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Christi Himmelfahrt (29.05.14)

Christi Himmelfahrt

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Eph 1, 20b-23 Apg 1, 1-11 Eph 1, 17-23 Mt 28, 16-20

 

Weißt du, wo der Himmel ist?

Was war die Himmelfahrt und was ist wahr an ihr

Ein Mann aus dem Westen und ein Hindu sprechen miteinander über eine Geschichte aus den Heiligen Büchern der Hindus. Der Westler fragt, ob der Hindu diese Geschichte für wahr halte und bekommt als Antwort die Frage: „Willst du wissen, ob die Geschichte wahr ist, oder nur, ob sie stattgefunden hat?“[1] Am Fest Christi Himmelfahrt ist dies eine interessante Frage, gehören doch Auferstehung und Himmelfahrt Jesu zum zentralen Inhalt christlichen Glaubens. Handelt es sich nun bei den entsprechenden „Geschichten“, wie wir sie in  unserer Heiligen Schrift vorfinden um (historisch nachprüfbare) Fakten oder sind es Fiktionen – erdichtet, frei erfunden und nicht unbedingt vertrauenswürdig? Beachtenswert ist, dass der gläubige Hindu das „nur“ vor die Fakten (nur stattgefunden) stellt, der Fiktion aber das „wahr“ zuordnet. Er hält offensichtlich die in einer fiktiven Geschichte enthaltene und herauszufindende Wahrheit für bedeutsamer als die bloße historische Faktizität einer erzählten Geschichte.

Tatsächlich nehmen wir einen Text voll und ganz ernst, wenn wir ihn nach seiner Bedeutung unter den Umständen seiner Entstehung befragen und mit ihm in einen Dialog treten, um seine Bedeutung für uns unter den jeweils heutigen Umständen herauszufinden. Wichtiger als die Frage, wie die Auferstehung/Himmelfahrt stattgefunden hat, ist deswegen die Frage, ob und wie sie weiter stattfindet. Wenn sie keine Wirkung hätte, bliebe sie bedeutungslos. Paulus spricht ihr grundlegende Bedeutung zu: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist kraftlos unsere Verkündigung, kraftlos auch euer Glaube“ (1 Kor 15,14).

Bei der Frage nach der Wahrheit der Bibel „geht es im Kern um die Frage nach der Bedeutung der biblischen Texte“, die darin besteht, die jeweils „erlebte Vergangen­heit vor dem Angesicht Gottes deuten und für das Leben und die Fragen der Gegenwart fruchtbar machen zu wollen“[2] Die vier Evangelisten machen sie darum zum „Konstruktions­punkt“ ihrer Schriften, d.h. sie stellen das Wirken Jesu aus der Perspektive des Auferstehungsglaubens dar.  „Von ihm aus entwerfen sie die Geschichte Jesu als Geschichte des Mitseins Gottes. (…) Sie interessiert, was Gott mit dieser Geschichte zu tun hat“[3]. Damit machen sie diese Texte so gewichtig und bedeutsam, und auch so nachhaltig, dass ihre Kraft bis in unsere Zeit reicht und ihr Licht hilft, die „Zeichen der Zeit“ zu deuten. Sie bezeugen Gottes Wirken, das die menschlichen Möglichkeiten übersteigt.

Diese Texte weisen auf die grundlegende Wahrheit hin, dass die von uns wahrge­nommene Welt nicht alles ist; ihr wird nicht die Realität abgesprochen, sondern der Anspruch auf ihre Totalität bestritten: Es gibt etwas, das diese Welt übersteigt, trans­zendiert. Gerd Theißen nähert sich diesem Transzendenten mit der Frage:

„Wo bist du Adam?
hast du vergessen,
dass du nicht der Grund
deines Grundes bist?“[4]

Später kommt er zu dem Ergebnis:

„Aber erst, wenn die letztgültige Wirklichkeit
uns als Ruf entgegentritt
und unser Leben zur Antwort wird,
verwandelt sie sich in „Gott“.[5]



