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Fronleichnam (4.06.15)

Fronleichnam

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Ex 24, 3-8 Hebr 9, 11-15 Mk 14, 12-16.22-26

Der Verfasser betrachtet die drei Perikopen der katholischen Leseordnung. Vor dem Hintergrund des Fronleichnamsfestes entwickelt der Autor Anregungen für eine nachhaltige biblische Predigt. Zwei Leitthemen stehen für ihn im Mittelpunkt: Die Gegenwart des Herrn unter seinem Volk und der Bund Gottes mit den Menschen. Was bedeutet das unter nachhaltigen Gesichtspunkten heute?

Theologische Vorbemerkung:

Fronleichnam, „das Hochfest des Leibes und Blutes Christi“, ist das vielleicht typischste katholische Hochfest. Im Zentrum steht die Verehrung des Sakramentes der Eucharistie mit Heiliger Messe und eucharistischer Prozession durch die Gemeinde. Die Kirche sieht in der Stiftung des Abendmahls, in den Gaben von Brot und Wein, Jesu endgültige Deutung seines Sterbens am Kreuz und seiner Auferstehung. Im Vollzug des „Brotbrechens“ werden die Zeichen von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi, zu den heilschenkenden Zeichen seiner Selbsthingabe: Der Herr ist „real präsent“ inmitten der Gemeinde und teilt sich selbst, sein Leben mit uns. Dieses Leben aber trägt nun die Gemeinde hinaus in die Welt und zu den Menschen, um es auch ihnen mitzuteilen – „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10).

Alle drei Perikopen verbindet das Thema „Bund“. Auch das Opferthema ist in allen präsent. Im Hebräerbrief ist die hebräische Opfertheologie Deutungsfolie für das Sterben Christi. Auch die markinische Darstellung des „letzten“ Abendmahls kennt die Deutung von Jesu Tod als Opfer „für viele“. Im Zentrum steht aber das Brotbrechen und das Brotteilen: „dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib“ (Mk 14, 22).

Ex 24, 3-8: Der Bund des Herrn „mit euch“ - ein Raum des Lebens

1. Exegetische Hinweise

Im Ritual eines kultischen Opfers, das Mose für Israel vollzieht, schließt Jahweh mit seinem Volk einen Bund. Es ist ein einseitiger Bund, nicht eine Bund zwischen Partnern auf Augenhöhe. Gott schließt von sich aus den Bund mit seinem Volk. Er bindet sich in radikaler Weise (s. Fluchsetzungseid von Gen 15, 1-21) an Israel. Mit dem Blut der Stiere werden Altar und Volk von Mose besprengt. Blut ist die Substanz, die das Leben enthält, das seinen Ursprung in Gott hat. Der Altar steht für Jahweh selbst. Gott und Mensch werden durch das Blut, „sein“ Blut (denn es enthält „sein“ Leben) miteinander verbunden zu einem Bund des Lebens.

2. Theologische Impulse

Jahweh eröffnet mit diesem Bund einen geschützten Raum des Lebens für die Menschen, er befreit sie hinein in einen Raum der Freiheit. Der gewaltige Satz „Ich bin Jahweh, dein Gott, der ich dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, herausgeführt habe“ (Dtn 5, 6) ist der Bundescharta des Gottesvolkes vorangestellt, den „Zehn Geboten“ (Ex 20, 2-17 und Dtn 6, 6-21). Sie sind „Wegweisungen“ für ein Volk in Freiheit1), keine Gebote, Befehle oder gar Verbote. Es sind Feststellungen: „Du wirst keine anderen Götter haben mir ins Angesicht“ (Dtn 6, 7), wenn du wie ein Befreiter lebst. „Du wirst nicht morden, die Ehe brechen oder stehlen, du wirst nicht falsches Zeugnis geben und nicht begehren deines Nächsten Frau“, sonst bist du nicht Israel, sonst bist du aus der Freiheitsphäre, in die dich der Befreiergott hineingesetzt hat, herausgefallen! Am Anfang steht die Freiheitstat Gottes, dann ein Leben nach den Regeln der Freiheit.

