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Septuagesimae / 3. Sonntag im Jahreskreis (24.01.16)

Septuagesimae / 3. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Kor 9, 24-27 Neh 8, 2-4a.5-6.8-10 1 Kor 12, 12-31a oder
1 Kor 12, 12-14.27
Lk 1, 1-4; 4, 14-21

Lesung 1: Nehemia 8,2-4a.5-6.8-10

Exegetisch:
Die beiden Bücher Esra und Nehemia bilden ein zusammenhängendes Buch. Thema ist der Wiederaufbau des Tempels und der Stadtmauer. Dabei wird auf die Katastrophe von 586 zurückgeblickt, als das Volk Israel ins babylonische Exil gezwungen wurde. Verbunden ist diese Sicht mit einem Ausblick in die Zukunft, die vom Gesetz geprägt ist. Äussere Umstände und innere Orientierung finden so zusammen. Nehemia stammt aus einer jüdischen Familie, die in Babylon geblieben war, dann aber als Kommissär nach Jerusalem zurückkehrt. Unter ihm wird die Mauer wieder aufgebaut Er vollzieht aber auch administrative und agrarische Reformen – und selber als Beispiel auf Grundbesitz verzichtet. Doch auch die Einhaltung des Sabbats und andere religiöse Reformen sind sein Anliegen. Der Priester Esra seinerseits stärkte die Kultusgemeinde und damit auch die innere religiöse Ordnung. Teilweise werden die Reformen von Nehemia und Esra als die Geburtsstunde des Judentums bezeichnet. Doch gab es neben diesen eher legalistisch orientierten Juden auch andere Gruppen, die weniger gesetzesorientiert lebten.

Theologisch:
Äussere Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Ordnung und die Alltagswelt der Menschen sind der Ort, wo Religion lebt. Doch dies allein genügt nicht. Hinzu kommt die innere Sinn- und Wertorientierung. Stellvertretend dafür steht das „Gesetz“. Erst wenn die Saite zwischen diesen beiden Polen aufgespannt ist, kann die Musik der lebendigen religiösen Gemeinschaft erklingen. Diese Spannung zwischen der Realität des Alltags und der Idealwelt der moralischen Wegweiser (hier das Gesetz) bringt die Menschen zum Weinen – berührt emotional und macht traurig. Doch die Botschaft von Esra ist eine andere: Es ist dies nicht ein Grund für Sorgen, sondern aus dieser Spannung erklingen die Töne der Freude und diese kommt von Gott.

Nachhaltigkeit:
Es ist die Crux aller Nachhaltigkeitsdiskussionen und –anliegen, dass sie an der Brutalität der Realität zu scheitern drohen. Wer sich die Sorge um die Schöpfung, langfristiges Denken und Planen oder auch die Mitbestimmung in gesellschaftlichen oder kirchlichen Fragen zum Anliegen macht, wird mit der ernüchternden Aussage konfrontiert, dass es ja sowieso nichts nützt und die Dinge sowieso ihren Lauf nehmen.

Die Geschichte der heutigen ersttestamentlichen Lesung erhebt hier Einspruch. Sie verweist auf die Kraft Gottes, die gerade aus diesem Spannungsfeld zwischen Realität und Zukunftshoffnung, zwischen äusseren Zwängen und innerer Wertorientierung herausdrängt und Grund zu Freude sein darf. Ähnliches kann aus der Spannung zwischen Heimat und Heimatlosigkeit wachsen – es bleibt dabei die Herausforderung, diese Spannungsfelder auch gut benennen zu können, damit es fruchtbar werden kann.

Lesung 2: 1 Kor 12, 12-31a

Exegetisch:
Paulus beantworetet in diesem Brief verschiedene Fragen der Menschen aus der Gemeinde von Korinth – hier Gottesdienstfragen zur Rolle der Geistesgaben in der Gemeindeversammlung. Dies war von Bedeutung, weil man dazu tendierte, in der Gemeinde einzig die Gabe der Glossolalie (Zungenrede) als das zentrale christliche Charisma betrachten wollte, die andern Geistesgaben aber kleinredete. Paulus spricht in einer Rede, in der er die These entfaltet, direkt die Menschen in Korinth an und zeigt ihnen, dass sie selber diesen Leib bilden und darum die verschiedenen Gaben ein Ganzes ausmachen.

