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Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis (06.11.16)

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr / 32. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 14, 7-9 2 Makk 7, 1-2.7a.9-14 2 Thess 2, 16 - 3, 5 Lk 20, 27-38

Der Verfasser betrachtet alle Perikopen der evangelischen und katholischen Leseordnung. Alle Texte verbindet die Idee von einem Leben nach dem Tod, von der Auferstehung der Toten. Was bedeutet das für eine nachhaltige Predigt? Seine Überzeugung: Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist relevant für ein Leben vor dem Tod. 

Theologische Vorbemerkung

Röm 6, 1-11 (8) drückt markant aus, um was es letztlich in allen Schrifttexten des Sonntags geht: „In Christus gestorben, in Christus lebendig geworden.“ Christus ist nicht für sich allein gestorben, sondern „pro nobis“, für uns, „dass er über Tote und Lebende Herr sei“ (Röm 14, 9). Er hat uns hineingenommen in sein Sterben am Kreuz und in seine Auferstehung von den Toten. Im Glauben sind wir in Jesus Christus verwurzelt wie die Rebe am Weinstock (Joh 15, 1-8), und durch ihn in Gott selbst, Ursprung und Lebensgrund von allem. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod hat nicht aus der Welt hinaus tröstende Funktion, sondern geradezu radikale Auswirkungen auf das Leben jetzt im Hier und Heute. „Es gibt ein Leben vor dem Tod“ (Wolf Biermann).

Röm 14, 7-9: Christus lebt in uns

Exegetische Hinweise

Der Predigttext aus dem von Paulus um 57 / 58 geschriebenen Brief an die Gemeinde in Rom steht in einem größeren Argumentationszusammenhang, den es für das Verständnis zu beachten gilt: Es geht um einen Aspekt der geschwisterlichen Liebe in der Gemeinde, um den Umgang der im Glauben „Starken“ mit den im Glauben „Schwachen“ (Röm 14, 1-23). Ausgangspunkt ist offenbar ein Streit um den Stellenwert von – wohl jüdischen – Speise-  und Fastengeboten, aber auch um die Beachtung von Kalenderereignissen, bestimmten Tagen im Jahr, wohl ebenfalls aus jüdischer Tradition. Paulus fordert die Gemeinde auf, mit dem gegenseitigen Richten aufzuhören und den Sinn darauf zu richten, „dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite“ (Röm 14, 12f).

Theologische Impulse

Leben und Sterben im Herrn (Röm 14, 8) heißt, wir gehören dem Herrn. Jesus Christus lebt in uns. Wir sind in ihm verwurzelt und durch ihn ganz in Gott, in seinem Leben, in seiner Ewigkeit. Christus lebt in mir heißt, wir sind jetzt schon Auferstandene, das neue Leben des auferstandenen Christus lebt bereits in uns. Wir erwarten nicht das ewige Leben jenseits des Todes, sondern wir leben aus ihm – in diesem Augenblick. Wir leben jetzt, wie lieben jetzt! Das hat Konsequenzen in meinem Leben, im Hier und Heute, in meinem Alltag. Vor allem in der Begegnung mit Menschen und im Umgang mit dem Lebensressourcen dieser Welt, mit der Quelle und dem Fundament unseres Lebens: der Schöpfung Gottes.

Paulus macht das am Beispiel des Umgangs mit den „Schwachen im Glauben“ deutlich: Er erwartet von den „Starken im Glauben“ bzw. denen, die bereits tiefer in sein Verständnis eingedrungen sind, dass sie verstehen lernen, warum den anderen Traditionen, Gebräuche und Rituale wichtig sind für ihre Frömmigkeit. Sie sollen ein weites Herz haben, zulassen, was dem Wesen des Glaubens nicht widerspricht, darin Achtung vor dem anderen, seinem Gewissen und seiner Menschlichkeit entgegen bringen. Wie leicht verurteile ich und verachte darin einen anderen Menschen. Im anderen Christus sehen und sein Bemühen, für Christus transparent zu werden, ist für Paulus wichtige Grundhaltung christlicher Gemeinschaft. Nicht verurteilen und anderen zum Anstoß werden, dass sie in ihrem Glauben schwankend und unsicher werden, ermahnt der Apostel. „Den Glauben, den du hast, behalte bei dir selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst nicht zu verurteilen braucht, wenn er sich prüft“ (Röm 14, 22).


