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Pfingstmontag (09.06.14)

Pfingstmontag

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Apg 2, 22-23.32-33.36-39 Apg 10, 34-35.42-48a
od. Ez 36, 16-17a.18-28
Eph 4, 1b-6 Joh 15, 26 - 16, 3.12-15

 

Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé in Burgund ist bekannt für ihre Gesänge. Ein Lied hat sich schnell zu einem der "Lieblingslieder" der Jugendlichen entwickelt. Es wiederholt auf englisch einen Vers aus der Offenbarung: „Let all who are thirsty come – let all who wish receive the water of life freely!” - „Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens“ (Offb. 22, 17).

Was für eine schöne Aussage! „Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens!" Wie viel Durst spüren wir in uns und um uns herum: Durst nach Leben, Durst nach Gerechtigkeit, Durst nach Liebe, Durst nach dem Wort, das eine eingetrocknete Beziehung wieder aufleben lässt. Durst nach Sinn und Orientierung. Durst nach Trost in den Schicksalsschlägen des Lebens. Wie eingetrocknet und vertrocknet kommt uns unser Alltag oft vor! Der gleiche Trott im Beruf. Die gleichen Sorgen in der Familie. Die unbeantworteten Sehnsüchte. Was ist da alles abgestanden, ja abgestorben - nicht mehr genährt vom Quell der Lebensfreude. Oder vor sich hin modernd im "Um-sich-selber-Kreisen" wie ein Tümpel, der kein Frischwasser mehr erhält und langsam kippt. Wir haben Durst nach sprudelndem, lebendigem Wasser. Es fällt nicht schwer, hier Beispiele in unserem Alltag zu finden: Wo wir nach erfrischenden Ideen dürsten, nach dem, was sprudelt und lebendig macht; nach dem, was uns gut tut - und unsere Beziehung zu anderen aufleben lässt. Das ist eine österliche Zuversicht, die das Tote lebendig macht, die das Vertrocknete tränkt. "Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange umsonst...". So einfach - scheinbar…

Aber was ist, wenn wirklich alle kommen und die Hand aufhalten? „Reicht“ es da für alle? Kommt da nicht gleich ein neidvoll-ängstlicher Gedanke, dass man doch erst mal selbst zum Zug kommen will? In der Apostelgeschichte geht es nach der Pfingstpredigt des Petrus um eine ähnliche Frage: Der Geist des Herrn wird auf die Anwesenden ausgegossen: alle werden mit dieser Gabe Gottes beschenkt: alle! „Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.“ (Apg 2, 39). – Doch „die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde!“ (Apg 10,45). Sie hielten sich doch für die Besseren, wie konnte da dieses Geschenk Gottes auch auf die Heiden ausgegossen werden, die ja in ihren Augen gar nicht die „Voraussetzungen“ dafür erbracht hatten? „Reicht“ es dann noch mit Gottes Gaben für alle? Das sind neidvolle Gedanken, die wir auch aus anderen Zusammenhängen kennen. Doch Gott sieht nicht auf die Person (Apg 10, 34). Er teilt jedem, der sich nach ihm sehnt, das zu, was er braucht, selbst ohne Vorleistung und „Verdienst“.

Auch unsere Erfahrungen heute sind da ähnlich. Wie gehen wir um mit denen, die durstig sind nach dem guten Wort? Die Trockenheit in der Kirche spüren statt Lebensfreude? Wie behandeln wir jene, die nach den Quellen fragen? Wie verhalten wir uns gegenüber den Suchenden, die unsere Gewohnheiten und Riten hinterfragen? Haben wir da nicht oft genug Angst, es könnte nicht reichen, wenn alle die Hand aufhalten und schöpfen wollen? Wie hartherzig, trocken und kleinkariert sind wir da oft! Aus Angst, jemand könnte die Quelle verschmutzen, die wir bewachen wollen.

Und ganz konkret: Wie gehen wir mit denen um, die durstig sind nach klarem Wasser, nach Lebensmitteln und Nahrung? Ob in der globalen Welt oder in der Nachbarschaft: Wie oft sorgen wir uns, es könnte nicht reichen, wenn alle die Hand aufhalten? Da denken wir doch lieber zunächst an uns selbst, dass es für uns und unsere großen Bedürfnisse reicht. Und wenn dann noch was übrig ist, ja, dann können vielleicht auch die anderen... Doch Gott bemisst anders, wenn es um seine Gaben geht, die er gibt: wenn es um den Heiligen Geist geht, den Beistand, der eine ganz besondere Sehnsucht, einen besonderen Durst der Menschheit stillen kann: Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange!

Wie kann das konkret aussehen? Ist es erlaubt, dabei auch an die konkrete Gaben der Schöpfung zu denken: die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit? - „Reicht“ es wirklich für alle, wenn die Zahl der Menschen immer größer wird – und die Ressourcen immer knapper? Was ist, wenn wirklich eines Tages Kämpfe um sauberes Wasser ausbrechen, Kriege um Energieressourcen und Streit um Ackerland? Ist das eine ferne Horrorvision – oder sogar schon in manchen Teilen der Welt Realität? Gottes Zusage gilt, dass er die Menschen, seine Geschöpfe, nicht allein lässt. Das heißt aber auch, dass er sie nicht einfach sich selbst überlässt, bis der Stärkere sich genommen hat, soviel er will, und die Schwächeren leer ausgehen und zugrunde gerichtet sind. Gott greift nicht ein wie ein Marionettenspieler, er lässt den Menschen ihre Freiheit, auch die Freiheit zum Bösen. Aber er ruft sie immer wieder zur Umkehr und zum guten Leben. Das bezeugt die Bibel von Anfang an. In der jüdisch-christlichen Tradition gibt es viele Hinweise, so etwa auch in der 2. Lesung vom heutigen Pfingsttag: „Führt ein Leben, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält. Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ (Eph 4, 1b-6) Wer so lebt, der lebt nicht für sich allein. Der hat einen größeren Horizont. Der zeigt Verantwortung für die Schöpfung, in der er lebt, und für seine Mitgeschöpfe, gleichberechtigt und mit gleicher Würde. Und in Solidarität gleich verantwortlich für die Gaben der Schöpfung, die für alle bestimmt sind. Damit es für alle reicht.

