18.11.2026 – Buß- und Bettag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. Evangelium
Jes 1,10-17 Offb 4, 1-11 Lk 19, 11-28

Vorbemerkung

Am Buß- und Bettag zu Nachhaltigkeitsthemen christlich zu reden, könnte einem naheliegend erscheinen. Andererseits kann es auch eine sehr undankbare Aufgabe sein, ja eine Gefahr mit sich bringen: Zu ausgelatscht erscheinen einem vielleicht die Predigten voll ethischer Ermahnung, die einem die Schlechtigkeit des Menschengeschlechts in dunklen Farben vor Augen malen und zum anderen haufenweise gute Taten empfehlen.

Wer büßen möchte, dürfte heute meist als etwas seltsam oder devot-verkorkst rüberkommen. Allenfalls wenn man wirklich etwas ausgefressen hat, wird einem das Büßerhemd als glaubwürdig und passend abgenommen. Dass der Büßer dem Wortlaut nach aber etwas ganzmachen, wiederherstellen oder heilen möchte, sich darin aber überfordert fühlen kann und daher das Gebet als seinen richtigen Ort einschätzt, das wird gern einmal übersehen. Einer büßenden Person ist ein Schaden im eigenen Leben offenbar, der befremden und beschämen kann, den man aber nun gern verstehen und ausbessern möchte. Es ist nicht von ungefähr, dass das Wort »besser« von »büßen« kommt. Es geht also nicht als erstes um Schuld, sondern es geht um einen Schaden, auf den man aufmerksam geworden ist. In einer wohltuenden, beschützenden und gerechten Welt beobachtet man Risse oder Lücken, die nach einem Lücken-Büßer rufen.

Ev. Predigttext: Jes 1,10-18

Gott beschwert sich durch den Mund des Propheten: Es reicht ihm! Gott beschimpft die Angeredeten (sie kommen bezüglich ihrer Lebenseinstellung aus Sodom und Gomorra). Vordergründig treiben sie zwar allerhand frommen Aufwand und die Mechanismen kollektiver Ent-Schuldung sind Ihnen vertraut: Sie bringen vorbildlich Opfer, verbringen Zeit im Tempel, allerlei Räucherwerk liegt in der Luft, Feiertage und -zeiten werden penibel eingehalten. Es gibt eigentlich nichts zu meckern, aber Gott hält davon nichts. Er verbirgt seine Augen vor den Gaben und hört die Gebete nicht mehr an. „Eure Hände sind voll Blut“!

Das könnte ein Einstieg sein, die heutigen, säkularen Mechanismen kollektiver Ent-Schuldung zu analysieren. Was tun wir heute, um uns zu beruhigen angesichts der beunruhigenden Zustände in dieser Welt? Mir fallen die jährlichen Rituale immer flauer werdender Klimakonferenzen ein, zu der immerhin über 30.000 Menschen zusammengeflogen werden. Die Vor- und Zurück-Politiken der Regierungen und der EU, erst gesetzliche Regelungen zu erlassen, um sie dann anschließend wieder abzuschwächen (Lieferketten, Verbrenner-Aus). Immerhin kann man ein gutes Rest-Gefühl für sich reklamieren. Naturzerstörung und Menschenrechtsverletzungen werden hier und da billigend in Kauf genommen, den Kritiker*innen solchen Verhaltens dagegen „Ideologie“ oder „wirtschaftliche Unvernunft“ vorgeworfen. Was in der Antike das Räucherwerk war, ist heute die politische Nebelkerze.