Nachhaltigkeitsaspekte

Leben in Christus heißt für mich, Lebensräume schaffen und Zugänge dazu öffnen. Es beginnt mit Respekt und Achtung des anderen Menschen und setzt sich in der Achtsamkeit des Lebensraumes Umwelt und im Schutz der Lebensressourcen dieser Welt, damit auch andere leben können, fort. Achtung vor dem anderen Menschen fordert Widerstand gegen jegliche Formen von Menschenverachtung, wie wir sie heute wieder zunehmend in unserer Gesellschaft beobachten können: Formen von Rassismus und Gewalt gegen Menschen, die anders sind, in ihrer Herkunft, Hautfarbe, Sprache und Religion. Die vor allem arm sind! Auch der Antisemitismus traut sich wieder in die Öffentlichkeit. „Der Schoß ist fruchtbar noch …“ (Bert Brecht).

Nachhaltiges Christsein heißt für mich dann Einsatz für Flüchtlinge und Migranten, Einsatz für eine Vielfalt der Religionen und Kulturen, für ein kosmopolitisches Deutschland und ein lebendiges Europa, das keine Festung gegen die Armen der Welt ist. Vielfalt und kreative Buntheit des Denkens bereichern und helfen uns, zukunftsfähiges Neudenken zu entwickeln – gerade auch im Blick auf einen nachhaltigen Lebensstil. Nachhaltiges Christsein ist für mich politischer Einsatz für die Bewahrung und Förderung der Lebensbedingungen auf diesem wunderbaren und einzigartigen Planeten, für die Menschenrechte, für die Religionsfreiheit und die Gewissensfreiheit. Die innere Freiheit ist der Lebens- und Schutzraum, das Minimum, das jeder Mensch braucht, um Mensch zu sein und als Mensch leben zu können. Ich setze mich ein für eine Dialogkultur, die im anderen stets den Menschen sieht und ihm auch im streitbaren Diskurs die Menschlichkeit und Würde nicht abspricht. Gerade hier gilt es, den „Schwachen“ zu schützen und für ihn das Recht zu verteidigen, auch „politisch unkorrekt“ sein zu dürfen. In den Medien („sozialen Netzwerken“) finden heute „Hinrichtungen“ statt, die Christen um der Menschlichkeit unserer Lebenswelt nicht hinnehmen sollten.

2 Makk 7, 1-2. 7a. 9-14: Gott hat uns eine Hoffnung gegeben

Exegetische Hinweise

Die deuterokanonischen Makkabäerbücher berichten vom „Heiligen Krieg“ des jüdischen Volkes für seine politische und religiöse Freiheit gegen die Seleukiden (175 – 134 v. Chr.). Unter dem Priester Mattatias kam es zum Aufstand gegen Antiochus IV. Epiphanes, als dieser 169 v. Chr. das religiöse und politische Zentrum des Judentums, den Tempel, plünderte, entweihte und in ihm eine Statue des Zeus Olympios aufstellte. Die Bücher sind nach seinem Sohn Judas Makkabäus benannt, der den Kampf erfolgreich fortsetzte. Der Krieg wurde mit gnadenloser Grausamkeit geführt; unser Text gibt dafür ein anschauliches, historisch glaubwürdiges Bild wieder.

In ihrem kaum auszuhaltenden Grauen wirkt unsere Perikope erschreckend modern, wenn wir an Terror und Folter des „Islamischen Staates“ in Syrien und dem Irak denken (Verbrennen bei lebendigem Leibe, Enthauptungen, systematische Vergewaltigungen, Zerstörung des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit, der Zeugnisse anderer religiöser Bekenntnisse).  In 2 Makk 7, 37 sehe ich aber auch Begründung und Folie für die späteren christlichen Eroberungsfeldzüge und Zwangsmissionierungen. Theologisch bedeutsam sind die Makkabäerbücher, da hier zum ersten Mal für das Judentum der Glaube an eine – leiblich-seelische – Auferstehung der Toten klar ausgesprochen ist.


