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2. Sonntag nach Trinitatis / Peter & Paul (29.06.14)

2. Sonntag nach Trinitatis / Peter & Paul

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Kor 9, 16-23 Vorabend: Apg 3, 1-10
am Tag: Apg 12, 1-11
V.: Gal 1, 11-20
T.: 2 Tim 4, 6-8.17-18
V.: Joh 21, 1.15-19
T.: Mt 16, 13-19

 

Für den 2. Sonntag nach Trinitatis, zugleich Peter und Paul in der katholischen Tradition, habe ich den Schwerpunkt auf den vorgeschlagene Text der evangelischen Perikopenordung (1. Kor 9, 16ff) gelegt, da die Texte der katholischen Leseordnung sehr stark das Amtverständnis der Kirche berühren, zu der die evangelische Theologie eine eher kritische anfragende Position einnimmt.

Impulse zur evangelischen Perikope – 1 Kor 9, 16-23 in drei Schritten:

Eine neues Amtsverständnis (oder Berufsethos) in einem multi-kulturellen Kontext

    1. „Ich bin allen alles geworden“, sagt Paulus und verweist auf sein Leben, welches geprägt ist von Freiheit und dem nur Gott gegenüber Verantwortet-Sein.
      Es ist ein Amtsverständnis – wie wir heute sagen – auf Augenhöhe, kein hierarchisches Befehlen, keine Predigt von oben zu denen da unten, sondern ein Weg zu den anderen. Paulus steht auf der gleichen Stufe, er passt sich Kulturen und Traditionen an.
    2. Im heutigen Kontext einer globalisierten Welt kann dieses neue Ethos spürbar und erlebbar werden, ob im Stadtteil oder im Dorf, wenn man und frau den Blick über die Grenzen der Kirchengemeinde hinaus öffnet .und sich annähert.
      Das Engagement für Afrika beginnt schon in Deutschland – Paulus öffnete sich dem multi-kulturellen Korinth. Die Gemeinden fremder Sprache und Herkunft, oft mit Wurzeln in Afrika, Asien oder Osteuropa,  gehören mitten in unsere Kirche hinein,  können eingeladen werden, Gottesdienste können gemeinsam gefeiert werden – Kanzeln können getauscht werden.  Zwar ist dies häufig mit einer Auseinandersetzung mit anderen Frömmigkeitsstrukturen, anderen moralischen und ethischen Vorstellungen, anderen Gemeindekonzepten verbunden. Oft stellt sich die Frage danach, wieweit das Angleichen, der Weg zueinander möglich ist. Demgegenüber bleibt festzuhalten:  Paulus versuchte es, bewegte sich aus dem eigenen Mind-set auf die anderen hin und versuchte sogar Argumente und Gedanken aufzunehmen und auf Christus und aus Christus her zu verstehen (cf. die Areopagrede)
    3. Der Kontext bestimmt die Themen mit!
      • Dies ist eine Perspektive wie sie lateinamerikanische Befreiungstheologen/aufgenommen haben:  mit der Option für die Armen wurde die verfasste Kirche angestoßen und wachgerüttelt.
      • Es ist auch eine Perspektive von Menschen, die sich in der AIDS-Pastoral engagieren:  Menschen, die nicht von vornherein urteilen und HIV und AIDS gleich mit Sünde und Schuld verbinden, sondern zuhören und versuchen zu verstehen,  um dann auch Wegezu können. Oft geht es aber auch darum, zunächst  Wege zu eröffnen mit HIV und AIDS in der Kirche und der Gemeinde zu leben, aktiv zu sein und geschätzt zu werden (und nicht abschätzend betrachtet werden).
      • Manche Menschen, auch sogar Ordinierte oder Geweihte, öffnen sich so weit, dass sie deutlichen machen, dass sie selbst betroffen sind – dass sie z. B. mit HIV leben und gerade so Themen setzen, den eigenen (und nicht nurder anderen) Kontext in die  Arbeit einschließen, sich verändern lassen und  die Botschaft neu entdecken – es braucht viel Mut im Bereich HIV und AIDS, aber es bewirkt einen ganz neuen Zugang für viele, die auch von  HIV  betroffen sind oder mit anderen Krankheiten leben.

