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7. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis (19.07.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): Apg 2,41-47; 2Mose 16,2- 3.11-18; Joh 6,30-35; Hebr 13,1-6; 1Kön 17,1- 16(17-24); Joh 6,1-15 [www.stichwortp.de]

 

7. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Joh 6, 1-15 Jer 23, 1-6 Eph 2, 13-18 Mk 6, 30-34


„In den Himmel schauen – die Menschen sehen“ – Johannes 6, 1-15

Die Speisung der 5000

Es ist die populärste Geschichte der Bibel! Im neuen Testament ist sie sechsmal überliefert.

Hinzu kommen all die „Speisungswunder“ der hebräischen Bibel, als Folie, auf der die Überlieferung der Evangelien zu lesen sind: Vor allem die Speisung des Volkes Israel in der Wüste mit Manna und Wachteln (Ex 16), aber auch die Speisung des Elia und der Witwe in Zarpath (1.Kön.17,2-16) oder das Speisungswunder des Elisa (2.Kön.4)

Interessant sind die Unterschiede und die Akzentsetzung bei Johannes im Vergleich zu den anderen neutestamentlichen Überlieferungen.

Bei Johannes ist die Vorgeschichte die Heilung am See Bethesda, aufgrund deren die Menschenmenge ihm folgt. Das Speisungswunder zielt auf Joh 6,35: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, der wird nie mehr hungern; und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“

Implizites Thema des sechsten Kapitels ist das Abendmahl, obwohl es in der Speisungsgeschichte nicht explizit erwähnt wird, aber in V11 deutlich anklingt.

Es geht hier „um das klare und deutliche Zeichen: Gott will keine Hungerleider. Fast Brechtisch wird klar. Erst müssen die Menschen satt werden, bevor etwas gelehrt und gelernt werden kann.“( Harald Schroeter-Wittke, in Göttinger Predigt Meditationen, 2009, H3, S.357ff: mit Gewinn, vor allem auch mit Genuss zu lesen!) Es ist die große Hoffnungserzählung, dass – wider allen Augenscheins – genug für alle da ist, dass nur das Teilen und das Weggeben Überfluss schafft.

Die „Zeichenerzählung“ (nicht „Wundererählung“!) ist somit ein Garten voller Früchte für ein nachhaltiges Predigen.

Einige Wege durch diesen Garten in Stichworten:

1. Folgen wir der Bewegung im Text: Eine Choreographie von „Beten und Tun des Gerechten“, von individueller und kollektiver Gotteserfahrung, von Gelingen und Scheitern.

  • Jesus kam an das andere Ufer: Ankommen setzt Aufbrechen voraus.
  • Er steigt auf den Berg: Der Berg ist in der Bibel Begegnungsort mit Gott: Der „Aufstieg“ nicht mühe- , aber alternativlos.
  • Er setzt sich hin – zusammen mit seinen Jüngern : Gotteserkenntnis „zieht einem die Schuhe aus“ ( wie dem Moses am Berg Horeb), lässt einen zur Ruhe kommen, unterbricht die Bewegung des Aufbruchs und die Mühe des Aufstiegs. Das „Ankommen“ korrespondiert mit dem „Hinsetzen“.
  • Er blickt auf und sieht – die Menschenmenge! Jesus schaut in den Himmel und sieht die Menschen. Genau da findet er Gott.
  • Sorgt dafür, dass die Menschen sich niederlassen“. Auf Gras! Die (Jesus wohl auch bedrängende) Bewegung der Menge kommt zur Ruhe.
  • Sammelt die Reste ein: Lasst die Menge weiter rasten (und das Erlebte verdauen) und werdet als Jünger und Jüngerinnen erst einmal selbst wieder aktiv.
  • Er zog sich wieder auf den Berg zurück- allein: Die Rahmung der ganzen Erzählung:   aufbrechen – sich entziehen – Gott suchen – die Menschen finden – Not     lindern, sinnlich und gemeinschaftlich - mit Enttäuschung rechnen – sich zurückziehen und (erneut) Gott suchen, allein.