Theologische Impulse

Wir haben es hier mit Glaubensverfolgung zu tun. Die sieben Brüder und ihre Mutter sollen unkoscheres Schweinefleisch essen. Durch diesen Akt würden sie ihrem Glauben abschwören. Alle weigern sich und werden furchtbar gefoltert und umgebracht. Den Mut und die Kraft zu Widerstand und Martyrium beziehen die sieben Brüder und ihre Mutter aus dem Glauben an eine Auferstehung von den Toten. Und dieser Glaube hat entscheidende Auswirkungen für das Leben und Handeln in der Welt vor dem Tod. Er ist eben nicht Jenseitsvertröstung, die das irdische Dasein – und damit auch die Schöpfung Gottes! – geringschätzt.

Die jüdische und christliche Welt – und aus ihren Wurzeln erwachsen auch die dritte Buchreligion: der Islam –, wertschätzen das Leben. Gott selbst hat es zu seiner Freude geschaffen: „Es war sehr gut“ (Gen 1, 31). Für die Christen erhält es in der Inkarnation Gottes in Jesus Christus seine einzigartige Heiligung und Würde: „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen“ (Kolosser 1, 19).  Gott sagt Ja zu diesem Leben, wie es ist. In der solidarischen Annahme der menschlichen Existenz, in seiner Leiblichkeit, Endlichkeit und Zerbrechlichkeit, aber auch in seiner Buntheit, prallen Lebensfülle und Kreativität ermutigt Gott uns zu diesem Leben. Und beauftragt uns: Nehmt es ernst, achtet, behütet und vermehrt es, schafft Entfaltungsräume des Lebens. Das kann auch Verzicht heißen.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod befreit mich von der Vorstellung, alles aus diesem Leben rausholen zu müssen, es geradezu auszuplündern, damit ich ja nichts verpasse. Der Raubzug des Kapitalismus ist Folge des Verlusts einer befreienden Jenseitsvorstellung. Mein Leben darf begrenzt, unfertig und unvollkommen sein. Gerade darin ist es gut. Ich muss nicht jede Facette menschlichen Lebens gelebt, genossen oder erlitten haben. Schönheit, Fülle und Sinn begegnen mir oft nur im Kleinen, Unscheinbaren, Langsamen, Gebrochenen. Es bleibt in diesem Leben die Spannung, die mich ausrichtet hin auf eine Vollendung, die es in dieser Welt nicht gibt. Dabei weiß ich: Ich muss die Welt nicht erlösen; es ist ein anderer, der sie in die Vollendung führt. Gleichwohl ist mein Einsatz ist wichtig. „Es kommt auf mich an, aber es hängt nicht von mir ab“ (Pierre Stutz).

Um meiner Glaubensüberzeugung willen, um der Wahrheit meines Lebens willen, kann ich dieses Leben sogar lassen. Die Martyrer im Kampf gegen Hitler waren dazu bereit: Dietrich Bonhoeffer, Sophie und Hans Scholl mit ihren Freunden von der „Weißen Rose“. Der Satz Jesu: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (Joh 12, 25), meint nicht eine Verachtung des Lebens, sondern die Wertschätzung seiner Wahrheit, die auch die Beglaubigung durch den Tod nicht scheut. Meinem Gewissen zu folgen, nach meiner Überzeugung zu handeln, kann wichtiger sein, als das Leben, weil ich nur so ich selbst sein kann, den Sinn meines Lebens bewahren kann. Der Tod wird zum Bekenntnis, zum Bekenntnis der Wahrheit, zur endgültigen Verwirklichung meines Selbst, zur imitatio Christi. Im Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod kann ich mich Gott ganz anvertrauen und übergeben. Das ist eine Kapitulation, eine Auf-Gabe und Über-Gabe, ein mich ganz in die Tiefe Gottes Hineinwerfen.