3. Nachhaltigkeitsaspekte

Und diese Regeln der Freiheit gewähren gerade auch den Schwachen, den Verlorenen, den Rechtlosen Freiheits- und Lebensraum. Schon im „Alten Testament“ werden den Witwen, den Waisen, den Fremden Lebensrechte zugestanden. Die Botschaft der Propheten ist Sozialbotschaft, Einsatz Jahwehs für die Schwachen. Im Bund Gottes mit seinem Volk ist bereits das moderne Verständnis von Menschenwürde und Menschenrechte vorgebildet. Erst Johannes XXIII. hat mit seiner Enzyklika „Pacem in terris“2) für die Kirche die Menschenrechte bestätigt und formuliert, aber auch zur ständigen Aufgabe der Christen gemacht. Er sieht in ihnen die Voraussetzung für „Frieden auf Erden.“

Die Menschenrechte der Neuzeit, dieses großartige Geschenk Europas an die Welt, ist aktuelle Konkretisierung des alttestamentlichen Freiheitsbundes, den Jahweh mit Israel geschlossen hat. Sie fordern unsere Sensibilität für jegliche Verletzung der Menschenrechte, im Nahbereich bei uns, aber auch in anderen Teilen der Welt. Ich denke hierbei besonders an Migranten, Asylbewerber, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Syrien und dem Irak. Sind unsere Kirchen noch Asylstätten? Sind wir Anwälte für alles, „was ein menschliches Antlitz trägt“ (Fritz Bauer)? Gehen wir mit „Illegalen“ auf die Ausländerbehörden und klagen dort einen menschenwürdigen Umgang mit ihnen ein? Auch „Illegale“ sind Menschen – Schwestern und Brüder im Herrn!

Im Fortgang der Exodusgeschichte wissen wir, dass zur „Bundesleistung“ Jahwehs das Land gehört, „in dem Milch und Honig fließen“ (Ex 3, 8; 3, 17; 13, 5 u.a.). Der Lebensraum für sein Volk umfasst auch Natur und natürliche Lebensressourcen. Der Begriff „Lebensraum“ muss also umfassend gedacht werden. Papst Franziskus hat dies in seiner Predigt bei der Amtseinführung am 19. März 2013 überzeugend getan.3) Menschenrechte und Menschenpflichten (!) können heute nicht gewährleistet werden, ohne ökologische Rechte und Pflichten mitzudenken und einzufordern von Staat, Gesellschaft und jedem einzelnen Menschen.

Hebr 9, 11-15: Der neue Bund – Partnerschaft des Lebens

1. Exegetische Hinweise

Der Hebräerbrief greift die hebräische Opfertheologie auf. Das Opfer entsühnt, macht „heilig“, lässt „leiblich rein“ werden, gewährt dem Volk einen durch den Hohenpriester vermittelten Zugang zu Gott. Dieses Opfer muss aber ständig wiederholt werden, weil „das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh“4) keine „ewige Erlösung“ bewirkt.

Jesus Christus ist der Hohepriester eines neuen, ewigen Bundes. Er ist selbst das Opfer, durch das die Menschen einen eigenen direkten Zugang zu Gott erhalten. Das „Blut Christi“ wird „unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen“ (Hebr 9, 14). Sie werden „Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen“ erlangen und das „ewige Erbe“ erhalten. Jesu Opfer ist „kraft ewigen Geistes“ ein „makelloses Opfer“. Es muss nicht mehr wiederholt werden, es ist gültig ein für alle Mal.

2. Theologische Impulse

Jesu Opfer begründet einen „neuen Bund“, gewährt Zugang zu den „künftigen Gütern“. Gott schenkt sich selbst in Jesus Christus. Seine Selbstmitteilung setzt in mir ganz tief an; der Hebräerbrief spricht vom Gewissen. Es ist der Ort, wo mir Gott selbst begegnet, mich heil, mich ganz macht. Es ist der Ort, wo ich mich selbst erkenne als der, den sich Gott vorgestellt hat (Anselm Grün). Hier begegnet mir Gott auf Augenhöhe. Hier richtet er mich auf zu einem aufrechten Menschen. Die Heilungswunder Jesu verdeutlichen dies: Jesus richtet die Kranken auf, sie finden zu ihrem Menschsein und hinein ins Leben. Vielleicht können wir Opfer heute als eine Form von Mitteilen des Lebens verstehen: Jesus Christus teilt sein Leben mit mir, ich teile mein Leben mit anderen Menschen. So mehrt sich das Leben. Opfer ist nicht weniger, sondern mehr Leben. Im Teilen des Lebens gebe ich von mir selbst, gebe ich mich selbst (hin).

