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10. Sonntag nach Trinitatis / 18. Sonntag im Jahreskreis (31.07.16)

10. Sonntag nach Trinitatis / 18. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 9, 1-8.14-16 Koh 1, 2; 2, 21-23 Kol 3, 1-5.9-11 Lk 12, 13-21

Ein Ruf zur Umkehr

Wer sich auf falschem Weg befindet, die Orientierung verloren hat und seine Wurzeln nicht mehr kennt, muss umkehren, um neue Wege zu finden. Der christliche Antijudaismus, der die jüdische Wurzel des christlichen Glaubens über Jahrhunderte hinweg verleugnete, war und ist ein Irrweg. Die Umkehr zu den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens schließt die Erkenntnis neuer Schöpfungsverantwortung ein.

Der 10. Sonntag nach Trinitatis, der sogenannte Israelsonntag, will heute besonders an die Verbundenheit der Kirche mit Israel erinnern. Während in früheren Zeiten die Zerstörung Jerusalems im Mittelpunkt stand, über die Jesus weint (Lukas 19,41-48) und der Sonntag eher mit dem jüdischen „Gedenktag der Zerstörung Jerusalems“, dem 9. Av, verbunden war, der auch zeitlich in der Nähe dieses Sonntags liegt, geht es heute nach dem nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden um eine grundsätzliche Neubesinnung des Verhältnisses der Kirche zu Israel. Die Kapitel 9 – 11 des Römerbriefes bilden für diese Umkehr zu den jüdischen Wurzeln der christlichen Gemeinde einen der grundlegenden Texte.

In kaum einem anderen Text schreibt Paulus so emotional und existentiell wie in Römer 9. Engagiert setzt er sich mit Gruppen in der römischen Gemeinde auseinander, die meinen, dass die Bedeutung der jüdischen Tradition für den neuen christlichen Glauben zweitrangig wäre. Zunächst gilt aber festzuhalten: Israel ist und bleibt das von Gott erwählte Volk. Es hat die Bundesschlüsse, die Gabe der Tora, die Gottesdienstordnung und die Verheißungen. Am Anfang stehen die Väter und schließlich Christus, der Messias, der aus seiner Mitte stammt. Mit Israel ist Gott auf alle Zeiten verbunden und die Menschen aus den Völkern, die sich zu dem Messias Israels bekennen, lösen dieses Bündnis Gottes nicht ab, sondern können ihm nur beitreten.
Umso schmerzlicher empfindet es der Apostel, dass die Mehrheit seiner jüdischen Geschwister in Jesus von Nazareth nicht ihren Messias erkennt. Eine große Trauer erfüllt sein Herz und er kann sich sogar eine Trennung von Christus um seiner Geschwister willen vorstellen. Die Wahrheit, nämlich die offenkundige Treue Gottes zu seinem Volk, von der Paulus ausgeht und die ihm angesichts der Haltung seiner jüdischen Geschwister das Herz schwer sein lässt, hat die Kirche in ihrer Geschichte unzählige Male vergessen und in Lüge und Mord verwandelt.
Die Folge dieser Israelvergessenheit der Kirche hat Dietrich Bonhoeffer auf den Punkt gebracht: „Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“ (Ethik, 1975 (8. Aufl.) S. 95) Judenfeindschaft bedeutet, dass die Kirche ihre jüdischen Wurzeln abschneidet und damit den Geist verliert, von dem sie lebt. Es gibt keine Heilsgeschichte ohne das Bündnis Gottes mit Israel. Seine Weisung, seine Tora, macht uns zu Gottes Kindern, die sich ihm in Leben und Sterben verbunden wissen, die auf sein Versprechen eines neuen Himmels und einer neuen Erde vertrauen und die ihn in ihren Gottesdiensten loben und ehren.
Die Predigt sollte zunächst diese elementare Verbindung der Kirche zu Israel betonen und exemplarisch und aktuell von der Notwendigkeit des Dialogs mit dem Judentum sprechen. Aus dem Geist dieses Dialogs erwächst die Einsicht, dass die christliche Gemeinde an den Gaben, die Israel empfangen hat, nur teilhaben, aber diese nicht exklusiv für sich reklamieren kann.