Nachhaltigkeitsaspekte

Glaubensverfolgungen, ein aktuelles Thema: Im Nahen Osten und in Afrika finden Christenverfolgungen großen Ausmaßes statt. In Syrien und Irak verfolgt der „Islamische Staat“ auch muslimische Bekenntnisse, die er für häretisch hält. Die Folge ist ein Strom von Millionen Flüchtlingen, die ihren Weg auch zu uns suchen. Sie haben einen Anspruch auf Hilfe und - Beheimatung. Schon in der Thora heißt es: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Levitikus 19, 34). In einer Resolution hat das Kolpingwerk in der Diözese Speyer im Mai 2015 eine Willkommenskultur für Flüchtlinge und Asylbewerber gefordert. In der Resolution heißt es u.a.:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Artikel 1 des Grundgesetzes gibt uns einen klaren Auftrag. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Würde und Menschlichkeit unseres Staates und seiner Gesellschaft. Im Umgang mit Menschen in Not, besonders mit Menschen, die vor Krieg, Hass und Gewalt, vor Hunger und Durst, vor entwürdigender Armut, Krankheit und absoluter Perspektivlosigkeit aus ihrer Heimat geflohen sind, muss die in der Verfassung verbürgte Menschenwürde erfahrbare Realität werden. …

Wer sich für Flüchtlinge einsetzt, tut etwas für die Zukunft unserer freien und solidarischen Gesellschaft, tut etwas für die Zukunft unserer gesamten Welt. Wir denken an die vielen Christen, die im Nahen Osten und in Afrika verfolgt werden. Wenn wir Flüchtlingen helfen, setzen wir in der Welt ein Zeichen der Hoffnung, der Verständigung und Versöhnung. Wir fordern die Politik auf, entschieden gegen jegliche Form von Christenverfolgung und von Verfolgung aufgrund eines anderen religiösen Bekenntnisses einzutreten. Wir wenden uns auch gegen jede Form von Verächtlichmachung des Christentums und jeder anderen Religion bei uns. Zur Menschlichkeit einer Gesellschaft gehört die Achtung des religiösen Bekenntnisses.1)

Zu einem guten Leben, zur Lebensqualität gehört, ein Leben in eigener Verantwortung, nach eigenen Vorstellungen und Überzeugungen leben zu können. Gedanken-, Rede- und Religionsfreiheit sind Grundwerte einer menschlichen, demokratischen Gesellschaft. Die Kirchen haben den Auftrag, Menschen bei der Herausbildung eines Gewissens zu begleiten. Der große Moraltheologe Alfons Auer hat 1991 in Kaiserslautern dem Verfasser gegenüber seine große Sorge darüber geäußert, dass viele Menschen nicht zu einem Gewissen gelangen. Untersuchungen aus den USA sprächen von ca. 80 %! Das haupt- und ehrenamtliche Engagement der Kirchen in Familien- und Jugendarbeit, in (Aus-)Bildung und Politik bedarf neuer Ermutigung und Unterstützung. Aktive Mitgliedschaft in kirchlichen Verbänden wie Kolping, KAB, BDKJ und Frauenverbänden sowie in Organisationen wie Amnesty International oder Attac können etwas bewegen und auch Gewissen schärfen. Zivilcourage und die freimütige Rede sollten auch in den Kirchen endlich Lebensraum und Heimatrecht haben.

2 Thess 2, 16 – 3, 5: Kraft zu jedem guten Werk und Wort

Exegetische Hinweise

Innerhalb des Corpus Paulinum gehört 2 Thess zu den Deuteropaulinen, d.h. er ist wohl nicht von Paulus selbst. Während 1 Thess, der älteste „echte“ Paulusbrief, noch von der baldigen Wiederkunft Christi ausgeht, ist hier davon die Rede, dass die Wiederkunft Christi noch nicht bevorstehen könne; diese sei an bestimmten Zeichen erkennbar, die erst eintreten müssten. Die Gläubigen werden zu einem Leben in der Welt ermutigt und aufgerufen, beharrlich und standhaft im Glauben zu sein.