3. Nachhaltigkeitsaspekte

Auch der Neue Bund hat eine Charta: Die Bergpredigt (Mt 5, 1 – 7, 27 und Lk 6, 20-49). Ihre unaufgebbaren Grundhaltungen sind Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Hier steht der immer anstößig bleibende Satz von der Feindesliebe, hier stehen die großen Seligpreisungen: Mt 5, 3-12 und Lk 6, 20-23. Die lukanische Fassung klingt dabei schärfer, kompromissloser, direkter: Nicht „nur“ die Armen im Geiste, nein, selig sind die materiell Armen, auch die körperlich Hungernden, die von den Menschen Gehassten und Ausgeschlossenen! Was für ein Aufgabenfeld heute für mich in meinem Alltag, Beruf, persönlichen Engagement, aber auch für die Gemeinde, für die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik. Noch eine Frage: Sind womöglich die Menschen arm, weil es mir gut geht? Muss ich nicht auch meinen Lebensstil hinterfragen: Wie viel ist genug? Damit andere leben können – jetzt und nach uns.

Mk 14, 12-16. 22-26: Brotbrechen - das Leben Christi miteinander teilen

1. Exegetische Hinweise

Auch bei Markus finden wir die Opferterminologie: „mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Mk 14, 24). Hier klingen die Bilder des Bundesopfers aus der 1. Lesung an. Jesus selbst ist das Opfertier, das Lamm, das geschlachtet wird „für viele“. Und er ist gleichzeitig der „neue Mose“, der Hohepriester, der das Opfer darbringt und den „neuen Bund“ besiegelt. Im Bild des Mahls, der Mahlgemeinschaft mit ihm deutet er seinen Tod als Durchgang zum Leben, als Mithineingehen in das „ewige Leben“: Nehmt und esst, das bin ich, und ihr werdet mit mir leben!

2. Theologische Impulse

„Nehmt, das bin ich!“ Jesus Christus ist der Gastgeber dieses Mahls. Er teilt nicht nur Brot und Wein mit seinen Gästen, er teilt vielmehr sich selbst, sein Leben mit ihnen.5) Brot des Lebens, Wein der Lebensfreude. Beides ist Jesus, beides wird gegenwärtig im Akt des „Brotbrechens“. Und wir selbst werden anderen zum Brot des Lebens, zum Wein der Lebensfreude. Das Leben, das wir von Jesus empfangen, teilen wir miteinander, mit den Menschen, in der Gemeinde, außerhalb der Gemeinde – in Kirche und Gesellschaft. Nur wenn wir selbst zum Brot für die Menschen werden, geschieht das, was wir mit „Realpräsenz“ Christi in der Eucharistie meinen, nur dann wird Christus gegenwärtig in unseren Herzen, in unseren Gemeinschaften, in Gesellschaft und Welt.

In der eucharistischen Prozession an Fronleichnam bringen wir Jesus Christus im Zeichen der Hostie aus dem Binnenraum der Kirche hinaus auf die Straßen. Wir sind Kirche in der Welt! Nicht Kirche im Ghetto. Wir sind Kirche für die anderen. Wir schulden ihnen das Zeugnis von Gott. Wenn wir das vom Herrn empfangene Leben teilen, vor allem mit den Randständigen, den Kleinen und Schwachen, am Leben Verzweifelnden, den Armen, Kranken, Geschundenen und Ausgestoßenen6), dann wird es wachsen, die Herzen der Menschen erfassen, sich in ihnen verwurzeln und mehren.

„Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20). Am Ende des Matthäus-Evangeliums steht diese wunderbarste Zusage Jesu. Der Herr ist mitten unter uns und geht uns voran. Wir sehen hier das Bild des II. Vatikanischen Konzils von der Kirche als wanderndes Gottesvolk. Gegen alle Todesmächte steht der Gott des Lebens. Wo er sein Leben mitteilt, haben diese keine Chance mehr. Jesu Zusage seiner bleibenden Gegenwart vermag uns alle Angst zu nehmen und Mut für ein ganzes Leben zu schenken. Das Fronleichnamsfest feiert und bestätigt das.

