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7. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis (10.07.16)

7. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Apg 2, 41a.42-47 Dtn 30, 10-14 Kol 1, 15-20 Lk 10, 25-37

Dtn 30, 10-14

Gutes im Überfluss – die tiefe Sehnsucht, die Menschen verbindet: Gutes im Überfluss, wie es dem Text nach von Gott gewollt ist, ist nicht nur eine Sache des Glaubens, sondern hat immer auch eine konkrete, handfeste Seite. Gutes im Überfluss will Gott für das Werk unserer Hände, für unsere Kinder und unser Vieh und das Land, das wir bestellen. Bilder, die mit unserem modernen Leben und Arbeiten nicht viel zu tun haben und doch übertragbar sind auf unsere Zeit. Unser berufliches Handeln, unsere Familie, alles, womit wir zu tun haben, was unser Leben ausmacht – das alles hat Gott im Blick. Gott sieht und denkt ganzheitlich – und schenkt auch Gutes im Überfluss – für alle Bereiche unseres Lebens. Gutes schenken – Gutes sagen – „bene- dicere“ – das ist Segnen.

Gott segnet uns ganz und freut sich an uns. Er will uns nicht mit Geboten überfordern, er will, dass wir leben, dass es uns gut geht – und dass wir ihm nah sind. Deshalb ist das Wort Gottes auch nicht irgendwo im Himmel oder in der Ferne – es ist uns ganz nah – es ist uns „inwendig“ – es ist in unserem Mund und unserem Herzen, und wir haben damit zu tun, wenn wir es wollen. Wir können aus Gottes Wort Leben, können es halten, wenn wir es wollen.

In allem, was uns begegnet, können wir das Wort entdecken, wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen. Dann ist es kein Gebot, keine Verpflichtung, sondern eine Einsicht, die aus unserem Inneren kommt: dass alle Menschen Leben in Fülle haben sollen – und Gutes im Überfluss.

Apg 2, 41a.42-47

Miteinander leben, wie es sein könnte, vielleicht idealerweise sein sollte. Ein Bild von Gemeinschaft, wie wir sie uns wünschen würden für unsere Familien, die Gruppen, in denen wir leben bis hin zur Gesellschaft in einzelnen Staaten und bis zur Weltgemeinschaft. Alles gemeinsam haben – denen, die Unterstützung brauchen, von dem abgeben, was da ist – so dass alle genug haben. Eine wunderbare Vorstellung – so ein friedliches Miteinander. Woher nehmen die Mitglieder der Urgemeinde diese Kraft und diesen Idealismus? Im Text heißt es, sie hielten fest an der Lehre und an der Gemeinschaft – sie brechen das Brot miteinander und haben alles gemeinsam.

Es klingt, als ob die Angst fehlen würde, zu kurz zu kommen. Sie haben keine Angst, die anderen bekämen mehr ab, mehr an Gütern, mehr an Ansehen, mehr an Erfolg. Sie sind frei, zu geben, zu schenken, weil sie sich beschenkt und getragen wissen von Gott. Weil sie „gerettet“ sind. Sie haben eine Mitte, um die sie sich versammeln. Ein Fundament, dem sie trauen, so dass sie nicht mehr darum kämpfen müssen, aus eigener Kraft etwas zu sein.

Dieser Gedanke könnte auch in unserer Zeit Leben verändern. Ohne die Angst, zu kurz zu kommen – im Vertrauen, dass Gott oder das Leben uns alles gibt, was wir brauchen, könnten auch wir viel mehr aufeinander schauen und achten und sehen, dass alle genug haben. Weltweit.

Eine neue Welt könnte das sein – eine Welt, in der Menschen sich als Gemeinschaft erfahren und ihr Leben gemeinsam gestalten, nicht nur um sich selbst kreisen. Eine solche Haltung würde sich auswirken – auf den Einzelnen, auf alle Beziehungen, in denen der Einzelne lebt, auf den Umgang mit der Schöpfung – auch auf Zukunft hin.

