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| Lk 16,1-8(9) | Spr 31, 10-13.19-20.30-31 | 1 Thess 5, 1-6 | Mt 25, 14-30 |
Im Zeichen der Ă–konomie
Ökonomie ist eine der Drei Säulen der Nachhaltigkeit. Die Perikopen für Sonntag, den 15. Nov 2026 geben Anlass, ehrlich die ökonomische Situation zu sichten, die uns und damit auch unsere sozialen Beziehungen prägt. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Armen und Bedürftigen, denn das, wovon die einen profitieren, wird oft zum Nachteil anderer. Gottes Weisheit lädt uns zu einem tätigen und solidarischen Miteinander ein. Alle Perikopen des Tages weisen uns Wege, wie wir unser Leben in unterschiedlichsten Situationen dynamisch, kreativ und klug in die eigenen Hände nehmen können.
Heute geht es um „Haushalte“, anders ausgedrückt, um Hauswirtschaft, um das Wirtschaften auf den verschiedensten Ebenen. „Hauswirtschaft“ meint „Ökonomie“ im wahrsten Sinne des Wortes. Das Wort „Haushaltsökonomie“ kommt aus dem Griechischen von Haus („oikos“) und Wirtschaft („oikonomia“). Auch der Begriff „Ökumene“ kommt daher. Das ist auch ein Sinnbild für das Leben im gemeinsamen, weltweiten Haus. Es tauchen die Fragen auf: Wie wirtschaften wir in unseren Haushalten, wer schuftet im Sichtbaren, wer im Unsichtbaren? Welche finanziellen Resourcen habe ich / haben wir, welche Profite, wie viele Zinsen? Aber auch die konkreten Fragen: Welche Schulden habe ich / haben wir, welche einzulösenden Kredite und welche persönlichen Mühen habe ich / haben wir, welche körperlichen Grenzen, welche emotionalen Grenzen? Wo liegen unsere gesellschaftlichen und persönlichen Resourcen, unsere emotionalen und geistlichen Kräfte? Was empfangen wir und was geben wir und sehen wir auch die Not der Anderen? Bleiben wir klug und aufmerksam oder sind wir unaufmerksam geworden oder gar schläfrig? Machen wir uns regelmäßig unsere Privilegien bewusst oder nehmen wir ohne Anerkennung, Dank und Lob Güter an, die andere für uns geschaffen haben?
Darüber nachzudenken ist mühsam, und natürlich stecken hinter jedem Haushalt eine Unmenge globale Handelswege mit vielen Unstimmigkeiten, die wir oft nur schwer durchschauen. Das lähmt! Aber genau so war es bereits in der Zeit des Alten Orients und auch im Römischen Reich. Es gab weite Handelsrouten, Preise, Münzprägungen, Profit-Maximierungen, Steuern, Ausbeutung menschlicher Körper und anderer Länder und Kriege, die Unmengen kosteten.
Zur Botschaft der Weisheitsliteratur in Spr 31, 10-13,19f, 30f:
In den (nur) 7 Versen von der eigentlich umfänglicheren Passage 10-31 geht es um das Bild der Haushaltsverwaltung der göttlichen Weisheit selbst. Sie ist personifiziert im Bild der starken Frau. Hier spiegeln sich - vorindustriell - die Verhältnisse einer Haushaltsführung des Alten Orients. Damals hatten Frauen vollumfängliche wirtschaftliche Freiheit. Ihre Tätigkeiten werden konkret beschrieben: Sie „tut ihren Mund auf“ und lehrt (vgl. dazu auch die Ermahnung der Königsmutter an den Sohn in Spr 31,1 ff). Sie „achtet aufmerksam“ (V 27a) – in dieser Formulierung findet sich ein Wortspiel mit dem griechischen Wort für Weisheit / „Sophia“ - auf die Haushaltsvorgänge. Wenn nötig, steht sie auf. Sie spinnt Stoffe und stellt Kleidung in eigener Handarbeit her - auch hier in V. 12 f entsteht ein spannendes Wortspiel zu den „Händen“. Sie selbst kleidet sich in selbstgefertigtem Leinen in Purpur (königlicher Stoff), trifft Vorsorge für alle für schlechte