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Karfreitag (3.04.15)

Vorschläge der Perikopenrevision (EKD/VELKD/UEK): Joh 19,16-30; 2 Kor 5,14b-15(16)17-21; Jes (52,13-15);53,1-12; Lk 23,33-49; Kol 1,12-20; Mt 27,33-54 [www.stichwortp.de]

 

Karfreitag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung
Joh 19, 16-30 Jes 52, 13 - 53, 12 Hebr 4, 14-16; 5, 7-9

Stichworte:

  • Dem Leiden in die Augen schauen und standhalten
  • den Teufelskreis von Schuld, Gewalt und Gegengewalt durchbrechen


Predigtgedanken

In vielen Kirchen wird das Kreuz in der Fastenzeit durch ein Tuch verhüllt. Seit dem Mittelalter gibt es die Tradition des Hungertuches, auf denen oft das Leid und die Ungerechtigkeit in unserer Welt aktuell darstellt wird. Karfreitag konfrontiert uns noch einmal mit diesem verhüllten Kreuz und mutet uns Stück für Stück den Anblick Jesu zu. Kein Wegschauen, Vorbeischauen, kein Zudecken, alles wird offen gelegt. In seiner ganzen Grausamkeit, seiner Schwere, seiner Tragweite.

Vor, an, in diesem Kreuz entdecken wir all die Gesichter, die der Tod annimmt: die nicht erledigten Aufgaben, die unerfüllten Wünsche, die liegen gebliebenen Pläne, die abgebrochenen Beziehungen, das Stück Welt, das mit jedem Menschen untergeht. Wir sehen das Unrecht, die Aussichtslosigkeit und Hilflosigkeit, die Gewalt mit all ihren Verletzungen, Wunden, die sich tief in Menschen eingraben und deren Narben ein Leben lang sichtbar bleiben.

Karfreitag heißt, dass wir nicht mehr entrinnen, nicht mehr ausweichen können: das Kreuz steht direkt vor uns, es ist mitten unter uns. Karfreitag unterbricht unser Schweigen und Wegsehen, unser Verstummen und unser Ausweichen.

Wenn der Tod in unser Leben greift, dann helfen mir keine vorläufigen oder angelernten Auskünfte mehr; dann muss ich wissen, woran ich mich noch halten kann. Welche Worte, welche Sprache hält dem Tod stand? Welche Hoffnung bleibt im Angesicht des Todes? Welcher Grund trägt, wenn ich zugrunde gehe?

Der offene Blick auf das Kreuz, auf den Gekreuzigten offenbart einen Gott, der den Tod nicht umgeht, der dessen Härte und Grausamkeit nicht herunterspielt, der den Schmerz zulässt und kennt, der um die Sprachlosigkeit weiß, die der Tod mit sich bringt. Alles, was wir nicht aushalten, hält er aus, nimmt es auf sich, schweigend.
Wohl deshalb treten Mensch in ihrem größten Leid vor dieses Kreuz: weil sie spüren, dass hier ihre eigene Erfahrung zu finden ist, dass ihr Schmerz ernst genommen wird; dass Gott selbst in seiner Ohnmacht zum Halt wird.
So entstehen Berührungspunkte zwischen dem Gottesknecht und uns. Es geht nicht mehr um das Versagen des andern, um dessen Schuld, sondern um mich selbst, um meine Sünden, die dieser Schmerzensmann auf sich nimmt und dadurch den Teufelskreis von Schuld, Gewalt und Gegengewalt durchbricht.

Barbara Janz-Spaeth, Stuttgart

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