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Letzter Sonntag im Kirchenjahr / Christkönigssonntag (20.11.16)

Letzter Sonntag im Kirchenjahr / Christkönigssonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Offb 21, 1-7 2 Sam 5, 1-3 Kol 1, 12-20 Lk 23, 35-43

Ewigkeitssonntag, Totensonntag

Stellung im Kirchenjahr

Der letzte Sonntag im Kirchenjahr ist in der Evangelischen Kirche dem Gedenken der Verstorbenen gewidmet. Im Volksmund ist er bekannt als Totensonntag, in kirchlichen Kreisen sprechen wir lieber vom Ewigkeitssonntag. Wir denken an Vergangenes und die Vergänglichkeit alles Irdischen. Gleichzeitig ist dieser Sonntag  aber auch der Tag mit den weiten Ausblicken, der Tag, der uns weit in die Zukunft sehen lässt, der alle Grenzen und Horizonte sprengen will, denn wir denken an Bilder der Bibel, die uns zeigen wollen, welche Pläne Gott mit uns Menschen hat, die über unser begrenztes Wissen hinaus gehen. Darauf weist auch das Christkönigsfest hin, das in der katholischen Kirche begangen wird. Denn es betont die wahre Königsherrschaft Christi im Spannungsfeld zwischen Frömmigkeit und Politik. Die Königsherrschaft Gottes und das Königtum Jesu Christi stehen über jeder weltlichen Macht und sind eng verknüpft mit der Passion Jesu.

Offb 21, 1-7

Exegetische Überlegungen

Die Offenbarung des Johannes ist ca. 100 n.Chr. entstanden, zu einer Zeit, in der Christinnen und Christen durch den römischen Staat verfolgt wurden.  Der Autor dieses Buches, den man den “Seher” Johannes nennt, wurde auf die Insel Patmos verbannt. Er richtet seine Predigten an Menschen, die unter der römischen Gewalt leiden. Er will sie ermutigen, durchzuhalten und die Hoffnung nicht zu verlieren. Er spricht in sehr ausdrucksstarken, zum Teil sogar etwas bizarren Bildern, die schon Generationen von Menschen Rätsel aufgegeben haben und zu zum Teil noch bizarreren Auslegungen und Zukunftsprognosen motiviert haben. Wie es typisch ist für viele Autoren und Autorinnen, die in Diktaturen leben, schreibt auch Johannes manches in verschlüsselter Form.

Die Insel Patmos war ursprünglich reich an Bäumen, nicht gebirgig, gut mit dem Schiff erreichbar - deshalb wurde sie immer wieder abgeholzt. Die Folge waren Wasserarmut und kochende Hitze, eine ausgeblutete Landschaft. Da beginnt Johannes mit offenen Augen von einer neuen Welt, wie Gott sie will, zu träumen. Er stellt sich vor, dass die auferstandenen Bewohnerinnen und Bewohner der Erde auf einer verwandelten Erde wohnen werden.

Predigtimpulse

Alles wird sich verwandeln. Alles wird gut werden.

Wir glauben, dass Gott bei den Menschen wohnen will. Gott will uns ganz nahe sein und mitten unter uns lebendig werden. In Jesus ist Gott Mensch geworden und hat uns gezeigt, dass Gott nicht weit weg ist von uns.

Die neue Schöpfung Gottes ist bereits in Jesus Christus angebrochen. Das Neue wird dann Gegenwart, wo wir jemand die Tränen abtrocknen und gemeinsam das Leid versuchen zu tragen. Wo jemand uns durch Anteilnahme und Freundschaft Leben ermöglicht, sich um uns kümmert, wenn es uns nicht gut geht.

Da wird etwas lebendig von Gottes neuer Welt - mitten unter uns. Dadurch  können wir immer wieder von neuem die Gemeinde Gottes werden, im Vertrauen darauf, dass Gott Anfang und Ende unseres Lebens und der ganzen Welt in der Hand hält.

Bezug zur Nachhaltigkeit

In den Verwandlungsprozess zur neuen Erde und zum neuen Himmel hin ist die gesamte Schöpfung mit einbezogen.

