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17. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis (18.09.16)

17. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 10, 9-17 (18) Am 8, 4-7 1 Tim 2, 1-8 Lk 16, 1-13

Im Zentrum des Beitrags steht die Interpretation von Lk 16, 1-8, dem „Gleichnis vom klugen Verwalter“. Der Autor bietet eine der traditionellen Auslegung entgegen gesetzte Interpretation an und leitet daraus Anstöße zur Nachhaltigkeit ab. Die anderen drei Bibelstellen werden mit dem Thema des Lukastextes verknüpft.

Lk 16, 1-8: Der kluge Verwalter

In der traditionellen Auslegung[1] wird der Verwalter als unehrlich, clever und gewieft verstanden, sein Schuldennachlass als Veruntreuung und Betrug bezeichnet. Mit viel Gedankenakrobatik wird versucht, plausibel zu erklären, warum der Herr den „unehrlichen Verwalter“ nicht verurteilt, sondern lobt.
Der Schlüssel zum radikal anderen Verständnis der Perikope findet sich 1.) in der korrekten Übersetzung von Vers 8; 2.) der Beachtung des sozialen Hintergrunds der Perikope und 3.) dem Kontext des 16. Kapitels bei Lukas, der seinerseits im Einklang mit der grundlegenden Forderung nach Gerechtigkeit im AT und der Reich-Gottes-Predigt des NT steht.

Übersetzung

Die verbreitete Übersetzung von Vers 8 ist problematisch und führt in die Irre. Im Urtext ist eindeutig vom „oikonomos tes adikias“ die Rede. Statt „Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters“ muss übersetzt werden „ … den Verwalter der Ungerechtigkeit“. Das deutet darauf hin, dass der Besitz, den der Verwalter betreut, auf ungerechte Weise zustande gekommen ist. Deswegen kann der Verwalter aber nicht „unehrlich“ genannt werden.[2]

Sozialer und ideeller Kontext

Über die Jahrhunderte haben sich ausbeuterische Wirtschaftsstrukturen herausgebildet, die regelmäßig zum gleichen Ergebnis führen: auf Kosten der Armen und Schwachen häufen die Starken und Mächtigen immer größeren Reichtum an. Dieser Mechanismus[3] widerspricht grob den Kernpunkten des jüdischen Glaubens[4] und der daraus abgeleiteten Sozialgesetzgebung, deren Einhaltung von den Propheten heftig reklamiert wird. Sie berufen sich auf JHWH, der das unterdrückte Volk aus „ägyptischen Verhältnissen“ befreit und ihm Land anvertraut hat, in dem gutes Leben für alle möglich ist.
Die in der Beispielsgeschichte genannten Nachlässe entsprechen der damals üblichen, in der Tora aber verbotenen Zinsnahme: bei Weizen 25 Prozent, bei Öl 100 Prozent jeweils auf die geliehene Menge. Das waren in der Beispielsgeschichte 2000 Liter Öl und 8.000 Liter Weizen[5] – gewaltige Schulden, die zu dauerhafter Abhängigkeit und häufig zur Zwangsenteignung führten. Der Besitz des gewissen (tís) anonymen reichen Mannes in der fernen Stadt wuchs so kontinuierlich zu beachtlicher Größe an.[6] 
Indem der Verwalter die Zinsschulden erlässt, steigt er aus dem System der Ungerechtigkeit aus und kehrt um in das System der Tora, das System der Gerechtigkeit, das wie ein roter Faden die gesamte Jüdische Heilige Schrift durchzieht.[7] Dafür lobt ihn der Herr.

Kontext des 16. Kapitels bei Lukas

Der evangelische, in Buenos Aires lehrende Theologe René Krüger urteilt: „Kapitel 16 enthält die explosivsten Texte des ganzen Lukasevangeliums in Sachen Ökonomie. Es ist eine Synthese der lukanischen Texte über Ausbeutung, Wucherei, Vergeudung, Ungerechtigkeit und Versklavung durch Reichtum und Güter.“[8] Diese Texte stehen in vollem Einklang mit der grundlegenden Forderung nach Gerechtigkeit im AT und der Reich-Gottes-Verkündigung des NT[9] (Siehe oben ideeller Kontext).

Aktiv werden auf drei Handlungsebenen

Ideologische Ebene:  Ökologie als Kernstück des Glaubens (Röm 10,9-18)

„Im Herzen glauben“, dass Jesus der Herr ist, heißt so tief von ihm überzeugt und begeistert sein, dass seine Lehre und Praxis im eigenen Leben zur obersten Richtschnur wird und Denken, Fühlen und Tun durchdringt. Es geht darum, den inneren Zusammenhang von Glaube, Gerechtigkeit und Ökologie zu erkennen. Das wird in der Welt Heil und Frieden schaffen. Umgekehrt ist jedes die Ökologie schädigende Verhalten ein Verstoß gegen die Gerechtigkeit und als Akt des Unglaubens zu verstehen.
Ohne eine das Leben fördernde Praxis ist religiöser Kult Idolatrie. „Gloria dei homo vivens“[10] fordert heute, der Erde mit all ihren Bewohnern die Lebensgrundlagen zu erhalten, mit den Ressourcen so umzugehen, dass gutes Leben. für alle! möglich bleibt. Damit ist Ökologie zu einem Kernthema unseres Glaubens geworden. Das gilt es weiterzusagen, eindringlich und in aller Öffentlichkeit. Papst Franziskus gibt mit seiner Enzyklika dafür ein herausragendes Beispiel, ganz auf der Linie von Amos.

