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4. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis (28.06.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): 1Petr 3,8-17; 1Sam 24,2b- 20.23b; Lk 6,36-42; Röm 12,17-21; 1Mose 50,15- 21; Joh 8,3-11 [www.stichwortp.de]

 

4. Sonntag nach Trinitatis / 13. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 6, 36-42 Weish 1, 13-15; 2, 23-24 2 Kor 8, 7.9.13-15 Mk 5, 21-43 oder kurz:
Mk 5, 21-24.35b-43

Alle Texte befassen sich mit ethischem Handeln im Sinne eines „Weltethos“. Dabei steht die Mensch-Mensch-Beziehung, rückgebunden an bzw. resultierend aus der Gott-Mensch-Beziehung im Mittelpunkt. Die Suffizienz des gemeinschaftlichen Seins durch und in Verantwortung vor dem Göttlichen und in gemeinsamer Teilhabe an dessen Schöpfung wird sowohl „weltweit“, als auch ganz persönlich betrachtet. Die Texte zielen auf Selbstreflexion, Umdenken, anders Handeln mit dem Ziel immanenter Entmachtung des Zerstörerischen sind „Weisungen“ zu gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer etc. Veränderung im Sinne der Gerechtigkeit Gottes. Eine Anknüpfungsmöglichkeit an die bevorstehende Ferienzeit als Zeit der Besinnung, des sich Veränderns und / oder des für andere Da-Seins wäre denkbar. Die Texte und insofern auch die Assoziationen ergänzen einander.

Weisheit 1, 13-15.2,23 f

Exegetische Bemerkungen

Der hell. gebildete Verf. (1. Jh. v./n.uZ) in der jüdischen Diaspora Ägyptens. Er lässt König Salomo als jüdischen Weisheitslehrer sprechen, unterlässt allerdings eine Namensnennung und macht damit, in philosophischer Tradition, die Allgemeingültigkeit der Hin-weis-e deutlich. Einladend wendet er sich sowohl an das nichtjüdische Umfeld, als auch an die verfolgten gesetzestreuen Juden und deren Verfolger, die gesetzesfernen und das Römische Reich: Trost und Mahnung an die Einen, Drohung und Warnung an die Anderen. Die, für die jüdische Ethik konstitutive „Sofia“ ist für Alle gegeben (sie muss nicht gesucht werden) und personifiziert als Frau das Spenden und Fördern des Lebens. Neid ist die zerstörerische, lebensbedrohende Macht.. Gott, das Sein an sich, der Gerechtigkeit liebt, ist alleiniger Herrscher der Welt. Zu seinem Bilde hat er das Dasein Aller, auch der Natur geschaffen. Dem ist um des Lebens willen zu folgen. Gerechtigkeit entscheidet sich an der Lebensführung.

Assoziationen zur Predigt

A. Schweitzer: „Leben das leben will unter Leben das leben will.“ „Leben und leben lassen.“ Weder Neid noch Geiz sind „geil“. Beides führt unweigerlich zu Ungerechtigkeiten. Hilft es für „Alle das Gleiche“ zu wollen? Gleiches Essen, den gleichen Lebensstandard, die gleiche Ausbeutung (schon jetzt verbrauchen wir mehr als die eine Welt, vgl. Greenpeace), Demokratie/ Marktwirtschaft für alle Kulturen? Wir haben für uns und unsere Welt einen suizidalen Lebensstil. Oder braucht einfach „Jede/r das Seine/Ihre“ im Rahmen der Not-Wendigkeit der Lebenssicherung? Leben wir „suffient“? I.e. auch „zu-frieden“ mit dem was ich habe, den Anderen und der Natur das Ihre zu-frieden überlassend. Liegt uns daran Alles immer wieder ins Lot zu bringen? Was ist Frevel/Neid/behalten Wollen im Staatskleid? An-erkennen wir die allumfassende Lebensordnung, die lebensfördernden Prinzipien (alles andere wäre eine Form von Gewalt!)? Kommen wir aus der theoretischen Vernunft zur praktischen Vernunft? Suchen wir noch der Weisheit letzter Schluss und verharren dabei im Zuschauen oder nehmen wir ihre Auf-Gabe an und leben sie verantwortlich im Alltag?

2 Kor 8, 7.9,13-15

Exegetische Bemerkungen

Aus Mazedonien schreibt Paulus an die zumeist nichtjüdischen Gemeindeglieder in Galatien und Griechenland. Ein Aufruf zur Großspende für die durch Umsturzversuche verarmten jüdischen Gemeinden in Jerusalem. Der Aufruf zur Solidarität wird mit atl. Zitaten (Spr.-Weisheit, Ex) und dem Vorbild Jesu unterstrichen. V.8 würde ich mit hineinnehmen. Er macht deutlich: Paulus will Vertrauen wiederherstellen: Unabhängig vom Bekenntnis zählen die gemeinsamen Ziele/Ergebnisse, die Umsetzung des Reiches Gottes im Hier und Jetzt.  

Assoziationen zur Predigt

Spenden für die, die den Exodus der Heidenchristen zu verantworten haben? Für die, die so ganz anders leben, Beschneidung und wenig nachvollziehbare Reinigungs- und Speisevorschriften praktizieren, eine ganz andere Regierungsform für richtig halten? Die deshalb selbst für ihre Notlage verantwortlich sind und vom Römischen Reich bestraft werden? Das wäre wie eine Unterstützung der Türkei zum Beitritt zur EU oder Hilfe für den Nachbarn der mich wegen der Hecke verklagt hat. Denkbar, aber es tun?! Im internationalen und interkulturellen Austausch geistlicher und materieller Gaben, den Kreislauf des Segens aufrichten (V.14), statt den Fluch des Neides gebären.