Wir leben aus der Hoffnung heraus, dass Gott alles neu machen wird und gleichzeitig  mit der Vision vor Augen, wie die Welt sein könnte. Daraus können wir immer wieder unseren Mut beziehen, unser Teil dazu beizutragen, dass sich etwas verändert an den todbringenden Mechanismen dieser Welt. Jeder noch so kleine Beitrag kann etwas bewirken, jedes fair gehandelte Pfund Kaffee verhilft zu mehr Gerechtigkeit, jede Kilowattstunde Strom, die durch erneuerbare Energien erzeugt wird, macht einen Unterschied, jeder Baum, der nicht gefällt wird oder jeder, der neu gepflanzt wird, spendet uns Sauerstoff. Die Welt ist nicht verloren. Denn Gott spricht: “Siehe, ich mache alles neu.”

2. Samuel 5, 1-3

Exegetische Überlegungen

David hatte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln taktischer Klugheit, mutiger Entschlossenheit auch in kriegerischen Auseinandersetzungen und auch nicht immer ehrenvollen Mitteln einen machtvollen, geeinten Staat geschaffen, dessen Machtstrukturen sich denen der anderen Staaten angeglichen hatten. Aus herumziehenden Nomadensippen wurde nach und nach ein sesshaftes Volk. David eroberte Jerusalem und baute die Burg auf dem Hügel Zion zu seinem Palast aus. Jerusalem wurde zur „Stadt Davids“ und zum religiösen und kultischen Mittelpunkt des jüdischen Volkes. Davids Macht nahm immer mehr zu, was jedoch nicht unumstritten blieb, da viele den Glauben an Jahwes Königsherrschaft dadurch in Frage gestellt sahen.

Später wurde die Zeit der Herrschaft Davids glorifiziert und immer wieder als Beispiel für die Größe und Einheit des Volkes Israel angeführt. Für den biblischen Erzähler im 2. Buch Samuel erweist sich dieser König als Gottes Geschenk an das Volk Israel. 

Predigtimpulse

Christus als Friedenskönig, in der christlichen Tradition als Sohn Davids bezeichnet, hat weiter geführt und zur Vollendung gebracht, was nach den biblischen Erzählungen Gott in König David begonnen hat. Wahre Friedensherrschaft, die alle kriegerischen Auseinandersetzungen beendet, sie soll in diesem König wahr werden. Dieser König, der nicht von dieser Welt ist.

Ich halte es jedoch für theologisch unredlich, diesen Text der hebräischen Bibel auf Christus als den wahren Friedenskönig hinzubiegen.

Er sollte - wenn überhaupt - an einem anderen Sonntag gepredigt werden.

Kol 1, 12-20

Exegetische Überlegungen

Der Kolosserbrief ist ein pseudepigrapher Brief, der sich vermutlich nicht an eine einzelne konkrete Gemeinde richtet, sondern versucht im Sinne des Paulus verschiedene interessierte Gemeinden anzusprechen. Der bekannte Christushymnus (Kol 1,15-20) geht nach Meinung vieler Auslegungen auf ein ursprüngliches Weisheitslied zurück, das auf Christus gedeutet wurde. Das war wohl in der frühen christlichen Gemeinde nicht unüblich. Gottes Abbild stirbt am Kreuz, Gott selbst ist der gequälte und leidende Gerechte. Der Tod Jesu am Kreuz wird so gedeutet, dass durch den Tod einzelner Gerechter das Gleichgewicht wieder hergestellt werden kann, nachdem die Welt durch Ungerechtigkeit und Sünden der Menschen aus den Fugen geraten ist. Versöhnung zwischen Gott und den Menschen kann so hergestellt und Frieden geschaffen werden und mit dem Blut des Gerechten die Sünden des ganzen Volkes abgewaschen werden. Diese Theologie klingt für uns heute sehr befremdlich, war aber vermutlich für die Anhänger und Anhängerinnen Jesu eine mögliche Deutung der sonst sinnlos erscheinenden brutalen Tode, die an der Tagesordnung waren. 

Wir alle haben Anteil an der neuen Welt, die durch diesen Tod entsteht, an der neuen kosmischen Wirklichkeit, und sind dadurch gerettet.

