| ev. Predigttext | kath. 1. Lesung | kath. 2. Lesung | kath. Evangelium |
| Apg 4,32-37 | Hos 6, 3–6 | Röm 4, 18–25 | Mt 9, 9–13 |
(EKD-Text:) Apostelgeschichte 4,32-37
Mit dem 1. Sonntag nach Trinitatis beginnt im Evangelischen Kirchenjahr die sog. festlose Zeit. Auf www.kirchenjahr-evangelisch.de trägt der Sonntag die Überschrift „Achtsam für Gottes Stimme“, in der Kirchenagende der Evangelischen Kirche der Pfalz ist er mit „Apostel und Propheten“ überschrieben. Welche Überlegungen dazu geführt haben, diesen Text gerade an diesem Sonntag in die neue Perikopenordnung aufzunehmen, ist mir nicht bewusst. Aber schön, dass er sein bisheriges „Randdasein“ als Marginaltext verlassen hat.
Es gibt Texte in der Bibel, die haben einen allseits anerkannten Geltungsanspruch. Und es gibt Texte, denen wird dieser Geltungsanspruch immer wieder abgesprochen. Apg 4,32-37 gehört zu letzterer Gruppe. Der “urchristliche Liebeskommunismus“ sei idealistisch, utopisch, unhistorisch, illusionär – es gibt viele Versuche, die Sprengkraft dieses Textes abzuschwächen. Und dennoch haben Texte wie diese in der Geschichte des Christentums Menschen immer wieder fasziniert, herausgefordert, zu einem konsequenten Leben im Geiste Jesu inspiriert und motiviert.
Ich halte es für gewinnbringend, dieser Spur der Inspiration durch diesen Text zu folgen.
Unter dem Stichwort „Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde“ https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCtergemeinschaft_der_Jerusalemer_Urgemeinde findet sich eine lange Liste, welche christlichen Gruppierungen sich zu den verschiedenen Zeiten davon anregen ließen. Hier findet jede*r das eine oder andere Beispiel, das im eigenen Kontext passend ist und das es wert ist, wieder einmal erinnert zu werden.
In einer Zeit, in der das Individuum und seine Freiheit einen vielleicht noch nie dagewesenen Stellenwert haben und uns eingeredet wird, dass es das Wesen der Menschen sei, vor allem an sich selbst zu denken, sind Texte wie dieser vonnöten. Sie erinnern uns, dass wir nicht allein auf der Welt leben, dass wir einander brauchen, aufeinander angewiesen sind, und uns das zuweilen auch etwas abverlangt.
Wenn ich an diesem Sonntag zu predigen habe, dann werde ich von der „Solawi“ (Solidarische Landwirtschaft), der ich mich angeschlossen habe, erzählen. Solawi ist ein Modell des gerechten Wirtschaftens. Rund 160 Familien haben sich zusammengetan, zahlen monatlich einen festen Beitrag – die einen mehr, die anderen weniger, je nach ihren finanziellen Möglichkeiten. Dafür erhalten sie einen Ernteanteil, den zwei hauptberufliche Bauernfamilien mit Unterstützung der Mitglieder erwirtschaften. Frisches, gesundes, regionales und saisonales Gemüse, keine Überproduktion, Abnahmesicherheit, dazu respektvoller Umgang mit den Ressourcen Boden, Wasser…und ganz viel Gemeinschaft. „Meine“ Solawi hat einen mennonitischen Hintergrund, andere sind anders motiviert. Aber allen Solawis ist gemein, dass sie davon überzeugt sind und es täglich unter Beweis stellen, dass es gemeinsam besser und gerechter geht: ohne Ausbeutung von polnischen Saisonarbeitern, ohne globale Lieferketten mit ihren Ungerechtigkeiten, dafür aber mit einem hohen Respekt vor Mensch und Schöpfung.
Ein Beispiel gelebter Utopie – andere werden andere Beispiele finden. Allen gemein ist, dass sie ein kleines Stückchen Reich Gottes sind, das als Samenkorn in dieser Welt wachsen kann.
(Kath. Lesungstext:) Hosea 6,3-6
Die „schöne Morgenröte“, der „Spätregen, der das Land befeuchtet“, die „Wolke am Morgen und der Tau, der frühmorgens vergeht“ – alles Bilder aus diesem kurzen Prophetentext. Während die ersten beiden Bilder Gottes Handeln in den Augen derer, die sich wieder zu Gott wendeten, beschreiben, stehen die beiden letzten für das unzuverlässige Tun der Menschen, wie Gott es sieht.
Naturerfahrungen sind also gleichnisfähig, eignen sich als Metaphern für unser Verhältnis zu Gott, aber auch für Gottes Gedanken über uns.
Mich regt dieser kurze Abschnitt dazu an, diese Gleichnisfähigkeit noch weiter zu treiben und zu fragen: welche Naturerfahrungen könnten darüber hinaus zum Gleichnis werden oder für welche Aspekte unseres Gottesverhältnisses finden wir neue Bilder aus der Natur, die vielleicht für heutige Menschen zugänglicher sind als traditionelle theologische Begriffe?
Wo Natur zur Metapher für das Gottesverhältnis werden kann, hat sie eine eigene Dignität und ist nicht mehr nur Objekt in der Verfügungsgewalt von Menschen.
Barbara Kohlstruck, Ev. Kirche der Pfalz