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Septuagesimae / 6. Sonntag im Jahreskreis (16.02.14)

Septuagesimae / 6. Sonntag im Jahreskreis

 

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 9, 14-24 Sir 15, 15-20 (16-21) 1 Kor 2, 6-10 Mt 5, 17-37

 

In dem Bemühen, Gottes Schöpfung Rechnung zu tragen lässt Gott sich nichts erzwingen. Ernte und Missernte bleiben unfassbar. Warum Gott Unheilstrukturen unserer Macht nicht verhindert und Menschen wie den Pharao einst sogar zum Werkzeug des Bösen machte, bleibt für uns unbegründbar. Gottes freier Wille ist dem Verständnis unserer menschlichen Begrenztheit entzogen. Die Zugehörigkeit zum Bund Gottes liegt nicht in unserem Ermessen, sondern allein in Gottes freiem Handeln an uns Menschen. Eine Verheißung, die allen Menschen gilt. Es gilt, nicht über Gottes Handeln zu richten, sondern zu Zeugen seiner Gnade zu werden. Dies kann gelingen im gemeinsamen Ringen nach Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. In aller Ungleichzeitigkeit.

 „Wir liegen vor Dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ (Dan 9,18)

 

Röm 9,14-24

Der Text behandelt die Frage der „Gerechtigkeit Gottes“ und „Gottes Weg mit Israel“ (Röm 9-11) und ist die längste in sich geschlossene Darstellung von Paulus. Paulus reagiert auf die Vorwürfe der Juden und Judenchristen, er habe u.a. Gottes Heilshandeln auf das Kreuzesgeschehen reduziert und so Geschichte und Schöpfung preisgegeben. Paulus stellt klar: Die Geschichte der Kirche ist nicht von der Geschichte Israels zu trennen. Der gemeinsame Weg ist seit der Schöpfung von Gottes Treue bestimmt. Unheil und Katastrophen deutet Paulus als Zeichen menschlicher Untreue.

Über Gottes Wege zu richten, steht dem Menschen nicht zu. Es gilt jedoch, seinen Willen im Alltag wahrzunehmen und ihm Rechnung zu tragen. Ein Ruf in die Verantwortung für Juden, Christen und Heiden gleichermaßen. Paulus betont die Leiblichkeit als Ort des vernunftgemäßen Gottesdienstes (Röm 12) und appelliert, das ganze Leben als ein Gott wohlgefälligen Leben zu verstehen. Kein Bereich sei vom Gottesdienst ausgeschlossen. Dies ist ein Aufruf zum Glaubensleben mit Leib und Seele. Ernährungsbewusstsein und der Umgang mit Ressourcen kommen hier in den Blick.  

 

Sir 15,15-20

Der Text thematisiert die Verantwortung des Menschen, Gottes Willen zu beachten, und mündet in der Frage nach der Theodizee (Kapitel 16). Die Möglichkeit, Gottes Gebote zu befolgen oder dies auch nicht zu tun, entspringt der göttlich gewährten Freiheit.

Die zehn Gebote können als Zeugnis eines rettenden Gottes gelten, der sein Volk aus der Knechtschaft herausgeführt hat. In der uns prägenden Auslegungstradition der 70er Jahre des 20. Jh. wurde daher der Aspekt der Freiheit stark betont. In einer Gesellschaft, die alle Autoritäten hinterfragte, ging es darum, die zehn Gebote nicht als Zwangssystem darzustellen, sondern als „zehn große Freiheiten“ (E. Lange) und „Angebote“ bzw. „Chancen für das Leben“ (W. Dietrich) zu verstehen. Neuere Auslegungen werben hingegen für ein apodiktisches Verständnis (etwa G. Kittel), da die Gebote den Befreiten zwar zugesagt sind und ihre Freiheit bewahren soll, aber eben im Unterschied zu menschlichen Verhaltensregelnabsolute Geltung verlangen, wenn die Befreiten am Leben bleiben wollen. Es handelt sich also nicht um bloße Regeln, die von Menschen erdacht werden, um das Miteinander zu Regeln. Dies gilt es zu berücksichtigen.

 

1 Kor 2,6-10

Nicht auf alles hat der christliche Glaube eine Antwort. Jedoch gewährt Gott den Menschen im Kreuzesgeschehen einen Einblick in seine geheimnisvolle Verheißung. Irdische Macht vergeht, der Geist Gottes aber, der weht wo er will, kann uns die Tiefe und Breite der ganzen Gottesfülle offenbaren. Diese Glaubenshaltung stellt uns in ein kritisches Gegenüber zu allen Strukturen der Macht.