Politische Ebene: Aufklären, Partei ergreifen, Alternativen entwickeln
(Amos 8, 4-7)

„Heiligkeit ist keine “religiöse“, sondern eine “ordnungspolitische“ Kategorie“.[11] Die Verse 4–5 zeigen unüberhörbar und konkret die Verbrechen an den Armen und Schwachen auf. Amos nennt unerschrocken – wie später auch Jesus – Ross und Reiter. Deswegen sind auch wir aus dem Glauben heraus verpflichtet, mit klaren, eindeutigen Worten öffentlich aufzudecken, wie heute mit den gleichen Tricks gearbeitet wird. Es gilt aufzuklären, dass im neoliberalen Wirtschaftssystem Menschen nur unter dem Gesichtspunkt des Profits gesehen und so zur Ware gemacht werden, sogar zu Abfall und Müll.[12]
Und es gilt, wirksam die Grundidee des jüdisch-christlichen Glaubens zu vertreten, dass Wasser, Luft und Boden(-schätze) Gemeineigentum sind und deswegen auch im Privatbesitz sozialpflichtig bleiben. Sie dürfen nicht als Ware gehandelt werden. Sich an Aktienfonds zu beteiligen, die damit Spekulationsgeschäfte machen, muss öffentlich als asoziales Verhalten angeprangert und persönlich unterlassen werden.

Heute bedroht oder zerstört der Lebens- und Wirtschaftsstil einer Minderheit rasant und global die Lebensbedingungen von Millionen von Kleinbauern (Exportorientierung), Fischern (Überfischung und Vergiftung der Meere), an Meeresküsten (Anstieg des Meeresspiegels), in Urwäldern (Abholzung, Monokulturen) und auch in Großstädten lebenden Menschen (Smog). In diesen widersinnigen Prozess, sind wir vielfältig – häufig ohne es zu wollen oder auch nur zu bemerken – eingebunden. Der Glaube an die segensreiche „unsichtbare Hand“ des Neoliberalismus hat sich als Irrglaube mit schrecklichen Folgen erwiesen. Hier gilt es aufzuklären und Alternativen zu entwickeln.

Als Instrumente solcher politischer Arbeit bieten sich an: Predigt, Unterricht, öffentlicher Widerspruch vom Leserbrief bis zum Leitartikel, Dialoge im privaten, beruflichen und öffentlichen Umfeld, Vor allem eigenes glaubwürdiges Verhalten, das die gemeinen Ressourcen schont und die Fernwirkungen des Kaufverhaltens berücksichtigt. Wie Amos müssen und können wir aus dem eigenen vertrauten Haus und Denken herausgehen und die Welt aus der Perspektive der Armen und der künftigen Generationen sehen lernen.

Individuell-praktische Ebene: Im Blick auf alle mehr Bescheidenheit 
(1 Tim 2, 1-8)

Luxuriöse Kreuzfahrten und Flugreisen mögen private Schnäppchen sein, für die Allgemeinheit sind sie teuer. Viel Geld zu haben, berechtigt nicht, auf Kosten der Allgemeinheit zu leben durch zu große Autos, zu viele Kilometer, überflüssige Neukäufe, Wegwerfen von Brauchbarem, um den letzten Schrei zu erwerben … . Dadurch entstehen Lasten, die vornehmlich den Armen aufgebürdet werden und den künftigen Generationen. Solches Verhalten häuft Schulden an, an deren Rückzahlung die Verursacher nicht denken. Hier machen sich die Wohlhabenden zu Schuldnern und die Armen zu Gläubiger! Wer daran denkt, wird vorsichtiger einkaufen. Den größten alltäglichen Beitrag leisten wir durch mehr Bescheidenheit und ein einfaches Leben. Bitte keine Werbung! am Briefkasten mindert die Gefahr, dass wir der Verführung erliegen, Gutes und Brauchbares psychologisch schrottreif zu machen.

