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Invokavit / 1. Fastensonntag (14.02.16)

Invokavit / 1. Fastensonntag


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Hebr 4, 14-16 Dtn 26, 4-10 Röm 10, 8-13 Lk 4, 1-13

Heute ist der Beginn der Fastenzeit. Die katholische Kirche mit ihrem traditionellen Fasten geht dem gesellschaftlichen Trend zum bewussten Essen einmal weit voraus. Die Beziehung zum Körper und zum Essen ist ein Thema, dass viele moderne Menschen beschäftigt. Auch die reformierten und lutherischen Kirchen entdecken immer mehr den tieferen Sinn eines Fastens. Es geht um Verzicht auf das sonst Selbstverständliche. Drei selbstkritische Punkte sind mir dabei wichtig.

  1. Essen und Fasten dürfen nicht an die Stelle der Gottesbeziehung treten.
  2. Geniessen will geübt sein. Dazu gehört das Denken.
  3. Menschen sind keine Moralmaschinen. Moral hat Grenzen.

1. Bei aller Unterstützung des Verzichtens und Fastens sollte bedacht werden, dass durch die Betonung des Essensverzichtes eine fragliche gesellschaftliche Tendenz mitgetragen wird: das Essen auf seine moralische Dimension zu verkürzen. Wie der Zürcher Ethiker Markus Huppenbauer[1] immer wieder zu Recht betont: Essen ist mehr als Ethik. Essen ist auch mehr als Gesundheit. Gerade wenn man das gesunde Essen und damit die Gesundheit ins Zentrum des Essens stellt, verlieren andere Bereiche ihren eigenen Stellenwert. Essen ist auch Tischgemeinschaft, Austausch, Genuss, mithin Geschenk.

2. Dieser Genuss will geübt sein. Markus Huppenbauer: „Geniessen kann und muss gelernt werden. Es setzt vielfältige sinnliche Erfahrungen und kulinarische Urteilskompetenzen voraus, also Wissen. Um es plakativ zu sagen: Ohne zu denken, kann man nicht geniessen. Genuss und Denken gehören zueinander. Das ist auch der Grund, warum man sich so wunderbar über ein Essen unterhalten kann.“ Das ist ja eine Erfahrung, die viele Fastende machen: ihr Geschmack und ihre sinnlichen Erfahrungen werden geschärft und gesteigert. Und zudem stellt sich Dankbarkeit ein: Dankbarkeit darüber, dass wir auf der Seite der Gnade leben und das Essen, die Tischgemeinschaft und somit das Leben immer wieder geniessen dürfen.

3. Die begrenzte Fastenzeit, mit dem heutigen Beginn und ihrem Ende, kann darauf hinweisen, dass Fasten ein Ende haben wird. Nicht jede Zeit und alle Bereiche des menschlichen Lebens müssen einer immerwährenden strengen moralischen Disziplin unterworfen sein. Die oft missionarisch geführten Debatten über das richtige Essen, die Orthodiät, über Vegetarismus und Veganismus, haben die Tendenz, den Menschen zu einer Moralmaschine zu degradieren. Gerade wenn wir das Denken, die Grenze der Ethik und das Geniessen bedenken, hilft uns das, uns mit langem Atem, Lust und Klarheit nachhaltig mit Fragen der Tierethik, der Ressourcenfrage und der Begrenztheit in aller Freiheit und mit Lust zu beschäftigen.

Hebräer 4, 14 – 16

Ein Hohepriester, der versucht worden ist in allem wie wir. Diese Einsicht hilft uns, dass wir selbst nicht perfekt sein müssen. Auch mit unserem Körper nicht. Auch mit unserem Essverhalten nicht. Wir schlagen manchmal über die Stränge. Wir verlieren manchmal das Mass. Gerade deshalb aber dürfen wir uns auch darin üben, Mass zu halten. Selbstverständlich sollen wir uns damit beschäftigen, wie man vernünftig einkauft, kocht und unter welchen Produktionsbedingungen Dinge hergestellt werden. Wir müssen das aber nicht als Heilsversprechen verbissen tun. Wir wissen es auch nicht besser und sind selbst oft hilflos und ratlos. Da hilft uns unser Hohepriester. Wir können mit Zuversicht nicht nur vor den Thron, sondern danach auch wieder in das alltägliche Leben treten. Dabei lassen wir The Big Picture nicht aus den Augen. Jesus selbst hat ja „den Himmel durchschritten“. Durch ihn werden wir angeregt, Grosses zu denken. Pausen und Genuss helfen uns dabei.

