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Palmarum / Palmsonntag (20.03.16)

Palmarum / Palmsonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Phil 2, 5-11 Jes 50, 4-7 Phil 2, 6-11 Lk 19, 28-40

Predigtimpuls für den 20. März 2016 (Palmsonntag): im Besondern zu Phil 2, 5-11

Wissen Sie eigentlich, wie viele Sklaven für Sie arbeiten? Ich dachte zunächst auch, dass diese Frage nicht in unsere Zeit und unser Land gehört. Die Homepage „slaveryfootprint.org“  lädt ein, sich dennoch darauf einzulassen. Wenn man dort Angaben zu den eigenen Lebensumständen und zum Konsumverhalten macht, bekommt man mehr und mehr die Augen geöffnet. Ich habe es ausprobiert und erfahren, dass durchschnittlich 35 Sklaven dafür arbeiten, dass mein derzeitiger Lebensstil ermöglicht wird.

Dabei empfinde ich meine Lebensgewohnheiten als vergleichsweise bewusst und bescheiden.  Und doch – sie sind durch Sklavenarbeit ermöglicht. Nur ist diese nicht unmittelbar sichtbar. Das Sklavenschicksal versteckt sich hinter meiner Kleiderwahl, meinem Lebensmittelkauf, meinem Mobilitätsverhalten, meiner Medienbenutzung. „Weit weg ist näher als du denkst“ – der Slogan zur Caritas-Kampagne 2014 passt hier erschreckend gut. Denn auch wenn ich den Namen der Näherin in der Kleiderfabrik in Bangladesch, die Arbeitsbedingungen im Kongo beim Abbau der Edelmetalle in meinem Handy oder die Gesichter der Kinder auf den afrikanischen Mülldeponien mit europäischem Elektroschrott nicht kenne, so sind sie doch ganz nah – ganz nah betroffen von meinem Konsum- und Wegwerfverhalten. Sie verrichten Sklavenarbeit zu Hungerlöhnen und bei hohem eigenem Gefährdungsrisiko. Wir profitieren davon. Mein Nächster ist nicht nur der Mann im Nachbarhaus. Direkten Einfluss habe ich auf die Lebensbedingungen von Menschen, die räumlich weit weg sind, aber in unserer globalisierten Welt doch im direkten Kontakt stehen. Moderne Sklaven, die  oft keine andere Wahl haben als dieses Schicksal.

Im Philipperhymnus wird von Jesus Christus als einem Sklaven gesprochen: Er selbst nimmt Sklavengestalt an und teilt das Los der Erniedrigten. Paulus hat diesen poetischen Text der bereits bestehenden christlichen Tradition entnommen, welche eine „integrierende Kraft des Urchristentums“ bezeugt. Gott wählt aus Liebe zum Menschen die Gestalt des Knechts, der gehorsam sein Schicksal annimmt. Der Präexistente gibt sein „standesgemäßes“ Recht auf die Gottesgestalt auf und entäußert sich seiner übergeordneten Stellung.
Durch seine kenotische Selbsthingabe teilt Gott das Leiden derer, die ihre Arbeitskraft und Lebenszeit dafür hingeben müssen, unter menschenunwürdigen Bedingungen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Hier wird nicht nur das Mysterium der Inkarnation Gottes in Menschengestalt ins Wort gebracht, sondern zugleich die Solidarität Gottes mit dem Schicksal des Sklavendaseins deutlich. Gott wählt für sein Dasein als Mensch nicht die Gestalt des weltlichen, mächtigen Königs, welche nach menschlichen Maßstäben allein Gottes würdig wäre, sondern die eines Knechtes.[1] In dieser Selbstentäußerung seiner Macht wird er den Entrechteten gleich. Darin legt er die Grundlage zur späteren Selbstidentifikation Jesu in Mt 25: „Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Durch die Gleichsetzung mit den Erniedrigten, nicht mit der Präsentation der Gottgleichheit, erscheint in Jesus Christus die göttliche Herrlichkeit. Aufgrund seiner Entäußerung und Selbsthingabe erfolgt die spätere Erhöhung des Versklavten über alle Namen. Sie eröffnet prophetisch eine Hoffnungsperspektive für die in der Welt Erniedrigten. Die Vision einer universalen Anbetung Jesu bleibt zwar visionär, aber dennoch Teil des in Jesus Christus bereits angebrochenen Gottesreichs, das der Mensch mit verwirklichen wird. Der Hymnus verklingt so im abschließenden Lobpreis Gottes, welcher als Aufforderung an die Christen bestehen bleibt, auf die eigene Selbsterhöhung zu verzichten und die Versklavten erhöhend beim Namen zu nennen.

