in Erweiterung auf die Würde aller Lebewesen).
- Befreiung zum Handeln: Hoffnungslosigkeit, Resignation und Ohnmachtsgefühle sind auch bei uns weit verbreitet. Das „Vorbild Christi“ befreit zum Handeln: Nicht der schnelle, sichtbare Erfolg ist das Ziel, sondern das beharrliche Bezeugen und Tun des „Guten“ (ausgerichtet auf Werte wie Nachhaltigkeit, Gewaltlosigkeit, Verbundenheit, Bescheidenheit, Suffizienz etc.). Durch Orientierung an Christus als „guten Hirten“ werden wir bereit und fähig zur Ver-Antwortung und Nachfolge. Hoffnung ist nur dann lebendig, wenn sie gelebt wird.
- Gemeinschaftliche Mitwirkung am „Haus Gottes“: Alle Orientierung am auferstandenen Christus als „Hirte“ führt, wenn sie ernst genommen wird, in eine Gemeinschaftsbildung (in Form einer „geistigen Energiegenossenschaft“), da er nur dort lebendig ist und wirken kann. Hier kann und soll im Kleinen schon die Transformation gelebt und erfahren werden, um die es im „Haus Gottes“ als produktives Bild einer umfassenden Gemeinschaft vieler bzw. aller Menschen geht. Alle Einzelpersonen bleiben in diesem Bild mit gewürdigt als „lebendige Steine“, ohne die es kein Haus geben kann – darin liegt eine große Kraft. Und nur in einer solchen Gemeinschaft können dann auch Rückschlägen, Enttäuschungen oder Widerstände (im 1. Petrus: Leiden) ausgehalten und überwunden werden.
Lukas 24,13-35: Der Auferstandene als „guter Hirte“, der die Gemeinde leitet
Die berühmte Geschichte von den „Emmaus-Jüngern“ ist ohne Zweifel das Urbild davon, wie sich die ersten christlichen Gemeinden vorstellten, wie der Auferstandene trotz seiner Abwesenheit ganz bei ihnen ist und sie begleitet und leitet. In der brasilianischen Befreiungstheologie ist dies eines der Haupttexte, an dem sich der methodische Dreischritt, der zu Befreiung und Veränderung von Wirklichkeit führt, festmachen lässt.
- Sehen (24,13-24): Auch wenn der Auferstandene versucht hätte, sich den beiden Jüngern als solcher vorzustellen: Sie hätten ihn wohl nicht erkannt – und ihm nicht geglaubt. Stattdessen beginnt alles Glaubensverstehen mit dem Wahrnehmen der Wirklichkeit. Zweimal fragt er die Jünger, was los ist. – Alle Transformation beginnt mit dem Ernstnehmen dessen, was ist, auch und gerade, wenn es weh tut und man davon laufen möchte wie die Emmaus-Jünger.
- Urteilen (24,25-27): Hier geht es um einen vertieften und erweiterten Blick auf die Wirklichkeit im Lichte der Bibel, und das heißt hier (vielleicht erstaunlich – und doch nicht erstaunlich): im Lichte des Alten Testaments. Das Geschehen am Kreuz wird hier gedeutet als Ausdruck eines unausweichlichen Konfliktes, in den jeder Mensch gerät, der sich im Namen Gottes für die Gerechtigkeit einsetzt, um die es bei Mose und den Propheten geht. Der entscheidende Punkt: Dies wird im Sinne einer „Transformationstheologie“ gerade nicht als das Ende, sondern als ein wichtiger Neuanfang auf dem (unaufhaltsamen) Prozessweg der Veränderung verstanden: Die negative Energie der Gegner Jesu verwandelt sich in höchste positive Energie um bei denen, die anfangen die Dinge neu zu sehen und zu verstehen („Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete und uns die Schrift öffnete?“ – 24,32). Aber das Umdenken allein reicht noch nicht aus.
- Handeln (24,28-35): Die volle Erkenntnis kommt erst in einer neuen Praxis: Erst beim Brotbrechen bei ihnen zuhause erkennen sie den Auferstandenen wirklich – und schon ist er verschwunden (und darf und muss verschwinden). Denn auch hier findet eine entscheidende Übertragung (Transformation) statt: von der Person Jesu auf die Gemeinde. Im selbständigen Handeln der Gemeinde ist Jesus als auferstandener Christus ab jetzt vollgültig anwesend und wirksam. Interessant wird es, wenn man das Brotbrechen in Emmaus einmal nicht auf das „wichtigere Brotbrechen“ beim Abendmahl Jesu mit den Jüngern zurückweisen lässt, sondern umgekehrt: Beim Abendmahl und in der Eucharistie in unseren Kirchen erfahren wir Christus, aber so, dass wir ihn in der (noch größeren) Praxis im Alltag der Welt suchen und finden wollen, nämlich im Teilen des Lebensnotwendigen in den Häusern der Menschen und in der Verwirklichung der gottgewollten Gerechtigkeit in der Welt. Erst in einer gelebten Praxis der Gläubigen werden Gott und der Auferstandene wirklich „sichtbar“ und erfahrbar.
Am Ende werden wir (als Lesende) zu Zeugen einer neuen Praxis der Emmaus-Jünger: „Und sie standen auf zu derselben Stunde und kehrten zurück nach Jerusalem“, wie es heißt (24,33). Wir erleben hier die „Auferstehung der Jünger“, die jetzt die Kraft haben, an den Ort ihrer Trauer zurückzukehren – um die zur Auferstehung zu bringen, die (noch) nicht solches erlebt haben. Es ist wie bei mit den Domino-Steinen, nur umgekehrt: Einer steht auf und zieht all die anderen, die umgefallen waren, nach und nach mit sich nach oben. Auch wir haben ein solches Denken in Prozessen nötig, wenn wir an einer Transformation mitwirken wollen.
Carsten Röhr, Bad Hersfeld
Literatur:
- Wagner, Gerald/Vouga, François: Der erste Brief des Petrus. Handbuch zum Neuen Testament 15/!!, 2020
- Müller-Fahrenholz, Geiko: Heimat Erde. Christliche Spiritualität unter endzeitlichen Lebensbedingungen, 2013
- Steetskamp, Jisk: Autorschaft und Sklavenperspektive im Ersten Petrusbrief, 2020
- Röhr, Carsten: Gewalt und Gegenmacht. Überlegungen zum 1. Petrusbrief als Gebrauchstext für christliche Gemeinden heute, in: Kessler, Rainer/Sager, Dirk (Hrsg.): Von Gott reden in einer Welt der Gewalt. Biblische und heutige Perspektiven, 2024 (S. 167-193)