Prof. Hans Kirsch


[1] Beispiel eines ranghohen Klerikers (Abschrift aus einer Kirchenzeitung):
Anfrage: Was lernen wir vom ungerechten Verwalter? Fordert das Gleichnis vom klugen Verwalter zur Urkundenfälschung auf?
Nein, natürlich will Jesus mit dem Gleichnis vom ungerechten Verwalter nicht zur Urkundenfälschung aufrufen. Zudem begeht der Verwalter zugleich noch Betrug, Bestechung und Verun­treuung. Jesus erzählt dieses Skandalgleichnis, um seine Zuhörer wachzurüt­teln, die damals wie heute bei skan­dalträchtigen Geschichten die Ohren spitzten. Vorbildlich am Verwalter sind nicht seine Betrugsdelikte. Jesus fasziniert an diesem gewieften Geschäfts­mann vielmehr sein unbe­dingter Selbstbehauptungswille und die ent­sprechende Skrupellosigkeit, mit der er zu Werk geht. Denn in dem Bemühen der drohenden Verhaftung zu entgehen, ist er bereit, sein Verhalten komplett zu ändern. Wirtschaftete der ungerechte Verwalter bislang in die eigene Tasche und haute so seinen Arbeitgeber kräftig übers Ohr, gewährt er nun plötzlich seinen Kunden groß­zügig Schuldenerlass. Damit kauft er sich bei den Schuldnern seines Herrn ein und verpflichtet sie sich. In letzter Sekunde baut sich er sich so ein Netzwerk auf, das ihn auffängt, wenn sein Arbeitgeber ihn demnächst feuert.

[2] Es ist nicht auszuschließen, dass er von einem Neider beim Besitzer in Verruf gebracht wurde, er sei den Schuldnern gegenüber nicht hart genug.

[3] Kleinbauern in Galiläa bewirtschafteten  ihr eigenes gutes Land im Familienbetrieb, so dass sie ihre Familien mit einer Hand voll Kindern hinreichend ernähren konnten. Die römische Besatzungsmacht und auch der jüdische Staat mit allen möglichen gesetzlichen Abgaben zwackten ihnen zwar einiges ab. Aber normalerweise reichte es, um die Familie durchzubringen.
Nach einer Missernte, nach Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheit oder eines Unfalls war z.B. das Getreide so knapp geworden, dass nichts mehr für die Saat übrig blieb. Wohl oder übel mussten vom Großgrundbesitzer Korn und Sonstiges ausgeliehen werden. Dafür nahm dieser hohe Zinssätze, für Getreide waren 25 %, für Öl 100 % üblich.
Marschierte dann im nächsten Jahr eine Kohorte Legionäre über sein Feld oder zerstörte seinen Olivenhain, musste die Schuld beim Großgrundbesitzer erhöht werden. Die Rückzahlung wird Jahre dauern. Und wenn sie nicht gelingt, wird es dem Betroffenen ergehen wie schon vielen vor ihm, die jetzt als Taglöhner auf ihren ehemals eigenen Feldern arbeiten müssen. Der Reichtum weniger (die in der Regel weit weg in der Stadt residieren) wächst auf Kosten der unverschuldeten Verarmung vieler.
Um die verheerenden Auswirkungen dieses tödlichen Mechanismus zu unterbinden oder wenigstens zu mildern, hatten die Juden in der Tora eine detaillierte Sozialgesetzgebung entwickelt: Sabbatjahr, Verbot der Zinsnahme von Landsleuten, alle 50 Jahre ein Jobeljahr mit der Verpflichtung zur Rückgabe von allem gepfändeten Gut, damit wieder Gleichheit, gute Lebensbedingungen für alle hergestellt wird.

[4] Ex 20, 2ff (Einleitung zu den zehn Geboten): „Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt habe. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“
Ex 3, 7-11: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber gehört. Ich kenne ihr Leid.“
Dtn 26,5-10 (Jüdisches Glaubensbekenntnis): „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer … der Herr … gab uns dieses Land, in dem Milch und Honig fließt.“

[5] 1 Bat = 40 l;  1 Kor = 400 l“

[6] Vers 8 bezeichnet ihn als „mammona tes adikias“. (Nicht der Mammon ist ungerecht, sondern die Art seines Zustandekommens!

[7] Rafael Aguirre, Francisco Vitoria Comenzana: Gerechtigkeit, in: Ignacio Ellacuria, Jon Sobrino (Hg.): Mysterium Liberationis, Bd. 2, S. 1181-1219, Edition Exodus, 1996

Literatur: Ton Veerkamp: Autonomie und Egalität. Ökonomie, Politik und Ideologie in der Schrift, Berlin, 1993

Weitere Literatur:
Franz Segbers: Die Hausordnung der Tora.  Biblische Impulse für eine theologische Wirtschaftsethik, Luzern 1999
Ulrich Duchrow: Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft. Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohenden Ökonomie, Mainz 1994

[8] René Krüger: Gott oder Mammon, Das Lukasevangelium und die Ökonomie. Edition Exodus, Luzern 1997, S. 14

[9] Immer noch hochaktuell: Leonhard Ragz: Eingriffe ins Zeitgeschehen. Reich Gottes und Politik, Luzern 1995

Urs Eigenmann: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde. Die andere Vision vom Leben, Edition Exodus, 1998

[10] Irenäus von Lyon

[11] Tom Veerkamp, Autonomie und Egalität, S. 276

[12] Papst Franziskus, Evangelii Gaudium Nr. 53-54. „Diese Wirtschaft tötet“. Siehe auch die sog. Öko-Enzyklika „Laudato, Si“

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