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Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr / 33. Sonntag im Jahreskreis (13.11.16)

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr / 33. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 8, 18-23 (24-25) Mal 3, 19-20b 2 Thess 3, 7-12 Lk 21, 5-19

Der Verfasser geht auf die Spannung zwischen Gedenken und Hoffen ein. Der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr ist zugleich Volkstrauertag, an dem der Opfer von Gewalt und Krieg gedacht wird. Die biblischen Texte schöpfen aus der Verheißung Gottes. Dazwischen leben wir und fragen: Was treibt unser Engagement an?

Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr

Der Volkstrauertag wurde nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland eingeführt, zunächst am Sonntag Reminiscere. Seit 1952 liegt er auf dem vorletzten Sonntag des Kirchenjahres. Es hängt sehr von regionalen und lokalen Traditionen ab, wie stark sich die Prägung des Volkstrauertages auf den Gottesdienst auswirkt. Andernorts ist die Beteiligung an der Friedensdekade steuerndes Element.   

Diese Idee stammt aus den Niederlanden und wurde 1980 in Deutschland aufgenommen. Printmedien, Rundfunk und Fernsehprogramme widmen sich im November regelmäßig Themen um Sterben und Tod, ebenso Religionsunterricht und Konfirmandenarbeit. Der Schwerpunkt liegt häufig auf dem Prozess des Sterbens, der Begleitung dabei und auf der Frage nach eventueller Beihilfe. Vorstellungen von Vollendung, Auferstehung und Jüngstem Gericht kommen fast nur in Gottesdiensten vor.

Römer 8, 18-27

Es ist sinnvoll, die Perikope bis zum Vers 27 zu erweitern. Sie ist geprägt von verschiedenen Spannungen: Leiden – Herrlichkeit, Vergänglichkeit – Hoffnung, Knechtschaft der Vergänglichkeit – Freiheit, Geduld – Hoffnung. Paulus beschreibt das Leben dazwischen. Die Brücke, die beide Ufer verbindet, bildet der Geist Gottes. Wir haben den Geist und sehnen uns nach der Erlösung (23); der Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen (26). Wir sind mit der Schöpfung und aller Kreatur verbunden im Seufzen und in der Sehnsucht. Klaus Berger übersetzt mit „Stöhnen“, weil Seufzen im Deutschen zu positiv und leicht klingt. Gemeint ist das qualvolle Stöhnen unter großem Schmerz wie bei einer Geburt ohne Betäubung. Wie in Joh 16, 21 ist es allein die Erwartung des Kommenden, was in solchem Leiden durchhalten lässt. Wer keine Perspektive sieht, nichts erwartet, nichts erhofft, wird kaum die Kraft aufbringen, die Gegenwart auszuhalten. Während ich dies schreibe, ertrinken zahllose Flüchtlinge im Mittelmeer, angetrieben von ihrer Hoffnung auf eine Zukunft in Europa. Wie wird die Lage im November 2016 aussehen? Welche neuen Krisen wird es geben? Was lässt die Beteiligten und die Zeitgenossen hoffen? Paulus setzt darauf, dass Gottes Geist in uns mitleidet und uns vertritt in unserem Stöhnen, wenn uns selbst die Worte im Beten ausgehen. Ich lese seine Zeilen als Ermutigung, Leiden nicht zu verdrängen oder zu relativieren, sondern laut zu stöhnen und hinauszuschreien, was schmerzt und peinigt. Ich sehe darin auch Bilder einer Lebenserfahrung jenseits des Schmerzes, wenn Gottes neue Welt geboren wird. Sein Geist hilft uns, sie anzusteuern. „Ich brauche nicht nur ich zu sein, wenn ich bete...Man betet sich mit den Versuchen des eigenen Glaubens in die Worte der Geschwister und in die Gesten der Toten...Das bedeutet Kirche: mehr sein können als einsames Subjekt; mehr glauben können, als man glaubt.“ (Steffensky, 98)

Maleachi 3, 13-20

Auch hier plädiere ich für eine Erweiterung des Textabschnitts und bereits mit Vers 13 zu beginnen. Sonst erscheint nur eine apodiktische Ansage des zweifachen Gerichts. Der Anlauf ab V 13 aber nimmt uns hinein in eine Diskussion des Zweifels: merkt Gott, was sich unter uns abspielt?  Es ist nicht egal, wie wir leben und ob wir uns an Gottes Weisungen halten. Das Gericht am Ende kommt nicht aus heiterem Himmel, sondern als Konsequenz unseres Lebens. Ein Prophet sagt eben nicht nur Zukunft vorher, sondern er sagt Wahrheit hervor. Die deutsche Sprache hat dafür eine gute Wendung: Gott wird jedem Menschen gerecht werden. Denn Gott kennt alle Umstände und Zusammenhänge.

Darum ist die forensische (gerichtliche) Metaphorik nur bedingt für die Predigt geeignet: „Das Bild des Richters beschreibt nur unzulänglich, wie Gott sich in diesem Geschehen verausgabt und hingibt“ (Bieler/Gutmann, 20). „Gottes Liebe findet das Liebenswerte nicht vor, sondern schafft es sich. Denn die Sünder sind schön, weil sie geliebt werden; nicht aber werden sie geliebt, weil sie schön sind.“ (Frank M. Lütze, zit. bei Bieler/Gutmann, 20).