3. Nachhaltigkeitsaspekte

Das Abendmahlsgeschehen stellt uns vor Augen, dass Menschen auf Kosten anderer leben, sich aber ändern können, wenn sie sich auf den Gott Jesus Christi ganz einlassen. In der Speise dieses Mahles begegnet uns der Gott, von dem Pedro Casaldaliga, der Altbischof von Sao Félix, Brasilien, sagt: „Alles ist relativ, außer Gott und der Hunger.“ Der Jesuit Jon Sobrino aus El Salvador hat dazu geschrieben:

„Der `Hunger´ dieser Welt ist der `Ort´ Gottes. Das nicht zu umfassende Mysterium Gottes macht sich in den Hungrigen dieser Welt gegenwärtig. Und der Ort dieser Präsenz, unerwartet und skandalös, macht es schwierig, das Mysterium Gottes nach unserem Gefallen zu manipulieren. Unsere Welt ist heute ein gigantisches Matthäus 25. Und es könnte sein, dass Gott sich verbirgt, weil wir nicht zulassen, dass sich das Mysterium des Hungers zeigt, das Mysterium der Armen. Afrika ist die Shoa, der Holocaust unserer Zeit; ist die Sünde Europas, hat ein Ökonom geschrieben. Millionen von Flüchtlingen haben keinen Boden unter den Füßen. Und es sind Hunderttausende, die sterben: langsam durch Hunger und gewaltsam durch Waffen. Sie sind zum Schweigen gebracht worden, ihnen werden die Würde und der Name verweigert. Sie haben keine Existenz. Sie existieren einfach nicht. Mysterium der Armen.

Diese Armen, diese Unterdrückten, diese leidenden Völker nennen wir die gekreuzigten Völker, den leidenden Gottesknecht. Sie sind der Ort Gottes in der Geschichte. Entscheidend ist, uns an diesem Ort einzufinden. Die Suche nach Ausreden ist uns angeboren und wir fallen immer wieder in sie zurück: `Wann haben wir Dich in den Hungrigen und Durstigen gesehen?´ Doch die Antwort ist unwiderruflich: `Dort bin ich.´“ 7) Sobrino weist auf eine Fähigkeit hin, die sich dem Hunger der Menschen stellt, der auch der Hunger Gottes ist: die Compassion, die Fähigkeit zum Mitleiden. „Diese richtet das Denken aus und eröffnet eine Perspektive der Hoffnung: als Hoffnung auf das Leben im Gegensatz zum Tod, als Hoffnung auf Würde im Gegensatz zur Geringschätzung, als Hoffnung auf Gerechtigkeit im Gegensatz zur Unterdrückung und jenseits aller oberflächlichen Philanthropie.“ 8)

Brot und Wein sind Sinnbild für Lebensmehrung, Wachstum des Lebens, ein Wachstum, das allen zugutekommt. Die Aktion „Gutes Leben! Für alle“ 9) im Bistum Speyer hat dies ins Bewusstsein zu bringen versucht. Damit stellt sich aber die Frage, was denn wachsen soll. Hier geht es nicht um wirtschaftliches Wachstum, das den Planeten mit seinen beschränkten Ressourcen auf Dauer auffrisst. Klimawandel und Umweltzerstörung rufen vielmehr zur radikalen Umkehr auf. Es geht um das Wachstum des Lebens. Was soll aber wachsen? Was muss abnehmen?

„Alle menschlichen Aktivitäten, die keinen vernunftwidrigen Verbrauch unersetzlicher Materialien nach sich ziehen und die Umwelt nicht irreversibel schädigen, können sich grenzenlos entwickeln. Vor allem jene Aktivitäten, die viele für das Wünschenswerteste halten – Bildung, Kunst, Religion, Grundlagenforschung, Sport und menschliche Beziehungen – können in Blüte stehen“, schrieb schon im 19. Jahrhundert John Stuart Mill, der englische Philosoph, Ökonom und liberale Denker. Die Schwerpunkte des Internetportals „Nachhaltig predigen“ für 2013 und 2014 „Ernährung“ und „Suffizienz“ können hier viele Beispiele und Anregungen geben. Die Mitarbeit in Gruppen wie Attac, aber auch vielen kirchlichen Initiativen und Verbänden, die weltweit mit „Compassion“ nachhaltig handeln, können für die persönliche Umkehr, für die Veränderung der eigene Ansprüche und des eigenen Lebensstils Impulse und Motivation setzen.

