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11. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis (16.08.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): Lk 7,36-50; Gal 2,16-21; Hiob 23; Lk 18,9-14; Eph 2,4-10; 2Sam 12,1- 10.13-15a [www.stichwortp.de]

 

11. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 18, 9-14 Spr 9, 1-6 Eph 5, 15-20 Joh 6, 51-58

Der Autor zeigt anhand der Perikopen auf, dass gerade für einen getauften Christen ein nachhaltiges Leben wesentlich ist; zugleich zeigt das Beispiel aus Lk 18, 9-14 (Ev.), übertragen auf die Thematik, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein schönes Image sein darf und wir uns vor Selbstgerechtigkeit hüten müssen.

Nachhaltigkeit liegt im Trend

Nachhaltigkeit, das Wort geht auf das Verb „nachhalten“ zurück und umschreibt etwas, das über einen längeren Zeitraum anhalten soll. Wir verstehen darunter heute primär, dass wir schonend mit den kostbare Ressourcen umgehen sollen, die uns durch die Schöpfung und damit von Gott geschenkt sind. Wir sind dazu aufgerufen, nicht mehr zu verbrauchen, als unbedingt nötig, nicht Raubbau an der Schöpfung zu treiben und so nachfolgenden Generationen ebenfalls ein gutes Leben zu ermöglichen.

Nachhaltigkeit – das verbinden viele, gerade auch Verbraucher, heute mit Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs. Oft werden die Begriffe Fairtrade, Öko und Bio in einem Atemzug genannt. Eine trennscharfe Abgrenzung verschwimmt im allgemeinen Sprachgebrauch und lässt sich unter dem Dach der Nachhaltigkeit zusammenfassen.

Den Trend zu einem bewussteren Leben haben auch viele Unternehmen erkannt, sehen hierin einen zusätzlichen, lukrativen Absatzmarkt für ihre Produkte und werben gezielt mit entsprechenden Labels. Viele Hersteller tun dies in ehrlicher und guter Absicht. Gleichwohl nutzen Firmen diesen Trend auch geschickt, um sich, zum Teil mit selbst entwickelten Logos, ein besseres, nachhaltiges Image zu geben. Es bleibt zu hoffen, dass hier nicht nur das Image und daran gekoppelt höhere Verkaufszahlen im Vordergrund stehen, sondern wirklich nachhaltiges Handeln und Denken. Die zweite Lesung (Eph 5, 15-20) weist beispielsweise darauf hin, wie wesentlich ein aufrichtiges Leben fürs Christsein ist. Auch das Evangelium (Lk 18, 9-14) stellt die Frage nach Wahrhaftigkeit in den Mittelpunkt. Nicht der schöne, äußere Eindruck ist entscheidend, sondern auch die innere Haltung des Menschen.

Was wir tun und wie wir leben soll nachhaltig sein, also nicht zum Schaden für Gottes Schöpfung und unseren Nächsten.

Nachhaltigkeit und Nachhall

Auch wenn es von der Wortherkunft auf anderen Wurzeln gründet, so schwingt für mich im Wort Nachhaltigkeit immer auch der Nachhall mit, zumindest auf phonetischer Ebene. Dieses Bild finde ich sehr passend, denn der Nachhall ist das, was noch vorhanden ist, wenn wir schon nicht mehr sprechen, oder „nachhaltig“ gesprochen, was von uns zurückbleibt, wenn wir nicht mehr sind. Der Nachhall ist wie ein kleines Erbe, das ich hinterlasse, das nachschwingt.

Hinzukommt, dass der Nachhall nur zu hören ist, wenn ich aktiv bin, wenn ich mich einbringe und nicht schweige. Wer schweigt, die Hände in den Schoß legt und passiv bleibt, erzeugt keinen Nachhall, der bleibt stumm.

Gerade als Christen sind wir aber dazu aufgerufen, nicht passiv in der Welt zu sein, sondern sie aktiv zu gestalten, zum Positiven zu verändern und gegen Ungerechtigkeiten Widerstand zu leisten. Auch die Bewahrung der Schöpfung und der Gedanke der Nachhaltigkeit gehören hier dazu. Wer Christus nachfolgen will, dem kann die Schöpfung nicht egal sein.

Woran sollen wir uns orientieren?

Die Lesungstexte des Sonntags (Spr 9, 1-6 und Eph 5, 15-20) fragen danach, woran wir uns orientieren sollen. Sie stellen, zum Beispiel im Buch der Sprichwörter, dem „törichten“ Lebensstil einen gegenüber, der erstrebenswert und von „Einsicht“ geprägt ist. Auch in der zweiten Lesung ermahnt der Apostel Paulus die Gemeinde in Ephesus sorgfältig darauf zu achten, wie sie ihr Leben führt. Paulus stellt hier den törichten dem klugen Lebensweg gegenüber (Eph 5, 15).

