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4. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis (13.07.14)

4. Sonntag nach Trinitatis / 15. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 12, 17-21 Jes 55, 10-11 Röm 8, 18-23 Mt 13, 1-23

 

Sowohl im evangelischen wie im katholischen Gottesdienst wird heute aus dem Römerbrief des Paulus gelesen. Die Autorin geht  auf diese beiden Texte ein: Erst auf Röm 12,17-21, in dem Paulus mahnt, Frieden zu halten mit allen Menschen – dann auf Röm 8,18-21,  der vom Heil für die ganze Schöpfung spricht. In beiden Perikopen geht es darum, den Blick zu weiten: auf alle Menschen, auf die gesamte Schöpfung – und auf die Verantwortung hierfür.

 

Röm 12,17-21: Frieden halten mit allen Menschen

Allen Menschen gegenüber „auf Gutes bedacht“

„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18) Paulus beginnt seinen Satz zum Frieden mit einer vorsichtigen Einschränkung. Er weiß: Es kann ja der Friedlichste nicht in Frieden leben, wenn der böse Nachbar es nicht will. Und vielleicht hat auch nicht jeder die Kraft dazu. Und doch kommt nach dieser Einschränkung im zweiten Teil des Satzes die große Forderung und Herausforderung: Habt Frieden mit allen Menschen! Im Satz davor hieß es ganz ähnlich: Seid auf Gutes bedacht gegenüber allen Menschen! Es ist eine große Weite, die in dieser Forderung steckt. Allen Menschen gegenüber ist freundliches und friedliches, ist christliches Verhalten gefragt.

„Alle Menschen“, das will nicht nur den Blick von den Freunden auf die Feinde weiten, auf die „Verfolger“ aus den Versen zuvor, Menschen, die einem Böses getan haben. „Alle Menschen“, das bezieht sich noch viel weiter auf die Gesamtheit, das „Ganze“ der Menschheit. In Rom dürfte man das schon deshalb so verstanden haben, weil die Stadt ja Menschen aus der ganzen damals bekannten Menschheit empfing, Zentrale des weiten Römischen Reiches war. Um die Menschen im Ganzen und Allgemeinen ging es aber etwa auch schon in einer Stelle im Alten Testament, an die diese Verse des Römerbriefs erinnern: „Hänge meine Gebote an deinen Hals und schreibe sie auf die Tafel deines Herzens, so wirst du Freundlichkeit und Klugheit erlangen, die Gott und den Menschen gefallen.“ (Sprüche 3,4) Bei Paulus wie schon in diesen Sprüchen Salomons ist die Aufforderung, Frieden zu halten, nicht exklusiv auf die eigene Religion und Region beschränkt. Sie ist auf die gesamte Menschheit bezogen, sie ist universal. Es ist sozusagen schon eine universale Friedensethik, die sich aus der Aufforderung des Paulus entwickeln lässt.

Für das Thema Nachhaltigkeit kann dies bedeuten: Unser Bemühen um Frieden – das ja vom Bemühen um Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gar nicht zu trennen ist - kann niemals nur auf unsere Freunde, auf unsere Nachbarschaft oder unser Land beschränkt sein. Es muss sich auf „alle Menschen“ beziehen. Auf das „Ganze“ der Menschheit (und der Welt und Schöpfung).

 

Essen und Trinken geben

„Frieden halten“, das bedeutet für Paulus ganz konkret: Auch den Feinden und Fremden zu essen und zu trinken geben: „Vielmehr, wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken.“ (Röm 12,20) Wenn Menschen Hunger und Durst haben, müssen Christen ihnen Nahrung und Trank reichen. Egal, wie sie zu mir stehen und welcher Religion oder Nation sie angehören. Jedem Bedürftigen sollen wir – wie der barmherzige Samariter - zum „Nächsten“ werden, auch denen, die uns erst einmal fern, fremd oder feindlich gesinnt sind. „Alle Menschen“ sind uns Schwestern und Brüder, mit der gesamten Menschheit sollen wir friedlich und gerecht leben und deshalb eben auch: Essen und Trinken teilen.

Mit Blick auf eine nachhaltige und global gerechte Welt kann diese Botschaft des Paulus bedeuten: Wir sollen nicht nur mit unseren Freunden und Nachbarn, sondern auch mit den Fernen und Fremden unsere Lebensmittel teilen. Weltweit leiden rund 870 Millionen Menschen an Hunger. „Gib ihnen zu essen und zu trinken“, kann heißen: Spende Geld, iss weniger Fleisch, setz dich ein gegen den Klimawandel und für Klimagerechtigkeit, etwa indem du weniger Auto fährst und ökologisch einkaufst. Wer heute vor Ort klimafreundlich lebt, trägt zum weltweiten und zum nachhaltigen Frieden bei. Er ist – ganz im Sinne des Römerbriefes - allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht und sorgt dafür, dass alle Menschen zu essen und zu trinken haben.