Wenn wir danach fragen, ob es „reicht“, was Gott schenkt, dann geht es nicht zuletzt auch um den konkreten Hunger: Wer den Hunger stillt, der wird satt. Und hier liegt vielleicht ein Schlüssel für das Verstehen: Das Wort „satt“ kommt vom Lateinischen „satis est“ – es ist genug. Wenn wir unseren Hunger – den physischen und den Hunger, der sich in allerlei sonstigen Sehnsüchten und Bedürfnissen zeigt - stillen wollen, bis wir satt sind, dann können wir nicht in blinder Gier immer mehr in uns hineinstopfen. Das macht uns am Ende krank. Wir müssen spüren, wann es genug ist, damit es uns gut tut. Dann sind wir im Wortsinn „satt“. Wir sind in unserem Umfeld in der glücklichen Lage, dass wir selbst entscheiden können, wann es für uns genug ist, wann wir „satt“ sind. Es ist für uns (noch) mehr als genug da. Diese simple Alltagserfahrung sagt viel über unser Verhalten auch in den hochkomplexen Lage der globalisierten Welt. Die Gier des egoistischen Immer-mehr macht uns nicht satt. Sie macht uns krank und unfrei, und wir sind Getriebene der eigenen Unersättlichkeit. Wenn wir aber zurückkommen zu einer „Ethik des Genug“, wie sie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und andere fordern: Dann ist das eine zutiefst menschliche, eine humane Ethik, auch eine Ethik der Freiheit und Unabhängigkeit. Das befreit uns vom Zwang, immer mehr zu wollen. Dann ist es „genug“, weil wir „satt“ sind. Und dann ist es auch genug für alle – und alle können satt werden, ganz konkret in der Einen Welt: Auch das klingt mit, wenn wir hören: „Lasst alle, die durstig sind, kommen!“

Und übertragen auf die theologische Dimension bedeutet das auch: Wer aus Gottes Quelle lebt, der braucht nicht neidisch auf andere zu blicken, die auch schöpfen wollen aus seiner überfließenden Liebe. Gott schenkt "Leben in Fülle" (Joh 10,10). Nicht wir Menschen haben zuzuteilen und ängstlich-eng zu bemessen: Wir alle sind Beschenkte Gottes – und gestärkt im Beistand, dem Heiligen Geist. So können auch wir „Zeugnis ablegen für die Wahrheit“, so abstrakt das vielleicht klingen mag. Tief im Herzen wissen wir aber wohl, was gut ist, was gut tut, wann wir „satt“ sind, wann es genug ist. Nur fällt es im Alltag immer wieder schwer, das auch durchzuhalten, weil der andere Weg bequemer ist, weil wir es „uns leisten können“.

Aber es gibt ganz konkrete Beispiele, konkrete Situationen, in denen dieser hohe Anspruch anfanghaft wahr werden kann: Dass wir Zeugnis ablegen für die Wahrheit, die tiefer ist, als das, was wir sehen und be-greifen können. Zum Beispiel, dass Teilen nicht arm macht, sondern reich: Ein interessanter „Trend“ aus den USA schwappt zu uns herüber: die „shared economy“. Klassisch ausgedrückt geht es um das Prinzip des „Teilens“: Autos werden gemeinsam genutzt, kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten im Internet angeboten, andere Güter gemeinsam genutzt: Teilhabe von vielen: „Die neuen Teilhaber sind weniger Gutmenschen als gute Rechner“, hat die Süddeutsche Zeitung dazu geschrieben. Denn es lohnt sich auch wirtschaftlich, wenn geteilt wird. Die Teilhaber organisieren sich in Sozialen Netzwerken, suchen Gemeinschaft und haben Vorteile. Das Konsumverhalten wird so verändert, dass der gemeinsame Nutzen im Vordergrund steht und nicht der eigene Besitz: das „Carsharing“, das „Couch-Surfing“ oder das „wiki-Prinzip“ des Teilens von gemeinsamem Wissen sind solche Beispiele. Das ist aber nicht purer Kommunismus, der zur Ideologie wird. Das ist eine „Kultur des Teilens“, die das gute Leben für viele im Blick hat und in konkreten Werken – meist unideologisch und ganz nachhaltig – verwirklicht. So gibt es ein wirkliches „Genug“: Das hat das Optimum und nicht das Maximum im Blick. Und es reicht für alle, die „satt“ werden an dem, was für alle da ist.

„Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen“ (Joh 16,12), sagt Jesus nicht nur den staunenden Jüngern, sondern auch uns heute. Das Ziel ist uns gegeben, der Weg beschrieben, der Beistand geschenkt. Gott lässt uns nicht allein. Jetzt kommt es auf unseren zuversichtlichen ersten Schritt an!

 

Michael Kinnen

 

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