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Laetare / 4. Fastensonntag (06.03.16)

Laetare / 4. Fastensonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Kor 1, 3-7 Jos 5, 9a.10-12 2 Kor 5, 17-21 Lk 15, 1-3.11-32

Der Autor geht auf zwei Bibelstellen des Tages ein. Stichworte sind: „Trost finden und zum Trost werden“ (2 Kor 1, 3-7), „Pascha vs. Pascha“ (Jos 5, 9a. 10-12).

Exegetische Anmerkungen zu den Bibelstellen

2 Kor 1, 3-7
Paulus hat eine Gabe zum Trösten aufgrund seiner Teilhabe an den „Leiden Christi“. Diese „Leidensgemeinschaft bewirkt „durch Christus“ aber auch eine Teilhabe an seinem Trost“. (Stuttgarter Stuttgarter Kleiner Kommentar, Neues Testament 8, 2. Korintherbrief, Jacob Kremer, Stuttgart 1990, Seite 23)

Jos 5, 9a. 10-12
Zu Josua lässt sich sagen, dass er im Alten Testament zunächst als Diener, später sogar als Amtsnachfolger des Mose zu sehen ist. Er vollendet das Werk von Moses, er „ist die dominierende Figur nach der klassischen Heilszeit, wie es Mose in der klassischen Heilszeit gewesen war“ (Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen, Teil 1, Herbert Donner, Göttingen 1984, Seite 127).

Wenn hier vom Ende des „Mannas“ die Rede ist, dann bezeichnet dies das Ende der Wüstenwanderung. (vgl. Die Bibel. Einheitsübersetzung. Altes und Neues Testament, (Hrsg. Im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz…), Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 1980, Seite 216f.).

Predigtskizze: Pascha vs. Pascha (Jos 5, 9a. 10-12)

Der Begriff Nachhaltigkeit hat viele Dimensionen. Er bezieht sich nicht nur auf die Bereiche Ökologie und Ökonomie, sondern auch auf Fragen des Sozialem bzw. des Miteinanders. Wie wir miteinander umgehen hat selbstredend einen enormen Einfluss auf die Zukunft. Besonders das Verhältnis von Mann und Frau und die sich seit jeher auftuende Frage der Dominanz, hat in der Geschichte vor allem für Frauen zu erheblichen Ungerechtigkeiten, Unterdrückungen und so muss man es aus heutigem Blickwinkel benennen, Verbrechen geführt.

Als ein extremes Beispiel hierfür, steht die Jahrtausende alte und bis heute praktizierte genitale Verstümmelung von Mädchen. Unter dem Deckmantel der Befolgung vermeintlicher religiöser Vorschriften treibt diese „Tradition“ vor allem in vielen Ländern Afrikas sein barbarisches Unwesen. Geschätzter Maßen 150 Millionen Frauen und Mädchen sind weltweit davon betroffen. Jedes Jahr wächst ihre Zahl um ca. drei Millionen. Das bedeutet, dass es täglich 8000 neue Opfer dieser unbeschreiblichen Schandtat gibt.

Die Menschenrechtsorganisation TARGET, um den bekannten Abenteuer und Menschenrechtler Rüdiger Nehberg, gehört zu den Organisationen, die es sich zur (Lebens-) Aufgabe gemacht haben, gegen diese Gräuel vorzugehen. 85 Prozent der Opfer sind Muslimas, die übrigen sind Christen und Andersgläubige. Landläufig wird in den entsprechenden Ländern versucht, die Taten vermeintlich mit dem Koran bzw. anderen Heiligen Schriften zu rechtfertigen. TARGET ist es zu verdanken, dass sich die höchsten Rechtsgelehrten des sunnitischen Islam zusammengeschlossen haben, um klar zu machen, dass die gängige Praxis der Genitalverstümmlung nicht mit dem Islam vereinbar ist. Die Kernaussage der im November 2006 ausgesprochenen Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) lautete: „Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen. Es verstößt gegen die höchsten Werte des Islam.“ Damit wurde der Weg geöffnet „mit der Ethik und der Kraft des Islam“ gegen diese menschenverachtende Praxis vorzugehen. (Quelle: http://www.target-human-rights.com)

Vermeintlich religiöse Gründe sind ein Teil der „Rechtfertigung“, einen tiefer liegende Grund hat Thomas Sankara 1986 wie folgt zusammengefasst: „Genitalverstümmelung ist ein Versuch, Frauen eine untergeordnete Stellung zuzuweisen, indem man sie mit diesem Stigma versieht, das sie herabsetzt und ständig daran erinnert, dass sie nur Frauen sind, dass sie nicht einmal das Recht über ihren eigenen Körper haben oder auf körperliche und persönliche Erfüllung.“ (vgl. https://saida.de/genitalverstuemmelung/motiv).