Hier können wir lernen von dem internationalen Netzwerk der von HIV und AIDS betroffenen kirchlichen Amtsträger/innen, ordiniert  und nicht-ordiniert (wie auch Menschen mit anderem religiösen Hintergrund) ,  INERELA+   http://www.inerela.org/



Ein Amtsverständnis  (oder Berufsethos) hart an der Grenze

    1. … an der Grenze zur Distanzlosigkeit:
      Allen alles zu werden – Wo bleibt die kritische Distanz der Kirchen zur Politik, zu Wirtschaftsunternehmen, zu lokalen Entscheidungen der Kommunen?
      Gerade die Gemeinde in Korinth wird von Paulus auch kritisch begleitet – zu Beginn des Kapitels setzt er sich mit der Kritik auseinander. 
    2. … und doch klar:
      Für Paulus ist es klar: als Mitarbeitende Gottes  (cf. 1 Kor 3, 9) gibt es letztendlich den einen Grund, den niemand legen kann, sondern der schon gelegt ist: Jesus Christus (1 Kor 3,11).  Christus begründet das eigene ethische und pastorale Urteilsvermögen, wie auch Kritik und Anerkennung, Anpassung und Distanz.
    3. … der eigenen Verantwortlichkeit
      Als Gottes Mitarbeitende, als Menschen, die auf Christus bezogen sind, gilt es, sich den gegenwärtigen Herausforderungen, dem Fremden, dem Anderen zu stellen. Dabei sollen die globalen Zusammenhängen ebenso, wie die vielleicht zunächst schwer zu verstehende Lebensweise der Nachbarin aus Südosteuropa  in den Blick genommen werden.  
      Kriterium für die Entscheidungsfindung ist  das Evangelium oder wie Luther es sagte, das, ‚was Christum treibet‘ … - Hilfe dafür, die eigene Verantwortlichkeit und das eigene Entscheiden auszurichten,  bietet das Miteinander, damals der Mitapostel – heute  der Gemeinde, der Gemeinschaft der Mitarbeitenden Gottes an.

Ein Amtsverständnis (oder Berufsethos) mit neuer Dimension: nicht „für andere“ sondern „als solche“

  1. a.Indem Paulus eine Art Rollentausch vorschlägt und dem Leitungshandeln nahe legt, sich selbst als die anderen zu begreifen, verändert sich der Standpunkt : nicht um ein, vielleicht aus einer gewissen Distanz heraus, „für den anderen/ für die andere“ geht es, sondern um „das Sein als solche“ – einen Rollenwechsel,  einen Perspektivwechsel auch im Hinblick auf Hierarchien und Machtstrukturen.
  2. b.Von Nelson Mandela wird erzählt, dass er es liebte, seinen eigenen Bodyguards – auch gerade in seiner Zeit als Präsident -   zu entkommen, er liebte es, Wege zu Fuß zu gehen, um Menschen direkt zu begegnen, direkt anzusprechen – die Staatssicherheit war jedes Mal in Aufruhr, wenn er sich einfach ungeplant mitten in die Menge begab, um unmittelbar zu hören, was Menschen bewegte.
  3. c.(Macht)Strukturen können nicht einfach veräwerden,  aber es ist eine Frage, welche Begegnungen zugelassen werden, ob Rollenwechsel auch möglich sind, um als andere für sich selbst neue Perspektiven für ein Handeln in der Welt zu erschließen, die nach Gerechtigkeit, Liebe, Frieden  und  einer adäquaten Verteilung schreit.

 

Die weiteren Texte des Sonntags

Mit Paulus Ausführung an die Gemeinde zu Korinth mag es auch interessant sein,  Mt 16, 13-19 zu lesen und über das Amtsverständnis heute, die Frage nach Offenheit der Kirche, dem Wahrnehmen von globalen Herausforderungen und Anfragen zu stellen im Blick auf das Kriterium, allen  alles zu  werden (1 Kor 9,22).

Die Verbindung beider Texte eröffnet eine Chance, das Rollenverständnis der Kirche einmal ökumenisch zu betrachten und zu fragen, wie sich Gemeindewirklichkeit ändern sollte, wie zusammen wachsen möglich ist, wie die Sicht der anderen in den Blick kommt.

In eine ähnliche Richtung mögen auch die anderen beiden Lesungen für den Sonntag
2 Tim 4, 6-8.17-18 und Apg 12, 1-11 aufzugreifen sein.

Als evangelische Theologin möchte ich weder auf die ekklesiologischen Fragen noch auf die verschiedenen kirchenrechtlichen Traditionen eingehen, sondern betonen, dass gerade diese Texte des Sonntags sich für ökumenische Gottesdienste mit der Nachbargemeinde eignen, um miteinander zu entdecken, was es bedeutet ‚allen alles zu werden‘. Und was es heißt, eine Gemeinde zu werden, die Dienst, das Miteinander  und die Suche nach einer nachhaltigen und im Stadtteil / Dorf verorteten, offenen Kirche aufnimmt und umsetzt. So werden Gemeinden auf Nachhaltigkeitsprinzipien ausgerichtet  und relevant, ja richtungsweisend im Stadtteil oder der Region.

 


Ute Hedrich

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