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Buß- und Bettag (16.11.16)

Buß- und Bettag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 2, 1-11 Offb 4, 1-11 Lk 19, 11-28

Der Buß-und Bettag ist ein evangelischer Feiertag mit ökumenischer Perspektive. Es gab einmal in den deutschen Ländern 47 Buß-und Bettage an 24 Tagen im Jahr. Der eine, den wir noch haben, ist als gesetzlicher Feiertag wegen der Pflegeversicherung abgeschafft. Er hat keine Lobby. Die Lobbyisten der Arbeitgeber waren stärker. Wenn’s um Geld geht, ist die Politik den Wirtschafts- und Finanzeliten immer nachhaltig zugetan.

Buße tun im Sinne von sich besinnen und bedenken, was anders sein müsste, das braucht Zeit und Muße. Die haben wir größtenteils nicht mehr. Wir verlieren uns in Aktivitäten, besonders gerne auch in den Kirchen. Wir predigen die freie Zuwendung Gottes allein aus Gnade - und leben, als gäbe es das nicht wirklich, als müssten wir die Welt noch immer fast alleine retten. In zu vielen Ansprachen gewinnt man den Eindruck, dass von Liebe und Zuwendung Gottes gesprochen wird, um dann zum „Eigentlichen“ zu kommen, zu dem was wir tun können und sollen, „ganz praktisch“ ist dann die Chiffre dafür.

Das gilt persönlich und gesellschaftlich/politisch. Doch wer immer nur von sich erwartet, für andere und die Welt da sein zu müssen, der oder die wird innerlich daran zerbrechen. Wenn wir als Kirchen uns immer mehr unter Druck setzen, um der Gesellschaft Werte zu vermitteln oder Vorbild zu sein, verfehlen wir unseren Auftrag. Der Buß-und Bettag erinnert uns daran: Es gibt für ein gutes Leben wichtigeres als sich in Tat und Opfer zu verzehren.

Buße tun ist die Unterbrechung dieses Mühlrads aus Gewissen und Verantwortung, frei zu werden für das wirklich Wichtige. Nachhaltig leben fängt ja nicht mit Bio-Einkäufen oder Fahrradfahren an, sondern mit der eigenen und gemeinsamen Gewissheit: Ich kann und ich darf mich oder etwas im Leben ändern; ich bin auch dann ein von Gott geliebter Mensch, wenn ich nichts tue. Ich weiß sehr wohl: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es (Erich Kästner). Aber das Gute, biblisch „den Guten“ zu kennen und anzuerkennen, bleibt die Grundlage in christlicher Perspektive.

Offenbarung 4, 1-11

Der Abschnitt aus der Offenbarung gibt die Richtung vor: „Ich sah im Himmel eine geöffnete Tür und hörte, wie die Stimme … zu mir sagte: »Komm hier herauf! Ich werde dir zeigen, was nach den Dingen, von denen du bereits gehört hast, noch kommen muss.

Im Himmel eine geöffnete Tür! In Anlehnung an ein Jesus-Wort möchte ich gerne sagen: Was im Himmel geöffnet ist, sollen wir Menschen auf Erden nicht verschließen. Die geöffnete Tür bleibt das Ziel unseres Weges, und sie wird nicht verschlossen. Was kann das heißen angesichts einer niederschmetternden Krankheitsdiagnose? Was angesichts von Tod oder Trennung? Was mag es denen sagen, die zweifeln?

Die Tage, in denen diese Zeilen entstehen, sind geprägt vom Streit um die Griechenlandkrise und die Flüchtlingsfrage in Europa. Wo ist da eine geöffnete Tür? Wo sind Freiheit und Perspektive? Angst geht um, und viel steht auf dem Spiel. Die Rettung Griechenlands wird immer wieder betont, die Presse geifert gegen die unbelehrbaren Griechen und stellt die anderen als die guten Europäer dar. Eine aussichtslos festgefahrene Lage.

