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Quinquagesimae / 5. Sonntag im Jahreskreis (07.02.16)

 Quinquagesimae / 5. Sonntag im Jahreskreis


ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Kor 13 Jes 6, 1-2a.3-8 1 Kor 15, 1-11 oder
1 Kor 15, 3-8.11
Lk 5, 1-11

Die Autorin geht vertiefend auf den ev. Predigttext ein und ergänzt kurze Anregungen für die Texte der kath. Leseordnung.

1 Kor 13

1. Der Kontext: Leistungsdruck und Konkurrenz in der Gemeinde

Die Gemeinde von Korinth scheint mir ganz nah -  die dort verbreiteten Phänomene jedenfalls: Konkurrenz und ein unseliges Wetteifern darum, wer nun den rechten Glauben hat und wessen (spirituelle) Fähigkeiten die wichtigeren -  vielleicht sogar die einzig wesentlichen - sind, bestimmen die Atmosphäre. Streitigkeiten – sogar gerichtliche – sind an der Tagesordnung, die Gemeinde droht in Grüppchen zu zerfallen. Dem versucht der Apostel entgegenzuwirken mit dringenden Ermahnungen und starken Bildern wie dem vom einen Leib mit den vielen Gliedern – bis heute eine wunderbare Metapher für komplementäre Verantwortung.

Aus meiner Arbeit als Organisationsberaterin kenne ich leider auch heute noch genügend Gemeinden, in denen sich Hauptamtliche wie auch Kirchenvorstände zerreiben in zähen Streitigkeiten um das, was bei knapper werdenden Ressourcen geleistet oder angeboten werden sollte. Solange dies aus einer Haltung des „Ich weiß besser, was wichtig und richtig ist“ erfolgt, ist die Chance, zu einer Einigung zu kommen, gering. Diese Gemeinden verbrauchen ihre ganze Energie nach innen und gewinnen wenig Strahlkraft nach außen.

In solche Kontexte hinein beschwört Paulus eine Haltung, die es ermöglicht, Gaben zur Entfaltung zu bringen und aus Verschiedenem etwas Gemeinsames zu gestalten.

 
2. Liebe – eine Frage der Haltung

Paulus beschreibt Liebe nun als eine Haltung, aus der heraus sowohl die öffentliche Rede, intellektuelle Erkenntnis und aktives Engagement wirkliche Strahlkraft bekommen und nachhaltige Wirkung erzeugen – oder eben nicht. Es ist eine Haltung, die  ich in einigen Büchern zu Führung und Spiritualität  auch wieder beschrieben finde: Liebe als eine Grundhaltung, um dem Leben und seiner fortgesetzten (universellen) Erneuerung zu dienen.

„In letzter Konsequenz ist Liebe eine Lebenspraxis, besser gesagt eine Lebenshaltung – ein Ja zum Leben und ein Ja zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen, zur Natur und auch zu der Tatsache, dass das irdische Dasein vergänglich ist. Indem wir uns dazu bekennen, erlangen wir Selbstvertrauen, Selbstachtung und Würde; indem wir den Zustand des Getrenntseins überwinden, beseitigen wir die Wurzeln von Ängsten und Traumata... In der Ganzheit empfangen wir die Harmoniesignale der kosmischen Ordnung. Wir selbst werden zur Quelle von Wahrheit, Heilung und Harmonie.“ – schreibt die Ethnologin Christina Kessler in ihrem inspirierenden Buch „Wilder Geist, wildes Herz – Kompass in stürmischen Zeiten“.

Es geht also um Wertschätzung – mir selbst, meinem Körper und meinen Talenten, Fähigkeiten gegenüber, die entfaltet werden wollen, wie auch um Wertschätzung der Mitmenschen (Kollegen, Mitarbeitern, Vorgesetzten) in ihrer Einzigartigkeit, insbesondere mit ihren individuellen Stärken.

Es geht um Mitgefühl / Anteilnahme mit meiner Mitwelt (Menschen und Natur) im Maße des mir Möglichen.

Es geht um Vertrauen in die Möglichkeit von Transformationsprozessen und um das Einverständnis in das dazugehörige „Stirb und Werde“, also die Notwendigkeit, Altes loszulassen, damit Neues werden kann.