Mk 5, 21-43

Exegetische Bemerkungen

Die klassischen Heilungswundergeschichten sind Weisheit für den Durchschnittsmenschen. Auch hier sind Frauen und jüdisches Gesetz ein Thema (s.o.). Vielschichtige Begriffe und Motive verzahnen die Geschichten, z.B. die Zahlenmystik der „12“: u.a. Vollständigkeit und Heiligkeit der Stämmege-meinschaften/Christengemeinden. Die unreine (verlorenen) Tochter Israels gehört dazu. Keiner würde ihr eine Träne nachweinen, doch um sie kümmert sich Jesus zuerst und „verschuldet“ den Tod der Tochter des angesehenen, auch politisch wichtigen Synagogenvorstehers. Mit dem glaubenden Mut der Verzweiflung berührt sie widerrechtlich Jesu Gewand. Ohne An-Sehen der Person geht Jesu „dynamis“ von ihm aus und heilt medizinisch (to cure), was ihr auch sozial und persönlich wieder eine Zugehörigkeit (healing) verschafft (nun kann sie neues Leben in sich/aus sich heraus „gebären“) und offenbart sich vor Jesus und allen anderen (Jüngerkritik). Jairus findet dieses „Bekenntnis“ erst, als er Position gegen die Trauernden bezieht und das Haus (mit 3+4 Menschen, zugleich dem „Rest“) betritt. Erst jetzt kann das „Absurde“, das „Abwegige“ von Botschaft und Handeln Jesu, das „dennoch“ wirklich „Raum“ in ihm gewinnen. Er tritt seine „Hausherrenrechte“ an Jesus ab.

Assoziationen zur Predigt

Wie halten wir es mit der Ökumene, der Interreligiösität, der Integration, der Weltgemeinschaft? Hat all´ das Platz in unserer Vorstellung von Vollständigkeit und Heiligkeit? Wenn grenzen wir als religiös, ökonomisch, politisch, etc. „unrein“ aus und geben ihnen keine Kraft/Nische/Barmherzigkeit heil zu werden? Die Geschichte lässt sich mit Krankheiten/Behinderungen unserer Zeit gut nacherzählen. Haben wir Verständnis für Menschen in Not, die sich widerrechtlich „Gerechtigkeit (Gottes)“ verschaffen, wie z.B. Asylsuchende? Geben wir ihnen ein Ge-sicht? Handeln auch wir nicht zu unserem eigenen Ruhm (Messiasgeheimnis), sondern für die Entmachtung des Zer-Störenden, des Tötenden? Geben wir den „Hausherrn“ ab? Lernen wir das Staunen neu! Ach, es geht auch so. Nehmen wir das „Fürchte dich nicht!“ an und „stehen auf“ gegen die Todesmacht des Faktischen und lebensverzehrender Resignation? Wo geben wir von unserer dynamis/Kraft und ermöglichen damit selbstständiges Handeln? Hilfe zur Selbsthilfe. „Talita Kumi“, eine Schule mit UN-Status, deren pädagogische Konzepte auch außerhalb Israels/Palästinas fruchtbar für den Weltfrieden wären.

Lk 6, 36-42 

Exegetische Bemerkungen

Dieser Teil der „Feldrede“ (lk. Gemeinden, Teil der jüd. proph.-mess. Befreiungsbewegung unter röm. Herrschaft) beschäftigt sich mit „wahrer Frömmigkeit“ im „Richten“. Nur der wiederkommende Messias wird die Gerechtigkeit (Gottes) durchsetzen (V.40). Das Leben in der Nachfolge Christi hat seine Mitte in der dienenden Liebe, die über die Verlorenen, Entrechteten, … hinaus auch die Feinde und Fremden (vgl. 2 Kor) einbezieht. Sie ist die Sammlung aller Menschen (vgl. Mk) zu einer Weis-(heit)ung/Ethik im Sinne einer Weltgemeinschaft. Gottes Barmherzigkeit will auf- und geraderichten. Befreiung ohne zu verdammen bringt Frieden. Dazu bedarf es der (vgl. Paulus) Unterscheidung zwischen Person und Sache, der persönlichen Zuwendung an den Einzelnen in seinem/ihrem „setting“. Die Un-Logik, nur weil ich nicht richte, richten andere trotzdem über mich zielt auf einen Lernweg. „Geben“ ist ein Akt der Befreiung, ein Exodus aus dem Horten, Haben und Prahlen, etc..

Assoziationen zur Predigt

Glaube will gelebt sein in „Kontemplation und Aktion“. Sind wir Christen die besseren Menschen oder benehmen uns zumindest so? Brauchen wir diese Selbstgerechtigkeit, -bestätigung? Wessen Bedürfnis bediene ich gerade? Worin liegt der kleinste gemeinsame Nenner eines „Weltethos“ ohne Gott zu verleugnen? Wem verhelfe ich zum aufrechten Gang, löse Konflikte mit Blick auf eine win-win-Situation, ermögliche dem „Gegner“ und mir das Gesicht zu wahren,Täter-Opfer-Ausgleich. Kann /will ich zwischen Person und Sache, personaler und Gruppenidentität, einem Staat und seinen Mitbürgern unterscheiden? Rede ich gerne über Andere, statt mit Ihnen? Wo bleibt da die Zuwendung? „Weniger ist mehr.“ (mennonitisches Kochbuch) Wider die Resignation: „Wenn nicht wir, wer denn dann?“ – „Viele kleine Menschen an … .“ Was sind meine Balken, die mich blind machen, meine Ängste, Sehn-Süchte, meine Prägungen, die seit Generationen (7 mal 7) unterbewusst als Segen oder Fluch weitergegeben werden (z.B. Nazi, Flüchtling, Mitläufer, kleiner oder großer Widerstand)?

Silvia Knoll

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