Thomas Bettinger, Speyer

 

Anmerkungen:
1) Alfons Deissler: Ich bin dein Gott, der dich befreit hat, Freiburg 31975
2) Papst Johannes XXXIII.: Enzyklika „Pacem in terris“, Rom, 11. April 1963
3) „Die Berufung zum Hüten … besteht darin, die gesamte Schöpfung, die Schönheit der Schöpfung zu bewahren, wie uns im Buch Genesis gesagt wird und wie es uns der heilige Franziskus von Assisi gezeigt hat: Sie besteht darin, Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor der Umwelt, in der wir leben. Die Menschen zu hüten, sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, mit Liebe, besonders um die Kinder, die alten Menschen, um die, welche schwächer sind und oft in unserem Herzen an den Rand gedrängt werden. Sie besteht darin, in der Familie aufeinander zu achten: Die Eheleute behüten sich gegenseitig, als Eltern kümmern sie sich dann um die Kinder, und mit der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Sie besteht darin, die Freundschaften in Aufrichtigkeit zu leben; sie sind ein Einander-Behüten in Vertrautheit, gegenseitiger Achtung und im Guten. Im Grunde ist alles der Obhut des Menschen anvertraut, und das ist eine Verantwortung, die alle betrifft. Seid Hüter der Gaben Gottes!
Und wenn der Mensch dieser Verantwortung nicht nachkommt, wenn wir uns nicht um die Schöpfung und um die Mitmenschen kümmern, dann gewinnt die Zerstörung Raum, und das Herz verdorrt. In jeder Epoche der Geschichte gibt es leider solche `Herodes´, die Pläne des Todes schmieden, das Gesicht des Menschen zerstören und entstellen.
Alle Verantwortungsträger auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem Gebiet, alle Männer und Frauen guten Willens möchte ich herzlich bitten: Lasst uns `Hüter´ der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes sein, Hüter des anderen, der Umwelt; lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten! Doch um zu `behüten´, müssen wir auch auf uns selber Acht geben! Erinnern wir uns daran, dass Hass, Neid und Hochmut das Leben verunreinigen! Hüten bedeutet also, über unsere Gefühle, über unser Herz zu wachen, denn von dort gehen unsere guten und bösen Absichten aus: die, welche aufbauen, und die, welche zerstören! Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit!“
4) Nach Num 19 war zur Herstellung des Reinigungswassers die Asche einer roten Jungkuh erforderlich. Mit diesem Wasser wurden alle besprengt, die sich durch Berührung von Leichen verunreinigt hatten. Daneben galt das Blut von Opfertieren als Entsühnungsmittel (vgl. Lev 16).
5) „Er ist und bleibt, jetzt wohl unsichtbar, der Gastgeber. Er steht dem Mahl vor. Dabei ist zu bedenken, dass besonders für orientalisches Verständnis der Gastgeber seinen Gästen nicht nur Speise und Trank schenkt. Er schenkt ihnen vor allem seine Gegenwart und damit sich selbst“ (Herbert Haag in: Worauf es ankommt – Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?, Freiburg 1997, S. 61). Der Schweizer Alttestamentler Haag fügt seinen Aussagen in einer Anmerkung hinzu: „Den christlichen Kirchen wäre – bis auf den heutigen Tag – viel Gezänk erspart geblieben, hätten sie auf diese Diskussion verzichtet, in welcher Weise Jesus in der Eucharistie gegenwärtig sei. Könnten wir uns darauf einigen, dass wir schlicht und einfach mit ihm das Mahl halten, wie es seine Jünger taten, und er dabei anwesend ist, hätte aller Streit ein Ende.“ (a.a.O.)
6) Vgl. die Bergpredigt und die Gerichtsrede Mt 25, 31-46. - Papst Franziskus sagte in der Predigt zu seiner Amtseinführung am 19. März 2013: „Vergessen wir nie, dass die wahre Macht der Dienst ist und dass auch der Papst, um seine Macht auszuüben, immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz hat; dass er auf den demütigen, konkreten, von Glauben erfüllten Dienst des heiligen Josef schauen und wie er die Arme ausbreiten muss, um das ganze Volk Gottes zu hüten und mit Liebe und Zärtlichkeit die gesamte Menschheit anzunehmen, besonders die Ärmsten, die Schwächsten, die Geringsten, diejenigen, die Matthäus im Letzten Gericht über die Liebe beschreibt: die Hungernden, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen. Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten!“
7) Predigt in Münster am 3. Juni 2007, in der Petrikirche des Münsterner Campus.
8) a.a.O.
9)www.gutesleben-fueralle.de

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