Theologische Impulse

Der Segenswunsch des Apostels spricht von der zugewandte Liebe des Vaters, der uns „ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat“ (2 Thess 2, 16). Damit ist die Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten, auf ein ewiges Leben gemeint. Sie ist das Fundament, auf dem der Schreiber des Briefes die Gemeinde für das Leben in einer Welt ermutigen will, die ihr nicht immer wohlgesonnen ist (2 Thess 3, 2f), in die sie aber verwiesen bleibt, da die Wiederkunft des Herrn auf sich warten lässt (Parusieverzögerung). Daher der Wunsch nach Trost und „Kraft (Beharrlichkeit) zu jedem guten Werk und Wort“ (2 Thess 2, 17). Die Aufrufe, beharrlich und standhaft zu sein, in der Geduld Christi auszuhalten, und die Aussagen, Gott ist doch treu, er wird Kraft und Bewahrung vor dem Bösen geben (2 Thess 3, 3), klingen wie Durchhalteparolen. Aber hier wird eher eine Änderung der Sichtweise auf den Glauben vorgenommen und der Grund für einen neuen Auftrag der Gemeinde gelegt: ihren Beitrag zu leisten, z.B. durch das Gebet, „damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird“ (2 Thess 3, 1), wie es in der Gemeinde bereits geschieht.

Eine neue christliche Spiritualität deutet sich an für die Zeit nach der Naherwartung, für ein dauerhaftes Leben der Christen in der Welt, maßgeblich ist dafür Gottesliebe und Christusverbundenheit (2 Thess 3, 5).


Nachhaltigkeitsaspekte

Voraussetzung für ein verantwortlich gelebtes und nachhaltiges Christentum ist eine mündige Spiritualität. Ausgehend von Vers 3: Gott „wird euch Kraft geben und vor dem Bösen bewahren“, möchte ich dafür Gedanken des Trappistenmönchs und Eremiten Thomas Merton (1915 – 1968), vortragen: Er steht für eine Spiritualität, die die alltäglichen Arrangements mit den Mächten, den Ursachen des Todes aufdeckt und bekämpft.

Anstöße von Thomas Merton2):

„Wer versucht, sich für andere oder die Welt einzusetzen und in ihrem Sinne zu handeln, ohne sein eigenes Selbstverständnis, seine Freiheit, Ganzheit, Liebesfähigkeit zu vertiefen, wird nichts haben, was er anderen geben könnte … Es gibt nichts Tragischeres in der modernen Welt als den Missbrauch der Macht und des Handelns, zu dem Menschen durch ihre eigenen faustischen Missverständnisse und Urteile verleitet werden. Wir haben heute mehr Macht zu unserer Verfügung als jemals zuvor, aber wir waren noch nie so entwurzelt und im inneren Grund des Sinnes und der Liebe so entfremdet wie heute. Das Ergebnis liegt auf der Hand …“

Gotthard Fuchs schreibt dazu: „Es ist also, gut jesuanisch, ständige Umkehr nötig, wörtlich: ständiges Um- und Darüber-hinaus-Denken auf das Geheimnis göttlicher Liebe hin. Das fängt bei jedem selbst an.“

Ein weiterer Gedanke von Thomas Merton: „Meine Bekehrung zum christlichen Glauben, genauer, meine Bekehrung zu Christus, habe ich stets als radikale Befreiung von den Täuschungen und Lehren unserer modernen Welt betrachtet. Ich glaube bis heute, dass der Glaube an Gott der einzig wirklich Schutz ist gegen den Verlust an Freiheit und Urteilskraft, wenn man sich töricht und gedankenlos den Parolen der modernen Massengesellschaft fügt.“

„Ich sage mich davon (von der vorherrschenden Lebensart der Welt / d. Verf.) los, weil ich darin Ursprung und Ausdruck jener geistigen und seelischen Hölle sehe, die der Mensch aus seiner Welt gemacht hat: die Hölle, die in zwei totalen Kriegen voll unsagbaren Grauens alles in Flammen gesetzt hat, die Hölle geistiger Leere und unmenschlicher Brutalität, in der Verbrechen wie Auschwitz und Hiroshima möglich wurden … Jeder vernünftige Mensch versucht das. Doch die Frage ist, wie kann man sich ehrlicherweise gegen eine Situation wenden, mit deren Ursachen man sich weiterhin arrangiert?“

Mündige Spiritualität ist von daher gesehen immer auch Protest und Widerständigkeit.