Theologisch:
Paulus betont mit dem Bild des Körpers, dass Einheit und Vielfalt nicht im Widerspruch stehen. Das alles verbindende Element ist dabei der Geist Gottes – dieser verbindet über Distanzen. Er lässt diese durchaus bestehen und anerkennt sie, doch er macht auch deutlich, dass eben auch was in Distanz ist, zum Ganzen gehört und dass es keine Gründe gibt, das eine oder das andere höher zu bewerten.

Nachhaltigkeit:
Das ethische Prinzip der Nachhaltigkeit umfasst ja nicht nur die Sorge um die Natur und die Fragen nach den langfristigen Folgen für die Umwelt. Wichtiger Bestandteil der Nachhaltigkeitsforderung ist die Suche nach einer menschen- und naturverträglichen Wirtschaft und vor allem auch das Einbeziehen der Menschen in Entscheidungsprozesse – also die Forderung nach Mitbeteiligung und Mitbestimmung.

Das Bild vom einen Geist und den verschiedenen Gaben darf also daran erinnern, dass nachhaltiges Handeln sehr vielfältig aussieht und Vorsicht geboten ist, das eine gegen das andere auszuspielen. Entscheidend ist, die unterschiedlichen Gaben und Aufgaben im Ganzen zu sehen. Wie mit der Vielfalt der Gaben und der Formen nachhaltigen Engagements ist es auch mit der Frage nach der Heimat. Es geht weniger darum, zu bestimmen, was denn „Heimat“ oder auch „Heimatlos“ bedeuten, als vielmehr hinzuhören, welche Geschichten damit verbunden sind – denn es gibt einen Geist, den es in der Vielfalt der Formen und Geschichten zu erkennen gilt.

Evangelium Lk 1, 1-4; 4,14-21

Exegetisch:
Der Text für diesen Sonntag ist zusammengesetzt aus dem Prolog (1,1-4) und dem zweiten Hauptteil, der mit 4,14ff beginnt und zu Beginn die Antrtittspredigt Jesu nennt. Lukas will – so im Prolog erkennbar – bei Theophilus und bei allen Leserinnen und Lesern Vertrauen in die Geschichte Jesu und seine Botschaft wecken. Deswegen beginnt er ganz vorne und will vollständig darlegen aus auführen. Als Mann der dritten Generation nach Jesus will Lukas das Geschehen zuverlässig darstellen.

Theologisch:
Lukas gestaltet den Anfang, nicht nur den Anfang einer neuen Zeit (Gnadenjahr), sondern auch der Anfang einer Botschaft im Raum, die sich von Galiläa aus in die ganze Welt ausweiten wird. Bereits in der ersten Botschaft Jesu wird klar, dass diese an die Armen gerichtet ist und Gott auf der Seite der Benachteiligten und Verachteten liegt. Dabei sind sowohl Anfang wie auch Kerninhalte der Botschaft nicht „aus der Luft gegriffen“, sondern die Zuspitzung dessen, was aus der Tradition bereits bekannt ist.

Nachhaltigkeit:
Neu ist die Forderung, zu Menschen, Gemeinschaft und Umwelt Sorge zu tragen ja nicht. Sie erreicht einfach mit der Komplexität und den neuen technischen Möglichkeiten (die eben auch die Zerstörungskraft des Neuen sichtbar machen) eine neue end-gültige Dimension. Die Nachhaltigkeitsdiskussion hat – wie das Auftreten Jesu für Lukas – etwas End-Gültiges – : nun wird sich zeigen, worum es wirklich geht im Leben. Dass Jesus „nach Hause“ zurückkehrt kann zeigen, wie bedeutsam es ist, zu wissen, wo ich „zu Hause“ bin, wenn ich mit meiner Botschaft an die Öffentlichkeit gehe. Heimatlosigkeit ist darum nicht einfach eine geographische Frage, sondern eben auch eine seelische. Diese ist an Orte, aber auch an Menschen, und – wie die Lukas-Perikope zeigt – auch an Rituale gebunden. Hier können sich auch im Zusammenhang mit den viel gehörten „Integrations-Anstrengungen“ noch zusätzliche Arbeitsfelder öffnen.

Dr. Thomas Wallimann-Sasaki, Enntmoos (CH)

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