02.08.2026 – 9. Sonntag nach Trinitatis / 18. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jer 1,4-10 Jes 55, 1-3 Röm 8, 35.37-39 Mt 14, 13-21

Fünf Brote und ein Ach!

Alle vier Perikopen sind durchzogen von einer gemeinsamen Grundspannung: die Dialektik zwischen erfahrener Mangelangst und zugesagter göttlicher Fülle, verbürgt durch die Zusage seiner bleibenden Nähe. Damit dekonstruieren sie jene „Knappheitsdoktrin", die sowohl ökologische Ausbeutung als auch soziale Ungerechtigkeit legitimiert – und eröffnen einen Gegenentwurf des Genug. Transformation beginnt mit dem Wenigen, das wir haben; Gerechtigkeit wird möglich, wo wir der Ökonomie der Fülle mehr vertrauen als der der Konkurrenz. Die prophetische Tradition fordert eine Umkehr (teschuwah, תְּשׁוּבָה), die tiefer greift als bloße Verhaltensänderung: Sie zielt auf eine Metanoia des Herzens und der gesellschaftlichen Strukturen. Die Ermöglichung dazu liegt in Gottes Zusage seiner liebenden Gegenwart. Wer sich nachhaltig engagiert, steht damit auch in einer prophetischen Tradition, die Gottes Schöpfungswillen gegen menschliche Hybris und kurzfristige Verwertungslogiken zur Geltung bringt.

Ev. Predigttext: Jeremia 1,4-10 - Prophetische Ressource für nachhaltiges Handeln

Berufen, bevor wir bereit sind

Der Predigttext der EKD-Reihe regt an, über prophetisches Engagement in Krisenzeiten nachzudenken: Welche Ansage in die Gegenwart ist nötig? Welche zerstörerischen Strukturen müssen heute „ausgerissen" werden – Konsumismus, Extraktivismus, systemische Ausbeutung-, damit Neues „gebaut und gepflanzt" werden kann? Mit der Berufung als Prophet „über Völker und Königreiche“ (V10) öffnet der Abschnitt einen globalen Kontext und universale Weite.

Geliebt vor dem Anfang – Die präexistente Erwählung (V. 5): Exegetisch ist zu unterscheiden zwischen dem Gekanntsein vor der Zeugung und dem Berufensein im Mutterleib. Das hebräische יָדַע (jada') meint mehr als kognitives Kennen – es birgt eine beziehungsstiftende, liebende Zuwendung in sich. Die präexistente Geborgenheit in Gottes Liebe und die Erwählung / Berufung schon vor der Geburt sind mithin zugleich die Befähigungszusagen für die Last des Amtes. Ökotheologisch gelesen verweist diese Zeitlichkeit, die über das individuelle Leben hinausreicht, auf intergenerationelle Verantwortung: Wir sind berufen, eine lebenswerte Welt für jene zu bewahren, die Gott bereits „kennt", obwohl sie noch nicht geboren sind – der Kerngedanke nachhaltiger Entwicklung. Die Zusage "Ich bin mit dir" (V. 8) begründet eine Partnerschaft zwischen Gott und Mensch für eine transformative Mission. Dies kann als theologische Grundlage gelesen werden, dass Nachhaltigkeitsziele nicht allein durch menschliche Kraft, sondern in Verbundenheit mit Gott und in tragender Gemeinschaft erreicht werden.

Ungeschickt genug für Gott – Überforderung von Anfang an: Der Einwand und seine Zurückweisung (V. 6-8): Jeremias Einwand besitzt bemerkenswerte Aktualität. Auch heute wird zum Beispiel die Klimabewegung junger Menschen nicht selten als „nicht kompetent genug" marginalisiert. Der tiefere Blick belegt: Das hebräische נַעַר (na'ar) bedeutet nicht nur „jung", sondern auch „unerfahren, unwissend". Gott jedoch lässt diesen Einwand nicht gelten, er verweist auch nicht auf künftige Qualifikationen, die ja noch erworben werden könnten, sondern hält die Dringlichkeit der Sendung gerade angesichts des Unvermögens des angesprochenen Menschen hoch. Die Vollmacht liegt im Auftrag selbst, nicht bei der*dem Botin*en. Die Tauglichkeit gründet in Gott, der uns hineinnimmt in seinen guten Plan für diese Welt. Sie ist kein persönlicher Besitz, sondern eine relationale Gabe. Das Berühren des Mundes ist performativ: Gott selbst legt sein Wort in den Mund des Propheten. Das meint die Transmission des Auftrages und die Befähigung, die Gott nicht als persönliche Qualifikation, sondern als Ausrüstung für den Auftrag zur Verfügung stellt. Darin liegt eine Ermutigung für alle, die sich angesichts globaler Krisen überfordert fühlen und ohnmächtig gegenüber politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen.