Für Thomas Merton ist Mönchsein das Gegenteil von Weltflucht: „Meine Ordensgelübde und meine Existenz als Mönch sind ein ständiges Nein zu Konzentrationslagern, Bombenflugzeugen, politischen Schauprozessen, Justizmorden, Rassendiskriminierungen, zur Diktatur ökonomischer Systeme … Mein Schweigegelübde mache ich zum Protest gegen die Lügen von Politikern, Propagandisten und Agitatoren, und wenn ich doch rede, dann um gegen die zu protestieren, die behaupten, das sich christlicher Glaube und meine Kirche allen Ernstes mit den Mächten von Unrecht und Zerstörung verbünden könnten.“

Gotthard Fuchs schreibt dazu: „Dieses entschiedene Nein lebt aus einem rückhaltlosen Ja zu Gott.“ Und das gilt für jedes entschiedene, d.h. mündige Christsein.

Lukas 20, 27-38: Für ihn sind alle lebendig

Exegetische Hinweise

Die Perikope steht im Kontext mehrerer Streitgespräche Jesu mit Schriftgelehrten und Pharisäern. Nur hier taucht bei Lukas die Tempelaristokratie, die Partei der Sadduzäer, auf, die wesentlich die politische Macht und Kollaboration mit den Römern ausübte. Als theologisch-normative Autorität ließen die Sadduzäer nur die Thora, die fünf Bücher Mose, zu. Da in diesen nichts über ein Leben nach dem Tode bzw. zur Auferstehung der Toten gesagt ist, lehnten sie diese ab. In dieser Frage hatte Jesus in den Pharisäern Verbündete (Lk 20, 39).

Jesus verteidigt die Vorstellung einer Auferstehung der Toten. Das geschieht hier ohne Bezug auf seinen Tod und seine Auferstehung. Auch wenn diese Perikope auf Fragen der nachösterlichen lukanischen Gemeinde antwortet, kann hier durchaus eine historische Situation zugrunde liegen.


Theologische Impulse

Zunächst lehnt Jesus eine Vorstellung ab, mit der womöglich die christlichen Gemeinden konfrontiert wurden, dass das ewige Leben einfach eine Art Fortsetzung des irdischen sei. Als Söhne Gottes werden die Toten „den Engeln gleich“ sein (Lk 20, 26), d.h. unsterblich, jedenfalls in einer anderen Existenzweise als der irdischen. In rabbinischer Weise argumentiert Jesus gegen die Sadduzäer. Wenn Mose vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs spricht, deute er damit an, dass sie lebendig bei Gott sind. Wären sie tot, hätte diese Redeweise keinen Sinn. Aber: „für ihn sind alle lebendig.“ Das „alle“ bezieht sich hier auf die Verstorbenen wie die noch in der irdischen Seinsweise Lebenden. Gott ist ein Gott der Lebenden, ein Gott des Lebens! „Gloria Dei homo vivens – Gottes Ruhm / Ehre ist der lebendige / gelingende Mensch!“ (Irenäus v. Lyon, 2. Jh. n. Chr.) Das ist Frohe Botschaft und – Auftrag an uns!


Nachhaltigkeitsaspekte

Zu den Nachhaltigkeitsaspekten verweise ich auf die Ausführungen zu 2 Makk und 2 Thess, aber auch Röm 14, 7-9.

Thomas Bettinger, Speyer

Anmerkungen / Quellen:
1)Resolution des Kolpingwerkes Diözesanverband Speyer: „Nicht geduldet, sondern willkommen!“, verabschiedet von der Diözesanversammlung am 9. Mai 2015 in Hochspeyer. Quelle: http://www.kolping-dv-speyer.de/files/Resolution-Kolping-und-Fluechtlinge.pdf
2)Zitate nach: Gotthard Fuchs, Die Revolution der Stille – Zum hundertstendes Gottsuchers Thomas Merton, in: Christ in der Gegenwart 5/2015 (1. Februar 2015)

 

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