Aber sind wir das wirklich? Wenn wir es Gott gleichtun und einen Schritt zurücktreten, würde uns der Blick auf uns vielleicht auch befremden? Würden wir die Risse und Lücken in unserem Leben sehen, sie bedauern und uns davon noch weiter distanzieren können? Könnten wir dann dieses Programm hören: „Lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun!“

Auch wenn manche Bilanz heftig ausfällt (eure Feste sind mir eine Last; eure Hände sind voller Blut), so ist Gott mit den Angesprochenen doch nicht fertig. Sie können lernen, Gutes zu tun! Manchmal würden wir angesichts des schon angerichteten Übels und der Größe der Herausforderungen denken, dass es sich gar nicht lohnen würde, damit überhaupt anzufangen. Sodom und Gomorra würden wir wohl nie verlassen können. Doch wir können, vielleicht als letzte Provokation dieses Textes, auch dies hören: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden“. Es kann sein, dass wir nicht jeden von uns angerichteten Schaden heilen können, aber das kann und soll keine Ausrede werden, gar nicht erst zu versuchen, anders zu werden. Bei den Menschen ist es unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich.

Lesung röm.-kath.: Off. 4,1-11

Die Offenbarung will uns in andere Welten bringen. Das verwirrt und überrascht zugleich. Nicht, dass die Bilder, die uns hier geboten werden, nicht prachtvoll und faszinierend wirken würden! Aber wie es oft bei guter Kunst ist: über die Deutung lässt sich trefflich streiten!

Ohne ins Kalauerhafte abzugleiten, kann man feststellen, dass der Text ein Recycling-Produkt ist: vor allem in seinem Zentrum nimmt er die Thronratsvision Jes 6 auf. Das „Kadosch, kadosch, kadosch!“, das die sechsflügligen Seraphim dort singen, kommt hier auch wieder zum Zuge. Die Musik aus dem Himmel begleitet uns heute beim Abendmahl, dann also, wenn wir erneut im Gottesdienst die Anwesenheit Gottes feiern – nur diesmal nicht im entrückten Himmel, sondern mitten unter uns!

Auch wenn uns die Unterwürfigkeitsgesten, von denen der Text erzählt, befremden, weisen sie doch auf eine Haltung, die man heute wohl „Fokussierung“ nennen würde: in ihrem Dreimalheilig kennen sie keine Pause. Die Mächtigen, die sich niederwerfen, erkennen an, dass es nichts Wichtigeres in ihrem Leben geben kann, keine höhere Macht.

In all den verwirrenden und Durcheinander bewirkenden Eindrücken, die täglich auf uns einprasseln, kann die Zentrierung auf das Wesentliche verloren gehen. Die Maßstäbe verrutschen, die Zugeständnisse an „Pragmatismus“ und behauptete „Notwendigkeiten“ verzerren unser eigenes Profil, mit dem wir als Christinnen und Christen angetreten sind, bis hin zu Unkenntlichkeit. In all dem kann so ein Satz eine hilfreiche Rückführung auf das Wesentliche sein: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen“.

Evangelium röm.-kath.: Lk 19,11-28

Reißt man den Satz „Wer hat, dem wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat aus dem Zusammenhang, scheint er in den Zitatenschatz des vollkommen desillusionierten Menschen zu gehören. Amerikanische Soziolog*innen dagegen sprechen – nach der parallelen Überlieferung bei Matthäus – vom „Matthäus-Effekt“: aktuelle Erfolge gelingen leichter aufgrund von früheren Erfolgen, weniger aber durch aktuelle Leistungen.

Tatsächlich geht es den Evangelisten um etwas anderes. Er redet von einer Zumutung oder ungläubigem Staunen für die Gemeinde: Uns ist Großes anvertraut. Wir können es wachsen und gedeihen lassen.

Beides glauben wir nur zu gern oft nicht. Oder wir wollen den Gedanken nicht an uns heranlassen, weil er uns in unserem Leben Anstrengungen bringen könnte. Dabei kann es eine ebenso herausfordernde wie wohltuende Aufgabe sein, sich auf die Suche nach den eigenen Talenten zu machen. Dann kann sich die Frage stellen, ja vielleicht von selbst die Antwort ergeben, was man damit Tolles anfangen kann. Zur Besserung der Welt. Um einen Unterschied zu machen.

Dr. Thomas Schaack, Nordkirche