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Reformationstag (31.10.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): Mt 10,26b-33; Gal 5,1-6; Ps 46, Mt 5,1-10(11-12), Röm 3,21-28, 5Mose 6,4-9 [www.stichwortp.de]

 

Reformationstag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 5, 2-10 (11-12) Röm 11, 1-2a.11-12.25-29 Lk 14, 1.7-11

Reformationstag 2015: zwei Jahre noch bis zum großen Jubiläum ‚500 Jahre Reformation‘! Die Lutheraner möchten fröhlich den Geburtstag ihrer Kirche feiern, während die Katholiken skeptisch fragen, wie man eine Kirchenspaltung bejubeln kann, und die Reformierten mit ihren Protagonisten Calvin und Zwingli einmal mehr im Schatten des Dr. Martinus aus Wittenberg stehen. Keine Frage: die Reformationsbewegung der Jahre 1517 ff. war und ist nachhaltig, sie hat die Welt des Mittelalters aus den Angeln gehoben und zieht bis heute ihre Spuren über die Erde - Spuren, die die biblischen Texte dieses Tages vorgezeichnet haben.

Matthäus 5, 2-12: Die Seligpreisungen Jesu

Anmerkungen zum Text

Es gibt kaum einen Text des Neuen Testamentes, der so viel dynamis, Sprengkraft hat wie die „Regierungserklärung Jesu“. Und kaum einem anderen Wort sind so oft schon die Zähne gezogen und die Flügel gestutzt worden – wie schon der Vergleich zwischen Bergpredigt (Matthäus 5) und Feldrede (Lukas 6) eindrucksvoll belegt. Doch trotz aller Versuche der Einebnung und Einschüchterung, trotz Harmonisierung und Verharmlosung bleiben die Worte Jesu borstig und widerständig, stellen sie sich quer zur Alltagsmeinung und gegen den Mainstream der gedankenlosen Reden und Taten. Das bleibende und nachhaltige Skandalon der Seligpreisungen Jesu liegt in der grundsätzlichen Paradoxie, die unsere landläufige Meinung zum Glück- und Seligsein gehörig gegen den Strich bürstet.

Bezüge zur Nachhaltigkeit

Arm, traurig, hungrig und durstig, verfolgt und beschimpft: wer sich so elend und ganz unten fühlt, hat ein Gespür für die tiefen Abgründe des Lebens und erfahren, wie bitter der Krug der Tränen schmeckt. Doch mit dem ‚Selig sind …‘ wird das Leid weder verharmlost noch schöngeredet, sondern die Menschen gewürdigt, die solches erlebt und erlitten haben. Den Kleinen und Wehrlosen, Schwachen und Hilflosen, den Verfolgten und Verletzten wendet sich Gott besonders zu und wenden wird er ihr Leid in Freude und Glück. Es ist der „Gott der kleinen Leute“, der in Jesu Wort und Tat selber klein und ohnmächtig wird - bis zum Tod am Kreuz.

Gewaltlos, barmherzig, reines Herzens, friedenstiftend: wer so in Wirtschaft, Politik und Sport agiert, wird schnell als „Softie“ belächelt, als „Weichei“ verspottet und hat im Beruf oft das Nachsehen. Doch mit dem „Selig sind …“ adelt Jesus einen Lebensstil, der nicht auf schnellen Erfolg und großen Ruhm aus ist, sondern auf alternative Werte und Ressourcen setzt. Die Spirale von Gewalt beenden, Gegengewalt ins Leere laufen lassen, dem Frieden das Wort reden und der Gerechtigkeit die Stange halten, im kalten Konkurrenzkampf und gnadenlosen Wettbewerb ein warmes Herz zeigen und Erbarmen wagen: das ist der Stil Jesu.

Anregungen zur Predigt

Die grundsätzliche Gegensätzlichkeit der Seligpreisungen zur aktuellen Welt- und Werteordnung reizt zum spontanen Widerspruch, aber eben auch zum Ausloten, ob unsere Welt eine Seligkeit dieser Art überhaupt verträgt oder vielmehr dringend zum Überleben benötigt. Dazu drei sehr verschiedene Anregungen:

1. Jugendliche haben eine aktuelle Konfrontation von Menschensprüchen und Jesusworten verfasst:

Bei uns heißt es: Wer Geld hat, ist glücklich! Umsonst ist nur der Tod!

              Doch Jesus sagt: Glücklich, die arm sind vor Gott, ihnen gehört das Himmelreich.

Bei uns heißt es: Indianer kennt kein Schmerz! Und Jungen weinen nicht!

              Doch Jesus sagt: Glücklich, die Leid und Trauer tragen, sie sollen getröstet werden.

Bei uns heißt es: Nur die Harten kommen in den Garten! Und die Weichen duschen warm.

              Doch Jesus sagt: Glücklich die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen.

Bei uns heißt es: Jeder ist sich selbst der Nächste! Die Konkurrenz kennt kein Erbarmen!

              Doch Jesus sagt: Glücklich die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Bei uns heißt es: Geiz ist geil! Ich bin doch nicht blöd! Und Undank ist der Welt Lohn.

              Doch Jesus sagt: Glücklich, die rein sind und klar im Herzen, sie werden Gott schauen.

Bei uns heißt es: Nur nicht nachgeben oder schwächeln! Den Letzten beißen die Hunde!