 

Röm 8,18-23: Heil für die ganze Schöpfung

Heil für die ganze Schöpfung

Auch im katholischen Gottesdienst wird an diesem Sonntag aus dem Römerbrief gelesen. Und auch hier weitet sich der Blick – diesmal nicht nur auf „alle Menschen“, wie in Röm 12 und der evangelischen Lesung, sondern auf die „ganze Schöpfung“. Auch die Schöpfung, sagt Paulus, „soll von der Sklaverei und der Verlorenheit befreit werden“, die  „gesamte Schöpfung“ liegt in den Geburtswehen einer neuen Welt (Röm 8,20.22). Im zweiten Korintherbrief spricht Paulus von der „neuen Schöpfung“, die mit Jesus Christus schon begonnen hat (2 Kor 5,17). Im frühen Christentum hat man die materielle Welt und Umwelt nicht vergessen oder verbannt, wie teils in der griechischen Philosophie, die den Geist von der Materie befreien will. Hier bei Paulus wird der Mensch als ganzer und der Mensch zusammen mit der ganzen Schöpfung gesehen – und Heil und Erlösung werden diesem ganzen Menschen, der ganzen Schöpfung, dem ganzen Kosmos zugesprochen. In Christus hat Gott den „Kosmos“ mit sich versöhnt, heißt es weiter im zweiten Korintherbrief (vgl. 2 Kor 5,19). Und das letzte Buch der Bibel schließlich, die Offenbarung des Johannes, der ultimative Ausblick der christlichen Hoffnung sozusagen, spricht auch nicht nur von einem „neuen Menschen“, sondern: von einem „neuen Himmel und einer neuen Erde.“ (Offb 21,1)

 

Einen neuen Himmel, eine neue Erde

Diese Heilsverheißung für die ganze Schöpfung hat natürlich ihre Wurzeln schon in der jüdischen Tradition: Bereits beim Propheten Jesaja spricht Gott: „Denn schon erschaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Jes 65,17) Alles wird gut werden für alle und alles – es geht um ein umfassendes, universales Heil. Gott, der ja die ganze Welt erschaffen hat, will auch die Erlösung für diese ganze Welt und die ganze Schöpfung. Beim Propheten Jesaja wird diese Erlösung der ganzen Schöpfung auch in eindrucksvollen Bildern von Natur und Schöpfung beschrieben: „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? … Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.“ (Jes 43, 19-21). Die Schöpfung ist hier also sogar nicht nur Objekt der göttlichen Erlösung – sie ist auch Subjekt vor Gott. Die Schöpfung kommt selbst zu Wort. Sie preist Gott, etwa durch wilde Tiere, Schakale und Strauße. Ähnlich heißt es an anderer Stelle bei Jesaja: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. Sie soll prächtig blühen wie eine Lilie, jubeln soll sie, jubeln und jauchzen.“ (Jes 35,1-2) Natur und Schöpfung wenden sich – wie der Mensch und Seite an Seite mit ihm – Gott zu: Auch diese jüdische Tradition wirkt im Römerbrief bei Paulus fort.

 

Die Schöpfung seufzt mit uns

„Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“, heißt es im Römerbrief, Luther übersetzt: „mit uns seufzt.“ (Röm 8,22) Auch bei Paulus fühlt und spricht also nicht nur der Mensch, sondern mit ihm die ganze Natur. Wie besonders sind damit beim Propheten Jesaja und beim Apostel Paulus Mensch und Schöpfung miteinander verbunden! Mensch und Schöpfung: Sie beide preisen Gott, sie seufzen und fühlen und leiden auch gemeinsam – und sie sollen zusammen befreit und erlöst werden. Der Mensch kann in diesem biblischen Verständnis ganz offensichtlich gar nicht ohne die Schöpfung verstanden werden. Sicher hat dies auch damit zu tun, dass die Menschen damals vor zwei bzw. zweieinhalb tausend Jahren direkter die Erfahrung machten: Der Mensch ist von der Natur abhängig. Nur da, wo Wasser in der Wüste fließt, kann auch der Mensch überleben.

 

Schöpfung und Mensch im Einklang

Die biblische Vorstellung, dass Mensch und Schöpfung eng zusammengehören, ist heute vielfach verloren gegangen, vor allem auf der nördlichen Halbkugel. Der Mensch handelt oft genug so, als ob sein Wohl und Wehe unabhängig sei vom Wohl und Wehe der Schöpfung. Es geht ihm nicht selten um kurzfristigen Profit und individuelles Vergnügen – und kaum um die Bewahrung der Schöpfung. Aber auch die Menschen im 21. Jahrhundert machen die Erfahrung: Das Heil der Menschen ist mit dem Heil der Schöpfung verknüpft. Klimawandel, Luftverschmutzung, Lärm - alles, was der Mensch der Schöpfung zumutet, mutet er auf kurz oder lang auch sich selber zu. Wenn die Natur seufzt, seufzt mit ihm bald auch der Mensch. Und wenn die Natur sich erholt, erholt sich mit ihm auch der Mensch. Die prophetische und paulinische Idee vom Heil für die ganze Schöpfung lädt dazu ein, sich dieser besonderen Verbindung von Mensch und Natur wieder bewusster zu werden. Und natürlich lädt sie vor allem auch dazu ein, danach zu handeln: Wenn ich die Schöpfung als „Mit-Geschöpf“ wahrnehme, als Welt, die mit mir leidet und sich freut, dann gehe ich anders mit ihr um. Ich schone ihre Ressourcen. Ich bemühe mich, der Schöpfung so wenig wie möglich an Luftverschmutzung und Lärm zuzufügen – indem ich zum Beispiel statt des Autos das Fahrrad benutze. Wenn ich mit Paulus die Vision habe, dass ich zusammen mit dieser ganzen Schöpfung das Heil erlange: Dann versuche ich schon hier und jetzt heilsam mit dieser Schöpfung umzugehen.

 

Beate Hirt

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