| ev. Predigttext | kath. 1. Lesung | kath. 2. Lesung | kath. Evangelium |
| Lk 5,1-11 | Sach 9, 9-10 | Röm 8, 9.11-13 | Mt 11, 25-30 |
Die Autorin betrachtet alle Perikopen des Sonntags und stellt aktuelle Bezüge her: Arbeitsplätze und Lebensperspektiven, Umweltverschmutzung und -ausbeutung, Strategien zur Konfliktlösung, Frauenrechte, (psychische) Freiheit und christlicher Glaube
Ev. Leseordnung: Lukas 5, 1-11
Impulse:
- Auf Abstand gehen – Perspektive wechseln – Jesus entscheidet sich angesichts der ihn bedrängenden Menge, nicht das Bad in der Menge zu wählen, sondern auf Abstand zu gehen, die Ebene zu wechseln und auch das Element. Statt auf festem Boden, dem Element Erde, am Ufer zu stehen, wählt Jesus das schwankende Boot auf dem Wasser. Welche Wirkung mag dieser Ortswechsel auf die Zuhörer*innen gehabt haben? Da redet einer von einem Fischerboot aus, nicht von einem Rednerpult oder von einer erhöhten Position aus. So haben alle die Möglichkeit, ihn quasi auf Augenhöhe bzw. Höhe des Wasserspiegels zu sehen, und Jesus kann alle in den Blick nehmen. Mit dem Fischerboot wählt er ein Metier, das die Menschen kennen, den Arbeitsbereich eines Fischers. Ein vertrauter Anblick für alle, die am See leben. Dieser vertraute Anblick wird um eine Irritation ergänzt, das Predigen im Boot.
Angenommen, wir würden diesen Impuls zur Ortswahl auf heute anwenden, dann ergäben sich vermutlich auch heilsame Irritationen: Predigen bzw. Worte des Zuspruchs und der Ermutigung an Orten, wo Menschen arbeiten oder um ihre Arbeitsplätze bangen, wie aktuell die Fordwerke am saarländischen Standort in Saarlouis, in Pflegeeinrichtungen, wo Personalmangel herrscht, in Schulen und auf Schulhöfen, wo junge Menschen mit den Herausforderungen im Umgang mit den sozialen Netzwerken ringen und Lehrer*innen vorm Burnout stehen, uvm.
- Ortswahl – am See, in der Natur, Reichtum der Natur, der Schöpfung - Hinweis auf die Gefährdung des Wassers, Wasser – ein eigener Lebensraum
Würde Jesus heute in ein Boot am See Genezareth steigen, könnten die Menschenmassen ihm locker aufs Wasser folgen. Der Wasserspiegel ist so weit gesunken, dass man fast 500 m weit hineinlaufen kann und immer noch bis zu den Schultern aus dem Wasser schaut. Das große Trinkwasserreservoir für Israel, das von den Quellflüssen des Jordans und anderen kleineren Flüssen aus den umgebenden Wadis gespeist wird, die seit Jahren immer weniger Wasser führen, fällt der Wasserspiegel in bedenklichem Ausmaß. Die Regenzeit ab Oktober bleibt häufiger aus bzw. bringt nicht mehr die Regenmengen, die es bräuchte.
Vgl. Der britische Nature Writer Robert Macfarlane über die Rechte von Flüssen, Buchtitel „Sind Flüsse Lebewesen?“, die Bedrohung durch den Klimawandel und sein neues Buch, das eine kühne Frage stellt:
Sind Flüsse bloße Materie und Ressource für Menschen und Tiere? Keineswegs, sagt Robert Macfarlane: Sie sind eigenständige Lebewesen mit Rechten. Flüsse sollen frei von Verschmutzung fließen – und ein gesundes, von Menschenhand ungestörtes Ökosystem entwickeln dürfen. Mit diesem radikalen Konzept nimmt uns Macfarlane in seinem neuen Buch mit auf eine globale Reise, die unser Bewusstsein verändern wird. Eine empfehlenswerte Lektüre, die dazu einlädt, den Blick auch auf alle Gewässer dieser Erde zu weiten.
- Überfischung – Fischreichtum, Teilen des Fangs – Die in der Tageslesung beschriebene Haltung des Erschreckens wird heute dringend gebraucht im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen. Die Folgen der Überfischung mit riesigen Fangnetzen, die angesichts des Beifangs, eine ökologische Katastrophe auslösen, sollten Erschrecken auslösen und wachrütteln. Angenommen wir wären gezwungen, den Fischbedarf mit Menschenkraft herauszuziehen, die Fangquoten würden rapide sinken.