2. Schauen wir auf die Akteure:

  • Die Menschenmenge: Wahrscheinlich Tagelöhner, die gerade so über die Runden kommen und Hunger kennen. Begeistert vom Gesehenen (aber nicht Verstandenem), folgen sie ihrem „Idol“.
  • Philippus: Der Realist und Rechner, Verwalter des Bestehenden, Buchhalter des Status quo. „Während Jesus die Menschen auf sich zukommen sieht, sehen die Jünger die Dinge auf sich zukommen. Und da sieht es mau aus.“ ( Schroeter-Wittke)
  • Andreas: der Realist, der seinen Blick weitet, das „kleine Kind“ bemerkt, aber die Möglichkeiten noch nicht erkennt, visionslos bleibt.
  • Das kleine Kind mit den 5 Broten und den zwei Fischen: 5000 Erwachsene, die Hunger haben, ein Kind, das Nahrung hat und sie abgibt, ohne sich zu sorgen. Damit beginnt das wunderbare Zeichen: Es ist genug für alle da, und es sind die Kinder, die dieser Wahrheit am nächsten sind.
  • Jesus: Er verteilt „soviel sie wollten“: Keine Restriktionen, keine Ermahnungen, sorgsam mit dem Wenigen umzugehen, einfach nur Fülle und Genuss. Und offensichtlich nahm sich keine und keiner mehr, als er oder sie brauchte! Und dennoch.: am Ende ist Jesus resigniert: Die Menge erkennt das Zeichen nicht Die Menschen nehmen die Verantwortung für sich und die Welt nicht an, sondern wollen einen König, der an ihrer statt denkt und handelt. Der Hunger hinter dem Hunger ist noch nicht gestillt.

Erkennen wir uns in den Akteuren wieder - mit unseren „Mutanfällen“ und unserer Resignation angesichts der schier unüberwindbaren Größe der Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung? Und manchmal sind wir auch das Kind, der „Brückenmensch“ zwischen Himmel und Erde, zwischen Jesus und der Menschenmenge.

3. Die Details. Hier wird Nachhaltigkeit konkret:

  • Das Gras: Die Natur als „Grundlage“ der Gemeinschafts- und Gotteserfahrung im Mahl. Psalm 23 klingt auf.
  • Gerstenbrot und Fisch: Wie ernähren wir uns, wo ist der Fisch geblieben und was geschieht mit dem Korn heute?
  • Die Reste: Wir sammeln nicht mehr, sondern werfen weg, lassen Lebensmittel verrotten und Menschen verhungern.
  • Das Mahl: Dieser „Abendmahlstext ohne Einsetzungsworte“ kann zu einem befreiten Umgang mit dem Abendmahl ermuntern.(Schroeter-Wittke) Die Feier der „Artoklasia“, der Vesper nach orthodoxem Ritus an 1000 Tischen auf dem ökumenischen Kirchentag 2010 in München, war für mich das beeindruckendste Erlebnis des ganzen Kirchentages.
  • Der Rückzug: Am Ende ist Jesus allein(mit seinem Vater). Es braucht die Orte des Rückzugs und der Zeitsouveränität.

 

Zu Mk 6, 30 – 34:

Wenn die markinischen Version der Erzählung als Predigttext gewählt wird, bietet es sich an, sich auf das Themenfeld „Zeitsouveränität/zur Ruhe kommen, Rückzugsorte finden“ zu konzentrieren.

Wer kennt das Gefühl der Überlastung auf dem Weg einer nachhaltigen Entwicklung nicht?

Da sind die beiden Verse wie „Balsam für verausgabte jünger und Jüngerinnen – damals wie heute.

Die „Bibel in gerechter Sprache“ hat die Verse 30 und 31 am sinnfälligsten übersetzt:

„Die Apostelinnen und Apostel versammelten sich um Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: 'Kommt allein an einem einsamen Ort, ruht euch ein wenig aus.' Denn es herrschte ein so reges Kommen und Gehen, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen fanden.“

Volker Rotthauwe

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