Zeiten, schließt Kaufverträge, handelt und investiert nachhaltig, entsendet Handelsschiffe, entscheidet selbstständig. Bei all dem schließt sie Arme und Bedürftige nicht aus, die geöffnete Hand gehört dazu. Spannend ist die Einbettung der heutigen Perikope im Gesamten. Es muss deshalb auf ihren Kontext verwiesen werden (Spr 31, 1-9). Darin geht es ganz und gar nicht um die Ermahnung von Frauen, es als „Haus-, Ehefrau und Mutter von Söhnen“ gleichzutun. Nein, hier geht es um die Ermahnung eines zukünftigen Regierungschefs, des Königs! Eine Königsmutter mahnt den Sohn, seine Kraft nicht an all das zu verschwenden, was einen König „verdirbt“ (V. 3b), und mit den Falschen zusammenzuarbeiten, sondern seine Kraft stattdessen in eine gerechte Regierungsführung zu stecken: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht der Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht, verschaffe dem Bedürftigen und Armen Recht!“ (31,8f). Dafür allerdings muss er eine solche „Frau“ suchen, wie nachfolgend beschrieben. Doch die ist so selten zu finden wie eine Perle (V. 10). Ihr soll sein Herz während der Regierungszeit vertrauen. Es handelt sich in unserer Lesung also um ein Liebesbild, welches dem König vor Augen gestellt ist. Wie der weise König Salomo soll er mit Hilfe der Weisheit dieser „Frau“ regieren (vgl. Salomos Bitte um ein hörendes Herz in 1 Kö 3,9). Adressaten sind also gerade nicht all jene Menschen, die unbezahlten oder minder bezahlte Caredienste leisten oder im unterfinanzierten Bildungssystem. Gemeint sind Einflussreiche, Führende, Lobbyisten, Verantwortliche in der Wirtschaft, in der Politik und der Justiz. Nicht zu vergessen sind auch alle, die ein Wahlrecht haben.
Spr 31,10-31 bildet eine Einheit, ein stilvolles Gedicht. Es liegt uns heute mit der Auswahl der Perikope leider nur klischeehaft vor. Da auch der sehr entscheidende Kontext (VV 1-9) fehlt, empfehle ich, den gesamten Text Spr 31 vorzulesen und einen Schwerpunkt darauf zu legen, oder aber den Text abgedruckt den Gläubigen mit nach Hause zu geben.
Der kulminierte Abschluss von diesem Gedicht allerdings, seine Sinnspitze, bleibt erhalten, denn damit schließt auch das gesamte Buch der Sprüche ab! Es enthält eine Forderung: Dieser „Frau“ soll ein Halleluja (V. 31) gegeben werden. Dieser Lobpreis, auch übersetzbar mit „Lobgesang“, soll aber nicht etwa im Privaten geschehen - denn das tun ihr Mann und die Söhne des Hauses ja bereits – nein, im öffentlichen Raum soll das passieren, damals in den Stadttoren, den Orten der Rechtsprechung. Heute sind es die Zeitungen, die Medien, die Netzwerke, die Mikrofone. Dieser Lobpreis gilt der göttlichen Weisheit, denn die zeigt sich im Tun ihrer Hände und in ihren Worten, die aus ihrem Mund kommen. Die „Frau“ ist also die Personifikation der göttlichen Weisheit Sophia (griech.), der Chokma (hebr.) selbst, die seit Anbeginn der Schöpfung lebendig unter uns weilt.
Zur Botschaft Jesu bei Lukas 16, 1-15:
Hier spiegeln sich die Verhältnisse der römischen Wirtschaft wieder, das Verwaltungssystem, die Abgaben und die Pacht, das Eintreiben von Steuern und Schuld in Naturalien und Geld. Wir erahnen die Sorgen der verarmenden Bevölkerungsgruppen, den drohenden Verlust von Kind, Haus, Land, Hof und dem eigenen Körper. Zwischen den Zeilen finden sich überall die Zeichen der Sklavenwirtschaft. Jesus belehrt seine Anhänger mit dem Beispiel eines Reichen. Was tut dieser und was macht sein schlitzohriger Verwalter?