Jesus, menschliches Gesicht Gottes

Das Sterben des Jesus von Nazareth war (brutal) real und so endgültig wie das Sterben aller Menschen. Wenn wir trotzdem glauben, fest davon überzeugt sind und tief darauf vertrauen, dass Jesus lebt, als Christen sogar unsere Lebensgestaltung darauf aufbauen, dann lassen wir uns auf eine Beziehung ein, die mit dem „Grund unseres Grundes“ zu tun hat. Traditionell nennt man es „Jenseits“, „Himmel“, das „Transzendente“. Dieses Unsagbare ist aber nicht weit weg, liegt nicht außerhalb oder oberhalb unserer Welt, vielmehr ist es ohne Raum und Zeit, aber Ursache und Träger von allem, was in Raum und Zeit ist; neben und außer ihm gibt es nichts. Vielleicht wäre „Totalität“ eine angemessenere Bezeichnung als die genannten, oder  –ehrfurchtvolles Schweigen.

Wir hoffen, dass in dieser unsagbaren Totalität, in dieser Tiefe der Wirklichkeit alles aufgehoben wird – im doppelten Sinn des Wortes: Es wird nichts mehr sein, wie es war, begrenzt in jeder Hinsicht, die Mängel und Beschränkungen werden beseitigt, aufgehoben sein. Andererseits wird alles Geschaffene aber in einer neuen Form aufgehoben, bewahrt, entfaltet, vollendet, alles gleichzeitig in unvorstellbarer Einzigkeit und Gemeinschaft.

Wenn wir Ostern und Himmelfahrt feiern, dann glauben wir, dass Jesus in diese Totalität eingegangen ist. Die Bibel drückt das mit in der damaligen Zeit verständ­lichen Bildern und Fiktionen aus. Die Wahrheit, die sie damit verkündet, ist: Der gekreuzigte, gestorbene und begrabene Jesus ist nicht tot, sondern lebt, lebt endgültig. Sein Tod markiert nicht Ende, sondern Anfang: Der „Immanuel – Gott mit uns“, der  „JAHWE – Ich bin bei euch“ hat ein konkretes menschliches Gesicht bekommen:  das Gesicht, das Aussehen des Jesus von Nazareth samt seiner Lebensweise, seinem Reden und Handeln und seinem Umgang mit den Menschen.

Als einer, der „von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner (Gottes) Rechten erhoben(Eph 1,20) ist, dem „alle Macht gegeben (ist) im Himmel und auf der Erde (Mt 28,18) verspricht dieser Jesus: „Seid gewiss: ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt(Mt 28,20) und „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen(Apg 1,8).


Zeuge sein bis an die Grenzen

Die Kraft und Weisheit des Heilligen Geistes haben wir auch bitter nötig, um seine Zeugen zu sein bis an die Grenzen der Erde (Apg 1,8), und die Menschen aller Völker zu seinen Anhängern zu machen (Mt 28,18).

Der so menschenfreundliche Papst Johannes XXIII. stellte zur Begründung der Einberufung des Konzils fest: „Wir sind nicht auf der Erde, um ein Museum zu hüten, sondern um einen blühenden Garten voller Leben zu pflegen und eine herrliche Zukunft vorzubereiten.“[6]

Auch der jetzige Papst versteht sich und die Kirche nicht als Museumswächter. Das von ihm[7] redigierte Schlussdokument der lateinamerikanischen Bischofskonferenz stellt klar: „Ein katholischer Glaube [und das ist sicher nicht exklusiv gemeint! HK], der nur als Last betrachtet wird, der nur als Katalog von Regeln und Verboten verstanden wird, sich auf einzelne Frömmigkeits­praktiken beschränkt, Glaubens­wahrheiten nur selektiv und partiell akzeptiert, gelegentlich an einigen Sakramenten teilnimmt, bloß einige Prinzipien der kirchlichen Lehre nachbetet, Moralvorstel­lungen zurechtbiegt oder krampfhaft vertritt, die das Leben der Getauften nicht verwandeln, – ein solch reduzierter Glaube wird den Auseinandersetzungen der Zeit nicht standhalten. Unsere größte Bedrohung ist der graue Pragmatismus des Alltags der Kirche, in dem scheinbar alles normal verläuft, in dem sich aber in Wirklichkeit der Glaube erbärmlich verbraucht und degeneriert.“ [8]

