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Kantate / 5. Sonntag der Osterzeit (03.05.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): 1 Sam 16,14-23; Offb 15,2-4; Apg 16,23-34; 2 Chr 5,2-5(6-9)10(11)12-14; Lk 19,37-40; Kol 3,12-17 [www.stichwortp.de]

 

Kantate / 5. Sonntag der Osterzeit

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mt 11, 25-30 Apg 9, 26-31 1 Joh 3, 18-24 Joh 15, 1-8

Mt 11, 25-30

Der Schöpfer ordnet anders

Alles beginnt mit dem Lobpreis Gottes (V.25-27). So ist es gute jüdische Tradition. Gott der Vater wird dabei als Herr des Himmels und der Erde für diesen Abschnitt näher bestimmt. Der Schöpfer hat diese Erde weise geordnet. Weise und Unmündige gehören dazu. Und wundersam stellt er unsere weltliche Ordnung auf den Kopf. Die heutige Botschaft hat er den Weisen verborgen, aber den Unmündigen, den Kindern und Säuglingen, so die wörtliche Übersetzung, offenbart. Der Schöpfer hat diese Erde geordnet und zwar durchaus anders als dies heute in unserer Gesellschaft abgebildet und gelebt wird.

Dein Kind, dein Bruder, deine Schwester

Niemand kennt mich als dein Kind so wie du, väterlich und mütterlich. Niemand kennt dich so väterlich und mütterlich wie ich als dein Kind und wie alle Geschwister, die ich darüber aufkläre - so übersetzt die Bibel in gerechter Sprache V.27. Fürsorglich füreinander sorgen, miteinander vertraut sein, sich nahe kommen – das ist die Gottesbeziehung, aus der wir in der Nachfolge leben, die im besten Fall alle Lebensbeziehungen in Dorf, Stadt, Kontinent und Welt prägt. Dem Anderen wirklich begegnen, ihn suchen und nach ihm fragen, ihn befragen, zu keiner Zeit achtlos quasi ohne ihn leben. Immer zusammengehören, was auch kommt. Immer den Vater, die Mutter, den Bruder, die Schwester im Gegenüber sehen. In geradezu himmlischen Augenblicken kann das sogar mitten im Krieg gelingen. So berichtet ein deutscher Soldat über das Weihnachtsfest an der Front im 1. Weltkrieg: „Wunderbare Menschen waren das, die französischen Soldaten bei Verdun. Wir haben zusammen Weihnachten gefeiert, haben gesungen, alles Essen geteilt…“ (Arbeitshilfe: Welt Krieg Gedenken, herausgegeben vom Zentrum für Ökumene und Zentrum Verkündigung der EKHN, 2014, S. 39)

Der dritte Weg zwischen Kampf und Flucht

Der Gott, an den wir glauben, ist ein menschenfreundlicher Gott, der mit seinem Gang zum Tiefpunkt am Kreuz dem Tod und der Gewalt ein Ende setzte. Für uns hat er den Himmel aufgerissen und ins Herz gelegt. Davon leben wir: Von der himmlischen Ruhe, dem Frieden, der größer ist als alle brüchigen Vereinbarungen hier. Auf diese Zukunft hin zeigt er uns im Leben seines Sohnes einen anderen Weg für die Konflikte hier und heute: den „dritten Weg“ (vgl. Walter Wink, Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit, Regensburg 2014, S. 90-100), der zwischen Kampf oder Flucht, zwischen Unterwerfung oder bewaffnetem Aufstand auf den gewaltlosen Widerstand setzt. Der nicht aufhörte, das Böse zu benennen, aber nie zu den Waffen griff.

Apg 9,26-31

Der Veränderung vertrauen

Paulus sucht Anschluss an die Jünger, will in seinem neuen Leben zu ihnen gehören. Aber die haben längst noch nicht vergessen, wer er bis vor Damaskus war. Seinen Glaubenswandel können sie nicht glauben. Nur Barnabas, der vertraut darauf, dass aus Saulus Paulus geworden ist (V.26f). Warum? Ernst Haenchen hält in seinem Kommentar lapidar fest: „Wie es kommt, dass Barnabas besser informiert ist als die Apostel, wird nicht erklärt“ (KEK, Göttingen 1956, S.287). Aber ist es wirklich die „bessere Information“, die Barnabas zur Gastfreundschaft bewegt? Es könnte doch auch einfach die jesuanische Grundhaltung sein, die er hier lebt: dem Fremden, dem Feind von eben und der Kraft zur Veränderung vertrauen, ihm die Tür öffnen, die zweite Chance einräumen, fest darauf setzen, dass Gott die Menschen auf neue Glaubenswege führt, die ohne Mord und Gewalt auskommen.

Reden, streiten, töten?

Paulus ist mit Feuereifer am Werk, predigt, redet, streitet mit den griechischen Juden. So wird sein Bild gemalt: aus dem glühenden Christenverfolger wird der scharfzüngige Missionar. Heftige Worte führen zu gewaltvollen Absichten. Der Konflikt droht zu eskalieren. Aber die Brüder intervenieren gewaltfrei. Sie schieben Paulus sacht aus dem Konflikt mit seinen jüdischen Brüdern im Schmelztiegel von Jerusalem in die Welt hinaus nach Cäsarea und Tarsus (V.28-30). Bringen Raum und Zeit zwischen die Streitparteien. Das ist keine Lösung des Konflikts, aber eine Intervention, die Blutvergießen in der Situation verhindert und verlangsamt, Raum für andere Lösungen erwirkt.