Die Lesungen fragen danach, woran wir unser Leben ausrichten und was uns Orientierung zu geben vermag – und dies insbesondere als getaufter Christ. Ganz besonders Paulus hebt dies deutlich hervor (Eph 5).

Zu einem christlichen Leben, so schreibt Paulus, gehört der Gottesdienst ganz wesentlich dazu. Er betont in seinem Brief, wie wertvoll der Lobgesang der Gemeinde im Gottesdienst ist. Dieser solle erfüllt sein vom Heiligen Geist, kein Lallen im Alkoholrausch. „Begreift, was der Wille des Herrn ist“, formuliert Paulus eindringlich. Dabei geht es ihm vor allem darum, dass wir als getaufte Christen einen anderen Lebensweg gehen sollen, der sich von dem der Heiden unterscheidet (Eph 4, 17). „Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn. Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“, schreibt er an die Gemeinde in Ephesus weiter oben (Eph 4, 22-24). Wer also sein Leben neu ausrichtet im Bewusstsein, nach dem Bild Gottes geschaffen zu sein, der muss sich auch die Anliegen Gottes zu Eigen machen. Egoistischer Raubbau an Gottes Schöpfung gehört da ganz sicher nicht dazu.

Für den Apostel Paulus ist klar, dass Christsein auch Verantwortung bedeutet und Pflichten mit sich bringt – gegenüber Gott, aber auch gegenüber dem Nächsten.


Mahnung auch für uns heute

Wir können dies auch als Mahnung an uns heute lesen, die wir als getaufte Christen einen Auftrag haben und nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen können, wenn wir diesen Auftrag ernst nehmen wollen. Wer um schlechte Arbeitsbedingungen der Bauern auf den Kaffeeplantagen weiß oder welches Schicksal die Näherinnen in den Kleiderfabriken erleiden, wer darum weiß, dass die fossilen Rohstoffe endlich sind, oder weiß, dass sauberes Wasser keine Selbstverständlichkeit ist, der muss sein Leben anders ausrichten und darf nicht einfach weitermachen, als wüsste er von nichts.

Wir können nicht Gottesdienst feiern, um Gott und seine Schöpfung zu loben und zu preisen, „mit Psalmen, Hymnen und Liedern“, wie es der Apostel Paulus beschreibt, und abseits des Gottesdienstes gegen seinen Willen handeln, zum Beispiel gegen seine Schöpfung zu handeln, sie zu missachten und auszubeuten. Was wäre das für ein Christ?

Schon das Buch Genesis beschreibt eine Verantwortung der Menschen gegenüber der Schöpfung Gottes (Gen 1, 24-26). Nachdem Gott die Welt und alle ihre Bewohner geschaffen hat, gibt er dem Menschen die Aufgabe, über die Fische und die Vögel, das Vieh und die Kriechtiere, also über alle Tiere auf dieser Erde, zu herrschen. Dies kann leicht missverstanden werden, insofern Gott den Menschen einen diktatorischen Alleinherrschaftsanspruch überträgt. Doch die hier beschriebene Herrschaft impliziert eine Mitverantwortung für diese Welt und ihre Bewohner, keine rücksichtslose Ausbeutung, die bis zur Ausrottung von Tierarten und Pflanzen führt.

Christsein heißt nicht nur Gottesdienst feiern

Christsein beschränkt sich eben nicht auf den Lobpreis, wie ihn Paulus auch einfordert, sondern ist „umfassend und ganzheitlich“ und muss im Leben eines jeden Christen sichtbar werden. Dies wird auch am Ende einer jeden katholischen Messfeier deutlich, wenn der Priester oder Diakon die Gläubigen heute entlässt mit den Worten „Gehet hin in Frieden“. Diese Formulierung kommt aus der lateinischen Liturgie, wo es an dieser Stelle heißt „Ite, missa est“. Dabei wird das „missa“ in seiner ursprünglichen Bedeutung als „gesendet werden“ oder „entlassen werden“ verstanden. Die Entlassungsworte beinhalten zugleich also eine Aufforderung an die Gläubigen, das Gehörte und Erlebte in die Welt zu tragen. Christsein vollzieht sich in der Welt und ist nicht nur auf die Mitfeier des Gottesdienstes beschränkt.

„Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug“ – diese Mahnung gilt nicht nur für die gottesdienstliche und gemeindliche Praxis oder für die Christen in Kleinasien zurzeit von Paulus, sondern ist eine Aufgabe und Aufforderung bis heute.