Es geht um Achtsamkeit und Geduld mit der Fortschritt von Wachstums- und Veränderungsprozessen – individuell wie gesamtgesellschaftlich.

3. Worum es nicht geht: Christliche Missverständnisse der Liebe

Doch bevor sich dieses neue Bewusstsein von Liebe verbreiten kann, gilt es - insbesondere in den traditionellen Gemeinden – mit einigen christlichen Missverständnissen rings um die Liebe gründlich aufzuräumen, da sie uns immer noch den freien Zugang zur verwandelnden Kraft der Liebe verstellen:

Es geht nicht um naive Gutgläubigkeit oder falsche Rücksichtnahme auf mögliche „Befindlichkeiten“: auch Paulus findet scharfe Worte, um Missstände und Fehlverhalten in der Gemeinde von Korinth zu konfrontieren (1. Kor. 5 ff.).

Es geht nicht um Streitvermeidung um jeden Preis: in vielen Gemeinden werden noch heute Konflikte verdrängt und tabuisiert – der Preis ist letztlich hoch, da Konflikte so unterschwellig das Klima vergiften oder sich völlig verhärten.

Es geht vor allem nicht um Selbstaufgabe und Entsagung: Hier scheint mir das größte Missverständnis zu liegen, das aus einem trennenden Welt- und Menschenbild erwachsen ist und das es heute zu überwinden gilt: Liebe manifestiert sich in der Verbindung von Selbstliebe (mit unserem Körper und allen unseren Sinnen) und Weltliebe. Wir kennen alle genug „hilflose Helfer“, die hinter ihrem eifrigen Engagement für Mitmenschen, Umwelt oder Gesellschaft ihre eigene Bedürftigkeit verstecken oder überhaupt nicht wahrnehmen und damit durchaus zu einer Last für ihre Umgebung werden können.

4. Glaube, Hoffnung und Liebe als Treiber für nachhaltige Entwicklung

4.1. Der Glaube

Das griechische pistis hat den deutlichen Beigeschmack von Vertrauen / Zutrauen. Dies gilt es, trotz aller negativen Prognosen und düsteren Zukunftsszenarien zu predigen: Zutrauen in vielen Ansätze positiver Entwicklungen und Versuche, z.B. eine andere Art des Wirtschaftens in die Welt zu bringen. Z.B. die alternative Wirtschaftszeitung „Enorm“ ist immer wieder voll von diesen Beispielen. Propheten des Weltuntergangs und Problembewusstsein gibt es genug, von den Kanzeln muss dieses nicht derzeit nicht mehr verstärkt werden. Es stärkt mich auch nicht, wenn in Fürbittgebeten die Probleme dieser Welt vor Gott gebracht werden – so könnte nur ER es hinkriegen.

Vielleicht brauchen wir einen neuen Glauben an Wunder – ich jedenfalls erlebe sie – die positiven Überraschungen – durchaus hier und da in der Begleitung von Veränderungsprozessen: wenn Menschen, die zuerst sehr skeptisch waren, auf einmal die Chancen des Neuen entdecken und alte Ängste hinter sich lassen.

4.2. Die Hoffnung

Hoffnung wächst aus dem Glauben und aus einem vertieften Verständnis für das langsame Tempo von Wachstumsprozessen. Eine alte tibetanische Weisheit sagt: „Ein Baum der fällt, mach mehr Krach, als ein Wald, der wächst.“ Der Atomphysiker Hans-Peter Dürr zitiert diese Weisheit in seinem Buch „Warum es ums Ganze geht“ und mahnt an, dass wir in unserer Wahrnehmung von Veränderungen in der Welt zu sehr auf die „fallenden Bäume“ und zu wenig auf den „wachsenden Wald“ gerichtet haben. Ich lebe in Halle (Saale) , einer ehemaligen Chemieregion, die vor 30 Jahren furchtbar dreckig und lebensfeindlich war. In der Nähe ist Bitterfeld, am Ende der DDR eine Mondlandschaft. Heute ist diese Gegend eines der Vorzeigeprojekte zur gelungenen Renaturierung einer Region. Das macht mir Hoffnung, und ich wünschte mir, dass wir uns viel häufiger Hoffnungsgeschichten als Horrorgeschichten erzählten.

