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Karfreitag (25.03.16)

Karfreitag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Kor 5, (14b-18) 19-21 Jes 52, 13 - 53, 12 Hebr 4, 14-16; 5, 7-9

Stellung der Texte im Kirchenjahr

Die Lesung des Korintherbriefes an Karfreitag rückt die Versöhnungstheologie des Paulus ins Zentrum. Der Christ nimmt Anteil am Tod Jesu, damit in dessen Auferstehung der neue mit Gott versöhnte Mensch aus dem Tod der Ich-Bezogenheit, der Sünde und des Unfriedens aufersteht.

Der Jesajatext liest sich im Kontext der Karfreitagsliturgie wie eine alttestamentliche Vorwegnahme des Leidens und Sterbens Jesu. Auch taucht die Vorstellung vom stellvertretenden Sühnetod hier bereits auf und lässt sich auf Jesus übertragen.

Der Hebräerbrief ergänzt diese Vorstellungen und verbindet die alttestamentliche Lesung ganz im gewohnten Stil des Hebräerbriefes als Auslegung des Alten Testamentes.

Zugleich wird aber die Erlösung und Auferstehung am Ende schon in den Horizont gerückt, die, wie die ersten Strahlen der aufgehenden Ostersonne, schon jetzt das Dunkel des Todes erhellen.

Exegetische Überlegungen zu 2 Kor 5, (14b-18) 19-21

Der Korinthertext bietet zentrale theologische Aussagen Paulus‘ zu Kreuzes- und Auferstehungstheologie und zur Versöhnungstheologie. Darüber hinaus arbeitet er gravierende Konflikte auf zwischen der Gemeinde von Korinth und Paulus, während er sich im ersten Brief noch Konflikten innerhalb der Gemeinde widmete. Die Konflikte entbrannten nicht zuletzt an der Frage nach der Art und Weise des Apostolates von Paulus. In die Auseinandersetzungen mit der Gemeinde von Korinth schreibt er wohl von Makedonien aus um 56/57 den zweiten Korintherbrief, den er von Titus überbringen lässt, und der später wahrscheinlich aus mehreren Schreiben zusammengesetzt wurde. Auf dieses zweite Schreiben hin und das Wirken des Titus entspannt sich die Situation in Korinth wieder.

Ökologische Relevanz

Zwei Motive können in der angegebenen Korintherstelle ausgemacht werden: Die Rede von der neuen Schöpfung und von der Versöhnung. Zum einen der Verweis darauf, dass mit Christi Tod und Auferstehung auch jeder Christ gestorben und auferstanden ist. Altes ist vergangen und Neues ist entstanden. Dieses Neue ist die neue Schöpfung in Jesus Christus.

Diese neue Weise des Daseins qualifiziert Paulus als eine versöhnte Existenz. Das zweite Stichwort des Textes mit einem ökologischen Bezug ist deshalb auch der Begriff „Versöhnung“. Er taucht in der kurzen Bibelstelle fünfmal auf. Beide Begriffe stehen in Beziehung zueinander. Gott ist es, der die Versöhnung der Menschen mit sich selbst ermöglicht durch seine Neuschöpfung in Jesus Christus. Das Hungertuch MISEREORs von 2009 hat diesen Begriff bildnerisch in Szene gesetzt. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Rasse und Geschlecht, in Eintracht versammelt (versöhnt) um das Licht des Auferstandenen, halten die Gaben der Schöpfung in ihren Händen. Diese gilt es zum Nutzen aller zu bewahren und zu beschützen. Heute und für die zukünftigen Generationen. Wo Menschen die Schöpfung gering achten und mit den Füßen treten, die Erde und ihre Ressourcen ausbeuten, kann es keinen Frieden geben, kann es keine Versöhnung geben. Der Zuruf des Apostels Paulus: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2 Kor 20) ist deshalb immer auch zugleich der Zuruf: Versöhnt euch mit der Schöpfung, die euch und euren Kindern Grundlage eurer Existenz als Neuer Mensch in Christus ist.

Anregungen für die Kirchengemeinde

Es wäre denkbar, das Hungertuch von MISEREOR 2009 aufzugreifen, um sich den Begriff von der versöhnten Schöpfung noch einmal bildlich vor Augen führen zu lassen. Daran könnte sich eine Bildbetrachtung zu diesem dezidiert ökologischen Hungertuch anschließen.

Exegetische Überlegungen zu Jes 52, 13 - 53, 12 und Hebr 4, 14-16; 5, 7-9

Der Jesajatext ist den sogenannten Gottesknechtsliedern zugeordnet. Er ist das vierte Lied vom Gottesknecht. Vermutlich wurde er von einem Schüler des Deuterojesaja abgefasst. Während die ersten Kapitel des Jesajabuches im allgemeinen Drohworte waren, so beginnen mit dem Kapitel 40 versöhnlichere Töne als Ausdruck von Trost und Hoffnung. Die Gottesknechtslieder verweisen auf einen gottesfürchtigen Jünger JAHWES, der durch seinen Tod Israel wieder mit JAHWE versöhnt. In der Verkündigung der Kirche wurden diese Texte auf Jesus hin gedeutet, nicht zuletzt deshalb, weil Jesus selbst diese Texte auf sich angewendet hat (vgl. Mk 10, 34; Lk 22, 37).

