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21. Sonntag nach Trinitatis / 29. Sonntag im Jahreskreis (16.10.16)

21. Sonntag nach Trinitatis / 29. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Eph 6, 10-17 Ex 17, 8-13 2 Tim 3, 14 - 4, 2 Lk 18, 1-8

Eph 6,10-17

Exegetische Hinweise

Mit dem Text über das Anziehen der „Waffenrüstung Gottes“ leitet der Schreiber, wahrscheinlich ein Paulusschüler, der unter dem Namen „Paulus“ schreibt, seinen Brief mit einem fulminanten Schlussfeuerwerk ein. Dabei sind ihm die Ermahnungen des Kolosserbriefes besonders wichtig. Der Brief, der gegen Ende des ersten Jhds.  wohl als Rundschreiben an verschiedene Gemeinden entsteht, drückt Besorgnis um die Einheit der Kirche und um die Standhaftigkeit der Christen und Christinnen in einem heidnischen Umfeld aus. Nach dem Tod der Apostel fehlen den christlichen Gemeinden wichtige gesamtkirchliche Autoritäten.
Gerade in diesem Schlusstext verfinstert er die Perspektive nochmals. Die Christen und Christinnen müssen sich zum Kampf rüsten. Die realen Feinde, die er als „Teufel“, „Mächte“, „Gewalten“, „Weltherrscher der Finsternis“, „bösen Geister in den Himmeln“ bezeichnet, sind nicht klar erkennbar. Unklar ist, ob er an heidnische Kulte, an Magie und Zauberei denkt und die heidnischen Gottheiten dämonisiert. Zudem verschlechterte sich unter dem Kaiser Domitian (81- 96 n. Chr.) die Lage der Christen in Kleinasien. Die Zeit ist so „böse“, dass das Rüsten zum Kampf, freilich auf geistiger und ethischer Ebene, nötig wird. Der Schreiber kann sich auf Begriffe von Paulus beziehen: „Anziehen der Waffen des Lichts“ (Röm 13,12), „Waffen der Gerechtigkeit“ (Röm 6,13) oder „Brustpanzer des Glaubens und der Liebe“ aus 1 Thess 5,6-10. Die römische Besatzungsmacht mit ihren ausgerüsteten Legionären ist zudem sowohl für den Schreiber wie für die Adressatinnen im römisch besetzten Kleinasien etwas Alltägliches.

Predigtimpulse unter dem Aspekt Nachhaltigkeit

Heute reagieren viele Leute auf eine Metapher wie die der „Waffenrüstung Gottes“ wohl eher misstrauisch und distanziert. Man erinnert sich an die Kriege in der christlichen Geschichte. Zudem beherrschen z.B. islamistische Gotteskrieger/innen geradezu die Nachrichten von heute.

Die verwendeten militärischen Metaphern weisen auf die konkreten Erfahrungen hin, die Menschen machen, die unter einer Besatzungsmacht leben.[1]  Damit geht auch die Erfahrung sich widersprechender Gefühle und Handlungen einher: Nebst Angst, Hass und Scham wird die militärische Schlagkraft der römischen Heere und ihre eindrückliche Rüstung auch Bewunderung ausgelöst haben. Die Präsenz der Heere und die Notwendigkeit ihrer Versorgung boten sich auch für manch lukrative Geschäfte an. Wie sehr eine solche Gegenwart sich ökonomisch und ökologisch, aber auch im Denken, im Verhalten, in der Sprache und in den Spielen der Kinder niederschlägt, können wir auch heute in besetzten Gebieten dieser Welt beobachten.

Die erfahrene militärische Realität wird in unserem Text gar zum Glaubensbild. Ist diese Einverleibung und Gegenbesetzung des militärischen Bildes eine Art Ventil für Menschen, die unter der Besatzungsmacht leiden?

Eine parallele Version des Textes, die eine militärische Ausrüstung der Gegenwart aufnimmt (z.B. Maschinengewehr des Geistes, Panzerwagen des Glaubens), könnte für eine Predigt ein anregender Einstieg sein. Besonders lohnenswert für eine Predigt scheint mir der Aspekt des Kampfes gegen Mächte, die  nicht „Fleisch und Blut“ sind.  Dazu muss man sich nicht in metaphysischen Spekulationen bewegen. Gerade heutige Menschen kennen solch unsichtbare Gegnerschaft durchaus. Gesichtslose Mächte und Gewalten beherrschen unsere Welt oft tatsächlich teuflisch. Dazu gehört manchmal auch der „Markt“, dem sich alles durch Angebot und Nachfrage zu beugen scheint. Seine Systeme sind gesichtslos und oft ohne erkennbare einzelne Akteure. Sie greifen aber ins Leben der Menschen tief ein. Zwei Beispiele:

  1. Aktien bestimmter Grosskonzerne fördern die Privatisierung von Trinkwasser. Am Ende dieser Kette werden etwa indischen Dörfern den Zugang zu ihrem Wasser verwehrt, weil dieses sich nun gewinnbringend als Mineralwasser vermarkten lässt. Doch wer sind da die Kampfgegner? Jene, die solche Aktien auf den Markt werfen, jene, die sie erwerben oder jene, die das Mineralwasser konsumieren?  
  2. Fleischproduktion: Wer ist verantwortlich für Schlachttransporte, die Tiere unter oft unsäglichen Qualen über lange Strecken transportieren? Sind es die Auftraggeberinnen? Die Spediteure? Oder all jene, die besonders billiges Fleisch kaufen? Oft ausgeblendet: Menschen, die in „Tierfabriken“ auf Akkord töten und verarbeiten müssen, stumpfen ab.[2] Auch die Auswirkungen auf die Natur sind gewaltig: Allein in Brasilien gehen jedes Jahr ¾ der Fläche der Schweiz wegen Anbau von Soja für Tiermast verloren. Oder: Um 300 g Pouletbrust herzustellen werden 1170 Liter Wasser benötigt.

Ein solches System ist gerade nicht aus „Fleisch und Blut“, kostet aber oft Fleisch und Blut. Wir sind darin allein schon als konsumierende Menschen verwickelt. Was zu sehr ans eigene Fleisch geht, wird aber gerne abgetrennt: Werden etwa Schöpfungsgottesdienste in der freien Natur gefeiert, um danach achtlos Billigbratwürste zu grillieren?

Lk 18,1-8  ergänzt den Ephesertext besonders gut. Hier wird die lohnende Hartnäckigkeit eines Kampfes um Gerechtigkeit thematisiert. Die Kämpferin  gehört als Witwe zu den schwächsten Gliedern ihrer Gesellschaft. Hartnäckigkeit ist ihre Waffe, mit der sie einen ungerechten und gleichgültigen Richter in den Kampf gegen ihre Gegner/innen einbindet. Allein ihre Hartnäckigkeit ist es, nicht Einsicht oder Mitleid, die den Richter dazu führt, ihr zu helfen.
In der Frage der Nachhaltigkeit braucht es diese Hartnäckigkeit. Wer darauf wartet, dass alle Menschen Einsicht zeigen und anders handeln, wird nie zum Ziel kommen. Wie steinig etwa war der Weg für die Pionier/innen des biologisch-dynamischen Landanbaus und der fair gehandelten Produkte!

Ein ermutigendes Beispiel von Hartnäckigkeit mit vielen Aspekten zur Nachhaltigkeit: Peru erlebt seit einigen Jahren einen Gastronomieboom. Viele junge Menschen aus sozial vernachlässigtem Umfeld lassen sich in der Kochschule Pachacútec zum Koch ausbilden. Sie werden von renommierten Profiköchen unterrichtet. Damit ist für sie eine berufliche Zukunft fast sicher. Der Gastronomieboom und die Würdigung der einheimischen Produkte fördern den Nationalstolz, der eint und stärkt. Ethische und moralische Werte beim Essen werden dabei besonders berücksichtigt. Gerechtere Strukturen in der Nahrungsmittelkette werden geschaffen, die Kleinbäuerinnen und Fischern Zugang zum Markt verschaffen. Im Andengebiet gibt es  mehr als 4000 Kartoffelsorten. Auf diese Biodiversität ist die Bevölkerung besonders stolz. [3]

Solche Kämpfe für mehr Gerechtigkeit und einen lebensfreundlichen Umgang mit der Natur kann niemand alleine leisten. Für einen langen Atem braucht es Verbündete und Unterstützung. Diesen Aspekt kann man aus dem ansonsten problematischen Kriegstext „Kampf gegen Amalek“ (Ex 17,8-13) herauslesen.
Schöpfungsfreundliches Handeln ist ein Lernprozess. Der Mensch muss zum guten Werk befähigt werden. Das ist auch eine Sache der Erziehung. Das eigene Handeln muss auch immer wieder korrigiert, verbessert, evaluiert werden. Die Stelle 2 Tim 14-4,2 enthält diesen Aspekt des Lernen und Debattierens.

Sara Kocher


[1] Es ist lohnenswert, sich die militärische Ausrüstung, auf die sich die Metaphern beziehen, vor Augen zu führen. Bsp.: Zwischen 50-150 n. Chr. war ein Legionär mit einem über 1m hohen Schild ausgerüstet, mit dem die Abwehrformation der „Schildkröte“ zur Abschirmung gegen gegnerische, brennende Pfeile gebildet werden konnte, Bilder z.B. unter http://kelten-roemer-ev.de

[2] Jonathan Safran Foer, Tiere essen, 1. Auflage. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010 (Originaltitel: Eating animals), S. 263-266: Der Autor stellt die Belastung der Angestellten in Tierfabriken der USA dar, die nicht nur für Tiere unsägliche  Qual bedeuten, sondern auch menschenunwürdig sind. Ein Grund ist, dass die Tiere teilweise noch beim vollen Bewusstsein zerlegt werden müssen.

[3]  Zürcher Zeitung,  27.Mai 2015, S. 7,  http://www.nzz.ch/international/amerika/der-nationalstolz-auf-dem-teller-1.18549379

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