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22. Sonntag nach Trinitatis / Allerheiligen (01.11.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): Röm 7,14-25a; Mi 6,1-8; Mt 18,21-35; 1Joh 2,(7-8)9- 14(15-17); Jes 44,21-23; Mt 18,15-20 [www.stichwortp.de]

 

22. Sonntag nach Trinitatis / Allerheiligen

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 18, 21-35 Offb 7, 2-4.9-14 1 Joh 3, 1-3 Mt 5, 1-12a

Stellung im Kirchenjahr

In der evangelischen Perikopenordnung ist der 1. November 2015 der 22. Sonntag nach Trinitatis, nach katholischer Ordnung das (Hoch-)Fest Allerheiligen.
Impulse im Blick auf Nachhaltigkeit (im Sinn von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung) können aus allen der vorgegebenen Tagestexte gezogen werden.


Predigtimpulse

Mt 18, 21-35

Friedensprozesse können nur gelingen, wenn alle Konfliktparteien bereit sind, von eigenen Ansprüchen abzusehen, statt Maximalforderungen zu stellen das Gemeinschaftsgefüge in den Blick zu nehmen. Und wenn ein Versöhnungsprozess scheitern sollte, gilt es, nicht aufzugeben, sondern immer und immer wieder neu Wege zueinander zu suchen – wenn es sein muss, ‚siebenmal siebzigmal‘, das heißt: so oft wie eben nötig.

Im Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger wird deutlich, wie die Perspektive das Urteilsvermögen beeinflusst: Wenn es um eigene Interessen geht, legen wir gern einen anderen, milderen Maßstab an und vergessen unseren Gerechtigkeitssinn, auf den wir uns so gern berufen, wenn wir glauben, selbst zu kurz zu kommen.

Im Blick auf die Verteilung der Chancen ist die Welt geteilt und ihre Bevölkerung in hohem Maß ungleich. Dabei sind wir (Nord-)Europäer in der privilegierten Lage, anderen, wirtschaftlich weniger mächtigen Ländern Bedingungen zu diktieren: bei der Förderung von Entwicklungsprojekten, der Vergabe von Krediten, der Preise für Rohstoffe, der gesamten wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Das Machtgefälle zwischen der nördlichen und der südlichen Welthalbkugel ist ein Skandal, der uns kaum bewusst ist. Dabei sind wir nur scheinbar weniger abhängig, tatsächlich sind wir ebenso bedürftig und leben davon, dass wir das Wichtigste geschenkt bekommen. Auch wenn wir das unverdiente Glück haben, weitaus weniger von existenziellen Sorgen uns Überleben gequält zu werden als Menschen in anderen Teilen der Welt.


Offb 7, 2-4.9-14

Johannes, der Verfasser der so genannten Geheimen Offenbarung, wird ‚der Seher von Patmos‘ genannt. Als Seher bezeichnet die Bibel Menschen, die in traumähnlichen, visionären Bildern göttliche Geheimnisse verkünden. Bei Johannes geht es um die kosmische Dimension der Schöpfung, um Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes und um Erneuerung durch die und aus der Katastrophe. Der Mensch findet sich im Zentrum der Schrecknisse und wird doch bewahrt, weil er mit dem göttlichen Siegel bezeichnet ist und darum gerettet wird.

Allerdings werden nicht alle gerettet, vielmehr wird eine Auswahl getroffen – man denkt an Noah, an die Bewohner von Ninive oder an die Israeliten bei jenem ‚Übergang (passach) des Herrn‘, der den ägyptischen Fronmeistern den Tod bringt. Auch der zum Brudermörder gewordene Kain trägt das Siegel Gottes auf der Stirn und darf mit all seiner Schuld leben.

Die genaue Zahl der Geretteten – 144000 – ist dabei eher Symbol der Fülle, ja der Überfülle, als eine Eingrenzung im Sinn eines ‚Numerus clausus‘, wie sie in einigen christlichen Gemeinschaften verstanden wird. Gleichwohl wird auch der Ernst deutlich: Die Geretteten sind die, die wissen und bekennen, dass ‚die Rettung von unserem Gott‘ kommt, ‚der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm‘. Das Lamm steht ebenso wie die Palmzweige, die sie in den Händen tragen, für die Unbewehrtheit und Friedfertigkeit der messianischen Herrschaft – beides Zeichen, die mit dem irdischen Jesus und dem erhöhten Christus verbunden sind. Auch das irreal-paradoxe Waschen der Kleider weist in diese Richtung: Im Zusammenhang mit Kampf und Gewalt steht Blut für Befleckung. Diese Logik wird entkräftet: Das Blut des friedfertigen Opfertieres, das ‚Blut des Lammes‘, wird zum Sühnemittel, das die ‚Kleider‘ ‚weißwäscht‘, das heißt: Wer mit solchermaßen gereinigten Gewändern bekleidet ist, ist von der Befleckung durch den Kreislauf von Schuld und Vergeltung befreit.

Die mit dem göttlichen Siegel Bezeichneten und darum Geretteten sind Menschen ‚aus allen Stämmen Israels‘. Doch sofort weitet sich die Perspektive, und sie werden zu ‚einer großen Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen‘. Die Exklusivität einer privilegierten ethnischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit wird überwunden, sie alle sind nur noch von Gott Gerettete. Alle anderen, auch die vormals noch so wichtigen Attribute werden obsolet.

