| ev. Predigttext | kath. 1. Lesung | kath. 2. Lesung | kath. Evangelium |
| Röm 11,25-33 | 1 Kön 19, 9a.11-13a | Röm 9, 1-5 | Mt 14, 22-33 |
1. Exegetische Hinweise
Der Römerbrief wird oft als theologisches Programm der paulinischen Theologie verstanden. Die Kapitel 9-11 beschäftigen sich mit der Rolle Israels in Gottes Heilsplan und sind grundlegend für das jüdisch-christliche Verhältnis. Nichts ist aufgehoben vom Bund, Erwählung und Gesetz: Die besondere Rolle Israels bleibt bestehen.
In Römer 11, 25-32 (Evangelischer Predigttext) beschreibt Paulus dies als ein Geheimnis, eine Frage, die ihn als tiefgläubigen Juden selbst umtreibt: Wie kann es sein, das Israel Jesus als Messias ablehnt und seine Anhänger sogar verfolgt? Anders als in manchen anderen Schriften des NT werden die Juden hier nicht zu Feinden erklärt. Vielmehr sieht Paulus in ihrer „Verstockung“ einen Teil des Heilsplans Gottes, denn nur so können nun auch die aus den Völker zum Bund Gottes mit Israel dazukommen. Die Ablehnung Israels ist die Voraussetzung dafür. Die Treue Gottes zu seinem Volk ist unverbrüchlich, so auch sein Erbarmen am Ende der Zeiten, in das schließlich alle eingeschlossen sind.
Die 2. katholische Lesung Römer 9,1-5 ist der Beginn der Ausführungen des Paulus zur Rolle Israels. Hier lässt Paulus keinen Zweifel an der Erwählung und den bestehenden Verheißungen an Israel und seine große Trauer über die Mehrheit Israels in ihrer Haltung zu Christus. Als Einleitung wird hier der Grundton für die folgende, mit zahlreichen Schriftzitaten kommentierten Ausführungen des Paulus gelegt. Für christliche Hörer:innen ist dabei besonders entscheidend, dass Jesus Jude war, er diesem Volk entstammt und zu ihm gehört.
Die 1. katholische Lesung 1. Könige 19, 9-13a steht im Kontext der Auseinandersetzung mit den Baalspriestern, unterstützt von der Königin Isebel während einer großen Dürre im Land. Sie ist voller innerbiblischer Bezüge: Die Wüste als lebensbedrohlicher Ort, aber auch der Rettung erinnert an die Exodus-Erzählung, die Gottesbegegnung am Horeb an Mose, ebenso die vierzig Tage, die Elia in der Wüste verbringt.
Die Wundererzählung vom Seewandel und der Rettung des Petrus in Matthäus 14, 22-33 (Evangelium Katholisch) bindet zwei Elemente zusammen: Die Epiphanie Jesus und das Rettungswunder. Eingebettet ist die Erzählung in weitere Wundererzählungen: Zwei Summarien von Heilungen sowie die Speisung der 5000. Matthäus übernimmt hier die bei Markus überlieferte Erzählung vom Seewandel und fügt die Geschichte vom sinkenden Petrus hinzu. Die Erzählung ist voll mit Bezügen: Auch hier wieder der Berg als Ort der Gottesbegegnung, auf den sich Jesus zum Gebet zurückzieht, die Epiphanie, die an die Ostererscheinung erinnert, die existentielle Bedrohung der Jünger durch Nacht, Sturm und Wasser als Ausdruck der Chaosmächte, wie sie in der Schöpfungserzählung und in vielen Psalmen anklingen. Die matthäische Gemeinde identifiziert sich (wie auch schon in der Erzählung von der Sturmstillung) mit der bedrohten Jüngerschaft in dem kleinen Boot. Der sinkende Petrus reflektiert die Situation der Gemeinde zwischen Angst angesichts einer bedrohlichen Wirklichkeit und Vertrauen auf den Auferstanden, der sich in seiner Beherrschung der Naturgewalten als mit göttlicher Vollmacht ausgestattet zeigt und auch angesichts von Zweifel und „Kleinglauben“ die rettende Hand austreckt.
2. Aktualisierung: Gott ist treu und oft anders als wir denken
Eine Überschrift über alle Texte könnte lauten: Wie tragfähig ist unser Vertrauen in Gottes Bewahrung und in seine Zusagen?