4.3. Die Liebe

„Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ (1. Kor. 13, 13). Warum dies? Vermutlich, weil sie letztlich die verbindende Kraft des Universums ist, die Kraft, aus der wir kommen und aus der wir immer schöpfen können, ohne das sie versiegt. Manche reden auch von der spirituellen Intelligenz.

Gelebte Spiritualität aber – und das ist das Neue - findet heute nicht mehr in der Weltentsagung, sondern mitten in der Welt statt - zum Glück, denn wir können Spiritualität wieder entdecken als religio,  als Rück-Verbindung mit der Welt in der Tiefe unseres Selbst. Und aus dieser Quelle können wir Kraft und Weisheit schöpfen.  Wege zu dieser Quelle gibt es viele, alle Religionen haben Wege beschrieben, das Eifern um den einzig wahren Weg dahin ist müßig. Nicht umsonst gibt es einen neuen Boom – nicht nur bei Führungskräften - , die Praxis von Achtsamkeit, Meditation oder innerer Einkehr zu lernen und zu pflegen – für mich ein hoffnungsvolles Zeichen für ein zunehmendes Bewusstsein dieser Quelle, zu der wir alle – unabhängig von einer glücklichen Kindheit oder von gesellschaftlichem Status – Zugang haben, wenn wir den Weg nach innen gehen.

Der Weg nach innen jedoch ist keine Sackgasse, er führt wiederum nach außen, heute vor allem in das Engagement für eine nachhaltige Transformation unserer Welt, die nicht nur in Ökologie und Ökonomie, sondern auch im Lernen und im Bewusstsein stattfinden muss.

Auch der Atomphysiker Hans-Peter Dürr landet erstaunlicherweise bei der Einsicht, dass es genau diese Haltung der Liebe braucht, um die Schöpfung nicht nur zu bewahren sondern kokreativ im Sinne des Lebens weiter zu entfalten:

„Auf welche Weise ... Nachhaltigkeit, insbesondere ökologische Nachhaltigkeit, erzielt werden kann, ist nicht einfach zu beantworten... Genau betrachtet sind wir nämlich bei einer Verwirklichung von Nachhaltigkeit in keiner schlechteren Situation als die Natur selbst...Die Natur muss dies nach dem Prinzip von „Versuch und Irrtum“, gewissermaßen spielerisch aber unter optimaler Ausnützung synergetischer Vorteile – also konstruktiven Zusammenwirkens schon existierender Lebensformen – herausfinden.... Nachhaltigkeit wird also nicht in der genauen Befolgung bestimmter Rezepte erreicht, sondern durch eine offene, aufmerksame, umsichtige, flexible, kreative, einfühlende und liebende Lebenseinstellung....“ (Hans-Peter Dürr, Warum es ums Ganze geht. Neues Denken für eine Welt im Umbruch. 4. Aufl. 2014)

Jes. 6,1-8

Sendungsbewusstsein lässt manche abheben – nicht so Jesaja. Er ist sich der Tragweite und Schwere seines Auftrags bewusst, denn auch er trifft auch Leute, für die seine Botschaften unbequem sind. Wer Wandel vorantreiben will, macht sich nicht nur Freunde, sondern muss mit Widerstand rechnen.

1 Kor 15. 1-11

Die Auferstehung Jesu begreife ich als Impuls, vertieft über Veränderungsprozesse nachzudenken. „Es ist die Veränderung, die sich in unserem Leben vollzieht, auf die es bei der Auferstehung Jesu ankommt" (Luise Schottroff) Und diese Veränderung ist – wie die Auferstehung – nicht ohne Todeserfahrung zu haben, damit meine ich die Erfahrung des Loslassens, damit Neues werden kann und das Durchschreiten der damit verbundenen Ängste.

 

Lk 5, 1-11

Eine (Wunder)Geschichte gegen die Macht der eigenen Erfahrungen: wann und wo lohnt es sich, doch noch einmal einen erneuten Versuch zu wagen? Auch Bestrebungen um Nachhaltigkeit brauchen den langen Atem, das Überwinden drohender Resignation angesichts scheinbar geringer Erfolgsaussichten.

Dr. Friederike Stockmann 

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