Der Hebräertext, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus der Feder des Paulus selbst stammt, führt diese Deutungslinie fort, indem er diesen Jünger JAHWES mit Christus gleichsetzt und ihn zum „erhabenen Hohepriester, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, …“ (Hebr 4, 14) macht.

Ökologische Relevanz

Es fällt auf, dass das, was vom Gottesknecht gesagt wird, sehr gut zu den Überlieferungen des Lebens, Sterbens und Auferstehens Jesu passt. Nicht von ungefähr stehen diese beiden Texte als Lesungen in der Karfreitagsliturgie unmittelbar nebeneinander. Doch könnte man hier in der Predigt zugleich den Blick über Christus hinaus weiten. Würde man diesen Text aus seinem biblischen Kontext nehmen, fiele es vielleicht leichter, ihn auch in Bezug zu anderen Personen der Kirchengeschichte zu setzen. Etwa Dietrich Bonhoeffer oder Edith Stein u.a. Er würde ebenso zu vielen anderen Märtyrern passen, aber auch zu Personen außerhalb des kirchlichen Lebens, die sich für andere aufopferten: Martin Luther King, Mahatma Gandhi u.a. Dort, wo Menschen im Einsatz für andere unter ungerechten Bedingungen leiden, verachtet und klein gehalten werden, werden sie zugleich selbst zum Gottesknecht.
In der Predigt könnte man diese Parallelen aufzeigen und mit aktuell lebenden Personen in Verbindung bringen, die auf ihre je eigene Weise, bewusst oder unbewusst, Zeugnis für das Evangelium ablegen. Interessanterweise kann man hier auch die Schöpfung als „leidenden Gottesknecht“ mit ins Boot holen (Nicht zuletzt auch aufgrund der in der Theologie immer wieder ins Gespräch gebrachten Gaiatheorie. Vgl. Leonardo Boff: „Zukunft für Mutter Erde“). Wenn von den Leiden des Gottesknechtes gesprochen wird, können Parallelen zum Leiden der Schöpfung aufgezeigt werden.
Begriffe wie „wurde verachtet“, „voller Schmerzen“, „mit Krankheit vertraut“,  „wir schätzten ihn nicht“, „durchbohrt wegen unserer Verbrechen“ (um nur einige Beispiele zu nennen) können übertragen werden auf die Fragen: Wo wird die Schöpfung verachtet (z.B. Müllproblematik oder Lebensmittelverschwendung …)? Wo liegt die Schöpfung in Schmerzen (z.B. Kohleabbau oder Klimaschutz …)? Und so weiter … Ähnliches wird in den Meditationen und Texten zum Kreuzweg schon lange praktiziert: Die Solidarisierung des Leidens Jesu mit dem Leid (in) der Welt.

Zugleich präsentieren aber das Gottesknechtslied wie auch der Hebräertext die Hoffnung auf eine Rettung aus der Situation der Unterdrückung, der Sünde, des Leids und letzten Endes des Todes. „Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht!“ (Jes 53, 11). Gott lässt seinen Knecht nicht im Stich. Er schenkt Hoffnung. Genauso wie es ebenso christliche Überzeugung ist, dass Gott auch die Schöpfung nicht im Stich lässt und am Ende alles zum Guten wendet. Auf die Nacht des Todes folgt das Licht der Auferstehung.
Auch wenn die Erlösung ganz Geschenk, ganz Gnade ist, so sind wir doch dazu aufgerufen, vor den Thron Gottes zu treten, „damit wir Erbarmen und Gnade finden“ (Hebr 4, 16) und ein Gott gefälliges Leben führen. Welchen Beitrag leisten wir also schon jetzt an dieser Erlösungstat Gottes zum Erhalt der Schöpfung und zu ihrer Errettung, Vollendung oder Erlösung?

Anregungen für die Kirchengemeinde

Man könnte in Jugendgruppen (Firmkandidaten, Messdiener o.ä.) den Jesajatext und die Parallelen zur leidenden Schöpfung suchen und ins Gespräch bringen. Aus dem Gespräch heraus wäre es denkbar, die Jugendlichen einen eigenen Schöpfungspsalm formulieren zu lassen, welcher Verwendung in der Karfreitagsliturgie oder in alternativen, jugendgemäßen Gottesdienstformen am Karfreitag finden könnte.

Steffen Glombitza

 Quellen:

„Neue Jerusalemer Bibel“, 19808, und „Stuttgarter Neues Testament“, 20042

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