Das ist barmherziger als die klassische Drohung, unser Leben und unsere Taten würden be- oder verurteilt. Was auch geschieht: „der Herr merkt und hört es“ (16). Maleachi nimmt das Bild des Gedenkbuches zu Hilfe, manche sprechen vom Gedächtnis Gottes. Der verbindende Trost liegt darin, dass Gott anwesend ist und beteiligt an allem, was geschieht. Zu Recht wird die Tradition abgewiesen, Menschen durch angedrohtes Verderben am Ende zu motivieren. In der Botschaft des Maleachi steckt aber auch die positive Wendung: indem wir uns an Gottes gute und lebensdienliche Weisungen halten, tragen wir zu Gottes positiven Erinnerungen bei. Wir haben teil an der Aufgabe, ein gutes Buch zu schreiben. Das zentrale Stichwort heißt „dienen“. Wir dienen immer jemandem. Wer von sich meint, es nicht zu tun, täuscht sich. Manche dienen dem eigenen Nutzen, der Familie, der Gesundheit, Gott oder dem Mammon. Jede und jeder dient. Die große Frage heißt: Wem?

Lukas 21, 5-19

Die Rede Jesu über die Endzeit schöpft aus der Überzeugung, dass äußeres Schicksal und innere Gottesbeziehung sich deutlich unterscheiden können und nicht nach unseren Vorstellungen voneinander ableitbar sind. Auch diese Evangelium lebt von Spannungen: Verfolgung - Gottvertrauen, Anklage - Mund und Weisheit aus Gottes Hand, gehasst werden – Leben gewinnen. Das Evangelium schärft den Tiefenblick: nicht jedes Zeichen der Zeit ist ein Gottessignal. Alle äußere Existenz mag  bedroht sein, aber das Vertrauen in Gott möge unerschütterlich bleiben. Das Evangelium ermutigt zu einem Leben in Kontrast: lass dich nicht vom Schrecken oder von Verfolgung beirren. Gott ist und bleibt anwesend. Das Wichtigste empfangen wir: Mund und Weisheit. Letztlich steckt dahinter, dass die Beziehung zu Gott der innerste Halt im Leben ist, Beziehung ist zentraler als das eigene Ergehen.

2. Thessalonicher 3, 7-13

Vers 13 gehört als Pointe unbedingt zum Text – darauf zielt die ganze Vorbereitung. „In der Spur bleiben“ könnte die Überschrift heißen oder: „Lass dich nicht ablenken“. Wovon? Davon, dass andere ihre Position missbrauchen und sich Vorteile verschaffen. Lasst euch nicht dadurch abhalten, Gutes zu tun (13). Ohne den Zusammenhang könnte alle Barmherzigkeit aus der Predigt verschwinden: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“ (10). Das ist meiner Kenntnis nach der einzige biblische Satz, der es in die alte Verfassung der UdSSR geschafft hat. Für die Frage unseres sozialen Zusammenlebens steckt aber die Botschaft darin, dass das Verhalten der anderen uns nicht zur Ausrede dienen kann, Gutes zu unterlassen. Es gilt nicht „Wie du mir, so ich dir“, sondern: „Wie Gott uns, so wir euch“.

 

In Bezug auf nachhaltiges Leben finde ich in den Schriftworten für diesen Sonntag zwei Motivationen. Die erste besteht darin, die gegenwärtige Wirklichkeit auszuhalten. Wirklich auszuhalten, ihr nicht auszuweichen, sie nicht zu verdrängen oder schön zu reden. Das heißt, dass wir leiden werden, stöhnen und zweifeln. Der Antrieb, an den Verhältnissen etwas zu verändern, kommt aber nicht nur aus dieser negativen Quelle der Schmerzerfahrung. Wie bei einer Geburt (Röm 8) ziehen wir Kraft aus dem, was noch nicht ist. Gottes Geist und Weisheit geben einen Mund, der alternatives Leben entwirft und als real vertritt. Ein Beispiel für solche Haltung sehe ich in der Predigt, die Desmond Tutu 1977 bei der Beerdigung des Bürgerrechtlers Steve Biko gehalten hat. Dieses Begräbnis schien der Todesstoß der Befreiungsbewegung zu sein. Und Tutu predigte: „Kein Zweifel: die Freiheit kommt…. Man sagt, die dunkelste Stunde sei die vor der Dämmerung… Lasst uns alle, Schwarze und Weiße gemeinsam nicht von Mutlosigkeit und Verzweiflung geschlagen geben. Lasst uns Schwarze nicht von Hass und Bitterkeit erfüllt sein. Denn wir alle, Schwarze und Weiße gemeinsam, werden überwinden, ja, wir haben bereits überwunden.“ (Cilliers, 134)

Predigt sagt in diesem Sinne hervor, was Gott schon vorgesehen hat, aber noch nicht eingetroffen ist. In der südafrikanischen Sprache isiXhosa ist das Wort dafür „Udaba“, Ereignis. „Wenn das Dorf von den traditionellen Anführern zusammengerufen wurde, war das ein Udaba – man durfte sich davon nicht fernhalten. Derzeit hat der Ausdruck einen politischen Charakter angenommen – wenn Kundgebungen organisiert werden, Protestzüge stattfinden, Wahlwerbung besucht wird, usw… Wie das Wort auch immer gebraucht wird, hinter Udaba steht der Gedanke eines gemeinschaftlichen Ereignisses.“ (Cilliers, 127f.)

Udaba kann an diesem Sonntag helfen, in den jeweiligen Schriftworten jene Brücke zu beschreiben zwischen Stöhnen und Freiheit, zwischen Verfolgung und Gottvertrauen, zwischen guten Absichten und hoffnungsvollem Einsatz.

Prof. Stefan Claaß

Literatur
Andrea Bieler und Hans-Martin Gutmann: Rechtfertigung der „Überflüssigen“. Die Aufgabe der Predigt heute, Gütersloh 2008.
Johan Cilliers: Predigt als politisches und eschatologisches Ereignis, in: Alexander Deeg (Hg): Erlebnis Predigt, Leipzig 2014, 123-140.
Fulbert Steffensky: Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002.

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