Warnung vor Selbstgerechtigkeit

Immer wieder spricht Jesus in Gleichnissen. Sie veranschaulichen sehr einfach und klar, eine abstrakte Idee und dienen damit als gute Orientierungshilfe, zumal Jesus die Gleichnisse in den konkreten Lebenswelten seiner Zuhörer verortet. An diesem Sonntag steht in den evangelischen Gottesdiensten das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner im Mittelpunkt (Lk 18, 9-14). Die Pharisäer achteten stark auf die Einhaltung der Reinheitsgebote und sahen sich als gesellschaftlich-religiöse Elite. Immer wieder nutzt sie Jesus als „Gegenentwurf“ zu seiner Lehre und führt sie als Beispiel an, an dem wir uns gerade nicht orientieren sollen, weil die Pharisäer stets Gesetzestreue über Barmherzigkeit und Nächstenliebe stellten. Im Deutschen ist Pharisäer dadurch sogar zu einem Schimpfwort geworden und bedeutet Heuchler.

Der Beruf des Zöllners war in der damaligen Zeit wenig angesehen, sie waren als raffgierige Geldeintreiber verschrien, von denen man sich in der Gesellschaft besser distanzierte. Jesus greift genau diese Extreme auf, um seinen Zuhörern zu illustrieren, dass für ihn andere Maßstäbe gelten.

Was ist die richtige Haltung?

Der Pharisäer sieht sich als einen hochfrommen Mann, der von seinem tadellosen Leben überzeugt ist. Er geht in den Tempel, um zu beten. „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort“ (Lk 18, 11). Sein Gebet steckt voller Hochmut und falscher Selbstsicherheit; er sieht sich als etwas Besseres. Der Zöllner hingegen bleibt am Eingang des Tempels stehen, er weiß, dass er keinem angesehenen Beruf nachgeht, schamvoll blickt er nicht mal nach oben. „Gott, sein mir Sündiger gnädig!“ betet er.

Die demütige Haltung des Zöllners hat für Jesus Vorbildcharakter. „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst aber erniedrigt, wird erhöht werden“, fasst Jesus am Ende das Gleichnis zusammen (Lk 18, 14). Einzig Gott kann über uns richten, er allein kann darüber befinden, wer ein gerechtes Leben geführt hat.

Nachhaltigkeit und Selbstgerechtigkeit

Auf den ersten Blick hat das Gleichnis nur wenig mit Nachhaltigkeit zu tun und der Vergleich ist vielleicht ein bisschen gewagt. Doch die Debatte, wie ein nachhaltiges Leben aussehen kann, lässt sich auch auf das Pharisäer-Zöllner-Gleichnis übertragen. Es ist eine gute Warnung, nicht zu selbstgerecht über andere zu urteilen und uns selbst „zu erhöhen“ – auch in Sachen Nachhaltigkeit. Denn nicht immer ist die Nachhaltigkeitsbilanz eines jeden von uns überzeugend.

Wie zurzeit des Apostel Paulus gibt es auch heute verschiedene Lebensstil und nicht alle lassen sich leicht mit nachhaltigem Handeln vereinen. Zudem kann nachhaltig zu leben, vieles bedeuten und gut gemeinte Ratschläge funktionieren nicht universell. Ich will dies an einigen Beispielen demonstrieren.

Oft leichter gesagt, als getan

Der Umstieg auf Bus und Bahn ist attraktiver und einfacher, wenn ein gut ausgebautes, dicht getaktetes Angebot vor der Haustür zur Verfügung steht. Da lässt sich leicht auf ein eigenes Auto verzichten. Da ließe sich leicht und selbstgerecht beten: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die mit ihrem Auto die Luft verpesten. Ich fahre jeden Tag mit der Bahn.“ Das kann nur formulieren, wer nicht in der Lage ist, über den eigenen, begrenzten Tellerrand hinauszuschauen. Wer aber auf dem Land lebt, wo der öffentliche Nahverkehr wenig ausgebaut ist, ist auf ein Auto angewiesen, besonders wenn er eine Familie mit kleinen Kindern hat. Dafür ist der Weg zu einem Biobauern im Ort vermutlich deutlich kürzer. Für den Städter verschlechtern die Transportwege für solche Produkte hingehen wiederum die Energiebilanz. Einem Eigenheimbesitzer ist es einfacher möglich, eine Solar- oder Photovoltaikanlage zu installieren als dem Bewohner eines Mietshochhauses in der Großstadt.

So ließen sich unzählige Beispiele anführen, die zeigen, das nachhaltig leben vielfältig geht und es kein Patentrezept gibt, das sich für jeden verwirklichen lässt. Das Gleichnis von Pharisäer und Zöllner kann uns davor schützen, zu schnell und leichtfertig zu urteilen. Denn Selbstgerechtigkeit und Hochmut sind nie ein guter Ratgeber. Oder um mit Jesus und dem Gleichnis zu sprechen: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst aber erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 18, 14).

Es hilft letztlich nur, bei allem eigenen, nachhaltigen Engagement kritisch zu bleiben und die Grenzen zu sehen, die anderen auferlegt sind. Was kann ich tun? Was kann ein anderer im Rahmen seiner Möglichkeiten tun? Und wie kann ich ihn dabei vielleicht unterstützen?

Dr. Sven Herget, Mainz

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