 

Mt 5,17-37

Der Text thematisiert Jesu Stellung zum Gesetz. Die Verbindlichkeit des Alten Testaments und neue Gebote sind für Matthäus kein Widerspruch. Es geht ihm nicht um die bloße Befolgung einer gesetzlichen Norm, sondern um die Annahme des Gesetzes im Herzen als Lebenshaltung. Mit seinen sechs Antithesen fordert Jesus dazu auf, Versöhnung für das Leben zu wagen. Entscheidend in der Glaubenspraxis sind dabei gerade auch die Zwischentöne. Christliche Gemeinde bleibt als „corpus permixtum“ immer missionarische Gemeinde, deren Taten der Weltenrichter am Ende in „gut“ und „böse“ unterscheiden wird. Solange gilt es, Gerechtigkeit in Form der Liebe am Nächsten zu leben.

 

Liedauswahl:

Das Lied „Herr, deine Güte, reicht so weit der Himmel ist“ (EG 277 Ö) nimmt das Leben der ganzen Schöpfung in den Blick (Psalm 36,6-7). Das Lied „Lass und in deinem Namen, Herr“ (EG 614) thematisiert die Handlungsanweisung, aus dem Glauben die nötigen Schritte zu tun.

 Ein Bittlied zum Klimawandel kommt von Detlev Block. Zu singen nach der Melodie: Nun saget Dank und lobt den Herren (EG 294) (aus: Homiletische Monatshefte, 83. Jg., 337):

1. Nun rächt sich unser Tun und Lassen durch die Zerstörung der Natur. Wir können es noch gar nicht fassen. Gefährlich weiter tickt die Uhr. Das Klima und die Meere steigen, das Eis schmilzt unabänderlich, die Wetter, die zu Stürmen neigen, und Jahreszeiten wandeln sich.

2. Wir haben unbedacht gehandelt, als Staaten reicher Industrie die Atmosphäre schwer verschandelt. Nun überhitzt und wehrt sich sie. Ist unser Klima noch zu retten auf Kontinenten und auf See? Ach, wenn wir sie beherzigt hätten, die Warnzeichen seit eh und je!

3. Herr, unser Gott, du kannst uns ändern. Schenk du uns Einigkeit und Mut in den Regierungen und Ländern für das, was dringend nötig tut. Lass uns das Zaudern jetzt beenden, verantwortlich nach Wegen sehn, die Katastrophe abzuwenden, und diese Wege dann auch gehn.

4. Vergib uns Blindheit und Versäumen für den Erhalt der Kreatur, bring uns in Luft und Lebensräumen dem Schutz der Erde auf die Spur. Hilf uns, erfinderisch zu werden, wie man die Energien gewinnt,

die unsre Umwelt nicht gefährden und so der Zukunft dienlich sind.

5. Gott, heil der Erde offne Wunden, lass deine Menschheit nicht allein! „Wir möchten zur Vernunft gesunden und Freunde deiner Schöpfung sein. Zeig du uns, was uns helfen könnte, bei dir, Gott, gibt es kein Zu spät. Du bist der Herr der Elemente, die Erde ist doch dein Planet.

 

Gebet:

„Liebet die ganze Schöpfung Gottes, die ganze Welt und jedes Sandkörnchen auf Erden!  Jedes Blatt, jeden Lichtstrahl Gottes habet lieb! Liebet die Tiere, liebet die Pflanzen, liebet jedes Ding! Wenn du aber jedes Ding lieben wirst, dann wirst du auch das Geheimnis Gottes in den Dingen erfassen. Du wirst es Tag für Tag immer mehr erkennen. Und du wirst dann endlich die ganze Welt lieb gewinnen in ihrer Einheit und mit einer Liebe, die das Weltall umfasst“ (Fjodor M. Dostojewskij)


Schuldbekenntnis:

„In unserem Bekenntnis zum dreieinigen Gott haben wir es an der Ehrfurcht vor dem Leben, der heiligen Gabe Gottes, und an der Sorge für die natürlichen Grundlagen des Lebens fehlen lassen.

Wir haben die technischen Werke unserer Hände mehr geliebt als die Schöpfungswerke Gottes.

Wir haben zu spät protestiert, als die Würde seiner Geschöpfe um unseres Wohlstands willen verletzt, als Pflanzen und Tiere genetisch manipuliert wurden.

Wir haben den Glauben an Gott gelöst von den Dingen dieser Welt, in der Christus Fleisch und Blut angenommen hat, allen Geschöpfen zum Wohl und zum Heil.

Wir haben die Fürbitte für die geringsten seiner Schwester und Brüder auf Menschen begrenzt und vergessen dass Gottes Geist die ganze Schöpfung erneuern und vollenden will.“ (Hans Schmiedehausen)

 

Dr. Matti Justus Schindehütte

 

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