Dementsprechend handelt es sich bei der genitalen Verstümmlung von Mädchen, um eine der perversesten Formen von struktureller Gewalt gegen Frauen, die es in der Geschichte der Menschheit bis zum heutigen Tag gibt. Diese Strukturen der Unterdrückung zu erkennen, um sie verändern zu können, muss deshalb das vordringliche Ziel sein. Unsagbar viele Generationen von Mädchen und Frauen wurden ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit beraubt. Neben Muslimen wurde dies auch Christen und Andersgläubigen angetan. Da ist die Frage berechtigt, wo bleibt ein zu der Fatwa vergleichbares „christliches Lehrschreiben der Obersten“? Welche Kampagnen laufen in den betroffenen Ländern von Seiten der Christen? Wäre ein interreligiöses Engagement nicht ein riesen Chance gemeinsam mehr zu erreichen?

Das „Pascha-Fest“ bzw. das „Pascha-Mahl“ erinnert an die Macht Gottes, die den Mächtigen zum Trotz sich durchgesetzt hat. Die Befreiung aus Sklaverei und Unterdrückung, die Errettung vor Heerscharen ist nicht nur Trostspender, sondern Ansporn sich Gegebenheiten nicht einfach zu beugen. Mut zur Veränderung, Kraft in der Not, Glaube im Angesicht von vermeintlicher Ausweglosigkeit, sind maßgebliche Aspekte des jüdisch-christlichen Paschaverständnisses.

Diese Paschagedanken gilt es im Alltag lebendig werden zu lassen und sich nicht wie ein „Pascha“ aufzuführen und Mädchen ihrer körperlichen und seelischen Unversehrtheit zu berauben. Dem Leid zu trotzen, es zu bekämpfen und es abzuschaffen muss das Ziel aller Anstrengungen sein. Muslime, Christen und Andersgläubige brauchen über alle Religionsgrenzen hinweg ein nachhaltiges und weltweites Bekenntnis, nämlich das zur
Unantastbarkeit (!) der Würde der Mädchen und Frauen.

Bezüge zur Nachhaltigkeit, Beispiele zur Umsetzung und weitere Kontexte

1. „Trost finden und zum Trost werden“ (2 Kor 1, 3-7)

Trauernde wissen ein Lied davon zu singen, wie sehr die Gesellschaft einen unheilvollen Einfluss auf den Trauerprozess ausüben kann. Vor allem in beruflichen Strukturen, in denen für scheinbare „Schwäche“ kein Platz ist, in denen Leistungsvermögen alles zu sein scheint, haben es Betroffene schwer. Nachhaltig wird Leidtragenden mit der Forderung geschadet, funktionieren zu müssen. Gewissermaßen wird Raubbau an Menschen in einer Krisenzeit begangen, anstatt ihnen als trostspendende „Ressource“ zu dienen. Bestenfalls gute gemeinte Phrasen, wie „ich weiß genau, wie du dich fühlst“; und „Zeit heilt alle Wunden“ spiegeln weder die Wirklichkeit Trauernder wider, noch werden sie als hilfreich empfunden, im Gegenteil.

Der Lebensweg Jesu weist die ganze Gefühlspalette des Menschen auf. Freude und Hoffnung gehört ebenso dazu, wie Leid und Trauer. Mit ihm kann man sich in unterschiedlichsten Situationen und Lebenslagen verbunden fühlen. Gerade in schweren Zeiten hat der Blick auf das Kreuz vielen Menschen Kraft gegeben. Im Schmerz solidarisch verbunden sein, kann Halt geben und die Hoffnung auf ein neues Leben bei Gott, kann tröstlich sein.

Leidende haben ein Recht auf ihre Gefühle und ein Recht auf Schonzeiten! Trauer, Ängste und Verbitterung dürfen ihren Platz haben und keiner gesellschaftlichen Zensur unterliegen. Es braucht ein Bemühen um Verstehen, weshalb der Betroffene leidet, außerdem ist das verlässliche Versprechen, für den anderen da zu sein, von entscheidender Bedeutung. Schließlich geht es darum, Wege mit Betroffenen zu suchen, wie sie mit dem Verlust weiter-/ und manchmal sogar zuerst überleben können. Das heißt trösten!

An Christen, aber sicher nicht nur an ihnen, liegt es, entsprechend tätig zu werden. Das Beispiel Jesu kann hierbei vorbildhaft sein. Durch ihn haben wir Anteil an einer Hoffnung, die für ihn Wirklichkeit geworden ist. Wenn wir uns an ihm orientieren, können wir Trost finden und nachhaltig für andere zum Trost werden.

Thomas Stephan

Literatur:

Die Bibel. Einheitsübersetzung. Altes und Neues Testament, (Hrsg. Im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz…), Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart 1980.
Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen, Teil 1, Herbert Donner, Göttingen 1984.
Stuttgarter Kleiner Kommentar, Neues Testament 8, 2. Korintherbrief, Jacob Kremer, Stuttgart 1990

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