Der Prophet Amos hat dasselbe vor rund 2500 Jahren so formuliert: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen … Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.(Amos 5,21-24).“

Um die Alternative aufzuzeigen, gilt sein erster Italienbesuch der Insel Lampedusa, welche die Schlagzeilen auslöst: „Flüchtlinge, im Meer umgekommen, in den Booten, die anstatt ein Weg der Hoffnung zu sein ein Weg des Todes wurden.“ Franziskus stellt fest: „Viele von uns, und ich schließe mich selbst da ein, sind desorientiert, wir sind nicht aufmerksam der Welt gegenüber, in der wir leben, wir sorgen uns nicht, wir kümmern uns nicht um das, was Gott für alle geschaffen hat und sind nicht mehr fähig, auf den Anderen Acht zu geben. … Diese unsere Brüder und Schwestern wollten aus schwierigen Situationen heraus und ein wenig Ruhe und Frieden finden; sie haben einen besseren Ort für sich und ihre Familien gesucht, aber sie haben den Tod gefunden“. „Brüder und Schwestern“, das klingt ganz anders als „Illegale“, „ohne Papiere Eingereiste“, „in Abschiebehaft“, als ob das Verbrecher wären. Der Papst klagt das als „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ an und bittet in einem Bußgottesdienst um „Verzeihung  für die, die es sich bequem gemacht haben, die sich im eigenen Wohl eingeschlossen und das Herz betäubt haben.“

„Macht Krach!“ ruft er den in Rio de Janeiro versammelten Jugendlichen zu und erinnert damit an den großen, 2013 in Paris verstorbenen Widerstands­kämpfer Stéphane Hessel, der – 93-jährig – der Jugend zurief:  „Empört euch!“ und mit seiner Schrift ein millionenfaches Echo fand. Im französischen Originalton „Indignez-vous!“[9] klingt noch durch, wogegen die Empörung sich richtet: das Indigne, das Unwürdige, die „Kräfte der Barbarei“, die wachsenden Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen, den Abbau des Sozialstaats, die Ausbeutung der natürlichen Lebens­grundlagen und ökologische Zerstörung des Planeten, den Wettlauf des Immer-mehr, die Behandlung von Ausländern ohne Papiere, den hemmungslosen Konkurrenz­kampf, die Diktatur der Finanzmärkte.  

Wenn die Werte der Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Menschenrechte unter die Räder kommen, „dann müssen wir uns heute dagegen stemmen.“ „Wenn etwas euch empört, wie mich der Nazismus empörte, werdet militant, stark und engagiert.

Aber „die Empörung ist nur der erste Schritt, ihr muss die Reflexion, die politische Problemanalyse, folgen und daraus die Anleitung zum Handeln, das Aufzeigen von Wegen aus der Gefahr. … Widerstand ist Schöpfung. Dem Unerträglichen muss etwas Neues, Positives entgegengesetzt werden. Hoffnung ist das eigentliche Element der Zukunft, wie Sartre sagte.“[10]

Hessel sagt von sich, keine religiöse Erziehung genossen zu haben und nicht gläubig zu sein; er bekennt sich als Atheist, aber als einen „mit jüdischen Wurzeln“. Vielleicht ist sein Atheismus nichts anderes als ein Protest gegen den „reduzierten Glauben“, wie er vielfältig gelebt und auch gepredigt wurde. Dann wären der „Atheist“ und  der Papst im gleichen Boot. Sie schauen nicht wie die Jünger in der Apostelgeschichte (1,10-11) unverwandt zum Himmel empor; sie braucht der Engel nicht zu ermahnen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Auf der Erde ist etwas tun, und wenn ihr die Augen aufmacht, dann findet ihr vieles, das nicht so bleiben darf, wie es ist, vielfach und weltweit.