1 Joh 3, 18-24:

„…aber man kann es einfach tun.“

„Echte Liebe erweist sich nicht durch leere Worte (…), sondern durch die wirkliche Tat (…)“ (S.61). So formuliert es Rudolf Bultmann in seinem Kommentar knapp zu V.26 (Die Johannesbriefe, KEK, Göttingen 1967, S.61). Einer, der diesen Grundsatz mit Verve lebte, war Lothar Kreyssig: Noch im 1. Weltkrieg war er als Unteroffizier in den Krieg gezogen, wurde als Jurastudent ganz klassisch Mitglied einer schlagenden Verbindung. Im beginnenden Nationalsozialismus aber entschied er sich für die Bekennende Kirche, verweigerte er sich als Richter dem nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen und setzte als Bauer auf biologisch-dynamische Landwirtschaft. Nach dem Krieg ging er als Präses seiner Kirche in Sachsen-Anhalt Wege der Versöhnung, die ihn über die Kirchenprovinz Sachen hinaus führten – als Gründer der Aktionsgemeinschaft für die Hungernden und von Aktion Sühnezeichen, als Mitbegründer von Brot für die Welt und vom Ökumenischen Rat der Kirchen. Seinen Einsatz für Versöhnung, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung beschränkte er nicht auf das Wort: „… dass am Ende nicht Frieden ohne Versöhnung werden kann, dass ist weder rechtlich noch programmatisch darzustellen, aber man kann es einfach tun“ (zitiert nach Joachim Garstecki in Hans-Joachim Döring (Hg.), Lothar Kreyssig, Leipzig 2011, S. 94). Und so brachen erste junge Menschen aus Deutschland schon 1959 auf, um Versöhnungsarbeit in den Ländern zu leisten, gegen die sie eben noch kämpften. Bis heute engagieren sich viele Jugendliche mit tatkräftiger Versöhnungsarbeit für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Gottes Größe befreit uns aus der Selbstverurteilung

Wenn uns unser Herz verdammt, dann ist Gott größer (V.20). Dieser Satz ist rettende Insel in allem Anspruch. Wir tun zu wenig, wir beten zu wenig, viel zu wenig hat sich im Konziliaren Prozess bewegt, wir sind nur noch sechs, die für den Frieden beten, obwohl es allen Grund gäbe, für den Frieden in der Welt zu beten… Es gibt viele Gründe auf dem Weg des Konziliaren Prozesses zu resignieren, hart mit der eigenen Kirche und sich selbst ins Gericht zu gehen. Aber: Wenn uns unser Herz verdammt, ist Gott größer als unser Herz und erkennt alle Dinge. Oder mit Dorothee Sölle gesagt:

Hör nicht auf mich zu träumen gott
ich will nicht aufhören mich zu erinnern
dass ich dein baum bin
gepflanzt an den wasserbächen
des lebens.

(aus: Dorothee Sölle, loben ohne lügen. gedichte, ich dein baum, 2000, S. 12)

Joh 15, 1-8:

Der gute Schnitt

Hege und Pflege des Weinbergs sind das A und O. Vor der Vegetation werden die Pflanzen stark zurückgeschnitten, gerade auch fruchtbare Triebe. Während der Vegetation, und darauf bezieht sich Jesus in seiner Gleichnisrede, werden Geiz- und Nebentriebe abgeschnitten, wird der Fruchttrieb gekürzt, damit am Ende alle Kraft in die Frucht fließt. Das schöne Bild von Rebe, Weinstock und Frucht denkt gärtnerisch nüchtern allein vom Ergebnis her: die gute Frucht. Stellt mich als Rebe ganz in den Dienst der Sache. Vielleicht ist das die verstörende Botschaft in unserer Gesellschaft, die ganz vom Einzelnen her denkt, in der es zum Alltag gehört, dass alles individuell ausgehandelt wird, ich genaue prüfe, was mir dies und jenes bringt, wie ich mich dabei fühle. Und es ist zugleich die Frage an jede Gemeinde und Kirche: Was ist die gute Sache, für die wir uns in dieser Gesellschaft ohne Rücksicht auf den eigenen Gewinn einsetzen?

Schülerin werden

Spannungsvoll bleibt die Perikope bis zum Schluss: Das Fruchtbringen und das Schülerwerden werden ohne weitere Worte parallel gesetzt. Ich bleibe nicht Schülerin Jesu, sondern ich werde es. Immer wieder neu, tätig, lernend, suchend. Immer wieder neu für das Heute Wege für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung suchen. Was die Menschen gestern auf die Straßen rief, bleibt heute ungehört. Als werdende Schülerin Jesu stimme ich nicht ein in das Lamento, dass keiner kommt. Ich mache mich auf, werde Zeitgenossin und suche neu, was uns als Gemeinde, Gesellschaft, Menschheit in Frieden miteinander und mit der Schöpfung leben lässt.

Eva Hadem, Magdeburg

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