Was wäre, wenn alle Beteiligten in dieser Zeit auch nur einen Tag mal gar nichts tun, sondern in sich gehen würden, Bilanz ziehen, Fragen stellen, versuchen, das Ganze ins Auge zu fassen – vor allem aber die Menschen betrachten, was ihnen nottut? Es bleibt das Elend unseres Finanz- und Wirtschaftswesens, dass es derartige Unterbrechungen nicht zulässt. Allein dies weist es schon als eine nicht nachhaltige Form des Wirtschaften und Lebens aus.

Die geöffnete Tür des Himmels – Freiräume hinter der Tür, ein weites Feld. Mitten drin der, der uns sagt, was noch geschehen wird oder muss. Wenn es der ist, dessen Auferstehung uns Kraft und Hoffnung gibt, dann fragt sich, was wir tun, wenn wir die Türen in Europa noch fester verschließen. Verbauen wir nicht unsere Zukunft, wenn wir anderen die Rettung verwehren? Wenn Europa eine Festung bleibt, kann es keine Freiheit darin geben. Umgekehrt ist aber auch klar: Die Freiheit, die wir so hochhalten, kann uns nur dann zugute kommen, wenn wir sie teilen. Nur dann wäre sie nämlich auch Grund genug, woanders ähnliche Grundlagen zu schaffen, die Flucht und Vertreibung überflüssig werden ließen.

Wenn nicht allein der, der Gott genannt wird, unsere feste Burg ist, dann gibt es keinen Schutz, nicht für uns und nicht für die, deren Leben vor den Toren der Festung Europa buchstäblich versinkt.

Römer 2

... reflektiert die existentielle Lage des Menschen im jüdischen-hellenistischen Kontext. Im Sinne der geöffneten Tür bleibt die Aussage in Vers 4 von zentraler Bedeutung: Begreifst du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr leiten will? Paulus hat hier die geöffnete Tür vor Augen, nachdem er die ganze Verderbnis der Menschheit drastisch vor Augen malt. Gottes Güte lädt zur Umkehr – was auch sonst? Elternstrenge, ein Gott als Richter, Drohungen, Strafen? Das hat alles seine Zeit, aber zur Umkehr, auf den Weg der Freiheit können nur Güte und Vergebung führen.

Gute Beispiele sind deshalb so wichtig. Beispiele, wie wir anders leben können, überzeugen und machen nachdenklich. Allein wohnen im Einfamilienhaus – oder gemeinsam mit mehreren Generationen? Es muss ja nicht unbedingt unter einem Dach sein, aber gemeinsam auf weitem Raum? Ziviler Friedensdienst als Einladung für junge Leute, die globalisierte Welt kennen zu lernen und sich darin zu bewähren anstelle von Militärdienst? Wie gewinnen wir Energie für alle ohne den folgenden Generationen ihren Lebensraum zu zerstören? Die Flüchtlingsströme beklagen und bessere Lebensbedingungen in den Ländern fordern? Das ist glaubwürdig, wenn wir mit Flüchtlingen vor Ort für ihre Freiheit und Rechte kämpfen.

Beispiele gibt es überall. Die Frage, ob und wie wir bereit sind, uns den anderen Lebensformen zuzuwenden, besteht für uns alle.

Lukas 19, 11-18

gehört mit zu den sperrigsten des Neuen Testaments. Für das Gleichnis verbietet sich eine allegorische Auslegung a priori. Es kann nur vom Vorspann her eingeordnet werden: Viele Leute meinten, das Reich Gottes würde mit dem Einzug Jesu in Jerusalem anbrechen. Daraufhin erzählt Jesus diese regelrecht verwirrende Geschichte von einem König, der außer Landes zieht, um sich dort zum König einsetzen zu lassen.

Das Gleichnis steht direkt hinter der Geschichte mit Zachäus, wo der Auftrag Jesu zusammengefasst ausgesagt ist: Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist.  

Ich sehe auch nicht, dass hier die Glaubensstärke und Aufrichtigkeit Thema ist, wie es manchmal heißt. Die Geschichte bleibt unverständlich und nimmt insofern den Weg Jesu in Jerusalem vorweg.

Nachhaltigkeit im Sinne des Projekts sehe ich wenn dann im Sinne des Vorschlags von Eberhard Will in der Ausgabe zum Buß- und Bettag 2013 (s. dort das Zitat aus dem Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, EKD Texte 100, Hannover 2009).

Martin Domke

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