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9. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis (17.08.14)

9. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Petr 4, 7-11 Jes 56, 1.6-7 Röm 11, 13-15.29-32 Mt 15, 21-28

 

Der 1. Petrusbrief gehört in die Gruppe der sieben sog. katholischen Briefe. Statt einem Gedankengang vereint er verschiedene Themenbereiche. Allerdings kann als zentrales Thema die theologische Deutung der Situation der christlichen Minderheit in einer heidnischen Umgebung gesehen werden. Darüber hinaus befasst sich der Petrusbrief in einem ersten Teil mit dem Selbstverständnis der Kirche und in einem zweiten Teil in Mahnungen und Trostworten mit dem Verhältnis zur Welt.

Der vorgeschlagene Predigttext 1. Petr 4,7-11 steht im zweiten Teil des Briefes und konzentriert sich auf das Leben und Leiden in feindlicher Umwelt. Der Text richtet sich an die gesamte Gemeinde.

Angesichts des bevorstehenden Weltendes (V. 7) mahnt er zum besonnenen und nüchternen Gebet (V. 8), zur vergebenden Liebe und zur Gastfreiheit (V. 9). Darüber hinaus fordert er auf, die eigenen Gaben im Sinne Gottes zum Wohl aller einzubringen (V. 10). Die unterschiedliche Verteilung der Begabungen dient letztlich dazu im gegenseitigen Teilen und Dienen Gott zu verkündigen und somit eine Verbindung zwischen Gott und der Welt herzustellen. Dies wiederum macht Christinnen und Christen in ihrem Lebensumfeld glaubwürdig (V. 11).

Die abschließende Doxologie (V 11c) unterstreicht die zuvor gemachten Aussagen, dass Gott allein die Ehre gebührt, aber im Handeln in der Welt bezeug werden soll.

Nachhaltigkeit

Der Predigttext trägt zahlreiche Bezüge zum Thema Nachhaltigkeit in sich.

„Seid besonnen und nüchtern“ (V. 7) – Der Text verweist hier ganz explizit auf das Beten. Die Frage, die dahinter steht ist, in welcher Form wir unseren Alltag und unser Leben in Gesellschaft und Kirche kritisch reflektieren und in unseren Gebeten vor Gott bringen. Mit welchen Fragen richten wir uns an Gott?

„Die Liebe bedeckt der Sünden Menge“ (V. 8) – Wie könnte eine Gemeinde oder Gesellschaft aussehen, die einen liebenden Umgang pflegt? Die Erfahrung von (göttlicher) Vergebung und Akzeptanz eröffnet neue Möglichkeiten und Freiheiten im Umgang miteinander. Ganz konkret könnte an dieser Stelle die eigene Gemeinderealität hinterfragt werden.

„Seid gastfrei“ (V. 9) – Der Text fordert den eigenen Umgang mit Asylsuchenden neu zu überdenken. Darüber hinaus geht es aber nicht nur um Asylsuchende, sondern generell um Menschen, die aufgrund ihres Glaubens, ihrer sexuellen Orientierung oder Hautfarbe etc. ausgeschlossen sind. Gastfreiheit im Blick auf eine offene Asyl- und Toleranzpolitik trägt zu einer Demokratisierung bei und ist somit ein wichtiger Bestandteil nachhaltiger Politik in unserem Land und auf dieser Erde.

„Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“ (V. 10) -  Auch hier geht es darum dem Umgang miteinander im Kleinen zu überdenken. Allgemein geht es um Ausbeutung und Einsatz für ein gelingendes Miteinander. Dies kann besonders auf einen weltweiten Maßstab hin betrachtet werden. Was bedeutet es, wenn Industrienationen auf Kosten ärmerer Länder produzieren? Welche Folgen hat die zunehmende Ausbeutung von Arbeitskräften in unserem Land und in Europa? Der Aspekt des Dienens und Haushaltens im Blick auf Gottes Schöpfung ist hier in den Mittelpunkt zu stellen.

Gerade der 1. Petrusbrief verweist auf den Widerspruch zur Welt und den Verzicht auf gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe dem sich Christinnen und Christen durch die Taufe aussetzen. In heutiger Zeit wird sich dies in weiten Teilen nicht mehr in Anfeindung und Verfolgung ausdrücken (zumindest nicht in Deutschland und Westeuropa). Vielmehr sollte durch eigenes Verhalten und kritischen Blick auf unser Leben sowohl im privaten wie öffentlichen Raum unser Bekenntnis zu Jesus Christus deutlich werden.

Um Fremdheit und Aufnahme aufgrund tiefen Glaubens geht es auch in den vorgeschlagenen katholischen Lesungs- und Evangeliumstexten.

 

In Jes 56, 1.6-7 geht es um Bedingungen für das Heil, das von Gott kommt. Dabei wird die Offenheit für Fremde über das eigene Volk hinaus deutlich hervorgehoben. Einem gottgefälligen Leben bleibt das Heil nicht verwehrt.

Auch Röm 11, 13-5.29-32 behandelt die Frage nach Zugehörigkeit und Anteilnahme an Gottes Heil. Der Gott Israels erbarmt sich aller Menschen, gleich welcher Nation oder Herkunft.

Um Grenzüberwindung geht es in Mt 15,21-28. Zunächst begegnet Jesus der kanaanäischen Frau noch ablehnend. Dies verwundert zuerst, da eine Integration von Fremden und Außenstehenden gerade ihm zugeschrieben wird. Letztlich erweist sich der große Glaube der Frau als Grund für ihre Annahme.

„Integration“ und „Identität“ gehören zu den grundlegenden Menschheitsthemen. Sich als Gruppe zusammenzufinden und eine gemeinsame Identität herauszubilden verbindet und stärkt die  Gruppe und jeden Einzelnen. Allerdings darf es nicht dabei stehen bleiben, da es schnell in Ausgrenzung und Intoleranz umschlagen kann.

Die Bilder von Flüchtlingen, die gerade in den letzten Jahren zunehmend zu sehen waren, erschrecken und lassen die Frage stellen, in was für einer Welt wir leben wollen. Die Integration dieser Menschen – also die volle Teilhabe an unserer Gesellschaft -  steckt bisher noch in den Kinderschuhen. Genauso sind wir von einer „multikulturellen Gesellschaft“ noch weit entfernt.

Die EKD hat für 2013 das Jahr der Toleranz ausgerufen. Welche Wirkung hatte es in der Gesellschaft und den Gemeinden?

Integration auf Gemeindeebene ist aber nicht nur ein Thema im Bezug auf Menschen ausländischer Herkunft. Wie lassen wir uns auf „Neue“ in den Gemeinden ein? Nehmen wir sie in unseren Gruppen und Kreisen auf? Wie aufgeschlossen sind wir? Wir werden vor neue Herausforderungen gestellt. Altes und Bekanntes geht zu Ende. Dafür kann neues Selbstverständnis und neue Gemeinschaft entstehen

In zahlreichen biblischen Geschichten wird deutlich, dass Gottes Herz weiter und größer ist als unseres und das die Grenzen des Gottesvolkes weiter und größer sind, als die unsrigen. Warum also sollte dies nicht als Maßstab und Orientierung unseres Handelns gelten.

 

S. Bischof

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