              Doch Jesus sagt: Glücklich, die Frieden stiften, sie werden Gottes Kinder heißen.

2. Einen anderen Zugang zu einem nachhaltigen Lebensstil nach der Bergpredigt Jesu zeichnet die Schriftstellerin Carola Moosbach in ihrem Gedicht „Dauerauftrag“, das im Fastenkalender 2014 „7 Wochen ohne“ zu Matthäus 5, 13-16 für den Ostersonntag ausgewählt ist:

Dauerauftrag

Dich weitersagen / salzig und süß / dunkel und hell. / Deine Wahrheit / als Liebe / unter die Leute tragen.

Dein Blick sein / rundum. / Dein Schrei sein / von unten. / Deine Gerechtigkeit fordern / und üben.

Lichtworte sprechen / lernen / auf deinem Grund!

3. Die wirkliche Verrücktheit der Worte Jesu hat Reinhard Mey vor 20 Jahren zu einem Lied veranlasst, das Duktus und Thema der Seligpreisungen aufnimmt und variiert: Selig sind die Verrückten!

Refr.:    Selig die Abgebrochenen, die Verwirrten, die in sich Verkrochenen,

die Ausgegrenzten, die Gebückten, die an die Wand Gedrückten. Selig sind die Verrückten!

Vollständiger Text unter: www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/selig-sind-die-verrückten

Römer 11, 1-2a.11-12.25-29

Diese arg zerstückelte Perikope entstammt dem tiefschürfenden und über drei Kapitel raumgreifenden Nachdenken des Paulus über Gottes langen und geduldigen Weg mit Israel (Römer 9-11), insofern ist er ein durchaus Nachhaltigkeit atmender Predigttext. Die aktuellen Nachhaltigkeitsbezüge sind diesem Abschnitt aber fremd und sollten auch nicht nachträglich in ihn hineingetragen werden.

Lukas 14, 1.7-11: Jesu Gleichnis von Rangordnung und Auswahl der Gäste

Anmerkungen zum Text

Da diese Perikope in den evangelischen Leseordnungen nur als Marginaltext für den 7. Trinitatissonntag aufgeführt ist, wird dieses Gleichnis Jesu in den protestantischen Kirchen kaum gepredigt. Schade eigentlich, denn der Schlussvers verdeutlicht die schon in den Seligpreisungen ausgedrückte radikale Umkehrung aller irdischen Werte durch Jesus: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Die allegorisierende Beispielerzählung selbst knüpft an eine jüdische Tischregel zur Zeit Jesu an: nach ihr sollen die geladenen Gäste eines Festmahles nicht von sich aus die Ehrensitze am Kopfende des Tisches oder in der Mitte der ausgelegten Speisepolster einnehmen, sondern zunächst mit den schlichteren Plätzen vorlieb nehmen, um nicht einem evtl. verspäteten Ehrengast vorzugreifen. Diese höfliche Konvention der Tischsitten wendet Jesus allerdings zu einer grundlegend anderen Lebensmaxime.

Bezüge zur Nachhaltigkeit

Die aus dem Gleichnis zu ziehende Lehre und eigentliche Anwendung auf das Tun des Gerechten folgt erst nach der zu Unrecht abgeschnittenen Perikope in den Versen 12-14: „Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“ Hier wird ein Lebensstil sichtbar, der nicht nur nicht in die Höhe und zu denen „da oben“ schielt, sondern nach dem Vorbild Jesu sich den Niedrigen und Gebückten zuwendet. Die Armen, Krüppel, Lahmen und Blinden waren in biblischer Zeit ausgesetzt und von der Gemeinschaft ausgegrenzt, auf Hilfe von Freunden oder Almosen von Fremden angewiesen. Heute begegnen wir ihnen in den Suppenküchen und an den Tafeln der Lebensmittelspende, in den Asylbewerber- und Abschiebeheimen, in den Wohnghettos unserer Großstädte, die man nachts lieber nicht betreten will.

Anregungen zur Predigt

In Wort und Tat stellt Jesus die Welt auf den Kopf: oben wird unten und was am Boden liegt, aufgerichtet. Die Kleinen und Geringen, die Unscheinbaren und Unsichtbaren werden wertgeschätzt und geachtet, ihr Leben im wahrsten Sinn des Wortes aufgewertet, während die Großen und Reichen leer ausgehen, am Fest des Lebens vorbeischrammen. Kann ich und will ich so denken und handeln, wie es Jesus dem Gastgeber vorhält? Haben wir Christinnen und Christen, Gemeinden und Kirchen den Mut, die Kraft und die Hoffnung, diesem Christus zu vertrauen und zu folgen, seiner Spur nachzugehen und seiner Liebe nachzueifern?

 

Reformationstag 2015: zwei Jahre noch bis zum großen Jubiläum ‚500 Jahre Reformation‘! Christen aller Konfessionen tun gut daran, sich der Reformationsbewegung des ausgehenden Mittelalters zu erinnern. Martin Luther wollte nicht die Kirche spalten, sondern erneuern und an dem Wort Christi messen. Seine Abkehr von der theologia gloriae hin zur theologia crucis nimmt Papst Franziskus auf, wenn er für eine ‚Kirche der Armen‘ plädiert: für eine streitbare Christengemeinde an der Seite der Macht- und Rechtlosen!

Martin Ahlhaus, Kierspe-Rönsahl

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