Nachhaltig und zukunftsfähig wird auch die kirchliche Schöpfungsverantwortung nur sein können, wenn sie in Gottes Bund mit Israel den inneren Grund auch ihres eigenen Heils erkennt. Denn ökologische Gerechtigkeit kann dann Wirklichkeit werden, wenn Gottes Fürsorge für sein Volk genauso akzeptiert wird wie sein Auftrag, die Schöpfung zu gestalten und zu bewahren.
Nicht nur die Kluft zwischen arm und reich, sondern auch der rücksichtslose Raubbau natürlicher Ressourcen und die Zerstörung von Lebensgrundlagen widerspricht Gottes Willen zur Gerechtigkeit. Tora ist Weisung zum Leben und daher frohe Botschaft. Sie ist kein den Menschen auferlegtes Gesetz, das er kaum zu halten vermag. Zu dieser Weisung gehört unmittelbar die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes.
Wer Gottes Treue zu Israel nicht gelten lässt und meint, sich eigenmächtig an Israels Stelle zu setzen, der hat auch wenig Skrupel, die Schöpfung zu seinem Herrschaftsgebiet zu erklären und als seinen Besitz in Anspruch zu nehmen. Selbstermächtigung und Allmachtsphantasie sind der Nährboden sowohl des Antijudaismus als auch der Naturbeherrschung. Wie sehr die Welt jedoch auf diesem Willen Gottes gegründet ist, haben bereits die Rabbiner in ihrer reichen Auslegungstradition der Tora betont. Im Kapitel I der „Sprüche der Väter“, einer Sammlung rabbinischer Gelehrsamkeit, heißt es: „Auf drei Dingen beruht die Welt: auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf den Liebeserweisungen.“
Dass Kirche und Israel die zwei Gestalten des einen Volkes Gottes sind, das beginnen die Christinnen und Christen erst jetzt nach der Shoah langsam zu begreifen. Von Schuld und Blindheit  gegenüber Israel spricht die EKHN in der Änderung ihres Grundartikels vor 25 Jahren. Für die Erkenntnis, dass Schuld und Blindheit auch gegenüber der Schöpfung über Jahrhunderte das Verhalten der Kirchen bestimmt hat, braucht es wohl noch einige bittere und schmerzliche Erfahrungen. Doch es gibt zwischen Juden und Christen auch ermutigende Zeichen gemeinsamer Schöpfungsverantwortung.
„GreenFaith. Interfaith Partners in Action for the Earth“ ist eine jüdisch-christliche Initiative, die in New Jersey, USA zu Hause ist (www.greenfaith.org), um angesichts von Klimawandel und Umweltzerstörung zu einer verantwortlichen Lebensweise zu ermutigen. Kampagnen, Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung für ökologische Gerechtigkeit sind die Hauptaufgaben des Instituts.
Denn Umkehr aus den Sackgassen der Selbstzerstörung ist nötig. Eitelkeit, Selbstbezogenheit und Habgier stehen gegen den Willen Gottes zum Leben. Indem Menschen die von Gott gezogenen Grenzen nicht akzeptieren, die er ihnen in seinen Geboten gegeben hat, zerstören sie die Bedingungen des Zusammenlebens und damit des Lebens überhaupt.

In den Texten des Katholischen Lesejahres geht es ebenfalls um die Fragen nach den heilsamen Grenzen des Lebens. In Kohelet 1,2; 2,21-13 wird der Grundton des Weisheitsbuches angeschlagen. Nichtig und flüchtig ist das Leben, wenn die Orientierung ihm nicht von Gott geschenkt und geboten wird. Vergänglichkeit und Vergeblichkeit sind die Kennzeichen eines Lebens ohne geschenkten Sinn und ein Ziel, das Gott dem Leben setzt. Der pessimistischen Einsicht der Weisheit steht in Kolosser 3,1-5; 9-17 das neue Leben in Christus gegenüber.
Es ist als Leben mit Israel und mit der Schöpfung zu verstehen. Hier steht nicht einfach Altes gegen Neues, sondern die Frage nach einem Leben mit oder ohne Gott. Die Güter der Erde, ihr Bebauen und Bewahren, dienen nicht der bloßen Selbsterhaltung, sondern stehen im Dienst gerechter Verteilung und verlangen als Gaben Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer.
Im Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lukas 12,13-21) wird die Alternative zwischen der Vergänglichkeit allen Reichtums und der Umkehr zu Gottes Lebensweisung konkret vor Augen geführt. Das Ansammeln von immer mehr Gütern, Wachstum, kann auch zum Fluch werden, weil die heilsamen Grenzen gegenüber der Umwelt und der nötige soziale Ausgleich zwischen Reichen und Armen nicht erkannt wurden. Der Bund mit Israel enthält beides und ist so die lebendige Wurzel des christlichen Glaubens.

Pfr. Werner Schneider-Quindeau

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