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8. Sonntag nach Trinitatis / 19. Sonntag im Jahreskreis (10.08.14)

8. Sonntag nach Trinitatis / 19. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 6, 19-23 1 Kön 19, 9a.11-13a Röm 9, 1-5 Mt 14, 22-33

 

Stellung im Kirchenjahr

In der evangelischen Perikopenordnung ist der 10. August 2014 der 8. Sonntag nach Trinitatis, nach katholischer Zählung der 19. Sonntag im Jahreskreis des liturgischen Lesejahrs A, dessen Leseordnung dem Evangelium nach Matthäus folgt.

Impulse im Blick auf Nachhaltigkeit (im Sinn von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung) können aus drei der Tagestexte gezogen werden; die Perikope Röm 9,1-9 ist in dieser Hinsicht nicht ergiebig.


Predigtimpulse

Röm 6,19-23

Paulus nimmt hier eines seiner großen Themen auf: die Polarität von “Sünde“, „Ungerechtigkeit“, „Tod“ auf der einen und „Heiligung“, „Gerechtigkeit“ und „ewiges Leben“ auf der anderen Seite.

Der „Gewinn“ der „Gesetzlosigkeit“ und „Ungerechtigkeit“ ist kein wirklicher; es entwickelt sich vielmehr eine destruktive Eigendynamik, die zu immer neuer Ungerechtigkeit führt. So ist in letzter Konsequenz tatsächlich der Tod „der Sünde Sold“, also der „Gewinn“, das Resultat, das Strukturen der „Sünde“ hervorbringen.

Was Paulus im Blick auf seine Theologie formuliert, lässt sich von der spirituell-metaphysischen Ebene auf die ökologische übertragen; denn die verschiedenen Ebenen sind ja nur unterschiedliche Schichten ein und derselben Wirklichkeit: Das Gesetz Gottes, auf das wir zu unserem Heil verpflichtet sind, ist zugleich das Gesetz der Schöpfung. Diese Ordnung (die Naturgesetze, die anthropologischen, sozialen, psychischen, religiösen, kulturellen Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten, die Gott in alles Geschaffene hineingelegt hat), ist gleichsam der Herzschlag Gottes in seiner Schöpfung. Gerechtigkeit kann dann auch heißen: allem, was geschaffen ist, gerecht werden, allem so respektvoll begegnen, wie es seiner Würde als von Gott geschaffener Wirklichkeit entspricht. Der Ernst zeigt sich in der Umkehrung: Wer nachhaltig dagegen verstößt, bringt die Schöpfung – und damit auch sich selbst – an den Rand des Todes.


1 Kön 19,9a.11-13a

Die Erzählung von der Gottesoffenbarung am Horeb zeigt in eindrucksvoller Weise, welche innere Wandlung sich in Elija vollzogen hat. Er war angetreten, um die überlegene Stärke Jahwes gegenüber den konkurrierenden Göttern unter Beweis zu stellen. Dazu inszeniert er ein gewaltiges und gewaltsames Spektakel. Er schafft den Erweis und fühlt sich dadurch ermächtigt, zweihundert Baalspriester zu töten. In seinem wütenden Eifer für Jahwe verliert er jedes Maß und gerät in einen – scheinbar – frommen Blutrausch. Doch dem letzten der „Baalspriester“ kommt er nicht bei, er trägt ihn in sich. Gegenüber der Gottvergessenheit der eigenen Motive ist er blind und machtlos.

Zugleich spürt er vage, dass etwas nicht in Ordnung ist. Nachdem er seinen Erfolg und seine Überlegenheit aggressiv ausgelebt und ausgekostet hat, fällt er quasi in sich zusammen – vielleicht ist es das, das wir heute Erschöpfungsdepression oder Burnout nennen. Die Frage nach dem Sinn all seiner wütenden Anstrengungen überfällt ihn so heftig, dass er an den Rand des Suizids gerät.

Da greift Gott ein und führt ihm in einer Offenbarungsszene sinnenhaft vor Augen, dass sein Gottesbild wenn nicht falsch, so doch höchst einseitig ist: Gott ist nicht im „Sturm“ zu finden, noch im „Erdbeben“, noch im „Feuer“, sondern „im stillen sanften Säuseln“ (in der Übersetzung von Martin Buber: in einer „Stimme verschwebenden Schweigens“). Elija hatte ganz auf die Überzeugungskraft der Gewalt gesetzt, und doch weiß er jetzt sofort und intuitiv: das sanfte Rauschen, der leise Ton ist das Medium der Gottesgegenwart.

Die Übertragung auf alle Bereiche nachhaltigen, behutsamen Lebens liegt auf der Hand: Behutsamkeit, Achtsamkeit, Hörbereitschaft, Verzicht auf gewaltsames Durchsetzen tatsächlich oder vermeintlich höchster Werte und Ziele ermöglicht Frieden, lässt Gerechtigkeit wachsen und hilft, die Schöpfung Gottes zu bewahren.


Mt 14,22-33

Über das Wasser gehen meint in alltäglichem Sprachgebrauch oft: einen schwach entwickelten Realitätssinn haben, ein idealistischer oder romantischer Traumtänzer sein. Dabei zeigt die Geschichte, die Matthäus überliefert, alles andere als ein Idyll. Es ist Nacht, die Jünger Jesu warten im Boot, weil Jesus sie vorausgeschickt hat. Sie sind müde und haben alle Mühe, das kleine Boot in den Wellen zu halten. Da sehen sie Jesus übers Wasser auf sich zukommen und erschrecken in ihrer angespannten Angst erst mal zu Tode. Er gibt sich zu erkennen und beruhigt sie. Der impulsive Petrus will tun, was der Meister tut und geht ihm auf dem Wasser entgegen. Jesus freut sich über sein Vertrauen und ermutigt ihn. Dann aber erschrickt Petrus vor seiner eigenen Courage und spürt nur noch die Bedrohung durch die Wellen. Und geht augenblicklich unter. Zum Glück ist Jesus da und reicht ihm die Hand, an der er sich ins Boot ziehen kann. 

Welchen Impuls kann die Perikope im Blick auf nachhaltiges Leben und Handeln geben? Frieden gelingt oft nur, wenn es einen Vorschuss an – vielleicht rational nicht zu rechtfertigendem – Vertrauen gibt, an Vertrauen in die Überwindung scheinbar unabwendbarer Fakten und Gesetzmäßigkeiten, auch an Vertrauen in eine Kraft, die größer ist als die eigene. Ohne ein solches Vertrauen gäbe es weder Friedensverhandlungen noch den vielfältigen Einsatz für einen friedfertigen und behutsamen Umgang mit der Schöpfung. Im Nachhinein zeigt sich oft, dass vieles, das ‚realistischerweise‘ für unmöglich gehalten werden musste, nur durch unerschrockene Grenzüberschreitung Wirklichkeit werden konnte.


                                                                                                      

Elisabeth Schmitter

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