Dtn 26: Fremdlinge auch im Denken

Wir waren selbst Fremdlinge. Dieses stetige Erinnern ist wahrscheinlich das Stärkste, was wir tun können, wenn wir mit den Flüchtlingsströmen konfrontiert sind. Es hilft uns, soziale Gerechtigkeit nicht gegen ökologische Nachhaltigkeit auszuspielen. Wir alle waren und sind Fremdlinge, auch was das Wissen um Nachhaltigkeit betrifft. Dieses Erinnern schützt uns, anderen Menschen aufzuzwingen, was wir als richtig erkannt haben. Es hilft gegen jedes Besserwissertum.

Röm 10, 8-13

Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen“ Es ist ein erstaunliches Paradox: Gerade Menschen, die sich überdurchschnittlich mit den Herausforderungen der Nachhaltigkeit beschäftigen, sich also oft mit Mund und Herzen den Kopf darüber zerbrechen, wie es weitergehen könnte, sind Menschen, die überdurchschnittlich viel reisen, mit Flugzeugen Ferien machen. Sie haben grosse Mühe, ihren persönlichen ökologischen Fussabdruck zu verringern. Dazu zähle ich mich auch. Dies nenne ich eine moderne erfahrbare Form des „simul justus et peccator“. Diese innere Spannung soll nicht zum Vorwand werden, sich weder von den Problemen der Nachhaltigkeit abzuwenden, noch von nun an nur noch in Sack und Asche hienieden zu wandeln.

Lukas 4, 1-13: Die Versuchung Jesu

„Den Himmel auf Erden schaffen zu wollen – eine Versuchung?“ Wenn damit gemeint ist, dass die Träume des Reiches Gottes der Nachhaltigkeit, der Gerechtigkeit und des sozialen Friedens die Freuden am  Genuss des Alltäglichen komplett verdrängen. dann ist diese Warnung bestimmt berechtigt. Auch die Versuchung, dass sich das Leben zu oft um das Essen dreht, ist bestimmt gross. Orthodiäten, die Kontrolle des Körpergewichtes, der übertriebene Körperkult, die snobistische und überkandidelte Luxusfeinschmeckerkultur: sie können bestimmt alles Versuchungen sein. Mir scheint jedoch die Versuchung stärker, zu klein als zu gross zu träumen, zu denken und zu handeln. Die Versuchung in der Nachhaltigkeitsdebatte, lähmende Ohnmachtsgefühlte gegenüber den Herausforderungen der Nachhaltigkeit zu entwickeln scheint mir grösser und teuflischer, als den Himmel auf Erden schaffen zu wollen. Gott selbst schenkte uns einen Kopf zum Denken und zum Träumen, und Hände zum Abstimmen und zum Handeln.

Mir scheint, wir könnten diese Fähigkeiten noch weit mehr, grösser und stärker gebrauchen. Dass es dabei eine Versuchung gibt, darüber die Gelassenheit und die Schönheiten im Alltag zu vergessen, habe ich bereits erwähnt. Dass dies nicht geschieht, hilft ein „kyrie eleison“. Herr, hilf mir zu träumen. Hilf uns, auf deine Geschichten und Träume für uns zu hören. Lass uns von ihnen inspiriert werden. Und schenk uns immer wieder das Vertrauen, dass, dass deine Träume für uns eine Kraft haben und allein so schon gerettet sind.“

In den ökumenischen Kampagnen, die heute anlaufen, wird jedes Jahr wieder ein starkes ökumenisches Zeichen gesetzt. Auch wenn uns Protestanten und Katholiken noch viel trennt, was die Tischgemeinschaft, Sexualethik oder das Amtsverständnis betrifft: Im gemeinsamen Träumen einer nachhaltigeren, gerechteren Welt und dem daraus folgenden Handeln, angestiftet durch unseren gemeinsamen Herrn, gehören wir heute schon zusammen. Hier ist kaum ein Unterschied zwischen „Juden und Griechen“, Protestanten und Katholiken. Es ist über alle derselbe Herr, reich für uns alle, die wir ihn dabei anrufen, in unserem Träumen und Handeln. Darüber dürfen wir uns heute schon freuen.

Andreas Peter, Zürich


[1] Markus Huppenbaur: „Genuss gehört zu einem guten Essen“. Interview im Tages-Anzeiger Interview vom 23. August 2014. Und: „Wir sind doch keine Moralmaschinen". Tagesanzeiger-Gespräch vom 9. Juni 2015, S. 27

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