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen … und ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Grenzen der Erde(Apg 1,8)„Geht zu allen Völkern … und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch gegeben habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19-20).  Das ist die Kernbotschaft und gleichzeitig der entscheidende Auftrag der heutigen Evangeliumstexte, ihre Wahrheit, wie in der Einleitung angesprochen. Um diese Wahrheit zu erkennen und ihr zu folgen bitten wir mit Paulus um „den Geist der Weisheit und Offenbarung“, dass er „die Augen unseres Herzens erleuchte“ (Eph 1, 17-18). Man sieht nur mit dem Herzen gut, bestätigt uns auch der Kleine Prinz des Antoine de Saint Exupéry. Und an Pfingsten bitten wir den Heiligen Geist um seines Lichtes Strahl:

 „Veni Sancte Spiritus / et emitte caelitus / lucis tuae radium.
Veni pater pauperum, / veni dator munerum, / veni lumen cordium.


Was es heute heißt, zu allen Völkern zu gehen, hat Kardinal Bergoglio vor seiner Wahl zum Papst so interpretiert: „Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.“  Und der nächste Papst soll jemand sein, der aus der Betrachtung Jesu Christi … hilft, an die existentiellen Enden der Erde zu gehen.“[11]

Zeuge Jesu zu sein heißt, wie er die Randfiguren in die Mitte der Aufmerksamkeit zu stellen und eindeutig, energisch und mutig an ihrer Seite zu stehen. Das hat Jesus schließlich das Leben gekostet. Wir müssen uns deswegen bewusst machen: Der Auferstandene ist der gekreuzigte Jesus. Die Option für die Armen, das Engagement für die Benachteiligten, die namenlos Gemachten und ihrer Würde Beraubten hat immer einen Preis; der Einsatz für Gerechtigkeit kann das Leben kosten, was viele Martyrer unserer Zeit beweisen.

Die durch unsere Lebens- und Wirtschaftsweise andauernd erzeugte Ungerechtigkeit kostet aber täglich das Leben von ungezählten Menschen. Wir lesen und hören das, bleiben aber gleichgültig anstatt nachzufragen, wie wir durch unsere Lebens- und Wirtschaftsweise daran mitwirken.

„Wir dürfen uns nicht an das gewöhnen, was wir tun“ hat Erich Fried sein Gedicht[12] überschrieben:

Ich soll nicht morden
ich soll nicht verraten
Das weiß ich.

Ich muss noch ein Drittes lernen:
Ich soll mich nicht gewöhnen
Denn wenn ich mich gewöhne
verrate ich
die, die sich nicht gewöhnen

Denn wenn ich mich gewöhne
morde ich
die die sich nicht gewöhnen
an das Verraten
und an das Morden
und an das Sich-gewöhnen.

Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne
fang ich an mich an das Ende zu gewöhnen.



[1] vgl. Wolfgang Stegemann, Jesus und seine Zeit, Stuttgart 2000, S. 280, zitiert in:
Klaus Wengst, Das, was ist, ist nicht alles, in: Bibel und Kirche 3/2013 S.150

[2] Bettina Eltrop, Wie ist die Bibel wahr?  in: Bibel und Kirche 3/2012, S. 126

[3] Klaus Wengst, Das, was ist, ist nicht alles S. 151.

[4] Gerd Theißen, Glaubenssätze. Ein kritischer Katechismus, Gütersloh, 22012 S. 41f

[5] Gerd Theißen, ebd S. 49.

[6] Christian Feldmann, Johannes XXIII.  Seine Liebe – sein Leben , Freiburg 2000, S.157.

[7] damals noch als Kardinal und Erzbischof von Buenos Aires.

[8] Stimmen der Weltkirche Nr. 41:  Aparecida 13.–31. Mai 2007, Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik (CELAM)

[9] Stéphane Hessel, Indignez-vous. Collection „Ceux qui marchent contre le vent“.

[10] Die Zitate sind einem Spiegel-Interview vom 3.1.2011 entnommen.

[11] Der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega, veröffentlichte in seiner Diözesanzeitschrift ‚Palabra Nueva’ mit der Genehmigung des Papstes die Ansprache, die dieser vor dem Konklave in der Generalkongregation gehalten hatte.

[12] Erich Fried, Gedanken in und an Deutschland, Essays und Reden. Herausgegeben von Michael Lewin. Europaverlag Wien/Zürich, 1988. S. 183.

 


Prof. H. Kirsch

 

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