Quelle:
Angela Standhartinger, in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1999


Predigtimpulse

Wir leben in einer Welt, die vom Tod und von todbringenden Mächten beherrscht wird. Wir erleben immer wieder, wie der Tod in unser Leben einbricht und wie verletzlich menschliches Leben ist. Gott will uns aber Anteil geben an der neuen Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit herrschen und der Tod nicht mehr das letzte Wort haben soll.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Manchmal werden wir mutlos angesichts all der finsteren Machenschaften von Großkonzernen und dunklen Verstrickungen in der Politik. Wir sehen wie Leben bedroht wird. Das Leben vieler Tiere, Pflanzen und auch Menschen. So viele sinnlose Tode werden da gestorben, so viele Lebensmöglichkeiten eingeschränkt. Das Vertrauen darauf, dass in Jesus Christus sichtbar wurde, dass Gott Rettung für die Welt im Sinn hat soll uns Kraft geben, im Licht der Hoffnung zu leben und Licht für andere zu bringen.

Lk 23, 35-43

Exegetische Überlegungen

Der Evangelist Lukas hält in seinem Bericht vom Leben und Sterben Jesu konsequent vom Anfang bis zum Ende durch zu betonen, dass gerade immer diejenigen Menschen eine wichtige Rolle spielen und zu Glaubenszeuginnen und Zeugen werden, von denen es niemand erwartet hätte.

Die Bibel meint mit Paradies immer die ungebrochene Gemeinschaft zwischen Gott und der Schöpfung. Da wird also jemand Gottes liebevolle Nähe verheißen. Und dieses “Heute” hat nichts mit dem Datum der Hinrichtung zu tun. Heute heißt, wie oft in der Bibel: nicht irgendwann, sondern jetzt kann der Augenblick sein, wo alles anders wird, wo jemand umkehrt von der bisherigen Position, wo jemand beim Zuschauen die Augen aufgehen.

Predigtimpulse

Es geht um die Hoffnung darauf, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, sondern dass alles gut werden wird. Dass alle Ängste und alles Leiden ein Ende haben werden bei Gott. Wir können Gott und einander ganz nahe sein, wenn wir unser Leben Gott anvertrauen, wie Jesus es hier tut. Aber auch, wenn wir die Entfernung zwischen uns aufgeben, wenn wir uns näher kommen, wenn wir danach gucken, wo jemand Hilfe braucht oder wo jemand verletzbar ist.

Vielleicht müssen auch wir manchmal an eine Grenze geführt werden, damit uns die Augen aufgehen, um neue Wege für unser Leben zu suchen und zu finden. Damit wir verstehen können, was es bedeutet, dass das Paradies - die Nähe Gottes und die Nähe zwischen Menschen auch uns zugesagt ist. Und damit wir begreifen, dass der Tod Jesu am Kreuz für uns zum Zeichen des Lebens geworden ist.

Bezug zur Nachhaltigkeit

Der Glaube der Anhänger und Anhängerinnen Jesu an seine Lebendigkeit nach seinem Tod war für sie Auftrag in dem Sinne: weil Jesus lebt, gehen wir weiter auf dem Weg, den er begonnen hat, den Weg ins wahre Leben der ganzen Schöpfung. Das treibt auch uns an. Auch wir möchten erfahren und auch ausdrücken, dass der damals gekreuzigte Mensch Jesus bei uns ist als Lebendiger, der uns schützt und stärkt und auf den Weg schickt. Damit die Angst vor Zerstörung  und Terror uns nicht im Griff haben kann, sondern wir leben können mit all unserer und gegen all unsere Angst. In unserer Welt gibt es viele Kreuze, die getragen und erlitten werden. Manche laden wir durch unseren Lebensstil sogar selbst anderen auf. Wir haben all den Kreuzen dieser Welt, unter denen Geschöpfe leiden müssen, nur eines entgegen zu setzen und das ist die Liebe, so wie Jesus sie vorgelebt hat. Je mehr wir in diese Liebe hinein wachsen, desto verletzlicher werden wir - das ist die Botschaft Jesu. Wir werden angreifbarer, wenn wir versuchen ehrlich zu sein, zu dem zu stehen, was wir für gerecht und sinnvoll halten, für das, was Gottes Wille ist.

Aber Gott wird uns immer wieder aufs Neue die Kraft dafür geben. Gott ist bei allen, die leiden. Gott leidet mit und hilft uns. Darauf dürfen wir uns verlassen.

Martina Horak-Werz

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