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Reformationstag (31.10.16)

Reformationstag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 3, 21-28 Phil 2, 1-4 Lk 14, 12-14

Röm 3, 21-28

Trotz ihrer teilweise schweren Zugänglichkeit ist die Perikope eine der Kernstellen, die das zentrale Anliegen des Paulus zusammenfassen, das von der Reformation wiederentdeckt und ins Licht gestellt wurde. Ihre Verwendung als Predigttext am Reformationstag, an dem der 499. Jahrestag des Thesenanschlags gefeiert wird, wirft ein Licht auf den theologischen Hintergrund der reformatorischen Thesen zum Umgang mit Geld in der Kirche – denn nicht zuletzt darum ging es in der Debatte um Buße und Ablass. Die heutigen Forderungen an Geldanlagen in der Kirche sind im Wesentlichen Transparenz, Nachhaltigkeit und Auftragsgemäßheit. Wie das Herzstück der reformatorischen Botschaft heute in einem ethisch-nachhaltigen Umgang mit kirchlichen und privaten Finanzen wirksam wird, kann an einer Auslegung von Röm 3,21-28 in Verbindung mit Luthers 95 Thesen deutlich werden.

Doch zunächst einige Anmerkungen zum Predigttext: 21-26 ist ein extrem undurchsichtiger, grammatikalisch kompliziert konstruierter und nur schwer zu übersetzender Text. Wird er, wie in der Basisbibel, möglichst weitgehend in gleichgeordnete Hauptsätze aufgelöst, wird er vor allem im Hören bedeutend besser nachvollziehbar. 27f gehören dem nächsten Abschnitt an und sind in Paulus-typischem, polemisch-dialogischem Frage-Antwort-Stil gehalten. 28 enthält eine klar verständliche Zusammenfassung: „Gerechtfertigt wird ein Mensch durch Glauben ohne Gesetzeswerke."

Das „Jetzt", mit dem 21 einsetzt und das in 26 aufgegriffen wird, verweist auf das eschatologische Ereignis in Christus, das allen Zeitaltern gleich gegenwärtig ist. Dieses Ereignis betrifft nicht nur den Einzelnen und seinen Glauben, sondern ist der „Griff des Schöpfers nach seiner Welt" (Käsemann, 87) im Christusereignis. Die Christologie umfasst und dominiert also Anthropologie und Kosmologie gleichermaßen. Zweites Schlüsselwort ist „alle" in 22 und 23; es unterstreicht die Universalität der Gabe und verweist ebenfalls auf den welt- und zeitenumspannenden Kontext.

Kernaussage ist die Gegenüberstellung der umfassenden Gottferne und Verlorenheit aller Menschen, die auch den Verlust der Gottesebenbildlichkeit einschließt (23) und der Heilstat im Christusereignis (solus Christus, 22;24), durch die der ganze Kosmos sola gratia (24) wieder Zugang zu Gott und seiner Gerechtigkeit erhält – sofern dieser Zugang im Glauben (sola fide) ergriffen wird (22; 25-28).

Glaube und Selbstruhm (ebenso wie Selbstanklage!) sind unvereinbar, weil der Glaubende nicht mehr aus sich, sondern aus Christus heraus lebt, an dem er Anteil erhält. Nur aus diesem Blickwinkel heraus werden die eigenen Taten und die Bemühungen um die Gesetzesbefolgung in Frage gestellt (21; 27f) – nicht, weil es schlecht wäre, dass der Glaube in Taten wirksam wird und weil das Gesetz zu befolgen in irgendeiner Weise nicht angeraten wäre. Es geht nur um die – allerdings alles entscheidende - Frage, wer das handelnde Subjekt ist: ich (im damit unweigerlich verbundenen Beharren auf meine Selbstbehauptung und Selbstrechtfertigung) oder Christus in mir (Gal 2,20).

Die Reformation zeichnet sich dadurch aus, dass die Schärfe und Universalität dieser paulinischen Kernbotschaft kongenial verstanden wurde. Wobei es Luther wohl „nicht weniger gekostet hat als damals Paulus, sich zu der Stellung zu dem, was für ihn das ‚Gesetz' war, durchzuringen. ... ‚Gesetz' war für ihn zunächst und konkret: die Forderung der für ihn durch sein Gelöbnis verbindlich gewordenen Mönchsregeln. Er hat seine Rechtfertigung von der Innehaltung dieser Regeln nicht weniger ernstlich erwartet als einst Paulus die seinige von der Beobachtung des mosaischen Gesetzes. Und unter ‚Gesetz' verstand er dann in weiterem Umkreis das ganze Gefüge der Verpflichtungen, mit denen die Kirche den Weg zu den Sakramenten und deren Empfang und damit den Zugang zu Gottes Gnade, das Gott wohlgefällige Leben im Rahmen des corpus christianum umgeben hatte" (Barth, KD IV/1, 696).