Anregungen aus der Enzyklika Laudato si‘

Auch unser Planet erleidet mehr und mehr ein vermeintlich wehrloses Sklavendasein. Der Mensch lebt auf Kosten der Natur und ihrer Ressourcen, die wir ausbeuten zum eigenen Wohlstand. Papst Franziskus mahnt in seiner Enzyklika Laudato si‘ zu einem christlich vertretbaren Lebensstil, welcher verträglich mit der Umwelt und ihren Ressourcen umgeht.

Unser Umgang mit der Natur ruft „ein Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt“ (LS 53), denn sie „schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen“ (LS 2). Papst Franziskus sieht die einzige Möglichkeit eines Umdenkens darin, „den Menschen auf seinen Platz zu verweisen und seinem Anspruch, ein absoluter Herrscher über die Erde zu sein, ein Ende zu setzen, [und] ihm wieder die Figur eines Vaters vor Augen zu stellen, der Schöpfer und einziger Eigentümer der Welt ist.“ (LS 75) Dies ist die Botschaft Jesu vom liebenden Vatergott, die durch Christus in der Welt präsent war und ist. Durch die Hingabe Jesu wurde die Vaterliebe Gottes in der Welt inkarniert und ist daher gegenwärtig. Doch der moderne Anthropozentrismus, der den Menschen als Herr über seine Umwelt betrachtet, „gibt Anlass zu einem fehlgeleiteten Lebensstil“ (LS 122) und muss durch ein verantwortliches Wissen um die Würde jedes Menschen und die Würde allen Lebens erneuert werden. „Die rechte Weise, das Konzept des Menschen als „Herr“ des Universums zu deuten, besteht hingegen darin, ihn als verantwortlichen Verwalter zu verstehen“ (LS 116).

Im Bild des Gegensatzes von Sklaven und Freien deckt Papst Franziskus einen schmerzlichen Fehlschluss auf: Das auf kollektiven Egoismus der westlichen Länder basierende Gefühl absoluter persönlicher Freiheit trügt. Denn: „Dieses Modell wiegt alle in dem Glauben, frei zu sein, solange sie eine vermeintliche Konsumfreiheit haben, während in Wirklichkeit jene Minderheit die Freiheit besitzt, welche die wirtschaftliche und finanzielle Macht innehat“ (LS 203). Eine ernüchternde Erkenntnis! Nicht nur, dass wir in den reichen Ländern vom Sklavenschicksal so vieler Benachteiligter leben – sind wir auch selbst zu Sklaven eines Konsumzwangs geworden, dem man sich vermeintlich nicht ohne einschlägige persönliche Nachteile entziehen kann?

Papst Franziskus spricht eine ermutigende Botschaft voller Hoffnung auf die liebende Einsicht des Menschen, „denn die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, können sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern, über alle geistigen und sozialen Konditionierungen hinweg, die sich ihnen aufdrängen.“ (LS 205).
Es braucht eine ökologische sowie eine soziale Umkehr im gemeinschaftlichen Sinne. Dem Drang zum ausbeuterischen Konsum setzt Franziskus die christliche Spiritualität der Freude und eines bewussten Lebensstils entgegen. Ein Wachstum in Mäßigkeit, eine Rückkehr zur Einfachheit, eine befreiende Genügsamkeit – dies sind Haltungen einer christlichen Spiritualität, die alles Leben respektiert und schützt, ohne andere auszubeuten. Solche Haltungen ermöglichen es, in gelassener Aufmerksamkeit einen Blick für die Situation meines Nächsten zu haben – und auf die Konsequenzen meines Tuns.

Stefanie Völkl

Literatur:

http://slaveryfootprint.org/my-footprint
Hans-Ulrich Weidemann: „Der in Gottesgestalt war“. Zur Theologie des Christuspsalms (Phil 2, 6-11), in: IkaZ 3 (2015) 224-234.
Papst Franziskus: Enzyklika LAUDATO SI‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Rom 2015.



[1] In der Selbsterniedrigung liegt eine Parallele zur Figur im dritten Gottesknechtslied in Jes 50.

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