Die Geheime Offenbarung des Johannes ist trotz der apokalyptischen Schrecknisse ein Trostbuch: Aller Verfolgung und Ungerechtigkeit zum Trotz wird sich am Ende Gottes Gerechtigkeit durchsetzen. Der Trost gilt denen, ‚die aus der großen Bedrängnis kommen‘. Solche Bedrängnis erleiden nicht nur die, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden, sondern alle, die unter den Gesetzen der real existierenden Welt und ihrer Strukturen zu leiden haben, alle, die ignoriert, benachteiligt oder ausgebeutet werden.


1 Joh 3, 1-3

Von Gott geschaffen und mit seinem Lebensatem belebt zu sein, das ist gleichsam das Urdatum im christlichen Verständnis vom Menschen. Nach den Schöpfungsberichten der Genesis gilt dies für den Menschen (adam), für die Gattung Mensch und also für jeden Menschen; denn Gottes Schöpfungswerk ‚war sehr gut’. Alle ethnischen, kulturellen oder nationalen Differenzierungen sind demgegenüber nachgeordnet, und ebenso auch die Vorstellung der Erwählung in religiösem Sinn, die für die Geschichte Israels so prägend war, und dies auch schon zu der Zeit, als die Schöpfungsgeschichten aufgeschrieben wurden.

Die liebevolle Beziehung des Schöpfers zu seinem Geschöpf wird im ersten Johannesbrief aufgenommen und erfährt zugleich eine Steigerung: Das Geschöpf wird zum Kind, der Schöpfer zum Vater. Die Bindung zwischen Eltern und Kindern ist qualitativ einzigartig und mit keiner anderen menschlichen Verbindung vergleichbar. Das Bindeglied in dieser eigenartigen ‚Verwandtschaft’ zwischen Gott und Mensch ist Christus, Gottessohn und Menschenbruder. In der Verbundenheit mit ihm, dem ersten und eigentlichen ‚Kind Gottes’, werden auch wir zu Söhnen und Töchtern Gottes.

‚Kind Gottes‘ zu sein ist vielleicht die höchste Würde, die einem Menschen zugeschrieben werden kann. Und es sind nicht nur wenige Auserwählte, denen dies zugesagt wird. Jeder Mensch hat durch die Taufe Zugang zu dieser höchsten Würde, unabhängig von Herkunft, Bildung oder gesellschaftlicher Stellung. Die christlichen Kirchen und ihre Gemeinden sind darum Orte, an denen die Utopie der absoluten Gleichrangigkeit aller Menschen beispielhaft verwirklicht werden soll. Wo dies geschieht, wird ein Stück jenes Himmelreichs erlebbar, das Jesus in vielen Bildern beschrieben und in seinem Handeln erschlossen hat. Aber auch umgekehrt gilt: Bemüht sich eine Gemeinde nicht, ein Ort zu sein, an dem Menschen sich als gleichwertige Kinder Gottes begegnen und gelten lassen, so muss sie mit dem Skandal leben, den Auftrag Jesu zu verraten.

Mt 5, 1-12a

Die Seligpreisungen der Bergpredigt, wie sie bei Matthäus und Lukas überliefert sind, gehören zu den bekanntesten Texten aus den Evangelien. Für viele gelten sie als Kernstück und Inbegriff jesuanischer Ethik; nicht von ungefähr sind sie in der christlichen Friedensbewegung so wichtig geworden.

Die Seligpreisungen sind jedoch nicht in erster Linie ethische Lebensregeln. Sie haben vielmehr den Charakter einer Verheißung. Inhaltlich spiegelt sich in ihnen die bedrängende Lebenssituation der frühen Christen, die täglich Leid, Gewalt, Ungerechtigkeit, Konflikte, Anfeindung, Verleumdung, Härte und Unfrieden erleben mussten. Dies zu ertragen ohne am Glauben irre zu werden, war eine große Herausforderung, die in den Schriften des Neuen Testaments vielfältige Spuren hinterlassen hat.

Die Verheißungen, die mit den Seligpreisungen verbunden sind, sind unterschiedlicher Art: Während die einen eher allgemein formuliert sind (etwa: „denn ihnen gehört das Himmelreich“ oder „sie werden Söhne Gottes genannt werden“), bezieht sich bei anderen die Verheißung unmittelbar auf die gegenwärtige Bedrängnis, die gewendet werden wird, so im Fall der Trauernden oder der nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden.

Eine Sonderstellung kommt der Seligpreisung zu, die innerhalb der literarischen Komposition genau die Mitte bildet. Die Seligkeit der „Barmherzigen“ besteht darin, dass sie selbst „Erbarmen finden“ werden. Es ist die Logik der goldenen Regel, die hier durchscheint; sie besagt, dass Lohn und Strafe nicht schicksalhaft verhängt werden, sondern unmittelbare Folge des eigenen Verhaltens sind. Dies bedeutet auch: Wer sich destruktiv verhält, schädigt nicht nur andere, sondern allererst sich selbst (vgl. das Wort von Gandhi: "Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.")

Dieser Gedanke steht am Beginn jenes fundamentalen Perspektivenwechsels, der zu Nachhaltigkeit im Denken und Handeln führt.

Elisabeth Schmitter

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