Die inneren Verbindungen von Lk 16,1-8(9) und Spr 31:
Bei Lukas spricht und handelt Jesus als Rabbi in den Traditionen der jĂĽdischen Weisheit. Auf den ersten Blick findet sich ganz und gar nichts Vergleichbares zwischen dem Gleichnis vom Reichen und dem Haushalt der starken Frau in Spr 31.
Es geht nur um das Vermögen, die einzutreibende Schulden, den Kassenbericht, einen noch nicht geprüften Vorwurf der Veruntreuung, die Entlassung eines Verwalters, drohende Obdachlosigkeit. Also: In diesem Haushalt gibt es kein Leben, keine Fröhlichkeit, keinen Lobpreis, keine Armenfürsorge, Kleidung, Schönheit, Sättigung. Es gibt keine Kommunikation, keine offene Hand, keine Vorsorge für harte Zeiten wie in Spr 31. Stattdessen endet diese Art des Haushaltens mit der Ausgrenzung eines Menschen und mit bleibenden Schulden der säumigen Schuldner. 100 Sack Weizen! 100 Faß Öl! Wer kann eine solche Menge aufbringen? Da geht nichts mehr. Es handelte sich um klassische Überschuldung!
Deutlich jedenfalls ist: Der Reiche lebt nicht von der Arbeit seiner eigenen Hände. Hier lohnt sich ein Vergleich mit dem Wortspiel der geschickten und emsigen Hände in Spr V19f. Dann entstehen plötzlich die Fragen: Wie sieht es denn aus mit unseren Fertigkeiten, welche Hände schaffen für uns solche Dinge? Wie viele Menschen arbeiten in Subunternehmen, welche Firmen wurden ins Ausland verlegt? Der Vermögende hat die Arbeit outgesourct, delegiert und die Folge ist: Er hat keinen Überblick mehr im eigenen Haushalt und muss beiläufig durch Andere erfahren, dass bei ihm etwas im Argen liegt. Das ist Beziehungslosigkeit statt Zusammenarbeit, Dominanz statt Unterstützung, Misstrauen am Arbeitsplatz, Misswirtschaft im Unternehmen, Haushaltslöcher entstehen, wer soll die stopfen? Firmen schließen…
Es bleibt die Frage: Wo ist mein Platz in dem Ganzen?
Wie sieht es denn aus mit dem Verwalter in diesem Haushalt?
Fürs Erste gilt: Jeder Moralismus ist zunächst unangebracht. Ich frage mich: Wie würde es mir denn selbst an dessen Stelle ergehen?! Wer weiß, ob dieser Mann sich zuvor schon selbst in Schuldknechtschaft befand. Wurden ihm möglicher Weise bereits das eigene Land, Hof oder Kind gepfändet? Auch Sklaven wurden mit der Vermögensverwaltung beauftragt – wenn auch nur so lange, wie die Bilanzen stimmten.
Also, was macht nun dieser Verwalter, der sich schämen würde zu betteln? Sein körperlichen Kräfte taugen auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr. Im Moment der Krise erkennt er eine ganz besondere Handlungsmöglichkeit und nutzt sie: Er macht den Sprung heraus aus seinem Sklavenhaus und nimmt jetzt jene Rolle ein, die nur ein Herr, König oder Kaiser ausüben konnte. Schnell („Setz dich gleich hin…!“) nimmt er die ganze Macht des Mammons an sich und mit Hilfe dieses ohnehin ungerecht verdienten Geldes ergreift er die Rolle des Herrn, setzt sich selbst über den Mammon und die Schulden herunter. Macht er sich damit auch zum Herrn über Gott?