Wir leben in Zeiten tiefer Krisen und Bedrohungen: Fakten werden verdreht und geleugnet, ein vermeintlicher Grundkonsens der Menschlichkeit, sichtbar im Völkerrecht, wird aufgekündigt, Übereinkünfte für eine sichere und lebenswerte Zukunft auf der Erde, die erkämpft und erstritten wurden, werden in Frage gestellt und zurückgenommen. Resignation und Verzweiflung ziehen ein, Ohnmacht und Ratlosigkeit machen sich breit.
Auch der evangelische Predigttext handelt von einer großen Verwirrung und einer tiefen Krise: Paulus ringt darum Gottes Plan, ja ihn selbst zu erkennen, und er steht vor einem Dilemma: Er kann nicht glauben, dass Gott seinem Volk die Treue bricht, und er kann nicht verstehen, warum Israel seiner Erkenntnis nicht folgt, dass Jesus Christus der verheißene Messias ist. Und er erlebt auch, dass manche es sich zu einfach machen. Deshalb erinnert er immer wieder an die bleibende Bedeutung der Tora und der Erwählung Israels. Und dass Israel, so im Ölbaumgleichnis, die Wurzel ist, die uns als die Dazugekommen, trägt. Wir können dem Text abspüren, wie Paulus um Verstehen ringt und darum, seine Fundamente nicht zu verlieren und doch das Neue nicht zu verraten. Für unsere Situation hilfreich finde ich an diesem Text uns zum einen an die bleibende Rolle des Jüdischen Volke als von Gott erwählt zu erinnern, besonders angesichts des wachsenden Antisemitismus, aber auch angesichts der Verbrechen, die Vertreter der gegenwärtigen israelischen Regierung begehen. Es wäre sicher zu flach, dies einfach auf unsere heutige Situation zu übertragen, wir können keinen guten Sinn in dem Schrecklichen finden, das gegenwärtig passiert. Aber von Bedeutung ist auch heute, dass Paulus an dem Guten und Richtigen, der Wahrheit, die in Gottes Bund und in seiner Gabe der Tora zum Ausdruck kommt, festhält. Dies kann uns in zweierlei Hinsicht ansprechen: Die Wahrheit der Tora als Weg zum Leben ist bis heute gültig, die Hoffnung auf dem Sieg des Lebens über Tod und Gewalt durch den Glauben an die Auferstehung ist das andere. Auch wenn uns vieles verzweifeln lässt, so ist das Festhalten an diesen Wahrheiten und der Glaube an Gottes Treue zu Israel und zu uns Grund für unsere Hoffnung.
Die zweite katholische Lesung in Römer 9 steht in dieser Linie.
1. Kön 19, die erste katholische Lesung, berichtet ebenfalls von einer tiefen Krise, die den Propheten Elia in den Wunsch zu sterben treibt. Vorausgegangen war ein Gemetzel, eine Machtdemonstration im Sinne des Rechts, doch gewonnen ist nichts, gelöst ist nichts. Der Gewaltexzess löst Verfolgung und tiefe Depression aus. Ich lese die Geschichte auch als eine Gewaltkritik: Das Ausüben von Gewalt, und sei sie noch so sehr im Namen der richtigen Sache geschehen, macht etwas mit dem, der sie ausführte. Indem Elia sich vom Ort entfernt, in die unbewohnte Wüste jenseits des menschlichen Lebens geht, wo er seinen Todeswunsch erfüllen will, eröffnet sich ihm auch der Ort der Gottesbegegnung. Eine Begegnung, bei der Gott sich völlig anders zeigt, als es besonders nach der Machtdemonstration gegenüber den Baalspriestern zu erwarten wäre, nämlich in einer Stille.
Schließlich kann die Wundererzählung vom Seewandel in Matthäus 14 (Evangelium katholisch) auch in dieser Linie interpretiert werden: Wie können wir Vertrauen bewahren, angesichts einer Wirklichkeit, die uns und unser Zutrauen in Gott ständig bedroht und in Frage stellt? Die rettende Hand, mit der Jesus Petrus vor dem Ertrinken rettet, wird ausgestreckt, obwohl Petrus kleingläubig ist. Daraus höre ich, dass wir in unserer berechtigten Verzweiflung über den Zustand der Welt und unserem Zweifel an Gottes Zusagen nicht aufgeben sollen, sondern aller Resignation zum Trotz darauf bauen sollen, dass die Treue gilt. Wir sind in dieser Treue aufgehoben, können Vertrauen und Schritte auf unsicherem Grund und mit ungewissem Ausgang wagen, hin auf eine Welt, wie sie Jesus als Reich Gottes verkündigte. Es ist letztlich eine Aufforderung, nicht nachzulassen, nicht unterzugehen in einer scheinbar alternativlosen Wirklichkeit.
Dr. Beate Sträter, Bonn