Ein Ach, nicht nur am Anfang - Die Belastung der Berufung (V6): Jeremias erstes Wort ist ein „Ach" (אֲהָהּ) – Ausdruck von Klage und Schmerz, die seine vierzigjährige, konfliktreiche Dienstzeit vorwegnehmen. In den sogenannten Konfessionen kehrt diese Klage über die Bürde seines Amtes leitmotivisch immer wieder. Prophetisches Reden ist nie Konsenskommunikation, sondern konflikthaft, riskant und oft wirkungsoffen. Die besondere Qual liegt darin, den Auftrag unbedingt ausführen zu müssen und zugleich zu wissen, dass die Botschaft nicht ankommen wird. Kommunikation bleibt ein mühsames Werkzeug und damals wie heute stellt sich die Frage, wie eine unbequeme Wahrheit Gehör finden kann. Hinzu kommt das Wissen um den Preis: Konfrontation, Anfeindung, bisweilen Gewalt. Wer heute für radikale Nachhaltigkeit eintritt, erfährt ähnlichen Widerstand. Umso elementarer ist die Beistandszusage (V. 8), deren neutestamentliche Entsprechung Römer 8 bildet.

Ausreißen, bevor wir pflanzen – Der doppelte Auftrag (V. 10): Den vier destruktiven Verben stehen lediglich zwei konstruktive gegenüber – doch „bauen und pflanzen" markieren Gottes Zielhorizont. Prophetische Nachhaltigkeitsarbeit erschöpft sich nicht in Analyse und Kritik, sondern zielt auf konkrete Alternativen: regenerative Wirtschaftsformen, enkeltaugliche Strukturen, eine Kultur des Genug. Das Bild des Pflanzens verbindet sich unmittelbar mit ökologischer Praxis und SDG 2 (Kein Hunger), SDG 11 (Nachhaltige Städte) sowie SDG 15 (Leben an Land). Es lädt ein, über prophetische Verantwortung in Krisenzeiten nachzudenken, - auch mit den negativen Verben: Welche zerstörerischen Strukturen müssen heute dekonstuiert - "ausgerissen" - werden (Konsumismus, Ausbeutung), damit Neues "gebaut und gepflanzt" werden kann?

 

Weiterführender Impuls: Gibt es analog zum Priester*innentum aller Glaubenden ein Prophet*innentum aller Glaubenden? Sicherlich kein genereller Übertrag – aber das prophetische Element für Einzelne ernster zu nehmen, könnte Kirche zu mutigerem Zeugnis befähigen.

Brot, Wein, Liebe und kein Ende - Die Texte des katholischen Lesejahrs im Horizont der Fülle

Jesaja 55,1-3: Lebensmahl ohne Kassenbon

Die Perikope entfaltet die Vision eines Lebensmahls ohne Kaufkraft als Zugangskriterium: kostenlose, bedingungslose Versorgung mit Nahrung steht im denkbar schärfsten Gegensatz zu globaler Nahrungsmittelspekulation und Hunger als Folge von Ungerechtigkeit. Nahrung wird statt zur Ware zur Gabe. „Warum zahlt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist?" ist eine prophetische Kritik an sinnlosem Konsum, an der Verausgabung von Ressourcen für das, was nicht wirklich sättigt (SDG 12). Die Einladung an alle, „die kein Geld haben", grundiert theologisch das Recht auf Nahrung (SDG 2) und delegitimiert Nahrungsmittelspekulation und entlarvt sie als das, was sie ist: strukturelle Sünde.

Römer 8,35.37-39: Liebe als Ressource

Paulus benennt existenzielle Gefährdungen – Trübsal, Hunger, Verfolgung – und setzt ihnen die unverbrüchliche Liebe Gottes entgegen. Diese Zusage stiftet spirituelle Resilienz für jene, die sich in Nachhaltigkeitskämpfen aufreiben. Die Perikope bildet die neutestamentliche Entsprechung zur Beistandszusage an Jeremia. Während bei der Berufung des Propheten die Gegenwart von Gottes gnädiger Zuwendung als Bogen zeitlich zurück – schon vor der eigenen Existenz- geschlagen wird, wird sie hier in die Zukunft – auch nach dem Tod – in die andere Zeitlinie ergänzt: Gottes Liebe ist allumfassend. Sie erweist sich als unerschöpfliche Ressource für das Engagement gegen Ungerechtigkeit, die Widerstandskraft jenseits kurzfristiger Erfolge ermöglicht.

Matthäus 14,13-21: Fünf Brote, viele Hände - Die Ökonomie des Teilens

Die Erzählung ist bekannt: Fünf Brote werden zum Überfluss für Tausende. Die Sättigung der vielen Menschen steht im Zentrum. Die Botschaft ist klar: Es ist genug für alle da – wenn geteilt wird. Mehr noch: Beim gerechten Teilen entsteht Überfluss. Es ist ein biblisches Anti-Geizgrbot. Und „Hebt auf, was übrigbleibt" (V. 20) formuliert dementsprechend ein biblisches Anti-Verschwendungsgebot (SDG 12) dazu. Das Wunder selbst geschieht ja durch Kooperation: Die Jünger bringen das Wenige, Jesus segnet, gemeinsam wird verteilt. Darin liegt ein Urbild für SDG 17 (Partner*innenschaften).

 

Homiletische Verdichtung: Berufung, Brot und Beistand

Was verbindet diese Texte? Die Zusage: Es ist genug. Genug Vollmacht im Auftrag selbst (Jeremia). Genug Brot, wenn geteilt wird (Matthäus). Genug Leben jenseits der Marktlogik (Jesaja). Genug Liebe, die durch alles trägt (Römer).

Gegen die Knappheit: Fülle. Gegen die Ohnmacht: Sendung. Gegen die Angst: Beistand. Das ist die Ermächtigung, mit dem Wenigen zu beginnen, das wir haben und vermögen.

Claudia Latzel-Binder, Dortmund