Kol 1, 15-20

Er als Erster der Schöpfung, in dem alles geworden ist – durch ihn und auf ihn hin. D.h. die Schöpfung hat mit Christus zu tun, hängt mit ihm zusammen, auch wenn die Schöpfung selber bzw. die Geschöpfe das nicht wahrhaben wollen oder auch deutlich ablehnen. Eine kritische Frage ist für mich, ob denn der Leib nur die Kirche sein kann – könnte nicht die Welt der Leib sein und Christus das Haupt? Nach dem Kolosserbrief ist es Gottes Ziel, alles, was ist, zu Christus zu führen – um durch ihn alles zu versöhnen – um Frieden zu bringen für diese Welt. Gott wollte alle zu Christus führen, das ist ihm anscheinend aber nicht gelungen. Und wenn er den Frieden nicht mit Gewalt durchsetzt, warum  wird dann Frieden gestiftet durch das Blut Jesu? Kann Blut denn Frieden stiften? Ist nicht alles, was blutig durchgesetzt wird, grundsätzlich un- friedlich, un- gerecht und wirkt dem Schöpfungswillen Gottes entgegen?

Lk 10, 25-37

Die Hauptfrage in diesem Evangelientext lautet: „Wer ist mein Nächster?“ Für wen gilt das Gebot der Nächstenliebe?  Im Judentum waren (nach Lev 19) die Nächsten die Mitglieder des Volkes Israel. Dazu kamen die Fremden, die sich ins Volk integrierten, die Proselyten.

Die Frage des Gesetzeslehrers beantwortet Jesus mit einer Geschichte und lässt darin einen Samariter zum Vorbild werden. Er gibt also nicht einfach eine Antwort, sondern lässt den Fragenden selbst im Gesetz und in seinem Gewissen die Antwort finden.

Der Kontrast zwischen dem Samariter und den Repräsentanten des Judentums könnte nicht deutlicher sein: der Priester und der Levit, die sich im Gesetz auskennen, müssten genau wissen, was zu tun ist. Sie wissen es wohl, aber sie handeln nicht ihrem Wissen nach und lassen den Verletzten im Stich. Der Samariter, dem man es am wenigsten zutrauen würde, dass er tut, was recht ist, fragt nicht lange, zögert nicht, sondern packt an und leistet weit mehr als Erste Hilfe.

Jesus gibt seine Antwort auf dem umgekehrten Weg, indem er fragt:„Wer … ist zum Nächsten dessen geworden, der unter die Räuber gefallen ist?“ (Lk 10,36). Wer nach dem Nächsten fragt, fragt auch nach sich selbst. Und wer sich umsieht und um sich seine Nächsten wahrnimmt, wird ihnen zum Nächsten. Das ist der erste Schritt auf dem Weg Jesu, Gott und den Nächsten neu entdecken zu können.

Wer ein Herz hat, erkennt, dass nicht der Priester, nicht der Levit, sondern ausgerechnet der Samariter das Richtige getan und dem unter die Räuber gefallenen Menschen geholfen hat. Wenn die Liebe konkret wird, müssen wir uns manchmal „ein Herz nehmen“, um nicht wegzuschauen, um  nicht vorbeizugehen, wenn Menschen in Not sind. Dabei sehen wir nicht nur die schönen Bilder, sondern solche, die uns schockieren und lang im Gedächtnis bleiben. Dabei machen wir uns die Hände dreckig – aber wir erleben auch, dass wir etwas wirklich Wichtiges tun. Die Erfahrung, dass Menschen wieder gesund werden, dass sie zum Leben zurück finden, weil wir ihnen ein gutes Wort mitgegeben haben, ihre Wunden verbunden und ihnen ein bisschen Zeit und Liebe gegeben haben, so dass ihr Körper und ihre Seele heilen konnten, ist ein großes Geschenk. Darin können wir selber erfahren, was es heißt, zu leben und zu lieben.

Annette Schulze

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