Nein! In den Augen Jesu hat er sich als zuverlässig und „treu“ erwiesen (V. 10). „treu“ (griech. „phoneo“) ist verwandt mit „Denken, Einsicht, Klugheit und Vernunft, Gesinnung, den Sinn ausrichten“. Die Pointe des Gleichnisses liegt also in dem klugen Verhalten. Der Verwalter war treu - nicht etwa gegenüber dem Mammon, sondern mit dem Mammon. Er war treu und zuverlässig gegenüber seinem eigenen, kleinen, von Gott geschenktem Leben. Wie die Kinder des Lichts erkannte er geistesgegenwärtig die Zeichen der Zeit. Wie die kluge Frau handelte er erfinderisch, lösungsorientiert und handlungsfähig. „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ wird Jesus in V. 9 sagen und später: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“ (V.13), sowie: „Letzte werden Erste sein und Erste werden Letzte sein“ (Lk 13,30).
Ich frage mich: Welche Freunde wird er finden? Wird er in den Haushalt einer verschuldeten Familie aufgenommen werden? Werden es vielleicht Menschen aus der Jesusbewegung sein, die ihn aufnehmen? Hier schlieĂźt passend die Botschaft des Paulus an.
1 Thess 5, 1-6: Die solidarische und geistliche Ă–konomie der ersten Hauskirchen
Auch bei Paulus hören wir die Mahnung zur unermüdlichen, scheinbar lebensnotwendigen Mahnung, am Tag und in der Nacht wachsam zu sein („Kinder des Lichts“). Für die bedrängte Gemeinde in einer römischen Handelsmetropole um 50 n. Chr. ist die wirtschaftliche Lage der Diasporagemeinde besonders schwierig. Deshalb organisierten sich die Gläubigen in der für damals anstößigen Weise einer egalitären Hausgemeinschaft. Sie waren ein Gegenmodell zu den patriarchal organisierten Familienstrukturen. Nur Gott wurde Vater und Herr genannt (s. Vater Unser Gebet). Dies waren die sogenannten „Hauskirchen“ in privaten Räumen. Zu ihrer Gemeinschaft gehörten selbstverständlich die Frauen, die Sklavinnen und Sklaven und alle Schwächeren, wenn diese Personengruppen nicht sogar die Mehrheit bildeten. Folglich mussten sie teilen und dabei ökonomisch wirtschaften. Über das Brot und die Kleidung hinaus aber sammelten und teilten sie auch ihre emotionalen und geistlichen Kräfte! Das nenne ich eine „geistliche“ Ökonomie. Wie wir es in der der hebräischen Bibel sehr anschaulich sehen, gehört das zu einer funktionierenden Hauswirtschaft dazu. Das Buch der Sprüche nennt es „Gottesfurcht“!nIn Thessalonichi trösteten sie sich und richteten sich gegenseitig auf. Ihre Überlebensenergie kam aus ihrer geistlichen Gesinnung und das beflügelte die täglichen Abläufe. Lob, Dankbarkeit und Mut gesellten sich dazu.
Im römischen Reich jedoch hörte man immer wieder das laute Schreien: „Frieden und Sicherheit!“ Hier sagen Weisheit, Lukas und auch Paulus: Nein, Frieden und Sicherheit gibt es nicht – nicht jetzt, nicht für euch! Es sei denn, ihr geht auf dem Weg Jesu. Solange bleibt empathisch, einfühlsam, klug und fair – so wie ihr es schon heute macht - solange, bis die Gottesherrschaft ganz da ist.
In diesem „Solange“ leben wir angesichts fürchterlicher Kriege und wirtschaftlicher Herausforderungen noch heute. Aber da die Weisheit bereits in vielen tätigen Händen überall wirkt und auch ihre Stimme gehört werden kann, steht ihr bereits jetzt Anerkennung und ein Lobpreis zu: durch gerechte Löhne, durch das Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, durch gerechte Gerichtsentscheide und durch ein alltägliches „Hallel“. Dann bewegt sich etwas und die Energiehaushalte stimmen.
Bernadette Ackva, Weilburg
Literatur:
- Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, F. Crüsemann, Hrsg., Gütersloh 2009
- Wörterbuch feministischer Theologie, Elisabeth Gössmann u.a., Gütersloh 20022
- Schuld und Schulden, M. CrĂĽsemann, W. Schottroff, Kaiser Verlag MĂĽnchen 1992
- Menschenbilder der Bibel, Thomas Straubli, Silvia Schroer, Patmos 2014
- Die Weisen Israels, RĂĽdiger Lux, Ev. Verlagsanstalt 1992