Kath. Leseordnung:
1. Lesung: Sacharja 9, 9-10
Impulse:
- Bedeutung des Esels – Jesus reitet auf keinem Schlachtross oder Araberhengst, er wählt einen Esel. Das wohl berühmteste Tier der Bibel. Vgl. den klugen Esel des Bileams, den Esel, der Maria nach Bethlehem trägt und als Fluchthelfer dient. Zwar deutlich langsamer als ein Pferd, aber dafür sehr ausdauernd und auch für unwegsames Gelände gut geeignet. Anders als Pferde sind Esel keine Fluchttiere. Wenn dem Esel etwas Angst bereitet, bleibt er stehen und wägt die Situation ab, ehe er sich wieder in Bewegung setzt. Dabei lässt er sich auch durch Ziehen und Drängen seines Eselführers nicht beeinflussen. Letztlich sind Esel in Wahrheit kluge, gutmütige und loyale Tiere. Esel sind außergewöhnliche Tiere, nicht nur weil sie robust und resistent sind, auch ihre Intelligenz ist verblüffend! Ihre Kraft und Gelehrsamkeit waren wichtige Gründe für ihre weltweite Verbreitung. Sie sind deshalb auch in vielen Sprichwörtern, Fabeln und Märchen zu finden.
Interessanterweise sind in den letzten Jahren Eselwanderungen stark im Kommen, ob als therapeutisches Erlebnis, als Freizeitvergnügen oder als gezieltes Managertraining zum Einüben von Führungsqualitäten.
- Hoffnung auf den Messias – messianisches Handeln als ein Paradoxon – Auf dem Esel reitend gegen Streitwagen und Schlachtrosse symbolisiert eine andere Art von Konfliktklärung, nicht durch Krieg, sondern durch die Botschaft eines Friedens, Schalom – Salam, der alle Nationen umfasst, der die ganze Erde einschließt wie einen einzigen lebendigen Organismus.
2. Lesung: Römerbrief 8, 9.11-13
In dieser Perikope wurde Vers 10 ausgelassen: 10 Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit.
Impuls:
- Der Gerechtigkeitsbegriff im Römerbrief
(siehe auch Feministische Bibelauslegung, S.557, Elsa Tamez „Der Brief an die Gemeinde in Rom“)
Anhand dieser Perikope, vor allem an dem ausgelassenen Vers 10, zeigt sich die paulinische Sichtweise, wonach die Gerechtigkeit Gottes der Gerechtigkeit der patriarchalen Gesellschaft diametral entgegensteht. Im damaligen System des Imperium Romanum sieht Paulus eine ökonomische, politische und militärische Macht, der man sich unmöglich entgegenstellen kann. Denn nur dem Anschein nach geriert sich das System als Beschützer und Befrieder der Provinzen, um dahinter die innere Ungerechtigkeit zu verbergen.
Es lohnt sich den Römerbrief im sozio-ökonomischen, kulturellen und religiösen Kontext des 1. Jahrhunderts zu lesen. Dann leuchtet auf, dass vor allem in den Kapiteln Röm 1-8 die Gerechtigkeit Gottes und die Rechtfertigung als gute Nachricht für die Frauen zu lesen ist.
Bereits mit der Entscheidung des Paulus, seinen Brief durch eine Frau, Phöbe, überbringen zu lassen, eine Person hohen Ranges mit wichtigen Leitungsfunktionen, zeigt sich, dass es zwischen der missionarischen Arbeit des Paulus und jener der Frauen, die er in seinem Brief besonders grüßen lässt, Priscilla, Junia als Apostelin, Maria, Tryphäna, Tryphosa und Persis sowie Julia, keinen Unterschied gab.
Die gute Nachricht für die Frauen zeigt sich in dem Leben und in der Botschaft Jesu, in der Gott als der sichtbar wird, der die Möglichkeit anbietet, diese verkehrte Welt, die Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer Rasse oder Klasse diskriminiert und ausschließt, umzuwandeln. Die eigentliche Absicht der Gerechtigkeit Gottes ist nicht zu vergeben, sondern seine Geschöpfe neu zu schaffen als würdige Personen, die fähig sind, die durch die Sünde (inkl. struktureller Sünde) verkehrte Welt zu verwandeln. Paulus vertritt die Logik der Gnade, die spontan entsteht, nicht aus Verpflichtung, sondern aus Erkenntnis und aus dem Herzen. Damit verwirklicht sich die Gerechtigkeit Gottes nicht aus der Erfüllung der Forderungen einer patriarchalen Tradition, sondern aus dem Gleichheitsgrundsatz der Rechtfertigung aus dem Glauben.
Wie aktuell diese Botschaft heute noch ist, zeigt sich an der hohen Zahl an Femiziden (siehe aktuelle Studie vom November 2025, Femizide in Deutschland). Ein trauriger Beweis dafür, wie stark unsere heutige Gesellschaft in altem patriarchalem Gedankengut verhaftet ist.
Evangelium: Matthäus 11, 25-30
Impuls:
- Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit wäre auf die zunehmende Zahl der psychisch Erkrankten in Deutschland bzw. europaweit hinzuweisen, in der auch der Anteil von Kindern und Jugendlichen gestiegen ist.
„…und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele“, welch eine Zusage für Menschen, deren Seelenleben in Schieflage geraten ist. Allerdings bedarf es dafür neben einer guten Predigt gute Therapieeinrichtungen und therapeutische Unterstützungsangebote ohne monatelange Wartelisten sowie das gesellschaftliche Interesse, die Ursachen und Hintergründe dieser Erkrankungen verstehen zu wollen, um Lösungen zu finden.
Karin Müller-Bauer, Bistum Trier