Seinen ersten öffentlichkeitswirksamen Ausdruck findet Luthers Erkenntnis in den 95 Thesen, die sich über weite Strecken mit der Ablasspraxis seiner Zeit befassen. Die Hauptkritik Luthers richtet sich gegen die mit dem Ablass verbundene Behauptung, dass durch die Zahlung von Geld das Heil als Zugang zu Gott und zur Seligkeit durch Erlass geistlicher Strafen erworben werden kann – kurz: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt." Dieser Spruch wird dem Ablassprediger Johann Tetzel zugeschrieben und Luther hält in den 95 Thesen dagegen:

27: Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.
52: Nichtig ist die Heilszuversicht durch Ablassbriefe, selbst wenn der Ablasskommissar, ja, sogar der Papst selbst, seine Seele für sie verpfändete.

Dass es nicht der Ablasspraxis als eines menschlichen Werkes, sondern nach Röm 3,24 der Gnade Gottes zu verdanken ist, wenn die vor Gott Schuldigen von ihm als gerecht angenommen werden, war Luther nach seiner Römerbriefvorlesung 1515/16 klar:

62: Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
67: Die Ablässe, die die Prediger als „allergrößte Gnaden" ausschreien, sind im Hinblick auf die Gewinnsteigerung tatsächlich als solche zu verstehen.
68: Doch in Wahrheit sind sie die allerkleinsten, gemessen an der Gnade Gottes und seiner Barmherzigkeit im Kreuz.

Interessanterweise befassen sich die 95 Thesen jedoch nicht nur damit, dass mit Geld das Heil nicht zu kaufen ist, sondern auch mit ethisch-nachhaltigen Alternativen zum Ablasskauf:

43: Man muss die Christen lehren: Wer einem Armen gibt oder einem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kaufte.
46: Man muss die Christen lehren: Wenn sie nicht im Überfluss schwimmen, sind sie verpflichtet, das für ihre Haushaltung Notwendige aufzubewahren und keinesfalls für Ablässe zu vergeuden.

Die Regeln verantwortungsvollen Haushaltens, die für einen privaten Haushalt ebenso gelten wie für ein Kloster und natürlich auch für alle anderen kirchlichen Haushalte waren Luther offensichtlich vertraut: Das Vermögen, das für die Funktion und das Fortbestehen nötig ist, muss gesichert und darf nichts aufs Spiel gesetzt werden. Das ist das Prinzip der ökonomischen Nachhaltigkeit - ein nicht unwesentlicher Bestandteil der guten Haushalterschaft - und der Grund dafür, dass kirchliche Haushaltsordnungen für Geldanlagen die Ziele Sicherheit und Wirtschaftlichkeit vorgeben. Das ist notwendig, da kirchliche Geldanlagen überwiegend der Erfüllung von langfristig geltenden Zahlungsverpflichtungen dienen.

Aber genau so wichtig sind nach Luther die sozialen Nachhaltigkeitsziele: den Armen zu geben und den Bedürftigen zu leihen. Im Fall von Geldanlagen bedeutet das, so zu investieren, dass Arme nicht noch ärmer werden, sondern dass ihnen die Investitionen zugute kommen. Das ist leichter gesagt als getan. Was bedeutet das für eine konkrete Anlageentscheidung? Welche Wertpapiere, welche Fonds können dann gekauft und welche müssen gemieden werden? Dazu können Bankangestellte leider noch viel zu selten ergiebige Auskünfte erteilen. Warum ist das so schwierig? Unter anderem weil es eines nicht geringen Aufwands an Zeit und Geld bedarf, der in Recherchen, Ratings, Rankings, Audits, sowie in Dialogen mit Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und Nachhaltigkeitsdienstleistern steckt – also in der Beschaffung und Aufbereitung von Informationen, die eine sozial-nachhaltige Investitionsentscheidung erst möglich machen.

Es ist eine bewusste Entscheidung, privat oder als kirchliche Körperschaften und Institutionen Geld nicht nur ökonomisch-nachhaltig, sondern auch ethisch-nachhaltig anzulegen – Beispiele dafür sind die Aktivitäten des evangelischen Arbeitskreises Kirchlicher Investoren und die katholische Orientierungshilfe „Ethisch-nachhaltig investieren". Aber das Gesetz des Glaubens (27) auch auf diesem Weg wirksam werden zu lassen, ist nicht nur den 95 Thesen, sondern bereits dem Römerbrief zu entnehmen, wo es in 13,9f heißt: „Alle Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!' Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt."

Dr. Karin Bassler

Literatur:
Basisbibel. Das Neue Testament, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2010.
Luther, Martin: Die 95 Thesen, http://www.ekd.de/glauben/95_thesen.html
Käsemann, Ernst: An die Römer, Handbuch zum Neuen Testament 8a, Tübingen 41980.
Barth, Karl: Die Kirchliche Dogmatik, Vierter Band, Erster Teil, Zürich 51986.
Arbeitskreis Kirchlicher Investoren, vgl. http://www.aki-ekd.de
Orientierungshilfe, vgl. http://www.dbk-shop.de/de/deutsche-bischofskonferenz/sonstige-publikationen/jahresberichte-weltkirche/orientierungshilfe-ethisch-nachhaltig-investieren.html

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